Dienstag, 28. April 2026

MERCURIALL 1987X SG Test: Modifizierter Mythos

Credit Bild: © Mercuriall Audio Software
Klassische Marshall-Amps sind einer jener seltenen Fälle, in denen ein technisches Gerät, in diesem Falle ein Amp, zur kulturellen Ikone wurde. Was ursprünglich als britische Antwort auf amerikanische Verstärkerkonzepte begann, entwickelte sich binnen weniger Jahre zum klanglichen Epizentrum der Rockmusik. Die Amplifier aus dem englischen Bletchley definierten nicht nur einen Sound, sondern ein spezielles Spielgefühl und sind untrennbar mit der Entwicklung und Ausdifferenzierung der Rockmusik in ihre zahllosen Subgenres verbunden. Doch die Geschichte endet nicht beim Original. Im Gegenteil: Marshalls wurden rasch zur Leinwand: modifiziert, erweitert und individualisiert. In Werkstätten und Garagen entstanden Varianten, die mehr Gain, tighteres Low-End, fokussiertere Mitten lieferten. An genau diesem Punkt setzt die russische Pluginschmiede Mercuriall mit ihrem 1987X SG Amp an.

 Mercuriall & die Kunst des Modellings

Seit der Gründung verfolgt das Unternehmen einen Ansatz, der sich bewusst von vielen klassischen Modeling-Strategien absetzt. Statt sich lediglich dem klanglichen Endergebnis anzunähern, geht es hier um die Rekonstruktion der einzelnen Amp-Komponenten selbst. Konkret bedeutet das: Modelliert wird nicht nur der Sound, sondern das Verhalten des Verstärkers auf Ebene des elektrischen Schaltkreises. Nichtlineare Prozesse innerhalb der Verstärkerstufen, das Zusammenspiel einzelner Komponenten, die Abhängigkeit von Eingangspegel und Reglerstellungen – all das fließt in die Simulation ein.  Die frühen Versionen dieser Modelle waren entsprechend rechenintensiv. Der Versuch, analoge Schaltungen möglichst tiefgehend digital abzubilden, führte zwangsläufig zu komplexen Berechnungen. Mit der Zeit wurden diese Methoden jedoch effizienter, ohne die Grundidee aufzugeben. Das Resultat ist die heutige Neural-Hybrid-Technologie, die klassische Schaltungsmodellierung mit optimierten, teilweise neuronalen Verfahren kombiniert.Die zugrunde liegende Philosophie bleibt dabei bemerkenswert konstant: Guter Sound entsteht nicht durch das Kopieren eines Ergebnisses, sondern durch das Verständnis des Mechanismus, der dieses Ergebnis hervorbringt.

Ampbox – ein ganzes Ökosystem

Eingebettet wird das Endergebnis dieses diffizielen Prozesses – der digitale Amp selbst –  in Mercurialls Ampbox-Ökosystem – eine modulare Plattform, die als flexible Arbeitsumgebung konzipiert ist. Es ist ein System, das sich individuell erweitern und konfigurieren lässt. Amps, Cabinets und Effekte greifen ineinander und lassen sich signalflussmäßig frei kombinieren. Gerade im Kontext moderner Produktionsumgebungen ist das ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Ampbox fungiert als digitales Pendant zu einem physischen Rig – nur ohne dessen logistische Limitierungen. Von der Tubescreamer-Varianten über Super-Overdrive hin zu diversen Studioeffekten und EQs ist hier alles enthalten was man braucht. Und das alles in bestechender Qualität, auch wenn im Bereich von Delays und Reverb dezidierte Plugins nicht unbedingt ersetzt werden, Besonders sticht allerdings der Micro Pitch Shift hervor. Inspiriert vom legendären Eventide H3000 (Preset #231), liefert dieses Stereo-Tool genau jene subtilen Detunings und räumlichen Verbreiterungen, die seit Jahrzehnten zahllose Gitarrensounds definieren und anders als bei den meisten anderen Plugin Suites ist dieser Effekt integraler Bestandteil des Ampbox-Systems.

Ole’ José

Zurück zum Amp . Um in der schieren Masse an Marshall-Emulationen herauszustechen, braucht es mehr als nur Authentizität. Letztere liefert diese Marshall-Interpretation zwar fraglos, doch das ist längst nicht alles. Der entscheidende Unterschied beim Mercuriall 1987X SG liegt in seiner spezifischen Ausrichtung: Es handelt sich nicht um eine bloße irgendeinen beliebigen Amps eines modifizierten 1987X – konkret eines zweikanaligen Marshalls, der den russischen Gitarristen Sergey Golovin im Stil der legendären José-Arredondo-Mods überarbeitet wurde. Damit ist dieser digitale Amp zwar nicht das einzige Plugin, das doctored Marshall-Sounds bietet- er ist jedoch der einzige der explizit die José-Schaltung nachstellt.

EVH himself, Warren DeMartini, Steve Vai oder Mick Mars - sie alle spielten José modded Marshalls und diese Sounds findet man auch in der Mercuriall-Version - und das in bestechender Form und Authentizität. Der Ton reagiert dynamisch auf das Spiel, bleibt transparent im Attack und differenziert in den Mitten. Gerade hier zeigt sich die Stärke des zugrunde liegenden Modellings: Der Amp „arbeitet“ mit dem Spieler, statt lediglich ein statisches Klangbild zu liefern. Dass selbst ein Player vom Klaiber eines Steve Stevens (Billy Idol) hier Artist-Presets beigesteuert hat, spricht Bände.

Fazit

Der Mercuriall 1987X SG ist mehr als nur ein weiterer Marshall im Plugin-Format sondern ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie weit modernes Amp Modeling mittlerweile gekommen ist. Statt sich auf oberflächliche Ähnlichkeiten zu beschränken, geht es hier um Tiefe: um Verhalten, Dynamik und Interaktion. Der Mercuriall 1987X SG fzählt damit zu den überzeugendsten modifizierten Marshall-Emulationen im aktuellen Amp-Sim-Markt.