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| Credit Bild: © Crow Hill Company |
Dark Star
Heraus kommt
ein Sound zwischen Celesta, Glockenspiel und überirdisch schimmernder Textur –
kristallklar, fragil und ungewohnt. „Heart of Glass“ bekommt damit eine neue,
fast wörtliche Bedeutung – und das hat ebenso viel mit den
Prepared-Piano-Experimenten von John Cage zu tun wie mit dem Spielfilmdebüt von
Kultregisseur John Carpenter aus dem Jahr 1974. Denn der Inspo-Ausgangspunkt
für Crystal Pianos eine Szene aus ebenjenem Streifen. In „Dark Star kommt ein improvisiertes
Instrument, ein Space Piano aus mit Wasser gefüllten Gefäßen vor– ein Moment,
der sich Komponist und Crow-Hill-Samplist-in-Residence Christian Henson
nachhaltig eingeprägt hat.
Mit seinem
eigenen Glas-Piano erfüllt er sich nun den lang gehegten Traum vom eigenen
Dark-Star-Piano – ein Instrument, so eigenwillig wie überraschend. Gesampelt
wurden 18 ausgewählte Glasobjekte – von Weingläsern bis hin zu Bechern und
Schalen. Jedes Objekt fungiert als eigene klangliche Identität: Statt Saiten
schwingen Resonanzen, und unterschiedliche Beater treffen auf fragile
Oberflächen.
Klangästhetik: Schimmern, Schweben, Irritieren
Auffällig ist
die Mischung aus Vertrautheit und Fremdheit: Der Sound wirkt gleichzeitig
bekannt und doch schwer einzuordnen---mitunter Philip Glass-artig. Die
Grundklänge sind glockenartig, transparent und tragen einen langen, seidigen
Ausklang.So entsteht eine Piano-Library, die eher als klangliche Leinwand
funktioniert – ideal für Ambient, Film-Scoring und modernes Sounddesign. Fünf
Artikulationen – von Standard-Hits über Tremolo-Varianten bis hin zu „Rubs“ am
Glasrand – erweitern die Palette deutlich. Gerade die geriebenen Sounds
entwickeln eine organische, fast vokale Qualität zwischen Ambient-Textur und
Sounddesign-Element. Auch samplingtechnisch ist die Library sorgfältig
umgesetzt: mehrere Dynamikstufen, zahlreiche Round Robins und variierende
Beater verhindern, dass Pattern mechanisch wirken.
Zusammen mit den integrierten Effekten (Sub Bass, Delay, Reverb und dem treffend benannten „Sparkle“) verschiebt sich Crystal Pianos mühelos von intimen, kammermusikalischen Momenten hin zu cineastischen Klanglandschaften, die auch an Carl Orff erinnern. Oder an Hans Zimmer und dessen von ersterem beeinflussten Soundtrack zum „Lovers On The Lam“-Kultfilm „True Romance“ (Regie: Tony Scott, Drehbuch: Quentin Tarantino).
Fazit
Crystal Pianos ist eine interessante Piano-Library und zugleich ein Statement gegen klangliche Gleichförmigkeit. Der Ersteindruck ist entsprechend ungewöhnlich: Wer klassischen Klavierrealismus sucht, wird hier natürlich absolut nicht fündig, die Concert Piano+-Library im Plugin Folder der eigenen DAW of Choice ist also sicher– wer hingegen glasige, schimmernde Texturen und inspirierendes Sounddesign-Material braucht, bekommt ein Instrument mit klarer Handschrift.
Allerdings bleibt der Klangcharakter insgesamt eher subtil und bewegt sich in einem vergleichsweise eingeschränkten Anwendungsbereich. Ob das einen überzeugt oder kalt lässt, hängt stark davon ab, wie häufig man unkonventionelle „Piano“-Klänge in den eigenen Produktionen einsetzt – etwa in Film, Ambient, Pop-Arrangements oder als Layer im Scoring.
