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| Credit Bild: © Crow Hill Company |
Ästhetik des
Defekten
Es ist eine jener
bewusst gesetzten Irritationen, die im Kontext aktueller Musiktechnologie fast
schon wie ein Affront wirken: ein Instrument, das seine klanglichen „Mängel“
nicht kaschiert, sondern zum zentralen ästhetischen Prinzip erhebt.Ein
reduzierter, einfach zu bedienender Synth mit einer kuratierten Sammlung von „Samples“
– also klanglichen Fehlstellen – irgendwo auf den Spuren von Radiohead, Aphex
Twin, Boards of Canada, Jon Brion, Throbbing Gristle, Joe Meek, Laurie Spiegel
und Yazoo.48 eigenwillige Klangquellen, organisiert in 16
Instrumentenkategorien, die jeweils aus drei unterschiedlichen Ursprüngen
gespeist werden: analog, digital und gesampelt. Dieses Trias-Prinzip zieht sich
konsequent durch das gesamte Design und sorgt bereits auf struktureller Ebene
für jene Reibung, die sich später auch klanglich manifestiert.
Was hier unter Piano,
Brass oder Strings firmiert, hat mit konventionellen Vorstellungen dieser
Instrumente nur bedingt zu tun. Stattdessen begegnet man bewusst verstimmten,
teils fragil wirkenden Klangkörpern, die den Eindruck erwecken, als hätten sie
bereits mehrere technologische und ästhetische Epochen durchlaufen – und dabei
nicht nur Patina, sondern auch Brüche angesetzt.
Zwischen Werner
Herzog und Sound-Dekonstruktion
Der entscheidende
Unterschied zu gängigen LoFi-Ansätzen liegt in der Herkunft dieser
Imperfektion. Während klassische Bitcrusher, Tape-Emulationen oder
Vinyl-Noise-Plugins den Verfall simulieren, setzt dieser Synth bereits bei der
Quelle an.
Crow-Hill-Mastermind
Christian Henson beschreibt die Genesis dieses Synths so: „Vor etwa 20 Jahren
habe ich ein Sample-Instrument gebaut, das mit sämtlichen Regeln gebrochen hat:
verstimmt, schlampig gespielt, schlecht aufgenommen – und trotzdem hat es mein
Leben verändert. Seitdem habe ich Hunderte von Sample-Instrumenten entwickelt,
aber keines davon war wieder so verstimmt, so unperfekt gespielt oder so roh
aufgenommen. Also habe ich mich gefragt: Was ist da eigentlich schiefgelaufen?
Ich habe mir einige
meiner Lieblingsalben nochmal angehört und gemerkt, dass viele davon objektiv
betrachtet ziemlich ‚schlechte‘ Sounds haben – aber die richtigen Noten, in der
richtigen Reihenfolge. Da kam mir der Gedanke: Warum nicht zurück zu meinen Wurzeln
gehen und einen anderen Ansatz verfolgen? Klänge, die von Anfang an Ecken und
Kanten haben – echte Instrumente, die schon bessere Tage gesehen haben oder
sogar bereits angeschlagen in die DAW kommen, statt sie erst nachträglich
künstlich kaputt zu machen.“
Der preislich günstige Synth ist für Henson offensichtlich ein Passion Project: „Wir haben auch ein paar echte Raritäten eingefangen; einer der heimlichen Stars ist für mich das Wersi String Orchestra aus den Siebzigern. Ich liebe diesen Sound – auch wenn man dabei gefühlt seine Plomben festhalten muss! Für mich klingt das sofort nach einem Werner Herzog-Film mit Klaus Kinski, gedreht für 15 D-Mark auf 16mm.
Für alle, die nicht
mit dieser Ära aufgewachsen sind, mag das wenig bedeuten – aber genau das
zeigt, wie stark Klänge Emotionen transportieren können. Es stecken auch
Einflüsse von Bernie Worrell drin. Der Charakter der Wersi-Orgel bringt
ziemlich genau auf den Punkt, was wir mit den ANALOG-Sounds erreichen wollten.Bei
den Digitak-Sounds ging es dagegen eher darum, sie so klingen zu lassen, als
wäre ein digitaler Synth kurz vor dem Exitus. Und was das Sampling angeht: Ich
liebe das Mellotron – aber dessen Klangfundus kursiert seit Jahrzehnten in
immer neuen Varianten durch diverse Sample-Libraries. Für mich war das die
perfekte Gelegenheit, meine eigene Mellotron-inspirierte Klangpalette neu
aufzustellen.
Genau das war der
Ansatz hinter diesen resampelten Sounds: Wir haben zwar ein echtes
Streicherensemble aufgenommen, aber so, wie es hier klingt, hat es in der
Realität nie gespielt. Wenn man alle drei Kategorien kombiniert, ergibt sich
ein fast schon gotischer Gesamtklang. Dass das Ganze am Ende so groß und
wuchtig wirkt, hätte ich selbst nicht erwartet – umso zufriedener bin ich mit
dem Ergebnis.“
Kaputter Klang
All das sorgt
natürlich für eine gewisse Erwartungshaltung – immerhin ist dieser Ansatz
wirklich ziemlich ungewöhnlich. Doch trotz des starken Grundkonzepts sollte man
die Erwartungen etwas justieren: Viel zum Herumschrauben gibt es im
spartanischen Interface des Shit Synth nicht. Das Interface ist zwar grafisch
gelungen, übersichtlich und schnell zugänglich, bleibt aber bewusst limitiert.
Anders als viele andere Synth-Plugins ist das hier kein Werkzeug für endloses
Tweaken. Das ergibt konzeptionell Sinn, bedeutet aber auch: Wer Sounds bis ins
letzte Detail formen möchte, stößt schnell an Grenzen. Viele Presets wirken auf
den ersten Eindruck sperrig, mitunter sogar unzugänglich. Doch genau in dieser
Widerständigkeit liegt ihr Reiz. Layer
Layered man die drei
Klangquellen eines Instruments oder kombiniert unterschiedliche Presets,
entstehen dichte, teils überraschend organische Texturen. Diese entfalten ihre
Stärke vor allem in Kontexten wie Ambient oder experimenteller Elektronik. Es
sind Klänge, die Räume öffnen, statt sie zu füllen – die Atmosphäre erzeugen,
statt im Vordergrund zu stehen.
Fazit
Mit einem
vergleichsweise niedrigen Preis positioniert sich The Shit Synth bewusst als
zugängliches Experimentierfeld. Gleichzeitig ist er kein Werkzeug für jede
Produktionsumgebung. Wer präzise kontrollierbare, mixfertige Standardsounds
sucht, wird hier nicht fündig. First-Class-Synths – von Prophet bis Oberheim –
kann und will dieses Plugin zu keinem Zeitpunkt ersetzen. Als LoFi-Tool hat der
Sh*t Synth jedoch absolut seine Berechtigung. Als charaktervoller Farbtupfer im
Arrangement kann er genau das richtige Instrument sein, um eine „vibe-y“
Melodie als Hook zu etablieren – schräg genug, um hängen zu bleiben. Ein paar
wirklich interessante Sounds sind in diesem Plugin definitiv drin, unterm
Strich ist dieser Synth dennoch weniger „elegantly wasted“ als vielmehr bewusst
kreativ beschädigt.
