Es gibt zahllose
Software- und Sample-Hersteller, die immer wieder dieselben klassischen
Instrumente abbilden – solide, zweckmäßig und oft klanglich auf hohem Niveau.
Und doch haftet vielen dieser Produkte eine gewisse Austauschbarkeit an. Kaum
Innovation, dafür zunehmende konzeptionelle Stagnation. Detailverliebte
Emulationen ohne Zweifel – jedoch selten mit einem wirklich kreativen Ansatz. Und
dann gibt es Ausnahmen wie die Crow
Hill Company. Mit Prehistoric Strings haben sie in einem gesättigten Markt
zwar nicht das Rad neu erfunden – aber sie haben das Rad der Zeit radikal
zurückgedreht. Und zwar nicht als bloße Klangspielerei, sondern als
konzeptionellen Gegenentwurf zur etablierten Orchester-Library-Logik.
Credit Bild: © Crow Hill Company
Von der
BBC-Dokumentation zur Klangbibliothek
Entstanden ist die
Library in Zusammenarbeit mit dem Klangkollektiv Bleeding Fingers – ein Joint
Venture, an dem auch Soundtrack-Ikone Hans Zimmer beteiligt ist. Für die groß
angelegte BBC-Dokumentation „Prehistoric Planet“ wurden einzigartige, maßgeschneiderte
Instrumente mithilfe von Hörnern, Zähnen und uralten Knochen geschaffen. So
entstehen hybride musikalische Konstrukte, die Klänge hervorbringen, die
gleichermaßen unheimlich, urtümlich und in ihrer rohen Ursprünglichkeit
schlichtweg faszinierend sind. Mit dem Crow Hill Plugin lassen sich diese
Sounds – gewaltig wie der Schrei eines T-Rex – nun direkt in die eigene DAW
holen.
Man lädt hier keine Strings
im klassischen Sinne – man integriert vielmehr ein klangliches Konzept als
funktionalen Bestandteil eines audiovisuellen Narrativs in das eigene Projekt.
Dieses ist übrigens zu keinem Zeitpunkt auf Dokumentationen im BBC-Stil
beschränkt. Bleeding Fingers stehen für grenzenlose Klangexperimente – genau
wie die Crow Hill Company. Entsprechend vielseitig ist auch diese Library, die
von Horror über Sci-Fi bis hin zu Prog Rock nahezu alles abdeckt, wo
atmosphärische und verfremdete Streicher gefragt sind.Der Kontextbezug zur
Dokumentation ist dennoch entscheidend und unterscheidet die Library
fundamental von der Konkurrenz: Sie denkt nicht vom Instrument her, sondern vom
Einsatz.
Streicher neu
gedacht – zwischen klassichem Instrument und Synth
Was eine
String-Library leisten kann – und vor allem, wie sie klingen kann – wird hier
komplett neu definiert. Die Grenze zwischen traditionellen Streicherklängen,
Emulationen klassischer Instrumente und synthetischen Klangwelten wird bewusst
verwischt.Das Ergebnis bewegt sich irgendwo zwischen organischem Instrument und
Sounddesign-Tool – fast wie ein lebendiger Hybrid aus Orchester und
Synthesizer. Ähnlich wie beim Ausgraben eines Dinosaurierknochens entstehen
hier neue klangliche Erkenntnisse.Die Instrumente wirken roh, organisch und
teilweise unvorhersehbar – als würde man nicht nur spielen, sondern ein längst
vergessenes Klangsystem wiederbeleben. Im Kern bietet die Library Zugriff auf
fünf maßgeschneiderte Solo-Streichinstrumente. Jedes dieser Instrumente lässt
sich unabhängig auswählen und spielen, während ein geblendeter Ensemble-Mix ein
geradezu außerweltliches Quintett entstehen lässt.
Die inkludierten Instrumente:
- The Band (eine Mischung aller fünf
Instrumente, geblendet und im Stereo-Feld verteilt)
- Hadrocello (ein Piccolo-Cello mit
Knochenhals)
- Fat Rex (ein Saiteninstrument mit
Frame-Drum-Resonator)
- Tyranachord (ein Dulcimer-Instrument mit
Resonator-Drum)
- Triceratops (ein Cello – aber nicht so,
wie man es kennt)
- Raptor Violin (Knochen, gespannte Saiten
und kaum mehr als das)
Interface, Workflow
und Praxis
Die Preset-Library ist
allzu spartanisch, doch mit dem reduzierten Interface findet man sich schnell
zurecht. Der Grundklang ist unglaublich dreidimensional und „woody“ – fraglos
eines der besten String-Samples überhaupt. Doch damit begnügen sich Bleeding
Fingers und die Crow Hill Company nicht.
Sorgfältig gestaltete
Effektsignale sorgen dabei für Bewegung und Textur im Klang. Wer etwa die
TRANSFORM-Funktion aktiviert, erhält Zugriff auf eine treffend benannte Auswahl
an Parametern:
- Cavernous – ein im positiven Sinne „overpowering“
Reverb
- Fossilised– epische Transformationen, die
Sand-artige Geräusche beimengen
- Dirt – selberklärend, als würde Ellie Sadler
aus Steven Spoielebrgs „Jurassic Park“ einen Dino-Fiddle ausgraben und auf
ihr spielen
- Die drei instant mix-ready Stereo-Signale
– CLOSE, WIDE und AMBIENT – dürften Besitzern anderer Streicher-Libraries
bereits vertraut vorkommen.
Abgerundet wird das
Ganze durch Master-Processing-Tools wie:
- Stereo Width zur Kontrolle der
Stereobreite
- Mono Filter zur Festlegung der Frequenz,
ab der das Signal in Mono zusammengeführt wird
- Room Tone: zur präzisen Dosierung von
Raumhall-Anteils
Die vielleicht
unheimlichste String-Library
Wenn es eine
String-Library gibt, die wirklich Gänsehaut erzeugt, dann diese. Düster,
unheimlich, experimentell – und musikalisch auf höchstem Niveau.Allerdings ist
sie nichts für klassische Schönklang-Puristen. Wer nach makellosen
Legato-Strings, klassischen Ensemble-Sounds oder einem universellen
Orchester-Ersatz sucht, wird hier nicht fündig. Prehistoric Strings verweigert
sich bewusst dieser Rolle.
Perfekt geeignet ist
sie hingegen für Filmkomponisten, Sound Designer und ganz generell experimentelle
Musiker oder alle die genug von vom „Standard-Orchester“ haben. Das Unheimliche ist
hier eine bestimmende klangliche Qualität. Ein Aspekt, der sich durch nahezu
alle Presets und Spielweisen zieht, ist eine subtile, aber permanente
Irritation.
Diese Library klingt
nicht einfach „anders“ – sie klingt oft bewusst unangenehm. Dissonanzen,
mikrotonale Verschiebungen, ungewöhnliche Spieltechniken und Texturen erzeugen
ein Klangbild, das sich einer klaren emotionalen Verortung entzieht. Das
Ergebnis ist eine Form kontrollierter auditive Unruhe.
Fazit
Wenn man es zuspitzt: Prehistoric Strings ist
mit großer Wahrscheinlichkeit eine der ungewöhnlichsten String-Libraries, die
aktuell erhältlich sind. Gerade in Kombination mit anderen Libraries –
sei es klassische Orchester-Tools oder moderne Synths – entfaltet Prehistoric
Strings eine enorme Wirkung als charakterstarker Layer. Es ist kein ein
„All-in-One“- Orchesterinstrument als vielmehr ein Katalysator für neue Ideen.