Adam „Nolly“ Getgood
hat den modernen Sound des Progressive Metal nicht nur als Bassist von
Periphery, sondern vor allem als Produzent, Engineer und Sound-Tüftler
entscheidend mitgeprägt – und genau diese Perspektive merkt man auch seiner
Signature-Amp-Sim der finnischen Plugin-Spezialisten Neural DSP an..png)
Credit Bild: © Neural DSP
Einerseits liefert Archetype:
Nolly X prototypische Rock- und Metal-Sounds, andererseits ist das Plugin
ein erstaunlich flexibles Produktionswerkzeug, das sich problemlos in
unterschiedlichste musikalische Umgebungen einfügt. Dahinter steckt die Idee
einer kompletten Signalkette, in der Amp, Cabinet, Mikrofonierung, Effekte und
in weiterer Folge auch das Mixing als zusammenhängende musikalische Einheit
gedacht werden.
Und genau hier glänzt Nolly
X . Die Verzerrung klingt harmonisch reichhaltig, ohne unnötig aufgeblasen zu
wirken, präzise, ohne steril zu werden, und modern, ohne automatisch in jene
klinische Djent-Ecke abzubiegen, in der jeder Palm Mute wie mit dem Lineal
gezogen klingt. Der Grundcharakter besitzt etwas ausgesprochen Produziertes,
ohne glatt zu wirken.
Moderner Klassiker
Archetype: Nolly ist
mittlerweile selbst so etwas wie ein moderner Klassiker unter den
Gitarren-Plugins. Mit der aktualisierten X-Version hat Neural DSP das Konzept
nicht vollständig neu erfunden, sondern an den entscheidenden Stellen renoviert.
Zusätzliche Speaker-Optionen, ein Room-Reverb, der neue Nolly’s Mod für den
grafischen EQ sowie Funktionen wie Transpose, Doubler, Live Tuner und Metronom
holen das Plugin technisch in die aktuelle Neural-DSP-Generation. Das Resultat
ist weniger ein komplett neues Nolly als vielmehr die Deluxe-Version eines
ohnehin hervorragenden Originals – flexibler, komfortabler und bei der
Klangformung noch einmal ein gutes Stück vielseitiger.
Grundsätzlich folgt die
Archetype-Serie einem interessanten Prinzip. Statt einen historischen
Verstärker nachzubauen und dessen Frontplatte möglichst detailgetreu auf den
Bildschirm zu verpflanzen, übersetzt Neural DSP die klangliche Welt eines
Musikers in eine komplette virtuelle Arbeitsumgebung. Bei Nolly passt diese
Idee besonders gut, weil sein Sound ohnehin weniger an einem einzigen
legendären Amp hängt als daran, wie er Verstärker auswählt, modifiziert,
mikrofoniert und anschließend in einer Produktion platziert.
Amp, Cabinet,
Mikrofonierung, Pedale, EQ und Effekte stehen deshalb nicht isoliert
nebeneinander, sondern wirken wie Bestandteile eines aufeinander abgestimmten
Systems. Das erspart die virtuelle Studioregie aus fünf verschiedenen Plugins
und liefert relativ schnell einen Sound, der bereits dort sitzt, wo eine
Gitarre im Mix später ohnehin landen soll. Gleichzeitig bleibt genügend
Spielraum, das Ganze in eine vollkommen andere Richtung zu ziehen.
Genau darin besteht
letztlich der Reiz einer guten Signature-Suite: nicht darin, plötzlich
möglichst exakt wie Periphery zu klingen, sondern mit Nollys Werkzeugen den
eigenen Sound zu bauen.
Bread, Butter und
ein bisschen mehr
Vor den Amps stehen
ein Solid-State-Kompressor, zwei unterschiedliche Overdrive- beziehungsweise
Booster-Varianten und ein Delay bereit. Hinter Amp und Cabinet folgen ein
weiteres Delay und Reverb; mit der X-Version ist zusätzlich ein Room-Reverb
hinzugekommen. Der grafische 9-Band-EQ wurde wiederum um Nolly’s Mod
erweitert, der Frequenzbereiche und Q-Werte verändert und damit bei Bedarf
deutlich drastischere Eingriffe ermöglicht.
Was fehlt, ist eine
eigene Modulationssektion. Chorus, Phaser, Flanger oder Tremolo sucht man hier
vergeblich. Angesichts mancher aktueller Gitarren-Suites, die mittlerweile
ungefähr den Funktionsumfang eines mittelgroßen Pedalshops in ein einziges
Plugin quetschen, fällt das durchaus auf. Zum vollkommenen
All-in-One-Gitarrenuniversum wird Nolly X deshalb nicht.
Mich stört das im
Studio allerdings kaum. In meinem Wet-Dry-Wet-Setup in Pro Tools mische ich
ohnehin bevorzugte Harmonizer-, Delay-, Reverb- und Modulations-Plugins hinzu.
Entscheidend ist für mich vielmehr, ob das Fundament stimmt – und genau dort
spielt Nolly X seine größte Stärke aus.
Bekannte Klassiker
neu interpretiert
Der eigentliche Clou
sitzt in der Amp-Sektion. Vier Verstärker decken Clean, Crunch, Rhythm und Lead
ab, was zunächst fast unspektakulär klingt. Dahinter stehen allerdings Modelle
von Nollys eigenen, teilweise erheblich modifizierten Röhren-Amps – und genau dieser
Zusatz macht den Unterschied.
Als Ausgangspunkte gelten unter anderem ein Bogner Shiva, ein modifizierter Marshall JCM800 2203, ein Peavey 5150 Block Letter sowie ein stark veränderter Victory V30 Countess. Entscheidend ist dabei weniger das Namedropping als der Umstand, dass diese Amps längst durch Nollys eigene klangliche Vorstellung gegangen sind. Gerade beim Rhythm-Modell handelt es sich deshalb eben nicht um einen Stock-5150, sondern um Nollys eigenen modifizierten 5150 – und genau diese Producer-Handschrift hört man dem Ergebnis an.
Der erste Amp
übernimmt die Clean-Abteilung und liefert einen offenen, großen Grundsound mit
reichlich Headroom für breite Akkorde, atmosphärische Voicings und moderne
Cleans. Er bleibt klar, ohne dünn oder klinisch zu werden, und besitzt genug
Körper, um auch vollkommen trocken gespielt zu funktionieren.
Amp zwei ist dagegen
der Rock’n’Roller des Quartetts. Britisch bissig in den Mitten und mit angenehm
rauer Obertonstruktur funktioniert er von angezerrten Sounds über Classic und
Alternative Rock bis zu ausgewachsenem Hard Rock. Mit einem vorgeschalteten
Overdrive lässt sich das Ganze wiederum erstaunlich weit Richtung Heavy treiben
– einer der Gründe, warum Nolly X eben wesentlich mehr kann als Prog Metal.
Amp drei ist die
Hochdruckzone. Straffes Fundament, aggressiver Attack, massig Gain und dieser
charakteristische Punch, bei dem Palm Mutes genau dort einschlagen, wo man sie
erwartet. Gleichzeitig bleibt der Sound erstaunlich kontrolliert. Das Low End
wuchert nicht aus, die Mitten behalten ihre Kontur und selbst komplexere
Akkorde verschwinden nicht sofort hinter einer Wand aus Verzerrung. Genau hier
wird die Producer-Perspektive besonders deutlich: Der Sound soll nicht allein
vor dem Rechner gigantisch wirken, sondern zwischen Bass, Kick, Snare und
weiteren Gitarrenspuren funktionieren.
Amp vier liefert
schließlich die etwas eigenwilligere High-Gain-Alternative. Seine
Obertonstruktur wirkt geschmeidiger und weniger unmittelbar aggressiv als beim
Rhythm-Modell, wodurch er sich nicht nur für singende Leads eignet, sondern
ebenso für schwere Rhythmus-Sounds, wenn man bewusst einen anderen Charakter
sucht. Die vier Verstärker ergänzen sich damit wesentlich besser, als ihre
nüchternen Bezeichnungen zunächst vermuten lassen.
Auch die
Cabinet-Sektion spielt dabei eine größere Rolle, als es die Oberfläche zunächst
suggeriert. Vier Cabinets lassen sich frei mit den Amps kombinieren, die
X-Version erweitert jede Box um eine zusätzliche Speaker-Option und insgesamt
stehen 640 IRs zur Verfügung. Das wirkt auf dem Papier zunächst nach
imposanter Zahlenspielerei, verändert den Sound in der Praxis aber teilweise
drastisch. Ein anderer Speaker oder eine neue Cab-Kombination kann aus
demselben Amp innerhalb weniger Sekunden einen deutlich fokussierteren,
breiteren oder aggressiveren Klang machen.
Mehr Rock als nur
Djent
Besonders praktisch ist,
dass der typische Nolly-Sound auch dann hervorragend funktioniert, wenn man
überhaupt keinen Progressive Metal à la Periphery spielen möchte. Unter der
modernen Oberfläche steckt nämlich schlicht ein sehr gutes Rock-Rig.
Von großen Cleans über
Edge of Breakup und klassischen Crunch bis zu Hard Rock, Alternative Metal und
massivem modernen High Gain decken die vier Amps ein erstaunlich breites Feld
ab. Selbst die Lead- und Rhythmusmodelle müssen nicht automatisch nach hypermodernem
Prog klingen. Gain zurückdrehen, ein anderes Cabinet wählen, die Mitten etwas
verschieben – und plötzlich bewegt man sich wesentlich näher an einem
klassischen Studioton als an der nächsten Djent-Wand.
Gerade darin zeigt
sich die Stärke des Konzepts. Nolly X versucht nicht, mit 35 Amps, 80 Pedalen
und einer Preset-Liste von biblischem Ausmaß zu beeindrucken. Stattdessen
bekommt man vier charakterstarke Verstärker, die man relativ schnell
kennenlernt und die sich innerhalb eines Produktionsalltags ausgesprochen gut
ergänzen.
Nach kurzer Zeit weiß
man, welcher Amp welche Rolle übernimmt, welches Cabinet ihn in die gewünschte
Richtung zieht und wann ein kleiner Eingriff am EQ genügt, statt gleich das
komplette Rig auszutauschen. Genau diese Konsequenz macht Nolly X zu einem ausgesprochen
angenehmen Arbeitswerkzeug.
Fazit
Das Neural DSP
Archetype: Nolly X gehört zu jenen Plugins, die sich erstaunlich schnell in
einer Recording-Session Platz finden – und das vor allem weil die vorhandenen
Komponenten ungewöhnlich gut ineinandergreifen. Archetype: Nolly X ist ein ein
hervorragend abgestimmtes Producer-Rig – mit Referenzqualität bei den wichtigen
Brot-und-Butter-Sounds und genug Flexibilität, um daraus deutlich mehr zu
machen als nur Periphery.