Mittwoch, 14. Oktober 2026

OTTO AUDIO II II II II Test – Schwere Materie

Credit Bild: © Otto Audio
Wie muss der perfekte Heavy-Sound eigentlich klingen? Massiv und fett, so viel steht fest. Gleichzeitig aber definiert, aggressiv und durchsetzungsfähig – mit jener beinahe körperlichen Wucht, die den Metal und seine Subgenres auszeichnen. Das Problem dabei: Was auf dem Papier nach einer relativ einfachen Gleichung klingt, ist in der Praxis ein permanenter Balanceakt. Zu viel Low End und der vermeintlich monumentale Gitarrensound verwandelt sich im Mix in Brei. Zu viel Tightness und aus dem mächtigen Riff wird plötzlich ein dünnes Maschinengewehr. Zu viel Gain wiederum macht zwar zunächst Eindruck, nimmt dem Anschlag aber irgendwann genau jene Kontur, die Heavy erst wirklich heavy macht.

Umso interessanter ist, wie unterschiedlich die einzelnen Amp-Sim-Entwickler diese Gleichung lösen. Manche orientieren sich möglichst exakt an legendären Verstärkern, andere bauen gleich komplette virtuelle Gitarren-Rigs inklusive Pedalboard, Raum und Post-FX. Otto Audio schlägt mit dem kryptisch betitelten II II II II einen anderen Weg ein. Die High-Gain-Amp-Sim steht mit beiden Beinen tief in der Welt großer klassicher Röhrenverstärker, will sich aber ausdrücklich nicht auf die digitale Reproduktion eines einzigen Klassikers reduzieren lassen. Stattdessen geht es um eine Art frei formbaren Heavy-Amp – einen Verstärker, der bekannte Gene besitzt und trotzdem erstaunlich schnell seine ganz eigene Sprache spricht.

Mehr Röhre im Rechner

Schon beim ersten Anspielen fällt auf, wie röhrig und analog der II II II II klingt. Die Gain-Struktur wirkt organisch, die Verzerrung sitzt nicht einfach wie eine zusätzliche Schicht auf dem Signal, sondern verändert sich mit Anschlag, Dynamik und Spielweise. Akkorde besitzen trotz massiver Sättigung Struktur, Palm Mutes entwickeln diesen kurzen körperlichen Schub aus den Lautsprechern und einzelne Noten bekommen beim Ausklingen jene leicht unberechenbare Obertonbewegung, die man bei wirklich guten Röhren-Amps so schätzt.

Keine Spur also von jener zweidimensionalen „Digitalness“, die manchen Amp-Sim-Sound zwar technisch sauber, aber emotional ungefähr so aufregend wie ein Excel-Sheet wirken lassen kann. Der II II II II klingt ausgesprochen analog, ausgesprochen röhrig und vor allem lebendig. Das heißt nicht, dass man plötzlich vergisst, vor Studiomonitoren zu sitzen. Aber die Illusion funktioniert erstaunlich gut – und vor allem reagiert der Amp so, dass man unweigerlich anders spielt.

Dabei ist die Ausstattung für heutige Amp-Sim-Verhältnisse zunächst geradezu spartanisch – oder, je nach Perspektive, wohltuend reduziert. Es gibt kein virtuelles Pedalboard mit zwölf Overdrives, kein Delay, keinen Hall und keinen Effektzirkus, der aus einem Amp-Plugin gleich noch eine komplette DAW innerhalb der DAW machen möchte. Das mag in einer Zeit immer komplexerer All-in-One-Gitarrensuiten fast schon archaisch wirken. Im Studio-Alltag stört es mich persönlich allerdings überhaupt nicht: In Pro Tools mische ich ohnehin Eventide Harmonizer, Circular Delay, Reverb oder andere bevorzugte Effekte bei. Nur wer von seiner Amp-Sim zwingend eine komplette Signal Chain vom Tuner bis zum Mastering erwartet, dürfte hier zunächst etwas vermissen.

Entscheidend sind letztlich ohnehin zwei Dinge: Bedienbarkeit und Klang. Und klanglich spielt der II II II II ganz weit vorne mit.

Denn dieser Amp ist nur auf den ersten Blick simpel. Unter der Oberfläche steckt vielmehr ein erstaunlich umfangreicher Klangbaukasten – und genau dort beginnt seine eigentliche Faszination.

Klang-Chamäleon

Der II II II II lässt sich in vollkommen unterschiedliche Richtungen tunen – dank einiger Besonderheiten des virtuellen Schaltkreises hat man es beinahe mit einem Modeler zu tun, der klanglich in zahlreiche Richtungen gehen kann. Vom tief gestimmten 7- oder 8-String-Brett bis zu deutlich klassischeren High-Gain-Sounds reicht die Palette erstaunlich weit. Er kann an Mesa gemahnen, an Soldano erinnern, die aggressive Direktheit moderner Amps liefern oder sich wesentlich traditioneller und rockiger geben. Oder komplett eigen tönen. Für unterschiedlichste Heavy-Spielarten kann sich das Plugin dadurch als Schweizer Taschenmesser entpuppen – nur eben eines mit ziemlich scharfer Klinge.

Gerade im Produktionsalltag ist das enorm praktisch. Man kann den II II II II problemlos auf mehreren Gitarrenspuren einsetzen und trotzdem deutlich unterschiedliche Rhythmus-, Layer- und Lead-Sounds erzeugen, ohne für jede Spur den kompletten virtuellen Amppark wechseln zu müssen. Gerade beim Quad-Tracking oder generell bei dichten Metal-Produktionen ist das ein echtes Argument. Schließlich entscheidet nicht nur, ob eine einzelne Gitarre isoliert gigantisch klingt, sondern ob mehrere unterschiedliche Sounds innerhalb eines Songs oder Albums nebeneinander funktionieren, ohne dass am Ende alles wie dasselbe Preset in leicht veränderter Lautstärke wirkt.

Boutique Metal

Was der Otto Audio II II II II grundsätzlich anders angeht als viele klassische Amp-Sims, ist die Art der Klangformung. Ein wesentlicher Teil des Konzepts läuft über sogenannte Impedance Curves, die nicht nur den Frequenzgang, sondern vor allem das Spielgefühl teilweise drastisch verändern können. Neun unterschiedliche Kurven stehen zur Verfügung und reichen klanglich von stärker gescoopten Varianten über ausgewogenere Abstimmungen bis zu deutlich mittigeren und offensiveren Settings.

Das klingt zunächst nach einer jener Funktionen, die Gear-Nerds begeistert und alle anderen innerhalb von fünf Sekunden zum nächsten Preset flüchten lässt. In der Praxis ist der Unterschied jedoch unmittelbar hör- und vor allem spürbar. Denn die Interaktion zwischen Verstärker und Lautsprecher gehört zu jenen Bereichen, die bei vielen Amp-Sims vergleichsweise statisch bleiben. Hier lässt sich dagegen tatsächlich beeinflussen, wie der virtuelle Verstärker auf die angeschlossene Lautsprechercharakteristik reagiert.

Und wo der II II II II bei Effekten geizt, schöpft er an anderer Stelle mit gleich 22 Cabinets asu dem Vollen.

Die sogenannten Dimensional IRs umfassen 22 handverlesene Cab-Optionen, die über einen längeren Entwicklungszeitraum nach Otto Audios eigener Methodik entstanden sind.

Wall of Sound auf Knopfdruck

Besonders interessant wird es mit dem sogenannten GROUND BREAKING WIIIDT-Effekt. Dahinter steckt ein Double-Tracking-artiger Wall-of-Sound-Effekt, mit dem bereits beim einzelnen Einspielen der Eindruck einer wesentlich breiteren Gitarrenwand entsteht.

Als klassischer Ersatz für sauber eingespieltes Double Tracking würde ich das nicht betrachten. Als Writing- und Riffing-Tool macht die Funktion allerdings ausgesprochen viel Spaß. Man spielt einen Part und bekommt unmittelbar einen Eindruck davon, wie dessen Gewicht und Breite später innerhalb eines größeren Arrangements wirken könnten. Gerade beim Schreiben schwerer Gitarrenmusik ist das nicht zu unterschätzen, denn ein Sound, der solo gigantisch erscheint, kann im fertigen Mix überraschend klein werden – während ein vermeintlich unspektakulärer Rhythmus-Sound plötzlich exakt jene Lücke füllt, die ihm Bass, Drums und zweite Gitarre überlassen.

Der Width-Modus funktioniert deshalb ein wenig wie eine Vorschau auf die spätere Gitarrenwand. Und ja: Das kann ziemlich süchtig machen. Ein simpler Chug, ein paar Sekunden spielen – und plötzlich klingt der Rechner, als wäre zumindest ein Teil der Platte längst produziert.

Das verleitet zwar dazu, länger zu riffen als ursprünglich geplant. Für eine Gitarren-Amp-Sim ist das allerdings wahrscheinlich eines der schöneren Probleme.

Tiefer, noch tiefer….

Noch interessanter finde ich das von Otto Audio als Descending Harmonics™ bezeichnete Konzept. Hinter dem Namen steckt letztlich etwas, das High-Gain-Gitarristen seit Jahren suchen: tiefer stimmen, dicker chuggen und trotzdem Definition behalten.Gerade bei Drop-Tunings, Bariton- oder Extended-Range-Gitarren ist das alles andere als selbstverständlich. Mehr Gain bedeutet schließlich nicht automatisch mehr Heavy. Irgendwann verwandelt sich ein vermeintlich mächtiges Low End schlicht in Brei, die Transienten verschwinden und aus dem tonnenschweren Riff wird ein undefiniertes tiefes Geräusch.

Genau hier spielt der II II II II eine seiner größten Stärken aus. Er schafft es erstaunlich gut, tiefe Frequenzen kontrolliert und gleichzeitig physisch wirken zu lassen. Die Anschläge bleiben definiert, während untere Mitten und Bässe trotzdem nicht künstlich ausgehöhlt oder steril wirken. Das Resultat ist dieses schwer zu treffende Verhältnis aus Tightness und Größe: präzise genug für schnelle, rhythmisch komplexe Parts, aber gleichzeitig massiv genug, damit ein einzelner Akkord tatsächlich Raum einnimmt.

Unter der Haube

Wer tiefer einsteigen möchte, findet im II II II II deutlich mehr Stellschrauben, als die zunächst reduzierte Erscheinung vermuten lässt. Power-Amp-Parameter, Bias, Resonance, Voltage Sag, Feedback Circuit, Speaker Load, Impedance Curves und die bereits erwähnten Dimensional IRs erlauben Eingriffe weit unterhalb dessen, was bei vielen Amp-Sims überhaupt zugänglich ist. Hinzu kommen unterschiedliche Endröhrenmodelle auf Basis von EL34, 6L6 und KT88 sowie modellierte 12AX7-Trioden in Preamp und Phase Inverter.

Damit verwandelt sich das vermeintlich minimalistische Plugin plötzlich in einen ziemlich ausgewachsenen Amp-Tweaker-Spielplatz. Und genau darin liegt eine gewisse Ironie des Konzepts: Von außen wirkt der II II II II wie ein schnörkelloser Boutique-Amp für Leute, die einfach Gitarre anschließen und loslegen möchten. Darunter steckt jedoch ein komplexes digitales Verstärkermodell, an dem sich ambitionierte Sounddesigner theoretisch stundenlang festschrauben können.

Bereits die 13 grundlegenden Auswahlmöglichkeiten in der Main Section eröffnen eine große Anzahl unterschiedlicher Grundcharaktere. Dazu kommen der Output Circuit Mod, verschiedene Overdrive-Optionen und die Möglichkeit, die internen IRs zu umgehen und eigene Cabinet-Impulse einzusetzen.

Der Punish-Modus zieht die Ansprache noch einmal enger und erhöht gleichzeitig die Sättigung. +10 dB funktioniert als zusätzlicher Gain-Schub, während +LOW einen interessanten Gegenentwurf zum klassischen Overdrive-Boost darstellt: Statt vor dem Amp vor allem Bass wegzunehmen, wird der Low-End-Bereich des Overdrive Circuits bewusst angehoben.

Das ist schon ziemlich nerdig. Aber auf die gute Art – weil diese Funktionen eben nicht nur Zahlen und Schalter auf der Rückseite darstellen, sondern tatsächlich Einfluss darauf haben, wie sich der Amp unter den Fingern verhält.

Fazit

Der Sound dieses Amps ist massiv, aber nicht stumpf. Tight, ohne dünn zu werden. Aggressiv, ohne in jenes künstlich überzeichnete obere Mittenbrett zu kippen, mit dem manche moderne Metal-Amp-Sims vermeintliche Durchsetzungskraft erzwingen.

Natürlich ist das Konzept nicht für jeden perfekt. Wer eine komplette All-in-One-Gitarrensuite mit Delay, Reverb, Modulation, umfangreichem Pedalboard und hundert Effektmöglichkeiten sucht, bekommt andernorts deutlich mehr. Otto Audio konzentriert sich stattdessen auf das eigentliche Zentrum der Angelegenheit: den Amp.

 

Im Kern muss man dem Otto Audio II II II II etwas attestieren, das im Jahr 2026 angesichts der schieren Menge hervorragender Amp-Sims längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist: Er klingt eigenständig.

Nicht völlig losgelöst von der Geschichte großer High-Gain-Amps – das wäre ohnehin unrealistisch –, aber weit genug von bekannt Formeln entfernt, um trotz des Alters dieses Plugins nach wie vor einen eigenen Platz im virtuellen Amprack zu beanspruchen.