Die Integration globaler Instrumente, hybrider Texturen und kulturübergreifender Sound-Ästhetiken
in einen orchestralen (Filmmusik)-Kontext auch abseits von Period Pieces ist
fraglos einer der Trends moderner Filmmusik. Genau an dieser Schnittstelle
positioniert sich das Spectrum Bundle von Orchestral Tools – ein
ambitioniertes, in Zusammenarbeit mit dem britischen Komponisten Richard Harvey
entstandenes Projekt, das sich nicht weniger vorgenommen hat, als die
klangliche Palette moderner Scores entscheidend zu erweitern.![]()
Credit Bild: © Orchestral Tools
Harvey, selbst ein
musikalischer Kosmopolit mit Wurzeln in der klassischen Musiktradition und
einer Karriere zwischen Kollaborationen mit Größen wie Paul McCartney, John
Williams und Hans Zimmer sowie eigenen Film- und Fernsehprojekten, bringt hier
nicht nur seine Expertise, sondern vor allem ein tiefes Verständnis für
instrumentale Authentizität und kulturelle Kontexte ein. Das Ergebnis ist kein
bloßes Sammelsurium exotischer Klangquellen, sondern eine kuratierte,
dramaturgisch durchdachte Library, die ihre Stärken vor allem im narrativen
Einsatz im Scoring entfaltet.
Musikalische Reisen
ohne Klischees
Das Spectrum Bundle
selbst vereint mehrere spezialisierte Collections von Orchestral Tools, die
jeweils einen eigenen geografischen, kulturellen oder klangästhetischen Fokus
setzen – von fernöstlicher Orchestertradition bis hin zu archaischen
Saiteninstrumenten.
Wer bei einem
derartigen Konzept vorschnell an folkloristische Versatzstücke oder
austauschbare „World Music“-Klischees denkt, wird schnell eines Besseren
belehrt. Die Instrumente und Klangfarben dieses Bundles werden nicht als
exotische Effekte behandelt, sondern als integrale Bestandteile eines modernen
Scoring-Ansatzes. Von südost-asiatischen Holz- und Blechbläsern bis hin zu
seltenen perkussiven Klangkörpern entfaltet sich ein Spektrum, das weit über
geografische oder stilistische Grenzen hinausgeht. Dabei gelingt es diesem
Bundle, jene feine Balance zu halten, die in diesem Bereich entscheidend ist:
Authentizität und Vielseitigkeit ohne Beliebigkeit. Gerade im Kontext
zeitgenössischer Film- und Serienproduktionen, in denen eben kulturelle
Hybridität längst zur musikalischen Norm geworden ist, erweist sich diese
Herangehensweise als äußerst zeitgemäß. Die Klänge fügen sich organisch in
orchestrale wie auch elektronische Arrangements ein – oder auch in einem
Rock-Kontext, doch dazu später mehr.
Grenzenlose
Klangvielfalt
Aufgenommen wurde –
wie bei Orchestral Tools üblich – auf höchstem Niveau, mit einem Detailgrad,
der selbst im dichtesten Arrangement noch Differenzierung zulässt. Mehrere
Mikrofonpositionen und eine Vielzahl an authentischen artikulatorischen Nuancen
sorgen dafür, dass die Instrumente nicht nur realistisch klingen, sondern sich
auch flexibel in unterschiedliche Produktionskontexte integrieren lassen.
Die sechs im Bundle
enthaltenen Libraries im Detail:
Lyra – Himmlisch
& ätherisch
Obwohl Spectrum
tatsächlich klanglich um den Globus reist, beginnen wir mit der jüngsten, erst
kürzlich releasten Collection – und die führt uns nach Westeuropa. Lyra zelebriert
die sphärische Magie der schwingenden (offenen) Saite – vom feingliedrigen
Harfenklang bis zur Zither als kulturellem Resonanzkörper europäischer
Musiktraditionen. Die Library versammelt elf ausgewählte Zupfinstrumente aus
dem westlichen Instrumentarium und macht sie zu solistischen Charakterstimmen innerhalb
zeitgenössischer Kompositionen. Da lässt sich fraglos auch trefflich auf den
Spuren von Anton Karas wandeln. „Der dritte Mann“ ? Auf jeden Fall, Lyra ist
aber hier fraglos erste Wahl für authentische Klänge in diesem Bereich.
Phoenix Orchestra –
Das fernöstliche Gegenstück zum klassischen Orchester
Mit Phoenix Orchestra
öffnet sich das Tor nach Ostasien – genauer gesagt in die Klangwelt einer
traditionellen chinesischen Orchesterbesetzung, die hier in bemerkenswerter
Tiefe und Detailtreue umgesetzt wurde. 21 Solo-Instrumente, Ensemble-Patches
und klar definierte Orchestersektionen (Streicher, Bläser, Percussion,
Zupfinstrumente) bilden ein Setup, das sich zwar an der Logik westlicher
Orchesterlibraries orientiert und dennoch eine völlig andere Klangsprache
spricht. Instrumente wie Erhu, Guzheng oder Sheng liefern jene
charakteristischen Klangfarben, die man gerade für historische Filmszenen oder
auch Dokus brauchen kann. Diese frischen Timbres bilden eine regelrechte
Spielwiese fürs eigene Sounddesign, das einen Orchester-Arbeit gewissermaßen
neu entdecken lässt. Enstanden ist diese Collection in Zusammenarbeit mit Henry
Gregson-Williams (Shrek, Spy Game, Prometheus) und Richard Hawley. Man merkt
dies vor allem darin wie instant-filmisch sie klingt, Gregson-Willams war auch
für denn Score des 2020er Live Action-Adaption von Mulan verantwortlich,
dementsprechend hochkarätig klingt das Ganze dann auch.
Andea – Intime
Klangräume und fragile Texturen
Während Phoenix Orchestra in orchestralen Dimensionen denkt, operiert Andea deutlich intimer. Hier geht es weniger um große Gesten als um feine, oft beinahe kammermusikalische Nuancen. Flöten, Percussion und diverse ZupfInstrumente wie 8-saitige Ukulele oder einen Harfe aus Paraguay stehen im Zentrum dieser Collection – oft mit einem Fokus auf fragile Klangverläufe, die sich besonders für atmosphärische Underscores oder minimalistische Kompositionen eignen. Andea ist damit ein subtiler Texturgeber, der sich ideal in hybride Arrangements einfügt und damit wohl zu den vielseitigsten Libraries dieser abwechslungsreichen Collection zählt.
Sångara –
Südostasien als klanglicher Mikrokosmos
Mit Sangara wird der
geografische Fokus weiter nach Südostasien verschoben – und gleichzeitig
deutlich erweitert. Über 60 Instrumente aus unterschiedlichsten Regionen bilden
hier ein regelrechtes Klangarchiv, das von perkussiven Elementen über Blas- bis
hin zu Saiteninstrumenten reicht. Gerade diese Vielfalt macht Sångara zu einer
der facettenreichsten Collections im Bundle. Statt sich auf ein klar umrissenes
Klangideal zu beschränken, entsteht hier ein bewusst heterogenes Klangbild – das
sich besonders für komplexe, vielschichtige Scores anbietet. Die Stärke liegt
dabei weniger in der Einzelstimme als im Zusammenspiel der verschiedenen
Klangquellen, die sich in der DAW zu dichten organischen Soundscapes verweben
lassen.
Svara – Beyond
Bollywood
Svara widmet sich der
indischen Filmmusiktradition – die per se bereits eine Fusion
unterschiedlichster Einflüsse darstellt. Klassische indische Instrumente
treffen hier auf orchestrale Strukturen und moderne Produktionsästhetik.Das
Ergebnis ist eine Library, die sich bewusst zwischen den Welten bewegt: weder
rein traditionell noch vollständig westlich geprägt, sondern ein Hybrid, der
insbesondere für moderne Score-Ansätze interessant ist, die kulturelle Grenzen
bewusst überschreiten.
Gerade im Kontext von
„Beyond Bollywood“ zeigt sich hier exemplarisch, wie sich traditionelle
Klangfarben in zeitgenössische Kompositionen integrieren lassen, ohne in
klischeehafte Exotik abzurutschen. Hier wird die indische Filmtradition neu
gedacht und das funktioniert auch erstaunlich gut abseits von explosiven
Neo-Bollywood-Scores.
Cetra – Von der
Laute zur Gitarre
Historische Saiten neu
kontextualisiert: Historische Zupfinstrumente, von der Laute bis hin zu frühen
Gitarrenformen, liefern hier eine Palette an Klangfarben, die sich sowohl für
Period Pieces als auch für moderne Hybrid-Scores einsetzen lassen. Der besondere
Reiz liegt im Kontrast: dem Zusammenspiel von archaischem Timbre und modernemSounddesign.
Diese Collection brilliert auch in einem Rock-Kontext – medieval-angehauchtes
Intro für den Classic-Rock-Song oder gleich ganz auf Ritchie Blackmores Spuren
wandelnd? Cetra liefert hier mehr als überzeugende Ergebnisse.
Anwendungs-Spektrum
– Vom Arthouse bis Blockbuster und darüber hinaus
Die eigentliche Stärke
dieses Bundles liegt in seiner Vielseitigkeit. Historische Stoffe, ethnisch
geprägte Settings oder dokumentarische Formate profitieren ebenso von den
enthaltenen Klangfarben wie moderne Sci-Fi- oder Thriller-Scores, in denen
gerade der Kontrast zwischen archaischen und futuristischen Elementen eine
zentrale Rolle spielen kann. Auch abseits klassischer Filmmusik eröffnet sich
ein breites Einsatzfeld: Ambient, Electronica, Pop-Produktionen oder eben Rock
– überall dort, wo es darum geht, vertraute Hörgewohnheiten subtil zu
unterlaufen und neue klangliche Reize zu setzen, spielt das Spectrum Bundle
seine Stärken aus.
Fazit
Klanglich kennt diese
Library „no borders“. Beim ersten Anspielen mag sich zwar mitunter nicht sofort
dieser totale „Wow“-Effekt einstellen, denn das Spectrum Bundle ist eines
subtiler Klangfarben und mitunter leiser Töne – etwa wenn Mandolinen um
Mitternacht hauchzart Akzente setzen oder traditionelle asiatische Instrumente
„bone dry“ zwischen Rhythmik und den Melodien anderer Klangtraditionen nachhallen.
Je nachdem, wie sehr man sich bereits mit Weltmusik auseinandergesetzt hat,
muss man sich diese Library also zunächst erarbeiten. Die Ergebnisse belohnen
den Komponisten jedoch fraglos mit nicht-alltäglichen Klangnuancen.
Wer auf der Suche nach
neuen Klangfarben ist, die nicht nur Aufmerksamkeit erzeugen, sondern sich auch
nahtlos in bestehende musikalische Kontexte integrieren lassen, findet hier
nicht weniger als einen musikalischen Reisepass – gültig für nahezu jedes Genre,
jede Epoche und jede erzählerische Welt. Hier geht es nicht um massen-touristische
Klangreisen, sondern um ein differenziertes Verständnis globaler Klangkulturen
– übersetzt in ein modernes, hochgradig spielbares Instrumentarium. Das
Ergebnis ist ein Werkzeugkasten für Komponisten, die nicht nur neue Sounds
suchen, sondern neue Perspektiven. Und genau darin liegt die eigentliche Stärke
dieses Bundles: Es erweitert nicht nur den Sound – sondern mitunter den
musikalischen Horizont.