Samstag, 11. Juni 2016

QUENTIN TARANTINO, HELMUT BERGER UND DER KALK

Intertextualität und Referenzialität: Zitate, Referenzen und Querverweise, die sich auf eine (pop-) kulturelle Vergangenheit und andere Werke beziehen - sie sind einer der Aspekte im Schaffen von Kultregisseur Quentin Tarantino, der zwar vielen Zusehern verborgen bleibt, der jedoch seine Filme zum Genuss für Cineasten macht.
Ein Beispiel für einen solchen Moment der dichten Verwobenheit mit der Kinogeschichte findet man etwa in „Jackie Brown“ (1997) - jenem Film, der nach dem epochalen „Pulp Fiction“ kam.

In „Jackie Brown“ verbringt  die von Bridget Fonda verkörpere Melanie ihre Zeit damit sich zuzudröhnen und high zu werden, den erst aus dem Gefängnis entlassenen Louis (Robert De Niro) zu teasen und im Appartement ihres Waffenhändler-Freunds Ordell (Samuel L. Jackson) fernzusehen: Auf ihrem persönlichen Spielplan stehen dabei der Seventies Car Chase-Streifen  „Dirty Mary Crazy Larry“ - mit ihrem real-life Vater Peter Fonda - und auch Sergio Griecos „Der Tollwütige“ aka „Beast With A Gun“, ein Paradebeispiel für das italienische Exploitation-Kino der Siebziger.

Exploitation-Kino  -  das waren Filme, die in mitunter reißerischer Manier gewisse Themen „exploiten“, also ausnutzen bzw. ausschlachten - und dafür eignet sich natürlich der Topos „Sex and violence“ ganz besonders. Doch eigentlich könnte man zur „Erklärung“ dieser Filmgattung auch  nur Sergio Griecos Tollwütigen von 1977  hernehmen: denn selten, war ein Film so etwas wie die Definition eines ganzen Genres.
Der dünne, bisweilen auf Poilziottesco (italienische Polizei/Gangsterfilme)-Pfaden wandelnde Plot bietet dabei alles, was dieses geschmähte und oftmals unterschätzte Genre zu bieten hat: exzessive Gewalt, Tabubrüche am laufenden Band und natürlich Sex (der hier mitunter mit Gewalt kombiniert wird). Aber halt: Dieser Film bietet noch etwas anderes - nämlich einen übeaus überzeugenden Hauptdarsteller, der seine Sache derartig gut macht, dass man ihm den total Irren einfach abnimmt.
Im Zentrum der Story steht ein vergewaltigender Killer, der sich an denen die ihn hinter Gitter brachten rächen möchte, gespielt von Österreichs vielleicht am meisten unterschätzten Darsteller Helmut Berger. Berger, damals nach den großen Visconti-Erfolgen (wie zB.. „Die Verdammten“) auf dem Höhepunkt seiner Exploitationkarriere (aus der immerhin Tinto Brass´ „Salon Kitty“ hervorkam), zieht hier als Hauptfigur Nanni Vittale alle Register.

Seine berserkerartigen Anfälle bekommen u.a. der von Richard Harrison verkörperte, ermittelnde Kommissar und Marisa Mell zu spüren, die sich zunächst unfreiwillig und danach bereitwillig ihrem Peiniger hingibt. Diese beiden sind es auch, die dafür sorgen, dass der Film nicht nur zur One-Man Show für Berger wird. In einer weiteren Nebenrolle sieht man noch den Nello Pazzafini, der einigen vielleicht aus den Sergio Sollima-Italowestern wie „Von Angesicht zu Angesicht“ bekannt sein dürfte.
Dass die Handlung gerademal ein dürftiges Gerüst für die episodenhaften Exzesse Vittales darstellt, ist verschmerzbar - denn wo „Der Tollwütige“ nicht mit Handlung oder gar Logik punktet, da trumpft er mit seiner schieren Zügellosigkeit auf. An sadistischer Gewalt ist der Film tatsächlich schwer zu überbieten: Da werden Unschuldige wahllos gefoltert oder - in einer besonders einprägsamen Szene - Verräter mit Kalk übergossen und lebendig begraben.

Das ganze abgründige Treiben wird von einem einzigartigen Score von Umberto Smaila untermalt. Der Soundtrack besteht zwar nur aus einem bzw. zwei Stücken die ad nauseam wiederholt werden, aber schon nach dem ersten Hören bleibt der einprägsam minimalistische Track mit dem der Charakter des Nanni Vittale eingeführt wird im Gedächtnis. Für Helmut Berger-Fans ist der Film natürlich Pflicht, denn was er hier für ein Feuerwerk an Verkommenheit abfackelt, ist wahrlich einmalig.


Dennoch muss man einräumen, dass dieser Film sicher nicht jedem uneingeschränkt zu empfehlen ist: Dafür verzichtet er zu sehr auf eine im herkömmlichen Sinne stringente und logische Handlung und ist im Gezeigten sicher zu extrem: Alteingesessene Genrefans, die diesen zu Unrecht vergessenen Film noch nicht kennen, werden allerdings ihre wahre Freude mit einem der schmutzigsten Italo-Reißer haben, doch wer bis jetzt mit Poliziottesco & Co nichts anfangen konnte , wird seine Einstellung diesen Subgenres gegenüber nach dem Genuss des Films nur bestätigt wissen.