Montag, 20. April 2026

GFORCE SOFTWARE MK II Test: Die digitale Wiedergeburt der Mutter aller Mellotrons

Mellotron MKII GForce GUI
Credit Bild: © GForce Software
Was haben Prinzessin Margaret, König Hussein von Jordanien, Scientology-Gründer L. Ron Hubbard sowie Bands wie The Moody Blues oder King Crimson gemeinsam? Sie alle besaßen und nutzten eines der ultra-raren Mellotron-Modelle der frühen 1960er-Jahre. Ein eigentümliches Instrument, das mit seinen mechanischen Tonbändern eine faszinierende Mischung aus technischer Fragilität und klanglicher Magie erzeugte. Mit dem MkII bringt die britische Softwareschmiede GForce Software nun eine digitale Hommage an genau dieses Instrument auf den Markt – genauer gesagt an das legendäre Mellotron MkII, eines der seltensten und begehrtesten Modelle der gesamten Mellotron-Familie.

Vom Wohnzimmer-Entertainment zum Sound der Rockgeschichte

Was ursprünglich als luxuriöse Home-Entertainment-Konsole gedacht war, entwickelte sich völlig unerwartet zu einem der prägendsten Instrumente der Rockgeschichte das die Klangästhetik des Progressive Rock, psychedelischer Popmusik oder früher Filmmusik-Experimente entschieden mitprägte. Um zu verstehen, warum dieses Instrument bis heute Kultstatus genießt, lohnt sich ein kurzer Blick zurück. Die Grundidee entstand Anfang der 1960er-Jahre in Großbritannien. Technisch gesehen ist das Mellotron kein Synthesizer, sondern ein elektromechanisches Sample-Instrument – lange bevor der Begriff Sampling im modernen Sinne überhaupt existierte. Unter jeder Taste befindet sich ein kurzer Magnetband-Loop. Drückt man eine Taste, wird das Band abgespielt und gibt eine vorher aufgenommene Klangquelle wieder – etwa Streicher, Chöre, Flöten oder Orchester-Hits.Die Technik geht auf das amerikanische Instrument Chamberlin zurück, aus dem später das britische Mellotron hervorging. Das Mellotron MkI und später das MkII erschienen 1963 und waren eigentlich als luxuriöse Heimorgeln gedacht. Die Geräte verfügten über zwei Manuale mit jeweils 35 Tasten: Das linke Manual spielte vorbereitete Rhythmus- und Begleitpatterns ab, während das rechte Manual verschiedene Lead-Instrumente wiedergab.

Die Vorstellung war, dass ein einzelner Spieler damit ganze Arrangements erzeugen konnte – eine Art analoger Vorläufer moderner Arranger-Keyboards. Die Realität entwickelte sich allerdings völlig anders…

Wie Rockmusiker das Mellotron entdeckten

Während wohlhabende Privatkunden das Instrument als Unterhaltungselektronik betrachteten, entdeckten Musiker schnell dessen eigenwilligen Charakter.Bands  wie die  Beatles, Genesis oder The Rolling Stones begannen, die leicht instabilen Bandklänge kreativ einzusetzen.

Das Instrument versetzte einst die Musikerunion der BBC in Rage: Man fürchtete die Überlegung, dass dieses neuartige Gerät – das ja „Orchestersounds auf Knopfdruck“ lieferte – die arrivierten Musiker des Orchesters arbeitslos machen würde.Tatsächlich sind die Klänge jedoch kein Ersatz fürs klassische Orchester, sondern haben ihren ganz eigenen Charme.Streicher klingen wie aus der Zwischenwelt – eine kleine Elegie.Songs wie „Strawberry Fields Forever“, „Nights in White Satin“ oder „The Court of the Crimson King“ machten den typischen Mellotron-Sound weltberühmt: leicht körnig, organisch, manchmal etwas unberechenbar – aber immer atmosphärisch. Gerade diese Imperfektion wurde zu seinem Markenzeichen.  Mit dem MkII widmet sich GForce Software nun genau jener Urversion des Instruments, die oft als „Mutter aller ‘Trons“ bezeichnet wird.  Den Developern ist hier das (Klang-)Kunststück gelungen jenen charakteristischen Sounds vollends ins Digitale zu portieren.

Mellotron MKII
Origiales Mellotron MK II
Credit Bild: © GForce Software

Mothertron

Die Entwickler arbeiteten dabei eng mit Streetly Electronics zusammen – jener Firma, die bis heute Mellotrons restauriert und wartet. Ein zentraler Bestandteil des Projekts war das umfangreiche Tape-Archiv, das über Jahrzehnte hinweg restauriert und katalogisiert wurde.Für das Plugin wurden Originalaufnahmen aus Mellotron- und Chamberlin-Bändern sorgfältig digitalisiert, restauriert und neu gemappt. Dabei wurde bewusst darauf geachtet, den Charakter der alten Bänder nicht zu glätten.Das Ergebnis: Der typische Mellotron-Charme bleibt erhalten – inklusive kleiner Unregelmäßigkeiten, die diesen Klang so lebendig machen. Authentische Tape-Sounds mit modernen Möglichkeiten sind spielend möglich.

Das originale Mellotron bot pro Manual lediglich eine begrenzte Auswahl an Sounds. Im M-Tron MkII wurde diese Palette deutlich erweitert. Denn das Plugin bietet eine große Sammlung an Lead-Sounds sowie rhythmischen Begleitstrukturen, die sich flexibel kombinieren lassen. Besonders interessant ist dabei der Dual-Rhythm-Modus: Hier lassen sich zwei unterschiedliche Rhythmus- oder Begleitpattern übereinanderlegen und zu neuen hybriden Strukturen verschmelzen.So entsteht eine interessante Mischung aus historischer Klangquelle und modernem Produktionswerkzeug, die zwischen Vintage-Charakter und moderner Produktion.

Die Sounds besitzen diese charakteristische leicht körnige Bandstruktur, die man aus zahllosen klassischen Rockproduktionen kennt. Streicher wirken nie perfekt poliert, Chöre besitzen eine gewisse rauhe Aura und Flötenklänge erinnern sofort an psychedelische Studioexperimente der späten 1960er.Gerade im Kontext moderner Produktionen kann genau dieser Charakter äußerst reizvoll sein. Wo viele virtuelle Instrumente heute makellos klingen, bringt das Mellotron-Konzept eine Portion organischer Imperfektion in den Mix.Das Plugin eignet sich deshalb nicht nur für Retro-Produktionen, sondern auch für Film- und Serienmusik, Ambient-Sounddesign oder moderne Indie-Arrangements.Ein Stück Musikgeschichte im Plugin-Format

Im praktischen Einsatz zeigt sich schnell, warum Mellotron-Sounds bis heute so beliebt sind. Schon wenige Akkorde genügen, um sofort eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen.Flächen wirken cineastisch, Streicher besitzen eine nostalgische Wärme, und selbst einfache Melodien bekommen durch die Bandtextur eine gewisse emotionale Tiefe.

Der M-Tron MkII schafft es dabei erstaunlich gut, den Charakter der historischen Instrumente einzufangen, ohne deren praktische Nachteile zu übernehmen. Während ein echtes Mellotron mehrere hundert Kilogramm wiegt und regelmäßig gewartet werden musste, läuft die Software stabil innerhalb jeder modernen DAW.

Fazit

Der M-Tron MkII ist weit mehr als nur ein weiteres Vintage-Keyboard-Plugin. Er ist eine liebevolle digitale Rekonstruktion eines Instruments, das die Pop- und Rockmusik nachhaltig geprägt hat. Gleichzeitig erweitert GForce das historische Konzept um moderne Produktionsmöglichkeiten, die das originale Mellotron nie bieten konnte. Die digitale Hommage ist mehr als gelungen. Wer den unverwechselbaren Mellotron-Sound sucht – jenen leicht mystischen Klang zwischen Nostalgie, Psychedelia und Progressive Rock – bekommt mit dem M-Tron MkII ein Stück Musikgeschichte direkt in die DAW.