1974 stand Mr.
Slowhand Eric Clapton im wahrsten Sinne des Wortes an den Crossroads. Nicht zum ersten Mal in seinem Leben und auch nicht das letzte Mal – doch jenes Jahr markierte
für den Mann, den man ob seiner Fähigkeiten an der Gitarre einst „God“ nannte, einen
entscheidenden Scheideweg.
Credit Bild: © 6strings24frames / C.Larsen & Sons Book Publishing
Es ist genau dieser Moment der Neuverortung, den der vorliegende Bildband in den Fokus rückt – und zwar mittels eines beeindruckend dichten visuellen Archivs. Ausgangspunkt bildet ein bislang unveröffentlichter Fundus von über 2700 Fotografien des New Yorker Fotografen Tony De Nonno, der Claptons Rückkehr ins Rampenlicht nach einer langen Phase des Rückzugs und überstandener Heroin-Sucht mit der Kamera begleitete. Was dabei entsteht, ist weniger eine klassische Rückschau als vielmehr eine Art visuelles Logbuch eines Jahres, das sich konsequent jeder simplen Dramaturgie entzieht.Denn 1974 ist hier nicht bloß das Jahr von „461 Ocean Boulevard“, nicht nur die Geschichte einer neuen Band oder einer erfolgreichen Welttournee. Es ist ein Jahr des Dazwischen. Zwischen Rückzug und Rückkehr, zwischen Kontrolle und Kontrollverlust, zwischen jener alten Virtuosität und einem neuen, bewusst reduzierten musikalischen Ansatz. Die Sessions in den Criteria Studios in Miami, die Proben, die Konzerte – all das wird nicht isoliert abgehandelt, sondern als Teil eines fortlaufenden Prozesses sichtbar gemacht.
Ein besonderer Reiz
liegt in der Auswahl der Motive. Die rund 20 dokumentierten Shows der „461
Ocean Boulevard“-Tour liefern zwar jene Live-Momente, die man erwarten würde –
doch der eigentliche Mehrwert entsteht in den unspektakulären Bildern:
Backstage-Situationen, beiläufige Augenblicke, Momente der Konzentration oder
Erschöpfung. Es sind genau diese Zwischentöne, die Clapton hier weniger als
entrückte Ikone erscheinen lassen, sondern als jemanden, der sich erst wieder
in seine eigene Rolle einfinden muss.
Dass neben De Nonno
auch Fotografen wie Michael Putland, Ron Pownall oder Watt Casey ihre Archive
geöffnet haben, erweitert die Perspektive zusätzlich. Unterschiedliche
Blickwinkel, unterschiedliche ästhetische Ansätze – und daraus resultierend ein
vielschichtiges Gesamtbild.
Ergänzt wird das visuelle Material durch Beiträge von Yvonne Elliman, die nicht
nur als Zeitzeugin fungiert, sondern selbst Teil dieser musikalischen Phase
war.
Formal präsentiert sich der Band als hochwertig produziertes Objekt, die Bücher von Publisher Christan Larsen sind stets persönliche Passion-Projects: 272 Seiten im großzügigen Format, gedruckt auf schwerem Arctic Volume White Papier, gebunden in von den Farben Miamis inspiriertes Brillanta-Leinen mit Siebdruck-Cover. Mehr als 250 Fotografien – in Farbe und Schwarzweiß, größtenteils unveröffentlicht – unterstreichen den Anspruch, hier nicht bloß ein weiteres „Coffee Table Book“, sondern ein ernstzunehmendes Archiv vorzulegen.
Die begleitenden Texte von Christian Larsen, Tony De Nonno, Tim Peacock und Marc Roberty ordnen das Bildmaterial kontextuell ein, sie fungieren sie als eine Art analytischer Unterbau, der dem Leser – oder vielmehr Betrachter – zusätzliche Anhaltspunkte liefert, sich jedoch vornehmlich an die Auskenner und Clapton-Aficionados mit entsprechendem musikhistorischem Wissen richten. So entsteht ein Werk, das weniger erklärt als zeigt und das "pivotal year" 1974 als das zeigt was es für Clapton war, ein Jahr an den Crossroads. Dieser Bildband macht spürbar, wie sich das anfühlte.
Eric Clapton 1974, erschienen bei C.Larsen & Sons Book Publishing