Freitag, 10. April 2026

CROW HILL COMPANY PREHISTORIC STRINGS Test: Prähistorische Klangwelten als Zukunft orchestraler Texturen

Credit Bild: © Crow Hill Company
Es gibt zahllose Software- und Sample-Hersteller, die immer wieder dieselben klassischen Instrumente abbilden – solide, zweckmäßig und oft klanglich auf hohem Niveau. Und doch haftet vielen dieser Produkte eine gewisse Austauschbarkeit an. Kaum Innovation, dafür zunehmende konzeptionelle Stagnation. Detailverliebte Emulationen ohne Zweifel – jedoch selten mit einem wirklich kreativen Ansatz. Und dann gibt es Ausnahmen wie die Crow Hill Company. Mit Prehistoric Strings haben sie in einem gesättigten Markt zwar nicht das Rad neu erfunden – aber sie haben das Rad der Zeit radikal zurückgedreht. Und zwar nicht als bloße Klangspielerei, sondern als konzeptionellen Gegenentwurf zur etablierten Orchester-Library-Logik.

Von der BBC-Dokumentation zur Klangbibliothek

Entstanden ist die Library in Zusammenarbeit mit dem Klangkollektiv Bleeding Fingers – ein Joint Venture, an dem auch Soundtrack-Ikone Hans Zimmer beteiligt ist. Für die groß angelegte BBC-Dokumentation „Prehistoric Planet“ wurden einzigartige, maßgeschneiderte Instrumente mithilfe von Hörnern, Zähnen und uralten Knochen geschaffen. So entstehen hybride musikalische Konstrukte, die Klänge hervorbringen, die gleichermaßen unheimlich, urtümlich und in ihrer rohen Ursprünglichkeit schlichtweg faszinierend sind. Mit dem Crow Hill Plugin lassen sich diese Sounds – gewaltig wie der Schrei eines T-Rex – nun direkt in die eigene DAW holen.

Man lädt hier keine Strings im klassischen Sinne – man integriert vielmehr ein klangliches Konzept als funktionalen Bestandteil eines audiovisuellen Narrativs in das eigene Projekt. Dieses ist übrigens zu keinem Zeitpunkt auf Dokumentationen im BBC-Stil beschränkt. Bleeding Fingers stehen für grenzenlose Klangexperimente – genau wie die Crow Hill Company. Entsprechend vielseitig ist auch diese Library, die von Horror über Sci-Fi bis hin zu Prog Rock nahezu alles abdeckt, wo atmosphärische und verfremdete Streicher gefragt sind.Der Kontextbezug zur Dokumentation ist dennoch entscheidend und unterscheidet die Library fundamental von der Konkurrenz: Sie denkt nicht vom Instrument her, sondern vom Einsatz.

Streicher neu gedacht – zwischen klassichem Instrument und Synth

Was eine String-Library leisten kann – und vor allem, wie sie klingen kann – wird hier komplett neu definiert. Die Grenze zwischen traditionellen Streicherklängen, Emulationen klassischer Instrumente und synthetischen Klangwelten wird bewusst verwischt.Das Ergebnis bewegt sich irgendwo zwischen organischem Instrument und Sounddesign-Tool – fast wie ein lebendiger Hybrid aus Orchester und Synthesizer. Ähnlich wie beim Ausgraben eines Dinosaurierknochens entstehen hier neue klangliche Erkenntnisse.Die Instrumente wirken roh, organisch und teilweise unvorhersehbar – als würde man nicht nur spielen, sondern ein längst vergessenes Klangsystem wiederbeleben. Im Kern bietet die Library Zugriff auf fünf maßgeschneiderte Solo-Streichinstrumente. Jedes dieser Instrumente lässt sich unabhängig auswählen und spielen, während ein geblendeter Ensemble-Mix ein geradezu außerweltliches Quintett entstehen lässt.

Die inkludierten Instrumente:

  • The Band (eine Mischung aller fünf Instrumente, geblendet und im Stereo-Feld verteilt)
  • Hadrocello (ein Piccolo-Cello mit Knochenhals)
  • Fat Rex (ein Saiteninstrument mit Frame-Drum-Resonator)
  • Tyranachord (ein Dulcimer-Instrument mit Resonator-Drum)
  • Triceratops (ein Cello – aber nicht so, wie man es kennt)
  • Raptor Violin (Knochen, gespannte Saiten und kaum mehr als das)

Interface, Workflow und Praxis

Die Preset-Library ist allzu spartanisch, doch mit dem reduzierten Interface findet man sich schnell zurecht. Der Grundklang ist unglaublich dreidimensional und „woody“ – fraglos eines der besten String-Samples überhaupt. Doch damit begnügen sich Bleeding Fingers und die Crow Hill Company nicht.

Sorgfältig gestaltete Effektsignale sorgen dabei für Bewegung und Textur im Klang. Wer etwa die TRANSFORM-Funktion aktiviert, erhält Zugriff auf eine treffend benannte Auswahl an Parametern:

  • Cavernous – ein im positiven Sinne „overpowering“ Reverb
  • Fossilised– epische Transformationen, die Sand-artige Geräusche beimengen
  • Dirt – selberklärend, als würde Ellie Sadler aus Steven Spoielebrgs „Jurassic Park“ einen Dino-Fiddle ausgraben und auf ihr spielen
  • Die drei instant mix-ready Stereo-Signale – CLOSE, WIDE und AMBIENT – dürften Besitzern anderer Streicher-Libraries bereits vertraut vorkommen.

Abgerundet wird das Ganze durch Master-Processing-Tools wie:

  • Stereo Width zur Kontrolle der Stereobreite
  • Mono Filter zur Festlegung der Frequenz, ab der das Signal in Mono zusammengeführt wird
  • Room Tone: zur präzisen Dosierung von Raumhall-Anteils

Die vielleicht unheimlichste String-Library

Wenn es eine String-Library gibt, die wirklich Gänsehaut erzeugt, dann diese. Düster, unheimlich, experimentell – und musikalisch auf höchstem Niveau.Allerdings ist sie nichts für klassische Schönklang-Puristen. Wer nach makellosen Legato-Strings, klassischen Ensemble-Sounds oder einem universellen Orchester-Ersatz sucht, wird hier nicht fündig. Prehistoric Strings verweigert sich bewusst dieser Rolle.

Perfekt geeignet ist sie hingegen für Filmkomponisten, Sound Designer und ganz generell experimentelle Musiker oder alle die genug von vom „Standard-Orchester“ haben. Das Unheimliche ist hier eine bestimmende klangliche Qualität. Ein Aspekt, der sich durch nahezu alle Presets und Spielweisen zieht, ist eine subtile, aber permanente Irritation.

Diese Library klingt nicht einfach „anders“ – sie klingt oft bewusst unangenehm. Dissonanzen, mikrotonale Verschiebungen, ungewöhnliche Spieltechniken und Texturen erzeugen ein Klangbild, das sich einer klaren emotionalen Verortung entzieht. Das Ergebnis ist eine Form kontrollierter auditive Unruhe.

Fazit

Wenn man es zuspitzt: Prehistoric Strings ist mit großer Wahrscheinlichkeit eine der ungewöhnlichsten String-Libraries, die aktuell erhältlich sind. Gerade in Kombination mit anderen Libraries – sei es klassische Orchester-Tools oder moderne Synths – entfaltet Prehistoric Strings eine enorme Wirkung als charakterstarker Layer. Es ist kein ein „All-in-One“- Orchesterinstrument als vielmehr ein Katalysator für neue Ideen.