Wie muss der
perfekte Heavy-Sound eigentlich klingen? Massiv und fett, so viel steht fest.
Gleichzeitig aber definiert, aggressiv und durchsetzungsfähig – mit jener
beinahe körperlichen Wucht, die den Metal und seine Subgenres auszeichnen. Das
Problem dabei: Was auf dem Papier nach einer relativ einfachen Gleichung
klingt, ist in der Praxis ein permanenter Balanceakt. Zu viel Low End und der
vermeintlich monumentale Gitarrensound verwandelt sich im Mix in Brei. Zu viel
Tightness und aus dem mächtigen Riff wird plötzlich ein dünnes Maschinengewehr.
Zu viel Gain wiederum macht zwar zunächst Eindruck, nimmt dem Anschlag aber
irgendwann genau jene Kontur, die Heavy erst wirklich heavy macht.
Credit Bild: © Otto Audio
Umso
interessanter ist, wie unterschiedlich die einzelnen Amp-Sim-Entwickler diese
Gleichung lösen. Manche orientieren sich möglichst exakt an legendären
Verstärkern, andere bauen gleich komplette virtuelle Gitarren-Rigs inklusive
Pedalboard, Raum und Post-FX. Otto Audio schlägt mit dem kryptisch betitelten
II II II II einen anderen Weg ein. Die High-Gain-Amp-Sim steht mit beiden
Beinen tief in der Welt großer klassicher Röhrenverstärker, will sich aber
ausdrücklich nicht auf die digitale Reproduktion eines einzigen Klassikers
reduzieren lassen. Stattdessen geht es um eine Art frei formbaren Heavy-Amp –
einen Verstärker, der bekannte Gene besitzt und trotzdem erstaunlich schnell
seine ganz eigene Sprache spricht.
Mehr Röhre
im Rechner
Schon beim
ersten Anspielen fällt auf, wie röhrig und analog der II II II II klingt. Die
Gain-Struktur wirkt organisch, die Verzerrung sitzt nicht einfach wie eine
zusätzliche Schicht auf dem Signal, sondern verändert sich mit Anschlag,
Dynamik und Spielweise. Akkorde besitzen trotz massiver Sättigung Struktur,
Palm Mutes entwickeln diesen kurzen körperlichen Schub aus den Lautsprechern
und einzelne Noten bekommen beim Ausklingen jene leicht unberechenbare
Obertonbewegung, die man bei wirklich guten Röhren-Amps so schätzt.
Keine Spur also
von jener zweidimensionalen „Digitalness“, die manchen Amp-Sim-Sound zwar
technisch sauber, aber emotional ungefähr so aufregend wie ein Excel-Sheet
wirken lassen kann. Der II II II II klingt ausgesprochen analog, ausgesprochen
röhrig und vor allem lebendig. Das heißt nicht, dass man plötzlich vergisst,
vor Studiomonitoren zu sitzen. Aber die Illusion funktioniert erstaunlich gut –
und vor allem reagiert der Amp so, dass man unweigerlich anders spielt.
Dabei ist die
Ausstattung für heutige Amp-Sim-Verhältnisse zunächst geradezu spartanisch –
oder, je nach Perspektive, wohltuend reduziert. Es gibt kein virtuelles
Pedalboard mit zwölf Overdrives, kein Delay, keinen Hall und keinen
Effektzirkus, der aus einem Amp-Plugin gleich noch eine komplette DAW innerhalb
der DAW machen möchte. Das mag in einer Zeit immer komplexerer
All-in-One-Gitarrensuiten fast schon archaisch wirken. Im Studio-Alltag stört
es mich persönlich allerdings überhaupt nicht: In Pro Tools mische ich ohnehin
Eventide Harmonizer, Circular Delay, Reverb oder andere bevorzugte Effekte bei.
Nur wer von seiner Amp-Sim zwingend eine komplette Signal Chain vom Tuner bis
zum Mastering erwartet, dürfte hier zunächst etwas vermissen.
Entscheidend
sind letztlich ohnehin zwei Dinge: Bedienbarkeit und Klang. Und klanglich
spielt der II II II II ganz weit vorne mit.
Denn dieser Amp
ist nur auf den ersten Blick simpel. Unter der Oberfläche steckt vielmehr ein
erstaunlich umfangreicher Klangbaukasten – und genau dort beginnt seine
eigentliche Faszination.
Klang-Chamäleon
Der II II II II
lässt sich in vollkommen unterschiedliche Richtungen tunen – dank einiger Besonderheiten
des virtuellen Schaltkreises hat man es beinahe mit einem Modeler zu tun, der klanglich
in zahlreiche Richtungen gehen kann. Vom tief gestimmten 7- oder 8-String-Brett
bis zu deutlich klassischeren High-Gain-Sounds reicht die Palette erstaunlich
weit. Er kann an Mesa gemahnen, an Soldano erinnern, die aggressive Direktheit
moderner Amps liefern oder sich wesentlich traditioneller und rockiger geben. Oder
komplett eigen tönen. Für unterschiedlichste Heavy-Spielarten kann sich das
Plugin dadurch als Schweizer Taschenmesser entpuppen – nur eben eines mit
ziemlich scharfer Klinge.
Gerade im
Produktionsalltag ist das enorm praktisch. Man kann den II II II II problemlos
auf mehreren Gitarrenspuren einsetzen und trotzdem deutlich unterschiedliche
Rhythmus-, Layer- und Lead-Sounds erzeugen, ohne für jede Spur den kompletten
virtuellen Amppark wechseln zu müssen. Gerade beim Quad-Tracking oder generell
bei dichten Metal-Produktionen ist das ein echtes Argument. Schließlich
entscheidet nicht nur, ob eine einzelne Gitarre isoliert gigantisch klingt,
sondern ob mehrere unterschiedliche Sounds innerhalb eines Songs oder Albums
nebeneinander funktionieren, ohne dass am Ende alles wie dasselbe Preset in
leicht veränderter Lautstärke wirkt.
Boutique
Metal
Was der Otto
Audio II II II II grundsätzlich anders angeht als viele klassische Amp-Sims,
ist die Art der Klangformung. Ein wesentlicher Teil des Konzepts läuft über
sogenannte Impedance Curves, die nicht nur den Frequenzgang, sondern vor allem
das Spielgefühl teilweise drastisch verändern können. Neun unterschiedliche
Kurven stehen zur Verfügung und reichen klanglich von stärker gescoopten
Varianten über ausgewogenere Abstimmungen bis zu deutlich mittigeren und
offensiveren Settings.
Das klingt
zunächst nach einer jener Funktionen, die Gear-Nerds begeistert und alle
anderen innerhalb von fünf Sekunden zum nächsten Preset flüchten lässt. In der
Praxis ist der Unterschied jedoch unmittelbar hör- und vor allem spürbar. Denn
die Interaktion zwischen Verstärker und Lautsprecher gehört zu jenen Bereichen,
die bei vielen Amp-Sims vergleichsweise statisch bleiben. Hier lässt sich
dagegen tatsächlich beeinflussen, wie der virtuelle Verstärker auf die
angeschlossene Lautsprechercharakteristik reagiert.
Und wo der II
II II II bei Effekten geizt, schöpft er an anderer Stelle mit gleich 22
Cabinets asu dem Vollen.
Die sogenannten
Dimensional IRs umfassen 22 handverlesene Cab-Optionen, die über einen längeren
Entwicklungszeitraum nach Otto Audios eigener Methodik entstanden sind.
Wall of Sound auf Knopfdruck
Besonders
interessant wird es mit dem sogenannten GROUND BREAKING WIIIDT-Effekt. Dahinter
steckt ein Double-Tracking-artiger Wall-of-Sound-Effekt, mit dem bereits beim
einzelnen Einspielen der Eindruck einer wesentlich breiteren Gitarrenwand
entsteht.
Als klassischer
Ersatz für sauber eingespieltes Double Tracking würde ich das nicht betrachten.
Als Writing- und Riffing-Tool macht die Funktion allerdings ausgesprochen viel
Spaß. Man spielt einen Part und bekommt unmittelbar einen Eindruck davon, wie dessen
Gewicht und Breite später innerhalb eines größeren Arrangements wirken könnten.
Gerade beim Schreiben schwerer Gitarrenmusik ist das nicht zu unterschätzen,
denn ein Sound, der solo gigantisch erscheint, kann im fertigen Mix
überraschend klein werden – während ein vermeintlich unspektakulärer
Rhythmus-Sound plötzlich exakt jene Lücke füllt, die ihm Bass, Drums und zweite
Gitarre überlassen.
Der Width-Modus
funktioniert deshalb ein wenig wie eine Vorschau auf die spätere Gitarrenwand.
Und ja: Das kann ziemlich süchtig machen. Ein simpler Chug, ein paar Sekunden
spielen – und plötzlich klingt der Rechner, als wäre zumindest ein Teil der
Platte längst produziert.
Das verleitet
zwar dazu, länger zu riffen als ursprünglich geplant. Für eine Gitarren-Amp-Sim
ist das allerdings wahrscheinlich eines der schöneren Probleme.
Tiefer, noch tiefer….
Noch
interessanter finde ich das von Otto Audio als Descending Harmonics™
bezeichnete Konzept. Hinter dem Namen steckt letztlich etwas, das
High-Gain-Gitarristen seit Jahren suchen: tiefer stimmen, dicker chuggen und
trotzdem Definition behalten.Gerade bei Drop-Tunings, Bariton- oder
Extended-Range-Gitarren ist das alles andere als selbstverständlich. Mehr Gain
bedeutet schließlich nicht automatisch mehr Heavy. Irgendwann verwandelt sich
ein vermeintlich mächtiges Low End schlicht in Brei, die Transienten
verschwinden und aus dem tonnenschweren Riff wird ein undefiniertes tiefes
Geräusch.
Genau hier
spielt der II II II II eine seiner größten Stärken aus. Er schafft es
erstaunlich gut, tiefe Frequenzen kontrolliert und gleichzeitig physisch wirken
zu lassen. Die Anschläge bleiben definiert, während untere Mitten und Bässe
trotzdem nicht künstlich ausgehöhlt oder steril wirken. Das Resultat ist dieses
schwer zu treffende Verhältnis aus Tightness und Größe: präzise genug für
schnelle, rhythmisch komplexe Parts, aber gleichzeitig massiv genug, damit ein
einzelner Akkord tatsächlich Raum einnimmt.
Unter der
Haube
Wer tiefer einsteigen möchte, findet im II II II II deutlich mehr Stellschrauben, als die zunächst reduzierte Erscheinung vermuten lässt. Power-Amp-Parameter, Bias, Resonance, Voltage Sag, Feedback Circuit, Speaker Load, Impedance Curves und die bereits erwähnten Dimensional IRs erlauben Eingriffe weit unterhalb dessen, was bei vielen Amp-Sims überhaupt zugänglich ist. Hinzu kommen unterschiedliche Endröhrenmodelle auf Basis von EL34, 6L6 und KT88 sowie modellierte 12AX7-Trioden in Preamp und Phase Inverter.
Damit
verwandelt sich das vermeintlich minimalistische Plugin plötzlich in einen
ziemlich ausgewachsenen Amp-Tweaker-Spielplatz. Und genau darin liegt eine
gewisse Ironie des Konzepts: Von außen wirkt der II II II II wie ein
schnörkelloser Boutique-Amp für Leute, die einfach Gitarre anschließen und
loslegen möchten. Darunter steckt jedoch ein komplexes digitales
Verstärkermodell, an dem sich ambitionierte Sounddesigner theoretisch
stundenlang festschrauben können.
Bereits die 13
grundlegenden Auswahlmöglichkeiten in der Main Section eröffnen eine große
Anzahl unterschiedlicher Grundcharaktere. Dazu kommen der Output Circuit Mod,
verschiedene Overdrive-Optionen und die Möglichkeit, die internen IRs zu
umgehen und eigene Cabinet-Impulse einzusetzen.
Der
Punish-Modus zieht die Ansprache noch einmal enger und erhöht gleichzeitig die
Sättigung. +10 dB funktioniert als zusätzlicher Gain-Schub, während +LOW einen
interessanten Gegenentwurf zum klassischen Overdrive-Boost darstellt: Statt vor
dem Amp vor allem Bass wegzunehmen, wird der Low-End-Bereich des Overdrive
Circuits bewusst angehoben.
Das ist schon
ziemlich nerdig. Aber auf die gute Art – weil diese Funktionen eben nicht nur
Zahlen und Schalter auf der Rückseite darstellen, sondern tatsächlich Einfluss
darauf haben, wie sich der Amp unter den Fingern verhält.
Fazit
Der Sound dieses
Amps ist massiv, aber nicht stumpf. Tight, ohne dünn zu werden. Aggressiv, ohne
in jenes künstlich überzeichnete obere Mittenbrett zu kippen, mit dem manche
moderne Metal-Amp-Sims vermeintliche Durchsetzungskraft erzwingen.
Natürlich ist
das Konzept nicht für jeden perfekt. Wer eine komplette
All-in-One-Gitarrensuite mit Delay, Reverb, Modulation, umfangreichem
Pedalboard und hundert Effektmöglichkeiten sucht, bekommt andernorts deutlich
mehr. Otto Audio konzentriert sich stattdessen auf das eigentliche Zentrum der
Angelegenheit: den Amp.
Im Kern muss
man dem Otto Audio II II II II etwas attestieren, das im Jahr 2026 angesichts
der schieren Menge hervorragender Amp-Sims längst keine Selbstverständlichkeit
mehr ist: Er klingt eigenständig.
Nicht völlig
losgelöst von der Geschichte großer High-Gain-Amps – das wäre ohnehin
unrealistisch –, aber weit genug von bekannt Formeln entfernt, um trotz des
Alters dieses Plugins nach wie vor einen eigenen Platz im virtuellen Amprack zu
beanspruchen.