Dienstag, 21. April 2026

TWO NOTES GENOME SUITE Test: Die DNA des guten Tons

Two Notes Genome Suite GUI Interface am Laptop
Credit Bild: © Two Notes Audio Engineering
Die Konzeption und Zusammenstellung eines richtig erstklassigen Gitarren-Rigs ist fraglos eine Kunst für sich – und war bis vor gar nicht allzu langer Zeit ein äußerst schwieriges, bisweilen fast unmögliches Unterfangen. Kleinere Amps und Setups klangen meist kraftlos und eindimensional, Digitallösungen wirkten oft wie ein lebloser Abklatsch des angestrebten analogen Sounds. Heute ist das längst anders. Trotz der durchaus gerechtfertigten Glorifizierung von Vintage-Sounds und Röhren-Fetischismus leben wir right now wahrlich in einem goldenen Zeitalter erstklassiger digitaler Gitarrensounds. Amp-, Effekt- und Lautsprecher-Simulationen sind längst mehr als salonfähig geworden – mehr noch, sie sind aus modernem Recording nicht mehr wegzudenken und haben eine Qualität erreicht, bei der Software praktisch nicht mehr von analogen Sounds zu unterscheiden ist und häufig das Zentrum des gesamten Setups bildet.

Entsprechend heiß umkämpft und mittlerweile gesättigt ist der Plugin-Markt – in diesem Umfeld noch echte Begeisterung hervorzurufen, ist schwierig. Der renommierte französische Hersteller Two Notes, bekannt für seine Lautsprecher-Simulations-Soft- und Hardware, versucht es dennoch und wirft mit der komplexen Plugin-Suite Genome seinen Hut in den Ring – und das nicht halbherzig. Denn der Anspruch, der hier verfolgt wird, ist ebenso groß wie überaus ambitioniert.

Genome soll nicht weniger als eine umfassende All-in-One-Lösung für Gitarristen (und Bassisten) sein, mit der die gesamte Signalkette abgedeckt wird – und die mit Expansion Packs sowie künftigen Updates kontinuierlich erweitert wird. Während die meisten Amp-Sims eine klar umrissene Aufgabe erfüllen – ein Genre, ein paar Amps, ein paar Effekte – und andere Komplettlösungen nicht selten „jack of all trades, but master of none“ sind, hat Two Notes einen anderen Weg gewählt: nicht nur ein einzelnes Glied der Signalkette abzubilden, sondern dem Player ein gesamtes Ökosystem zur Verfügung zu stellen – genreübergreifend. Von Pedals über Amps, hauseigene DynIRs, Studio-Effekte bis hin zu Postproduktions-Tools.

Der Versuch, alles zu vereinen – kann so etwas gelingen? Finden wir es heraus.

The Theory of Everything

Credit Bild: © Two Notes Audio Engineering
Beim ersten Start des Programms begrüßt den User der Screen „Loading Your Dream Rig“. Ein selbstbewusster Claim – denn wie dieses Dream Rig aussieht, variiert stark von Gitarrist zu Gitarrist sowie von Genre zu Genre. Der Blueser braucht ein völlig anderes Setup als der Metal-Spieler, der Classic-Rocker andere Amps als der moderne Pop-Gitarrist. Genome macht hier (und insbesondere mit den jüngsten Updates, die die Flotte an verfügbaren Amps und Effekten drastisch erweitert haben) keine halben Sachen.Von vergleichsweise simplen „Straight-in-the-Amp“-Setups bis hin zu komplexen Dual-Amp-Rigs mit Studioeffekten ist hier alles möglich. Die Architektur folgt einer klaren Logik: Preamp, Poweramp, Pedals, Cabinet, Studio FX – alles ist vorhanden, alles ist kombinierbar, alles lässt sich flexibel neu anordnen. Und hier zeigt sich schon: Genome ist alles andere als generisch.

Im übersichtlichen Interface kann man sich seinen eigenen Signalstrang aus unterschiedlichen Komponenten zusammenstellen. Die klanglichen DNA-Experimente können dabei durchaus „Jurassic Park“-artige Dimensionen erreichen. Denn Multi-Amp-Setups sind bei Genome kein Problem. Zehn Slots stehen dabei unmittelbar zur Verfügung. Zudem kann man das Signal stereo splitten – was die Anzahl der Klangformungs-Slots effektiv verdoppelt. Gerade die optionalen Dual-Lanes eröffnen Möglichkeiten, die über Standard-Amp-Setups hinausgehen – etwa für Layering, Stereo-Designs oder komplexe Hybrid-Sounds.

Amps, Amps, Amps

Credit Bild: © Two Notes Audio Engineering

Credit Bild: © Two Notes Audio Engineering

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Die meisten Anbieter liefern heute überzeugende Amp-Modelle – am Ende ist es Geschmackssache, und es kommt auf Details an. Denn wie im Spitzensport, wo Millisekunden entscheiden, ist auch beim Amp Modeling der Punkt erreicht, an dem es nur noch um Qualitätsunterschiede im Mikrobereich geht. Genome ist hier fraglos eine jener Lösungen, die das gewisse Etwas haben und zu den Eigenständigeren am Markt zählen.

Vom ultracleanen California-Modell über britische Rock-Standards bis hin zum US-High-Gain-Monster ist alles vertreten. So weit, so konventionell. Das Spezielle an Genome ist jedoch, dass es Klasse und Masse vereint. Neben den üblichen Verdächtigen – Blackface-, Clean- und britische Plexi-/JCM-inspirierte Sounds – gibt es auch speziellere und seltenere Modelle, alle optisch äußerst ansprechend umgesetzt.Die schiere Anzahl ist schlichtweg beeindruckend – hier gibt’s nicht nur einen Plexi-Style-Amp, sondern gleich mehrere Varianten, ebenso wie etwa einen Super Bass oder auch eine digitale Interpretation des Marshall Astoria. Auch Metal-Fans kommen auf ihre Kosten: So ist etwa eine Version von Ola Englunds Satan-Amp vertreten sowie eine Reihe von Mesa-Amps. Hinzu kommen Eigenkreationen von Amps, die so nicht außerhalb von Genome existieren – und einfach großartig sind.

On top gibt es bei einigen dieser Modelle die Möglichkeit, die Röhren selbst zu wechseln (Two Notes nennt das „Tube-Stage Modeling“, kurz TSM). Vier unterschiedliche Röhrentypen (6L6, EL34, EL84, KT88) stehen zur Verfügung, kombiniert mit verschiedenen Betriebsarten – von klassischem Push-Pull (Class AB) bis hin zu Single-Ended (Class A). Auch die Umschaltung zwischen Pentode und Triode ist möglich. Das eröffnet eine bemerkenswerte klangliche Bandbreite.

Pedals und Effekte

Credit Bild: © Two Notes Audio Engineering

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Effekte zählen zwar zum Standard so gut wie jeder Plugin-Suite – sind aber erstaunlich oft eher ein klanglicher Afterthought: solide, aber selten wirklich berauschend. Ganz anders hier: Auch im Pedal- und Effektbereich zeigt sich der schon bei den Amps merkbare Qualitätsanspruch. Reverbs haben den nötigen „Wetness“-Faktor und eine dichte, räumliche Tiefe.

Fuzz-Pedale gibt es gleich mehrere, und sie alle bringen die nötige Körnigkeit und Charakterstärke mit, die diese notorisch schwer zu digitalisierenden Effekte auszeichnet. Alle Effekte wirken dabei nicht nur als Beigabe, sondern als ernstzunehmende Werkzeuge. Neben den üblichen Verdächtigen – Tubescreamer, Super-Overdrive und Co. – gibt’s hier auch ein paar echte Schmankerl, darunter einen exzellenten Klon-Klon. Dazu kommen moderne Klassiker wie OCD und Timmy – und auch kleinere Raritäten, die man nicht in jeder Suite findet, wie etwa Effekte aus dem Hause Dirty Boy, die man als Expansion zusätzlich erwerben kann.

Auch beim Chorus ist das nicht einfach „irgendein Chorus“, sondern ein Effekt, der den legendären Modulationscharakter klassischer Roland-Juno-Synths einfängt. Das Ergebnis: Effekte, die sich nicht nach Pflichtprogramm anfühlen, sondern nach echten Klangwerkzeugen.

In der Praxis heißt das: Wenn ich mir ein ikonisches Rig nachbauen bzw. klonen will, komme ich hier erstaunlich weit – ohne sofort auf externe Plugins ausweichen zu müssen. Malmsteen-Sound mit Plexi plus DOD-Style-Boost? Alles da. Das „wickedly good“ klingende Setup aus frühen Lynch-Mob-Zeiten von Mr. Scary George Lynch himself kann man hier sogar näher kommen als mit jedem anderen Plugin. Klassischer Blues-Rock? Gleich mehrere Tweed-Amps stehen zur Verfügung. Und und und … – inklusive Kompressor und den Finishing-Touches am Ende mit der hauseigenen Two Notes Wall of Sound (inkl. Effects wie Kompression und Studio Hall) sowie einem eigenen Exciter-Pedal.

DynIR-Technologie: Rockstar Cabs

Credit Bild: © Two Notes Audio Engineering

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Ein zentrales Element jeder digitalen Gitarrenkette ist die Cabinet-Simulation – und genau hier setzt Two Notes seit Jahren Maßstäbe. Die Impulsantworten von Two Notes zählen seit vielen Jahren zu den besten am Markt. Die eigenen DynIR-Cabinet-Simulationen liefern Premium-IRs, die schlichtweg mächtig klingen.

Die DynIR Engine bildet auch in Genome das Rückgrat dieses Bereichs. Statt statischer Impulse Responses kommt ein dynamisches System zum Einsatz, das Mikrofonpositionen und -konfigurationen in Echtzeit abbildet. Mehrere Mikrofone, variable Positionierung, feinste Abstufungen im Raum – alles ist detailliert einstellbar. Das Ergebnis: mehr Tiefe, mehr Räumlichkeit, mehr Kontrolle über den finalen Sound.

Hier kann man sich auch Cabinets von prominenten Musikern wie George Lynch, Steve Stevens oder Phil X dazukaufen. Dual-Amp- und Dual-Cab-Setups sind problemlos möglich – und liefern entsprechend massive, breite Sounds. Gerade diese Superstar-Cabs liefern enormen Mehrwert und klingen zum Niederknien gut.

CODEX Engine: Die Schnittstelle zur Capture-Welt

Als wäre das noch nicht genug, integriert Genome zusätzlich die sogenannte CODEX Engine. Damit erweitert Two Notes ihr klassisches Component Modeling umCapture-Technologien. Denn Codex ermöglicht die Integration von Amp- und Pedal-Captures, kompatibel mit Formaten wie NAM, AIDA-X oder Proteus. In der Praxis bedeutet das: Man kann auf eine riesige Menge frei verfügbarer Captures zurückgreifen (etwa von Tone3000.com ) und diese direkt in Genome weiterverarbeiten. Die importierten Sounds bleiben dabei nicht statisch. Verschiedene EQ-Modelle greifen tief ins Klangbild ein, mit den Effekten der Genome Suite kann man die Captures weiter veredeln.

Fazit

Die Two Notes Genome Suite ist kein Plugin, das sich auf eine einzelne Kernfunktion reduzieren lässt. Sie ist ein umfassender Ansatz, Gitarren- und Bass-Sounddesign neu zu denken – modular, offen und zukunftsorientiert. Totale Einsteiger oder Leute, die schlicht Plug-and-Play betreiben wollen, könnten sich mit diesem „Open-World“-Ansatz anfangs  ein bisschen „zu frei“ fühlen. Wer jedoch weiß, was er tut und ein professionelles Setup in Plugin-Form sucht, erhält ein Werkzeug, das weit über klassische Amp-Simulation hinausgeht. Denn in fast jedem Bereich liefert Genome Komponenten, die man so nicht an jeder Ecke bekommt: rare Lautsprecherboxen, exotische Pedale, kreative Effekte und richtig gute Studio-Tools.

Für sich genommen ist fast jede einzelne Komponente klanglich auf einem Niveau, das auch kritische Ohren zufriedenstellt. Das Zukunftsversprechen durch Updates und Expansion Packs macht diese Komplettlösung zu einer der vielseitigsten und klanglich überzeugendsten Optionen im Feld der digitalen Amp- und Rig-Simulation. Genome ist ein Ökosystem, das den User nicht einengt, sondern ihm größtmögliche Freiheit gibt: vom Klonen der Rigs der eigenen Idole bis hin zum Entwurf komplett eigener Setups. Und genau dieser Non-Mainstream-Ansatz – mit selteneren Amps, Fuzzes, kreativen Effekten und Studio-Mojo – füllt einige der typischen Fehlstellen vergleichbarer Produkte.

Ein ambitionierter Versuch,  "straight out of the box" einsatzbereit zu sein und gleichzeitig mannigfaltige Features "all in the box" zu vereinen, der geglückt ist. Oder anders formuliert: Two Notes haben die digitale DNA des guten Tons auf ihre eigene Art entschlüsselt.