Dienstag, 21. April 2026

CROW HILL COMPANY SHIT SYNTH Test: Elegantly Wasted oder Fall für die Tonne?

Credit Bild: © Crow Hill Company
Normalerweise sind negative Klangattribute nicht unbedingt das, was man mit einem hochwertigen Synth verbindet. Umso ungewöhnlicher ist die Herangehensweise der Crow Hill Company mit ihrem neuen Plugin – aber gut: Was ist bei der progressiv-kreativen Crow Hill schon „normal“ oder „Standard“? Ist der brandneue und plakativ benannte „Shit Synth“ ein April-Scherz? Ein absichtlich schlecht klingender LoFi-Synthesizer – oder tatsächlich „the shit“, also ein richtig cooles Plugin? Finden wir es heraus. Also: Let’s go – hands on and down and dirty mit diesem simplen Synth. Nach dem Benutzen allerdings nicht das Händewaschen vergessen.

Ästhetik des Defekten

Es ist eine jener bewusst gesetzten Irritationen, die im Kontext aktueller Musiktechnologie fast schon wie ein Affront wirken: ein Instrument, das seine klanglichen „Mängel“ nicht kaschiert, sondern zum zentralen ästhetischen Prinzip erhebt.Ein reduzierter, einfach zu bedienender Synth mit einer kuratierten Sammlung von „Samples“ – also klanglichen Fehlstellen – irgendwo auf den Spuren von Radiohead, Aphex Twin, Boards of Canada, Jon Brion, Throbbing Gristle, Joe Meek, Laurie Spiegel und Yazoo.48 eigenwillige Klangquellen, organisiert in 16 Instrumentenkategorien, die jeweils aus drei unterschiedlichen Ursprüngen gespeist werden: analog, digital und gesampelt. Dieses Trias-Prinzip zieht sich konsequent durch das gesamte Design und sorgt bereits auf struktureller Ebene für jene Reibung, die sich später auch klanglich manifestiert.

Was hier unter Piano, Brass oder Strings firmiert, hat mit konventionellen Vorstellungen dieser Instrumente nur bedingt zu tun. Stattdessen begegnet man bewusst verstimmten, teils fragil wirkenden Klangkörpern, die den Eindruck erwecken, als hätten sie bereits mehrere technologische und ästhetische Epochen durchlaufen – und dabei nicht nur Patina, sondern auch Brüche angesetzt.

Zwischen Werner Herzog und Sound-Dekonstruktion

Der entscheidende Unterschied zu gängigen LoFi-Ansätzen liegt in der Herkunft dieser Imperfektion. Während klassische Bitcrusher, Tape-Emulationen oder Vinyl-Noise-Plugins den Verfall simulieren, setzt dieser Synth bereits bei der Quelle an.

Crow-Hill-Mastermind Christian Henson beschreibt die Genesis dieses Synths so: „Vor etwa 20 Jahren habe ich ein Sample-Instrument gebaut, das mit sämtlichen Regeln gebrochen hat: verstimmt, schlampig gespielt, schlecht aufgenommen – und trotzdem hat es mein Leben verändert. Seitdem habe ich Hunderte von Sample-Instrumenten entwickelt, aber keines davon war wieder so verstimmt, so unperfekt gespielt oder so roh aufgenommen. Also habe ich mich gefragt: Was ist da eigentlich schiefgelaufen?

Ich habe mir einige meiner Lieblingsalben nochmal angehört und gemerkt, dass viele davon objektiv betrachtet ziemlich ‚schlechte‘ Sounds haben – aber die richtigen Noten, in der richtigen Reihenfolge. Da kam mir der Gedanke: Warum nicht zurück zu meinen Wurzeln gehen und einen anderen Ansatz verfolgen? Klänge, die von Anfang an Ecken und Kanten haben – echte Instrumente, die schon bessere Tage gesehen haben oder sogar bereits angeschlagen in die DAW kommen, statt sie erst nachträglich künstlich kaputt zu machen.“

Der preislich günstige Synth ist für Henson offensichtlich ein Passion Project: „Wir haben auch ein paar echte Raritäten eingefangen; einer der heimlichen Stars ist für mich das Wersi String Orchestra aus den Siebzigern. Ich liebe diesen Sound – auch wenn man dabei gefühlt seine Plomben festhalten muss! Für mich klingt das sofort nach einem Werner Herzog-Film mit Klaus Kinski, gedreht für 15 D-Mark auf 16mm.

Für alle, die nicht mit dieser Ära aufgewachsen sind, mag das wenig bedeuten – aber genau das zeigt, wie stark Klänge Emotionen transportieren können. Es stecken auch Einflüsse von Bernie Worrell drin. Der Charakter der Wersi-Orgel bringt ziemlich genau auf den Punkt, was wir mit den ANALOG-Sounds erreichen wollten.Bei den Digitak-Sounds ging es dagegen eher darum, sie so klingen zu lassen, als wäre ein digitaler Synth kurz vor dem Exitus. Und was das Sampling angeht: Ich liebe das Mellotron – aber dessen Klangfundus kursiert seit Jahrzehnten in immer neuen Varianten durch diverse Sample-Libraries. Für mich war das die perfekte Gelegenheit, meine eigene Mellotron-inspirierte Klangpalette neu aufzustellen.

Genau das war der Ansatz hinter diesen resampelten Sounds: Wir haben zwar ein echtes Streicherensemble aufgenommen, aber so, wie es hier klingt, hat es in der Realität nie gespielt. Wenn man alle drei Kategorien kombiniert, ergibt sich ein fast schon gotischer Gesamtklang. Dass das Ganze am Ende so groß und wuchtig wirkt, hätte ich selbst nicht erwartet – umso zufriedener bin ich mit dem Ergebnis.“

Kaputter Klang

All das sorgt natürlich für eine gewisse Erwartungshaltung – immerhin ist dieser Ansatz wirklich ziemlich ungewöhnlich. Doch trotz des starken Grundkonzepts sollte man die Erwartungen etwas justieren: Viel zum Herumschrauben gibt es im spartanischen Interface des Shit Synth nicht. Das Interface ist zwar grafisch gelungen, übersichtlich und schnell zugänglich, bleibt aber bewusst limitiert. Anders als viele andere Synth-Plugins ist das hier kein Werkzeug für endloses Tweaken. Das ergibt konzeptionell Sinn, bedeutet aber auch: Wer Sounds bis ins letzte Detail formen möchte, stößt schnell an Grenzen. Viele Presets wirken auf den ersten Eindruck sperrig, mitunter sogar unzugänglich. Doch genau in dieser Widerständigkeit liegt ihr Reiz. Layer

Layered man die drei Klangquellen eines Instruments oder kombiniert unterschiedliche Presets, entstehen dichte, teils überraschend organische Texturen. Diese entfalten ihre Stärke vor allem in Kontexten wie Ambient oder experimenteller Elektronik. Es sind Klänge, die Räume öffnen, statt sie zu füllen – die Atmosphäre erzeugen, statt im Vordergrund zu stehen.

Fazit

Mit einem vergleichsweise niedrigen Preis positioniert sich The Shit Synth bewusst als zugängliches Experimentierfeld. Gleichzeitig ist er kein Werkzeug für jede Produktionsumgebung. Wer präzise kontrollierbare, mixfertige Standardsounds sucht, wird hier nicht fündig. First-Class-Synths – von Prophet bis Oberheim – kann und will dieses Plugin zu keinem Zeitpunkt ersetzen. Als LoFi-Tool hat der Sh*t Synth jedoch absolut seine Berechtigung. Als charaktervoller Farbtupfer im Arrangement kann er genau das richtige Instrument sein, um eine „vibe-y“ Melodie als Hook zu etablieren – schräg genug, um hängen zu bleiben. Ein paar wirklich interessante Sounds sind in diesem Plugin definitiv drin, unterm Strich ist dieser Synth dennoch weniger „elegantly wasted“ als vielmehr bewusst kreativ beschädigt.