Sonntag, 23. Oktober 2016

Martin Scorseses TAXI DRIVER : 40th ANNIVERSARY


Regisseur Martin Scorsese mit seinem Hauptdarsteller Robert De Niro
Credit Bild : © Steve Schapiro TASCHEN Verlag
„You talkin´ to me ?“ 
Mit von beinhartem Workout gestähltem Körper und dem Blick eines immer entrückter werdenden, jedoch ungemein entschlossenen Mannes steht der von Insomnie geplagte Vietnamveteran und Taxifahrer Travis Bickle (Robert De Niro) vor seinem Spiegel. Mit der Waffe in der Hand ist er, nachdem es ihm nicht gelingt sich in die zivile Gesellschaft einzugliedern, auf seiner ganz persönlichen Mission, den Großstadtmoloch vom „Abschaum“ zu säubern - ganz so wie der von ihm bei seinen nokturnen Fahrten durch das Herz der New Yorker Finsternis herbeigesehnte „große Regen“.

Es ist dies nur einer der vielen eindringlichen Szenen aus Martin Scorseses 1976er Kultfilm „Taxi Driver“, die sich unauslöschlich in das kollektive Gedächtnis von Filmfans auf der ganzen Welt  eingebrannt haben. Jetzt feiert dieses Schlüsselwerk des amerikanischen Seventies-Kinos sein 40-jähriges Jubiläum.
Dass Scorseses fünfte Regiearbeit so gut gealtert ist, auch 4 Jahrzehnte nach seiner Uraufführung noch immer fasziniert und im Gegensatz zu manch anderem New Hollywood-Streifen noch immer begeistert, hat eine Vielzahl von Gründen.



Taxifahrer Bickle mit prominentem Fahrgast
Credit Bild: © Steve Schapiro TASCHEN Verlag

Einerseits ist die Geschichte Travis Bickles filmhistorisch bedeutsam, markierte sie doch den endgültigen Durchbruch sowohl für Hauptdarsteller Robert De Niro in einer seiner intensivsten Performances als auch für den Regisseur selbst.
Andererseits zählt „Taxi Driver“ auch zu Scorseses vielschichtigsten Werken:
Während die Filme aus seiner Paradedisziplin, den epischen Gangsterdramen, vom amerikanischen Traum, dargestellt durch den Zerrspiegel einer kriminellen Welt, erzählen,
vereint „Taxi Driver“ gleich mehrere, ganz unterschiedliche Handlungsstränge und Topoi in sich.

Travis Bickle wird immer entrückter
Credit Bild: © Steve Schapiro TASCHEN Verlag
In jenem Teil der Story, die man als „Hauptplot“ bezeichnen könnte, folgt der Zuseher Travis Bickle in seinem fortschreitenden Wahn in den Schlund New Yorks auf seinem Weg zur Befreiung der minderjährigen Prostituierten (Jodie Foster) aus den Klauen des Pimps (Harvey Keitel).
Neben dieser „crime“-Handlung ist „Taxi Driver“ jedoch auch ein intensives Außenseiterportrait (siehe der Subplot mit Wahlkampfhelferin Cybil Shepherd) , das mit seiner sensiblen, genauen Figurenzeichnung, die introspektiven Frühwerke Scorseses zitiert. Überdies ist Scorseses Film auch ein beinahe dokumentarisch anmutendes Zeitportrait eines New York, dass sein wahres, verzerrtes Antlitz erst zeigt, wenn die Sonne versunken ist. Martin Scorsese und Drehbuchautor Paul Schrader zeichneten das unglaublich dichte Bild einer im Verfall begriffenen Stadt, lange vor jeglicher „Zero Tolerance“-Politik oder  Verbrechensbekämpfung  eines Rudy  Giuilani.
Ähnlich wie Michael Ciminos „The Deer Hunter“, ist „Taxi Driver“ zudem auch eine filmische Auseinandersetzung mit dem „Shellshock“-Phänomen (Kriegsveteranen-Traumata) und dem für viele Ex-Soldaten unbewältigbaren Kontrast zwischen dem Leben in Uniform und der Welt außerhalb des Schlachtfelds.
Zuletzt ist Scorseses aufwühlender Streifen jedoch auch eine bemerkenswert ausgefeilte psychologische Studie über (politischen) Extremismus- und Fanatismus - eine Thematik, die heute beinahe beängstigend aktuell wirkt.

Buch-Tip:


Credit Coverbild: © Steve Schapiro TASCHEN Verlag
Steve Schapiro. Taxi Driver
Paul Duncan (Hrsg.)
Hardcover 24,6 x 37,4 cm
400 Seiten
19,99 €
Das unglaublich schmutzig-authentische Feeling des „Taxi Driver-New Yorks“ ist nicht nur im Film präsent, sondern auch in den faszinierenden Fotos des Pressefotografen Steve Schapiro, der seinerzeit live bei den Dreharbeiten mit dabei war und mit seiner Kamera den Entstehungsprozess eines zukünftigen Kultwerks einfing. Seine Impressionen präsentiert er in einem im TASCHEN Verlag erschienenen  Bildband, aus dem die Fotos dieses Artikels stammen. Das attraktiv aufgemachte, gut 400 seitige Hardcover-Buch zeigt Fotos aus dem Privatarchiv Shapiros, die dem Betrachter einen detaillierten Blick hinter die Kulissen gewähren. Die Bilder sind dabei so brutal authentisch wie der Film selbst  - intensiv etwa die Eindrücke der finalen Schießerei, bei der ein blutüberströmtes Opfer Bickles genau in Shapiros Linse blickt. Neben den  Fotos gibt es noch ein Vorwort von Martin Scorsese und zahlreiche Texte und Interviews mit dem Regisseur, Drehbuchautor Schrader und De Niro.