Dienstag, 21. Juli 2026

SYNAPSE AUDIO PROXIMA: Der unterschätzte Prophet im Plugin-Format

Credit Bild: © Synapse Audio
Dass sich Entwickler in der Welt der analoger Synthesizer-Emulationen vorrangig den unangefochtenen Monumenten der Musikgeschichte widmen, hat gute Gründe. Ein Prophet-5, ein Minimoog oder ein Jupiter-8 haben ganze Dekaden geprägt und ihren zeitlosen Status in der Studiowelt völlig zu Recht sicher. Doch abseits dieser Giganten schlummern in den Archiven der Synthesizer-Historie noch ganz andere, mitunter nicht minder spannende Instrumente. Mit dem Plugin Proxima richtet die deutsche Softwareschmiede Synapse Audio den Blick genau auf einen solchen klanglichen Schatz: den Sequential Circuits Prophet-600.

Im direkten Vergleich zum weitaus berühmteren großen Bruder, dem legendären Prophet-5, fristete der Prophet-600 in der öffentlichen Wahrnehmung ein Schattendasein. Dabei gebührt genau diesem Instrument ein historischer Ehrenplatz im Pantheon der Musiktechnologie: Als er Anfang der Achtzigerjahre auf den Markt kam, war er der allererste kommerzielle Synthesizer überhaupt, der eine serienmäßige MIDI-Schnittstelle aufzuweisen hatte. Zudem war er preislich deutlich erschwinglicher kalkuliert als der für viele unlesitbare Nobel-Kultsynth Prophet-5. Damit stieß er die Studiotüren weit auf und ebnete einer ganzen Generation von Musikern den Weg in die polyphone, vernetzte Studio-Zukunft.

Dunkle Schwere und Achtziger-Nostalgie

Dass Synapse Audio ein goldenes Händchen für die Rekonstruktion analoger Schaltkreise besitzt, haben sie in der Vergangenheit oft genug bewiesen – man denke an Hans Zimmers Cinematic Synth The Legend HZ oder ihre Oberheim-Emulation namens Obsession. Auch beim Proxima wird diese Expertise sofort spürbar. Jene charakteristische dunkle Bassigkeit und die physisch greifbare, analoge Schwere - die man getrost als klangliche Signature und Qualitätsmerkmal der Synthesizer-Designs von Synapse Audio bezeichnen darf - dominiert und zeichnet auch dieses Plugin in exemplarischer Weise aus. Der Proxima klingt nicht nach sterilem Code, er atmet den ungeschminkten, leicht unberechenbaren Geist echter Vintage Hardware.

Die popkulturellen Referenzen springen einen beim ersten Anspielen der Presets geradezu an. Die Synth-Pioniere der US-Band Mr. Mister sollen den Original-Synth angeblich intensiv bei ihrem Welthit „Kyrie“ eingesetzt haben - und exakt so klingt die Engine des Plugins auch: unverhohlen und kompromisslos nach den glorreichen Eighties. Das ist Nostalgie pur, allerdings ohne den typischen, dünnen Plastik-Beigeschmack.

Der „kleine“ Prophet

Hinter der nostalgischen Fassade verbirgt sich jedoch noch mehr: nämlich ein beachtliches Arbeitspferd für den modernen Studioalltag. Die dem Original inhärente Flexibilität wurde von Synapse Audio perfekt in die digitale Domäne übersetzt und erweitert, etwa um die bekannten Modulationseffekte des Herstellers.  Der Proxima erweist sich als erstaunlich vielseitiges Chamäleon: Charakteristische, wunderbar schräge „Faux Strings“, dichte, analog flirrende Pads und markerschütternde Bass-Strukturen, die im Low-End wunderbar aufräumen - hier ist schlicht alles da, was das Producer-Herz begehrt. Der Synth lädt mit seiner aufgeräumten Oberfläche dazu ein, zu experimentieren. Es ist faszinierend, wie mühelos der Spagat zwischen historisch akkurater Retro-Ästhetik und modernem, Mix-ready-Sounddesign gelingt. Jedes Filter-Routing und jede Modulationsstufe verhält sich so organisch, wie man es von erstklassigen analogen Emulationen erwartet.

Donnerstag, 16. Juli 2026

UVI RUMBLE Test: It’s all about The Bass

UVI Rumble Bass Synth GUI
Credit Bild: © UVI
Es ist eine grundlegende Wahrheit im weiten Feld der  Musik: Der Bass bildet meist das unumstößliche Fundament, die architektonische Basis, auf der viele  gelungene Produktion ruhen -  und das gilt ganz besonders im modernen „Synth Land“. Die Bandbreite dessen, was der tieffrequente Bereich heute leisten muss, ist gewaltig. Sie reicht von den federnden Basslines bis hin zu den dräuenden, von tiefem Unheil kündenden Akzenten des modernen Satzbettes im zeitgenössischen Scoring. Denken wir nur an John Carpenters minimalistische, unter die Haut gehende Pedal Tones, die pure Paranoia evozieren, oder im krassen Gegensatz dazu an jene markerschütternden Subs und rhythmischen Breaks, welche die aufgepeitschte Menge auf einem hippen Dance Festival zur Ekstase treiben. Bass und Synthesizer — das ist seit jeher eine symbiotische Verbindung, eine Liebesbeziehung der organischen Urgewalt.

Genau hier setzt die französische Softwareschmiede UVI mit ihrem neuesten Wurf Rumble an. Ein Instrument, das dezidiert dafür entwickelt wurde, den vielschichtigen Ansprüchen moderner Low-End-Ästhetik gerecht zu werden. Es geht um jenes physische Gewicht, den Punch, die messerscharfe Artikulation und die subtile Bewegung, die  bassgetriebene Musik heute zwingend verlangt. Um dieses Versprechen einzulösen, geht UVI architektonisch einen extrem ambitionierten Weg: Jedes Frequenzband wird strukturell als eigenständige, vollkommen autarke Synthesizer-Engine behandelt. Drei parallele Kraftwerke speisen hier am Ende einen einzigen, absolut monumentalen Gesamtsound.

Let’s get ready to RRRumble

Ähnlich sonor und markerschütternd wie Michael Buffers legendäre Intros im Boxring tönt auch das, was diese spezialisierte Bass-Maschine aus den Studiomonitoren drückt. Rumble ist kein Allrounder, sondern ein hochgradig fokussiertes, mächtiges und massives Werkzeug. Unter der elegant gestalteten Haube verbirgt sich ein beachtliches Arsenal an klangformenden Elementen: Neun hochentwickelte Oszillatormodelle treffen auf sechs hochpräzise Filterschaltkreise, flankiert von zehn flexiblen Effektketten und sage und schreibe 33 Modulationsquellen.

Das klangliche Gehirn dieses Plugins basiert auf einer dreigeteilten Architektur, die Frequenzen konsequent trennt und formt. Die drei Sektionen „Body“, „Character“ und „Air“ verfügen jeweils über ihren ganz eigenen Oszillator, einen dedizierten Waveshaper sowie maßgeschneiderte Effekte. Erst nach dieser individuellen Bearbeitung konvergieren die Signale im finalen Signalfluss und durchlaufen eine gemeinsame Filterstufe, einen präzisen Multiband-Kompressor und einen Master-EQ. Das Ergebnis dieses aufwendigen Layerings von Sub-, Mitten- und Hochfrequenzanteilen ist eine ungemein druckvolle, perfekt zusammengeschweißte klangliche Stimme, die sich im Mix sofort behauptet.

Rumble in the Jungle

Ob man nun im staubigen Untergrund des Deep Drum & Bass und Jungle operiert oder hochglanzpolierte Tracks für den kommerziellen House-Mainstream schraubt — *Rumble* erweist sich in fast jeder elektronischen Spielart als absoluter Budget-Tipp mit Premium-Charakter. Der Synth besitzt eine bemerkenswerte klangliche Modernität. Sounddesigner, die epische Scores für das Breitwand-Kino realisieren müssen, werden hier mit Leichtigkeit Patches kreieren, die von der bedrohlichen Ankunft eines außerirdischen Monsters in einem Sci-Fi-Spektakel künden. Die Attack-Zeiten sind knackig, das Low-End bleibt auch bei extremen Frequenz-Exkursionen stabil und verwaschene Phasenprobleme sucht man hier vergebens. Gleichzeitig zeigt sich das Plugin flexibel genug, um auch die urbanen Genres der Clubmusik mit der nötigen Portion Schmutz und Durchsetzungskraft zu bedienen.

Lieben Sie Braaams?

Der berühmte Romantiker hätte angesichts dieser Bassgewalt wohl schockiert das Weite gesucht, doch für den modernen Connaisseur feingetunter Verzerrung ist die integrierte „Fuzz Control“ ein wahres Fest. Wenn der Grundsound nämlich einmal nicht bissig oder „gnarly“ genug sein sollte, lässt sich das Signal über diese Sektion wunderbar anknuspern oder komplett in ein harmonisches Sättigungs-Nirwana treiben. Überhaupt lädt die Benutzeroberfläche dazu ein, das Feld der Bass-Sounds bis ins kleinste Detail zu customizen und zu tweaken. Die Modulationen greifen präzise, und dank der klugen Aufteilung der Frequenzbänder verliert man selbst bei drastischen Klangexperimenten nie das tonale Fundament im Frequenzkeller.

Donnerstag, 9. Juli 2026

BOGREN AMPKNOB DUET & FATMAN Test: Schwedischer Minimalismus trifft amerikanische Amp-Historie

Credit Bild: © Bogren Digital

Credit Bild: © Bogren Digital
Die schwedische Plugin-Schmiede Bogren Digital – das Brainchild des international renommierten Metal-Produzenten Jens Bogren – hat sich seit einigen Jahren einen exzellenten Namen im Bereich der Amp-Sims gemacht. Diese richteten sich bislang jedoch dezidiert an jene Fraktion, die in die Heavy- und kompromisslos verzerrte Schiene tendierte. Mit den neu erschienenen Plugins Fatman & Duet wagen sich die Skandinavier nun jedoch aus ihrer Komfortzone heraus und erstmals tief in klassisch kalifornische Gefilde – mitten hinein in den klanglich so sensiblen Bereich von Clean- und Edge-of-Breakup-Tones und Sounds fender´schen Zuschnitts.

Das ist zweifelsohne ein überaus interessanter, ja mutiger Schritt. Denn ebenso wie es bei einer akkuraten britischen Amp-Sim oder einem tight artikulierenden, rhythmischen Chug-Chug-High-Gain-Sound auf die allerletzten Nuancen und Details ankommt, so ist auch der klassisch amerikanische Bereich eine absolute Kunst für sich. Dieses ganz spezifische klangliche Biotop lebt von einem hochgradig subtilen Zusammenspiel: dem klassischen Klangideal nach Leo Fender, dem perfekten Reverb und jenen geradezu filigranen Schattierungen und dynamischen Übergängen, bei denen ein cleaner Ton bei härterem Anschlag ganz leicht in den Overdrive kippt.

Also holen wir die Stratocaster und Telecaster aus dem Koffer, stöpseln uns direkt ins Interface ein, wählen Pro Tools auf und werfen einen Blick auf zwei digitale Amps, die nach Verstärkern modelliert wurden, die Teil des Inventars von Bogrens eigenem Fascination Street Studio in Örebro sind.

Der Fatman: Prototypischer Tweed mit Reverb-Upgrade

Credit Bild: © Bogren Digital
Beginnen wir mit dem Fatman, der sich stilvoll in feinsten, wenngleich stark in Mitleidenschaft gezogenen Tweed-Bezug hüllt. Das skeuomorphisch enorm attraktiv und fotorealistisch gestaltete GUI orientiert sich unverkennbar am legendären Fender Bassman. Einem klassischen Röhrenverstärker, der – wie der Name schon unmissverständlich sagt – in den Fünfzigerjahren eigentlich für Bassisten entworfen wurde. Historisch gesehen wurde er jedoch eher selten von ebenjenen Tieftönern verwendet, sondern rasch von findigen Rock-’n’-Roller und Bluesern mit der Sechssaitigen adoptiert. Der Grund dafür lag schlicht in seiner ungemein gitarrenfreundlichen, warmen und durchsetzungsstarken Klangcharakteristik.

Während der Amp im historischen Original eigentlich keinen integrierten Federhall aufweist, wird er hier virtuell mit einem zusätzlichen Reverb ausgestattet(überdies kann man bei beiden dieser neuen Bogren-Plugins auch einen Room Reverb-Sound hinzumischen). Der „Haupt-Hall“ ist ein klassischer Federhall, „scheppert“ authentisch und erweitert den sehr direkten Bassman-Sound um eine wunderschöne, dreidimensionale Tiefe, die sofort für Atmosphäre sorgt. Wenn man den „Fatman“ spielt, merkt man sofort, dass Bogren den Fokus auf genau jenen prototypischen Bassman-Sound gelegt hat, der diesen Amp-Klassiker so berühmt gemacht hat: Es ist dieser aggressive, aber dennoch niemals schneidende Growl, der jeden Single-Note-Lick wie von selbst in den Vordergrund drückt. Beeindruckend ist, wie der Fatman auf die Dynamik des Anschlags reagiert. Es ist ein Sound, der von „tief und warm“ bis hin zu „dreckig und spitz“ alle Nuancen des klassischen Blues- und Rock-Spektrums abdeckt: das klingt nach Stones, Black Crowes, Buddy Guy.

Durch die der Ampknob-Reihe eigene  Reduktion auf ein Mindestmaß an Knöpfen sind nicht zwar alle Sounds, die man mit einem Fender-Tweed erreichen kann, möglich, woran auch der recht subtile, nicht tweakbare Boost nichts ändert. Den typisch kernigen Tweed-Sound fängt dieses Plugin dennoch gut ein.

Der Duet: Glockige Brillanz und die Philosophie der Reduktion

Credit Bild: © Bogren Digital
Das zweite Plugin im Bunde lehnt sich klanglich unmissverständlich an den legendären Blackface Twin Reverb an. Wo der Fatman eher in den rauen Mitten lebt, zeigt sich der Duet als absoluter Meister der glockigen, obertonreichen Brillanz. Bogren hat es geschafft, diese typische, fast schon hifi-artige Färbung des Originals einzufangen, die den Sound so groß, weit und dreidimensional wirken lässt.

Betätigt man den Boost-Schalter, bekommt das Signal eine seidige Kompression und einen dezenten Mitten-Push – ganz im Stile eines klassischen, sanft eingestellten Tubescreamers vor einem cleanen Amp. Der Duet liefert exakt jenen unfassbar weiten, perlenden Sound, der ihn zur ultimativen Pedal-Plattform im Studio macht. Selbstverständlich kann jedoch auch dieser cleane Riese wunderbar organisch in die Sättigung gefahren werden. Neben dem obligatorischen Spring- und Room-Reverb bringt der Amp zudem ein herrlich analoges Tremolo mit, das dem cleanen Fundament das finale Vintage-Finishing verleiht und sicher zu den Highlights dieses Plugins zählt. Cleane bis leicht angezerrte Akkorde und Single Note Lines - man denke etwa an das Americana-Genre -  klingen mit diesem Plugin großartig, wer jedoch den perfekten texanischen Blues Rock Sound inkl. prägnantem Mid Frequency-Push sucht, findet mit diesem Plugin eher nicht das perfekte Match.

Dienstag, 7. Juli 2026

XILS-LAB THE EIGHTY Test: Vangelis, Toto und der Klang des digitalen Olymps

Credit Bild: © XilsLab
Vangelis, Blade Runner, Chariots of Fire, Toto, Africa – das sind die Assoziationen, die einem sofort in den Sinn kommen, wenn man an Yamahas einstiges Synth-Flaggschiff, den legendären CS-80, denkt. Das Original beschritt seinerzeit völlig neue Wege. Für Vangelis war es schlicht der beste Synthesizer, der jemals gebaut wurde; er wurde Teil seines Signature-Sounds und lieferte dem Klangmagier sein eigenes, digitales Orchester. Steve Porcaro von Toto – die weltberühmten, so charakteristischen Brass-Sounds auf dem Welthit „Africa“ stammen beispielsweise von einem CS-80 – liebt diesen Synthesizer bis heute und verlieh ihm das Prädikat, besonders „musikalisch“ zu sein.

Und tatsächlich: Dem CS-80 wohnt ein Geist inne, den kaum ein anderes Instrument jemals wieder einfangen konnte. Der französische Plugin-Hersteller Xils-Lab hat nun seine eigene, digitale Emulation vorgelegt, die mit allen Eigenheiten, kleinen „Quirks“ und einem verblüffend analogen Klangbild aufwartet. Unter dem selbstbewussten Namen The Eighty offeriert dieser Synthesizer authentische CS-80-Sounds und zelebriert den Sound der späten Siebzigerjahre (1977 erblickte der Bolide das Licht der Welt) sowie der frühen Achtziger in einer Präzision, die den Puristen aufatmen lässt.

Der CS-80: Ein Monolith zwischen Pop und Filmmusik

Auch wenn der CS-80 auf diversen großen Pop-Produktionen zu hören ist, ein klassischer, leicht zu bändigender Pop-Synth ist er eigentlich nicht. Ihm wohnt immer etwas Cinematic inne. Sein Klang ist breit, organisch und wirkt fast schon lebendig – er „atmet“ in einer Weise, die moderne, klinisch reine VST-Instrumente oft vermissen lassen. XILS-lab hat eine Emulation geschaffen, bei der man in jeder Sekunde merkt, dass hier regelrechte Synthesizer-Maniacs am Werk waren, die das Original nicht nur als Datenblatt, sondern als Instrument verstanden haben.

Die Software-Version liefert eine schwindelerregende Anzahl an Reglern und ist mit so viel Liebe zum Detail erstellt worden, dass man sich beim ersten Laden der GUI fast schon in den Gorbals Sound Studios oder bei Vangelis im Heimstudio wähnt. Alles wirkt haptisch, alles wirkt nach einer Epoche, in der Synthesizer noch physikalische Monster waren, die man zähmen musste. Während andere Emulationen oft nur an der Oberfläche kratzen, hat XILS-lab die komplexe Architektur der zwei parallelen Synthesizer-Stimmen akribisch abgebildet. Man hört förmlich das Rauschen der virtuellen Komponenten, die feinen Instabilitäten der Oszillatoren, die dem Sound diese organische „Brüchigkeit“ verleihen, die man heute so schmerzlich vermisst. Es ist eben nicht nur ein statischer Sound, sondern ein lebendiges System, das auf jeden Druck auf das Modulationsrad und – sofern ein entsprechender Controller vorhanden ist – auf den polyphonen Aftertouch reagiert.

Die Architektur des Eigenwilligen: Handling und Spielweise

Das Original war ein eigenwilliger, äußerst komplexer Synthesizer, dessen spezifische Schiebeschalter und die archaisch anmutende Bedienoberfläche einiges an Übung erforderten, um wirklich komplexe Sounds zu kreieren. Der Softsynth von XILS-lab ist nun eine 1:1-Kopie – sowohl vom Design als auch vom spezifischen Handling. Wer hier schnelle „Preset-Hopping“-Erfolge sucht, wird zunächst vielleicht an seine Grenzen stoßen, denn dieses Plugin möchte erlernt werden.

Doch genau das ist seine Stärke: Er erzwingt eine Beschäftigung mit der Materie. Wer die Funktionsweise der zwei parallelen Synthesizer-Stimmen, der Ringmodulation und der berühmten, polyphonen Aftertouch-Steuerung verstanden hat, wird mit Texturen belohnt, die an organischer Tiefe kaum zu überbieten sind. Die Schiebeschalter und Regler reagieren dabei so direkt, wie man es von einem modernen Plugin kaum erwartet – die Programmierung eines Sounds fühlt sich hier fast schon wie eine haptische Erfahrung an.

Was The Eighty von anderen Emulationen abhebt, ist die Art und Weise, wie die verschiedenen Ebenen des Sounds ineinandergreifen. Man kann hier nicht einfach „Presets durchklicken“ – man muss verstehen, wie der CS-80 funktioniert, um seine volle Magie freizusetzen. Es ist ein Instrument für Entdecker. Die subtile Modulation, die man über die unzähligen Schieberegler im „Performance“-Bereich erreicht, ermöglicht es, den Klangcharakter während des Spielens völlig zu transformieren – von einem sanften, fast flüsternden Pad bis hin zu einem brachialen, röhrenden Brass-Sound, der durch Mark und Bein geht. Die Lernkurve ist steil, das ist unbestritten, aber der Lohn für diese Mühe ist eine klangliche Souveränität, die man sonst nur bei analogen Veteranen findet. Man lernt hier nicht nur ein Plugin kennen, man lernt die Philosophie der klassischen Synthese.

Modernisierung in homöopathischen Dosen

Um den Ur-Synth für den modernen Workflow zu rüsten, wurde er mit einigen wenigen, aber sehr durchdachten Änderungen erweitert. Es gibt eine Handvoll Effekte wie Reverb oder Phaser; diese verfälschen den Grundsound jedoch zu keinem Zeitpunkt. Sie sind optional und zudem eher dezent abgestimmt. Für manche User mag das mitunter fast zu dezent sein – wer dramatischere oder extremere FX wünscht, muss sich zwangsläufig anderer Plugins als Ergänzung bedienen.

Montag, 6. Juli 2026

GFORCE SEQUENTIAL PROPHET-5 Test: Prophetische Klangoffenbarungen

Credit Bild: © GForce Software
Im Land der Synthesizer gibt es Instrumente – und es gibt Legenden. Der Sequential Prophet-5 gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Dave Smiths Meisterwerk aus dem Jahr 1978, ein polyphoner Synthesizer mit extrem charakteristischem Sound, hat die Geschichte elektronischer Musik nachhaltig geprägt. Er war nicht nur einer der ersten programmierbaren Poly-Synthesizer überhaupt, sondern revolutionierte den gesamten Markt durch eine Idee, die heute selbstverständlich erscheint: Presets. Während Musiker zuvor Regler fotografierten oder sich Kabelwege notierten, um Sounds später reproduzieren zu können, genügte beim Prophet plötzlich ein Tastendruck. Was heute banal klingt, war damals nichts weniger als eine Zeitenwende. Der Rest ist Geschichte. Michael Jackson, Madonna, Peter Gabriel, Dr. Dre oder John Carpenter – sie alle setzten diesen Synth ein und machten den Prophet zu einem Teil ihrer musikalischen DNA. Der Prophet-Sound wurde zum Sound ganzer Jahrzehnte. Und nun ist dieser Synth als Plugin von der britischen Edel-Schmiede GForce Software erschienen.

Eine Premiere

Nun ist dies beileibe nicht die erste digitale Version eines Prophet-5, einige  andere  Hersteller haben sich bereits an diesem Monument versucht. Dennoch besitzt die Veröffentlichung von GForce Software einen besonderen Stellenwert. Denn erstmals überhaupt entstand eine offizielle Software-Emulation in direkter Zusammenarbeit mit Sequential. Und das macht einen Unterschied. GForce hat sich bereits mit seinen hervorragenden Oberheim-Emulationen für Furore gesorgt. Nun widmeten sie sich einem weiteren Platzhirsch mit absolutem Legendenstatus – und zwar nicht als bloße Interpretation, sondern eben mit dem offiziellen Segen der Marke selbst.

Ich persönlich hatte bislang stets ein ambivalentes Verhältnis zu Prophet-Emulationen. Obwohl der Prophet-5 zweifellos zu den ikonischsten Synthesizern überhaupt zählt und ich seinen Sound prinzipiell liebe, konnten mich viele digitale Interpretationen nie vollständig überzeugen. Sein Klang ist schlicht zu speziell, zu eigen, zu sehr mit einer bestimmten Vorstellung von „analoger Gravitation“ verbunden. Er besitzt eine Schwere, die man sofort erkennt. Er klingt mächtig, bassbetont, fast schon holzig. Der Prophet besitzt etwas Erdiges, Dunkleres, weniger Poliertes. „Wood Lo-Fi“ wäre die treffendste Beschreibung für diesen Signature-Sound. Er klingt nie geschniegelt oder klinisch perfekt. Vielmehr vermittelt er das Gefühl eines Instruments, dessen Schaltkreise tatsächlich arbeiten, atmen. Genau diese Qualität in die digitale Welt zu transportieren, gehört zu den schwierigsten Aufgaben überhaupt.

Credit Bild: © GForce Software

Authentisch Vintage und mehr

Schon nach wenigen Minuten mit diesem Plugin – bzw. seinem init-Preset, fällt auf, wie sorgfältig GForce gearbeitet hat. Die Entwickler reproduzieren nicht einfach irgendeinen Prophet-5, sondern gleich mehrere historische Evolutionsstufen. Rev1 und Rev2 mit ihren legendären SSM-Filtern besitzen diese cremige, beinahe schmelzende Wärme, die Pads und Brass-Sounds eine unverwechselbare organische Tiefe verleiht. Die spätere Rev3-Version mit Curtis-Chips liefert dagegen mehr Punch, etwas mehr Definition und einen leicht strafferen Grundcharakter.

THE CROW HILL COMPANY CRYSTAL & BRACKISH PADS Test: Zwischen gläserner Reinheit und schmutziger Patina

Credit Bild: © Crow Hill Company
Pads – also jene lang anhaltenden, zumeist sanft schwebenden Flächensounds – sind ein absoluter Standard, ein unverzichtbarer musikalischer „Staple“ im Synth-Bereich. In ihrer Reinform dienen sie primär dazu, einen dichten musikalischen Hintergrund zu weben, eine emotionale Atmosphäre zu etablieren oder harmonische Flächen zu erzeugen, die den restlichen Instrumenten ein solides Bett bieten. Sie zeichnen sich in der Regel durch extrem langsame Ein- und Ausblendzeiten (Attack und Release), enorm breite, raumfüllende Klangspektren und oftmals subtil modulierte Klangverläufe aus. Dementsprechend exzessiv werden Pads in der zeitgenössischen elektronischen Musik, im Ambient, im Pop und ganz besonders in der modernen Filmmusik eingesetzt, um klangliche Tiefe, psychologische Stimmungen und eine greifbare räumliche Wirkung zu erschaffen.

Die Kehrseite: Ein richtiges gutes Pad zu kreieren ist leichter gesagt als getan, denn im besten Fall soll es schließlich nicht völlig statisch oder digital leblos klingen. The Crow Hill Company legt mit den diametral unterschieldich gelagerten Plugins  „Crystal Pads“ und dem brandneuen „Brackish Pads“ gleich zwei atmosphärische Werkzeuge, die klangliche Kontraste bedienen, aber in ihrer grundsätzlichen DNA vereint sind: Sounddesign darf niemals starr sein, es muss organisch klingen.

Crystal Pads: Gläserne Klang-Architektur

Als kleiens Sequel zum von John Crapenetr inspirierten „Crystal Pianos“-Release – bei dem gewöhnliche Haushaltsgläser mittels einer bahnbrechenden Methode (dem sogenannten „Shepperd Mapping“) zu voll spielbaren, chromatischen Instrumenten transformiert wurden – folgt nun der nächste logische Schritt in dieser klanglichen Evolution. Crystal Pads ist ein virtuelles Instrument, das die kompromisslose organische Macht der Sample-Synthese nutzt, um aus profanen Glasobjekten lebendige, tief atmende Klangwelten zu formen.

Was dieses Instrument radikal von generischen, digitalen Synthesizer-Flächen unterscheidet, ist die schiere harmonische Komplexität seiner unkonventionellen Quelle. Aufgenommen in den renommierten Gorbals Sound Recording Studios im schottischen Glasgow (unter der Verwendung eines äußerst edlen Neumann-Mikrofon-Setups, bestehend aus U 87, KM 84 und KM 184), fängt das Plugin die spezifische, fast schon physische Resonanz von 18 verschiedenen Glasobjekten ein. Das Resultat ist eine erstaunliche akustische Lebendigkeit. Diese organischen Texturen verbinden sich im finalen Mix natürlich, nd unaufdringlicher mit echten Orchesterinstrumenten oder akustischen Gitarren.

Unter der spartanischen, aber optisch schön gestalteten Haube stellt das Plugin dem User insgesamt 48 sorgfältig kuratierte Pads zur Verfügung (aufgeteilt in 16 Basis-Sets). Die eigentliche Magie liegt jedoch in der dreigliedrigen Architektur. Jedes Preset besteht aus drei völlig unabhängig voneinander kontrollierbaren und stimmbaren Layern (von Crow Hill „Partials“ getauft):

Fundamental: Die klangliche Basis. Hier liegen die satten, unerschütterlich stabilen Grundtöne, die das musikalische Fundament gießen.

Harmonic: Diese Ebene addiert komplexe Obertöne und einen klanglichen Reichtum, der dem Sound seine eigentliche Tiefe und cineastische Textur verleiht.

Genies: Die personifizierte Unberechenbarkeit. Hier verbergen sich gläserne, unerwartete Überraschungen und Artefakte. Diese Layer tauchen eher episodisch auf, durchbrechen lange, monotone Loops mit unvorhersehbaren Momenten und hauchen dem Sound eine lebendige Unberechenbarkeit ein, ohne dass das Plugin den kompositorischen Fluss diktiert.

Natürlich: Trotz dieser Tweaking-Möglichkeiten ist dieses Pads-Plugin eines, das – wie schon das Crystal Piano – extrem subtil ist, manchen wohl sogar zu subtil. Extreme Variationen, wie man sie von den Pads moderner Synths oder komplexen Vintage-Synthesizern kennt, bekommt man hier nicht. Auch ist der Anwendungsbereich ex consequenti eher beschränkt. Wer jedoch auf „Glassiness“ steht und eine LoFi-artige Ambient-Ästhetik in die eigenen Recordings bringen möchte, wird mit diesem günstigen Plugin durchaus glücklich werden – und vielleicht springt dabei sogar der eine oder andere Funke kristallklarer Inspiration über.

Brackish Pads: Die charmante Unvollkommenheit als narratives Werkzeug

Credit Bild: © Crow Hill Company
Als massiven, düsteren Gegenentwurf zur kristallinen, fast schon engelsgleichen Reinheit schiebt Crow Hill nun Brackish Pads hinterher. Wenn der Vorgänger das Licht bricht, suhlt sich dieser Neuzugang förmlich in der akustischen Dunkelheit und klanglichen Patina. Ebenfalls entwickelt von Crow Hill-Mitbegründer Media-Composer Christian Henson, repräsentiert diese Library die rohen, ungeschönten Werkzeuge seines eigenen Studioalltags. Hensons Kerngedanke ist so simpel wie bestechend: Filmmusik soll in erster Linie Geschichten erzählen und narrative Bögen stützen – und menschliche Erzählstrukturen, Gedanken und Sprachmuster sind in der Realität niemals aalglatt oder makellos. Sie stottern, sie zögern, sie sind voller Brüche und Unschärfen.

UJAM VIRTUAL PIANIST SCORE Test: Spiel´s noch einmal, Sam

Credit Bild: © UJAM
In der genialen Title-Credit-Sequenz der HBO-Dystopie „Westworld“ gibt es diesen einen, zutiefst poetischen Moment: Eine skelettierte, roboterhafte Hand gleitet über die Tasten eines mechanischen Pianos. Völlig autark, ungerührt und mit einer beängstigenden, fehlerlosen Perfektion erzeugt diese Maschine eine zutiefst melancholische Melodie im leeren Raum. Es ist das faszinierende wie unheimliche Sinnbild eines künstlichen Wesens, das absolut makellos performt – quasi ein Androiden-Pianola in einer technisierten Zukunft.

Jenem Ideal eines perfektionistischen, in sich geschlossenen Automaten kommt die deutsche Softwareschmiede UJAM mit ihrem neuesten Wurf verblüffend nahe. Denn neben einem – so weit, so unspektakulär – herkömmlichen, samplebasierten Piano-Instrument liefert das Plugin vor allem die Möglichkeit, einen virtuellen Pianisten direkt über das eigene MIDI-Keyboard zu dirigieren. Ein einziger Tastendruck genügt, und der unsichtbare Co-Pilot wirft komplexe, hochgradig musikalische Begleitungen und Phrasen aus – natürlich vollautomatisch synchronisiert mit dem aktuellen DAW-Tempo und absolut tonsicher in der vorgegebenen Tonart.

Doch machen wir uns nichts vor: Beim Virtual Pianist SCORE haben wir es keineswegs mit einem starren, mechanisch ratternden Player Piano vergangener Tage zu tun. Vielmehr entpuppt sich dieses Plugin als ein hochintelligentes, hochgradig adaptives musikalisches Werkzeug, das dem zeitgenössischen Filmkomponisten und Sounddesigner in der DAW als kongenialer, virtueller Session-Musiker zur Seite steht. Über großzügige Tweaking-Optionen lässt sich dieses spielerische Fundament anschließend im Handumdrehen klanglich und dynamisch anpassen, sodass zu keinem Zeitpunkt der Eindruck eines starren, lieblosen Loops entsteht.

Die Tasten der Melancholie: Das Fundament moderner Filmmusik

Die konzeptionelle Ausrichtung dieses Instruments ist dabei absolut programmatisch, denn im klassischen wie im modernen Hollywood-Filmscoring spielt das Klavier seit jeher eine überaus bedeutende, ja oftmals die alles entscheidende narrative Rolle. Wenn man die großen, emotionalen Meilensteine der Filmmusik analysiert, ist es auffällig, wie oft der Flügel den verletzlichen Kern einer Szene trägt. Seien es die zarten, oscarprämierten Motive eines Thomas Newman in „American Beauty“ und „Road to Perdition“, das tieftraurige, von John Williams komponierte Thema in „Schindlers Liste“, Hans Zimmers minimalistische, aber unendlich weite Akkorde in „Inception“ (etwa im legendären Track „Time“) – ein Flügel ist oft das perfekte Werkzeug, um menschliche Abgründe, Verletzlichkeit oder stille Hoffnungen auf die Tonspur zu bannen, man denke nur an das in Casablanca unsterblich gewordene "As Time Goes By" .

Genau für diese dramaturgische Spielwiese wurde dieses Plugin entwickelt. Es löst exakt das ein, was die Ad-Copy prägnant verspricht: Virtual Pianist SCORE ist ohne Zweifel ein „Grand Piano for Cinematic Sounds“.

Heartbroken in Hollywood

Klanglich präsentiert sich dieses virtuelle Instrument mit einer schier unglaublichen emotionalen Tiefe. Es ist ein Instrument, das so ungemein intim, organisch und verletzlich klingt, als würde Ryan Goslings heartbroken Charakter Sebastian aus Damien Chazelles Meisterwerk „La La Land“ nachts allein im schummrigen Licht eines geschlossenen Jazz-Clubs sitzen und seine ganze Schwermut in die Tasten gießen. Man hört beim Spielen förmlich das Holz, die Resonanz des massiven Korpus und die feinen mechanischen Nuancen der Hämmerchen, die dem Sound eine fast schon greifbare, haptische Qualität verleihen. Der Algorithmus, der das dynamische Spielverlangen interpretiert, liefert hier keinen sterilen MIDI-Output, sondern eine Performance, die atmet.

Sonntag, 5. Juli 2026

BABYAUDIO GRAINFERNO Test: Die Kunst der granularen Zerstörung

Credit Bild: © Baby Audio
Die Geschichte der elektronischen Klangerzeugung ist geprägt von stetigen Paradigmenwechseln. Während die klassisch-analogen Emulationen den Markt lange Zeit geradezu dominierten, rücken zunehmend eine andere, weitaus experimentellere Form der Soundarchitektur ins Zentrum moderner Produktionen. Der neue Grainferno Synth aus dem Hause Baby Audio widmet sich genau diesem gegenwärtig extrem trendenden Thema der granularen Synthese – und liefert dabei schlichtweg eines der interessantesten und potentesten virtuellen Instrumente der letzten Zeit. Als dezidiertes Granular Synth Plugin konzipiert, schlägt Baby Audio hier eine Brücke zwischen akademischer Klangforschung und hochgradig musikalischem Sounddesign.

Against The Grain

Um die Faszination dieses Instruments zu verstehen, muss man sich kurz vor Augen führen, was unter der Haube eigentlich passiert: Das Prinzip der granularen Synthese beschreibt eine Form der Klangerzeugung, bei der Sounds nicht als durchgehende, lineare Tonspur verstanden, sondern in winzige Fragmente zerlegt werden. Diese sogenannten „Grains“ oder Klangkörner sind oftmals nur wenige Millisekunden lang. Aus abertausenden solcher isolierter Mikro-Partikel wird anschließend ein völlig neuer Klang zusammengesetzt. Im krassen Gegensatz zur klassischen subtraktiven Synthese, bei der man meist mit statischen Wellenformen, Filtern oder herkömmlichen Oszillatoren arbeitet, funktioniert granulare Synthese beinahe wie akustische Molekularphysik. Einzelne Klangsplitter werden bis zur Unkenntlichkeit gedehnt, massiv geschichtet, rückwärts abgespielt, im Stereobild neu angeordnet oder in ihrer Abspielgeschwindigkeit radikal verändert. Dadurch entstehen schwebende Flächen, zerfallende Texturen oder völlig fremdartige Soundgebilde, die paradoxerweise oft gleichzeitig tief organisch und extrem künstlich wirken.

Stark vereinfacht ausgedrückt: Mit Granularsynthese vermag man vollkommen einzigartige Synth-Sounds zu erstellen. Selbst die banalsten Alltagsgeräusche – sei es das Fallen eines Löffels auf einen harten Boden oder ein simples Räuspern – können, wenn man sie sauber aufnimmt und in einen leistungsfähigen Granular-Synthesizer einspeist, zu einem via Keyboard spielbaren, epischen Instrument verwandelt werden. Allein dieser Gedanke macht schon greifbar, welch immenses Potenzial und welche mannigfaltigen Möglichkeiten für bis dato ungehörte Klänge und effektive Klangmanipulation in diesen Designs stecken.

Infernalisch

Apropos Manipulation: Der GrainFerno wirft nicht nur selbst unscheinbare Soundschnipsel in ein regelrechtes klangliches Inferno, um sie als progressive Soundstrukturen wieder auszuspucken, er glänzt auch durch die kreative Anreicherung mit exzellenten Effekten. Es ist faszinierend zu beobachten, wie durch diese Bearbeitungsketten selbst banale Geräusche plötzlich episch oder surreal anmuten. Ein kurzer Klavieranschlag mutiert zu einer endlos wabernden Ambient-Wolke, eine menschliche Stimme zerfällt in digitale Geisterpartikel, und aus einem simplen Drum-Sample bricht ein rhythmisches Klanggewitter heran. Gerade elektronische Musiker und Sounddesigner nutzen granulare Synthese deshalb so exzessiv, um komplexe Atmosphären zu erschaffen, die mit traditionellen Instrumenten schlicht nicht realisierbar wären. Es ist gewissermaßen musikalischer Kubismus – eine Audio-Collage auf atomarer Ebene.

Besonders in Genres wie Ambient, EDM, experimenteller Elektronik oder auch in modernen Filmscores hat sich diese Technik längst als unverzichtbares Stilmittel etabliert. Künstler wie Aphex Twin, Tim Hecker oder zahlreiche zeitgenössische Filmkomponisten arbeiten bevorzugt mit solchen Verfahren, weil sie Klänge nicht bloß auf Tasten abspielen, sondern sie wie akustischen Ton regelrecht formen und verformen wollen. Statt Klang linear zu reproduzieren, wird er zersplittert und in eine neue DNA überführt.

Genau an diesem Punkt entfaltet GrainFerno seine eigentliche Magie. Das Resultat sind Texturen, die sich permanent verändern und atmen. Nichts bleibt statisch, nichts wirkt jemals vollständig greifbar. Akkord-Pads zerfallen hörbar in ihre Partikel, dichte Atmosphären beginnen bedrohlich zu flirren, und Obertöne verschieben sich subtil gegeneinander. Musikalische Spannung entsteht hier nicht platt durch ansteigende Lautstärke oder instrumentale Dichte, sondern durch Instabilität – durch das ständige, unterschwellige Gefühl, dass sich der Klang in der nächsten Millisekunde komplett transformieren könnte.

MARILYN MONROE 100 – Ein prachtvoller Bildband zum 100. Geburtstag einer unsterblichen Legende

Credit Coverbild: © Prestel Verlag
Norma Jeane Baker, die die Welt später als Marilyn Monroe kennenlernen sollte, steht bis heute wie kaum eine andere Persönlichkeit für Glanz und Elend der Traumfabrik Hollywood. Sie war Sexsymbol und Schauspielerin, Projektionsfläche und Intellektuelle, verletzlicher Mensch und sorgfältig erschaffene Kunstfigur zugleich. Nur wenige Stars haben die Popkultur des 20. Jahrhunderts so nachhaltig geprägt wie sie - trotz oder auch wegen ihres frühen Todes mit nur 36 Jahren, der ihren Mythos bis heute am Leben hält: Monroe wurde nicht alt, sie wurde unsterblich.

2026 wäre sie 100 geworden. Anlässlich dieses Jubiläums erscheint mit "Marilyn Monroe 100" ein hochwertiger Bildband, der sich nicht nur als Hommage an eine Hollywood-Legende versteht, sondern zugleich als sorgfältig kuratierte Zeitreise durch Leben, Karriere und öffentliche Wahrnehmung einer Frau, die weit mehr war als die berühmteste Blondine der Filmgeschichte.

Bereits die äußere Gestaltung macht deutlich, dass man es hier nicht mit einer gewöhnlichen Bild-Biografie zu tun hat. Diese "Centennial Edition" präsentiert sich in einer ausgesprochen edlen Aufmachung, deren hochwertige Verarbeitung dem Status ihres Sujets gerecht wird. Der schwere Band ist ein bibliophiles Sammlerstück für Liebhaber klassischer Hollywood-Fotografie.  Besonders beeindruckend ist die Qualität der Reproduktionen. Die Bilder erscheinen in beeindruckender Brillanz und Detailtiefe. Die wahre Stärke des Bandes liegt jedoch in seiner fotografischen Auswahl. Marilyn vor den Kameras der größten Fotografen ihrer Zeit. Vertreten sind zahlreiche der bedeutendsten Bildkünstler des 20. Jahrhunderts, darunter Eve Arnold, Richard Avedon, Henri Cartier-Bresson oder Sam Shaw – jenes legendäre Foto eingeschlossen, das Marilyn Monroe im weißen Kleid über dem U-Bahn-Schacht während der Dreharbeiten zu „The Seven Year Itch“ zeigt und längst zur Ikone der Popgeschichte geworden ist.

Dabei beschränkt sich der Band erfreulicherweise nicht ausschließlich auf die bekannten Motive. Auffallend viele Aufnahmen dürften selbst langjährigen Monroe-Fans bislang kaum begegnet sein oder wurden nur äußerst selten publiziert. Gerade diese Mischung aus ikonischen Bildern und weniger bekannten Fotografien verleiht dem Buch seinen besonderen Reiz.

Vielleicht liegt die größte Qualität dieses Buchs darin, dass es Marilyn Monroe nicht ausschließlich als Verkörperung des amerikanischen Nachkriegs-Glamours präsentiert. Autorin und Kulturkritikerin Rachel Syme widmet sich in ihrem einfühlsamen Vorwort genau diesen Widersprüchen: Marilyn war eine Frau, die zwar als „Blonde Bombshell“ weltberühmt wurde, gleichzeitig jedoch leidenschaftlich Dostojewski las, Bücher sammelte, sich intensiv für Literatur interessierte und weit gebildeter war, als ihr öffentliches Image vermuten ließ. Monroe erscheint als jemand, der sich selbst immer wieder neu erfand – aus Norma Jeane Baker wurde Marilyn Monroe, aus dem schüchternen Waisenmädchen die wohl berühmteste Filmikone ihrer Generation. Gerade diese Ambivalenz zwischen Kunstfigur und Privatperson zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Band.

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Credit Bild: © Photo by Sam Shaw, © Shaw Family Archives Ltd
Natürlich spart das Buch die dunkleren Kapitel ihres Lebens nicht völlig aus, die späten Jahre, persönliche Krisen und ihre bis heute diskutierten gesundheitlichen wie emotionalen Probleme werden durchaus thematisiert. Dennoch fällt auf, dass diese Aspekte
vergleichsweise zurückhaltend behandelt werden. Dies hängt wohl auch damit zusammen, dass dieses Buch in enger Zusammenarbeit mit dem Marilyn Monroe Estate entstanden ist. Der Fokus liegt also weniger auf Sensationslust oder spekulativen Deutungen als vielmehr auf dem Lebenswerk und dem kulturellen Vermächtnis der Schauspielerin. Für Leser, die eine investigative Biografie erwarten, mag dies eine kleine Einschränkung darstellen.