Montag, 18. Juli 2022

STRANGER THINGS UND DER MASTER OF PUPPETS

Credit Coverbild: © Edition Olms
Viele Metal-Fans staunten nicht schlecht, als jüngst in den Spotify Top 40 neben allerlei Mainstream-Pop auf einmal ein ihnen wohlbekannter Track aus dem Jahre 1986 aufschien.
Wie zuvor bei Kate Bushs "Running Up That Hill" wurde auch  Metallicas "Master Of Puppets" in der neuesten Staffel der Netflix-Serie "Stranger Things" an prominenter (Schlüssel-)Stelle eingesetzt und so von einer völlig neuen Generation entdeckt. 

Blickt man auf die Diskographie der größten Rockbands der Musikgeschichte so fällt auf, dass es bei vielen Künstlern ein ganz spezielles „Schlüsselalbum“ gibt. Eine LP die einem regelrechten „watershed moment“ gleicht. Auf jenen Alben erfolgt entweder eine entscheidende Weiterentwicklung des Signature Sounds oder es wird gleich eine neue, für die spätere Karriere wesentliche Richtung eingeschlagen.
Die Beatles hatten beispielsweise ihr erstes psychedelisches Magnum Opus „Revolver, die Stones ihr „Beggars Banquet“ das symptomatisch für die bis in die 70er reichende Hit-Serie sein sollte. Bei den Heavy-Ikonen Metallica kann man diesen Moment ganz klar im Jahre 1986 verorten, denn da erschien „Master Of Puppets“(kurz „MoP“).

Dieser Klassiker des Schwermetalls gilt vielen als das beste Genre-Album ever. Und das nicht zu unrecht. Schon auf ihrem Debut „Kill ´Em All“ und insbesondere bei „Ride The Lightning“ zeigten sie sich weitaus vielseitiger und vielschichtiger als all ihre Bay Area-Kollegen. Auf „MoP“ gingen sie diesen Weg konsequent weiter: Während Slayer sich in kakophonischen Collagen ergingen, legten Hetfield, Hammett, Ulrich und Burton einen zusätzlichen Grundstein für die zunehmende Progressivität ihrer Kompositionen. Und trotz dem eher überschaubarem Mainstream-Appeal aufgrund seines hyper-aggressiven Sounds war „MoP“ ein kommerzieller Triumph – der Durchbruch war geschafft. Die sich aus dem metallischen Themen-Triumvirat – Wahnsinn, Krieg , Darkness – speisenden Songs sind bis heute Klassiker, die aus den Live-Gigs der San Francisco-Ikonen nicht wegzudenken sind.

Der Bildband „Back To The Front“ beleuchtet nun die Mittachtziger-Phase Metallicas - es sind Bilder aus einer unschuldigeren Zeit: Man sieht die Band on stage aber auch beim Herumalbern abseits der Konzertbühne mit den weißen Kreuzen. Es sind Zeitdokumente der Sturm und Drang-Phase des Metal, als eine Subkultur-Szene endgültig aus dem Schatten ins Licht der Mainstream-Öffentlichkeit trat. In jene Zeit fiel jedoch auch der tragischste Einschnitte der Band-Geschichte: der Unfalltod des prägenden Bassisten Cliff Burton, der vor genau 33 Jahren bei einem Tourbus-Unfall ums Leben kam. „Back To The Front“ ist auch ein Tribute an diesen innovativen Musiker.

Es handelt sich dabei zwar bei weitem nicht um das erste coffee-table-Buch der Metalheroen aus San Francisco – Hetfield & Co. erkannten schon früh die prestigeträchtige Wirkung der gediegenen Bildband-Retrospektive. Doch ist es die erste monothematische Rückschau, die sich ganz und gar einer ganz speziellen Ära in der illustren Karriere Metallicas widmet. Dass damit vorwiegend der ganz harte Kern der „Metallica Family“ angesprochen wird ist klar. Der erhält jedoch ein toll gestaltetes, bibliophiles Sammlerstück das unzählige ungesehene Dokumente vereint.

Metallica: Back To The Front, erschienen bei Edition Olms

Montag, 11. Juli 2022

THE ROLLING STONES BY PUTLAND

Credit Coverbild: © Delius Klasing Verlag
Einst war das Genre des Rock noch dominierend in den Charts und der große gemeinsame Nenner beim Publikum. Auch anspruchsvolle und experimentelle Musik vermochte es noch auf breite Resonanz bei einem Mainstream-Publikum zu stoßen und es waren die Rockstars,  die über das Reich der Stadien, Clubs und Recording Studios herrschten. Festgehalten wurde dieses goldene Ära häufig von den sog. Rock N´ Roll Photographers, die zu Chronisten dieser heute sagenumwobenen Zeit wurden und meist selbst sehr nah  an der Subkultur dran waren. Der Brite Michael Putland (1947-2019) über den es heißt, dass er in den Siebzigern keinen Tag frei hatte, war einer der ganz Großen unter diesen Künstlern, die eine neue Bildsprache in der (Musik-)Fotografie etablierten.

Dass Putland in den Seventies kaum Freizeit hatte mutet nicht einmal übertrieben an, angesichts der vielen Stars, die er vor seiner Linse hatte: Eric Clapton, Led Zeppelin, The Who, Queen, David Bowie...Auch mit den Rolling Stones arbeitete er über viele Jahre zusammen, ging sogar mit ihnen auf die immer gigantischer werdenden Tourneen. Ein neuer, passend zum Band-Jubiläum erschienener Buch zeigt nun die Stones, wie Putland sie sah. 

Putland war sowohl Spezialist für das Festhalten kleiner, sehr persönlicher Momente, welche die Band-Dynamik offenbaren (ein Blick auf das fröhliche Titelbild mit dem im Vorjahr leider verstorbenen Charlie Watts macht wehmütigals auch für das Einfangen des den Liveshows innewohnenden Spektakulären und Überhöhten.
Aufgeteilt in drei Kapitel werden die Jahre 1963-1994 beleuchtet, das Hauptaugenmerk liegt hier jedoch klar auf den Seventies, die einen Großteil dieses Buchs füllen. Im äußerst ausführlichen und hochinteressanten Begleittext, ließ Putland anekdotenreich auch seine eigene Karriere Revue passieren und portraitierte dabei nicht nur die damalige Musikszene sondern zeigte auch die Entwicklung der härtesten Beatband der Welt.

The Rolling Stones by Putland, erschienen im Delius Klasing Verlag

WEITERFÜHRENDER BUCH-TIPP: MUSIKIKONEN

Credit Coverbild: © Delius Klasing Verlag
Die zuvor erwähnten Zusammenarbeiten mit dem Who Is Who der Musikindustrie abseits der Stones (die in diesem Buch allerdings natürlich auch eine Rolle spielen) gibt es im programmatisch betitelten Bildband "Musikikonen", zu bewundern. Von intimen, stillen Portraits hin zu einigen der wohl spektakulärsten Live-Shots ever sieht man hier Seite um Seite die große Kunst Putlands.

Michael Putland - Musikikonen: Von ABBA bis The Who, erschienen im Delius Klasing-Verlag

GARY MOORE - DIE OFFIZIELLE BIOGRAPHIE

Credit Coverbild: © Hannibal Verlag
Gary Moore (1952-2011) war fraglos einer der außergewöhnlichsten Musiker, die je die sechs Saiten zum Glühen gebracht haben. Bei Moore verbanden sich eine ganze Reihe von Merkmalen, die ihn zu einem besonderen Künstler mach(t)en: Da wäre zum einen sein ungemein emotionales Spiel, das immer eine immense Intensität aufwies -  bei ihm wusste man  stets, er lebte bzw. fühlte jede einzelne Note.
Dann fällt einem natürlich seine Virtuosität ein, selbst die längsten und weitesten Bendings waren bei  Moore stets genau exekutiert und High Speed-Passagen waren stets präzise - und all dies vorgetragen mit einem mächtigen Gitarren-Sound.  Und dann war er überdies noch ein vielseitiger Songwriter und großartiger Sänger. 

Angesichts all dessen mutet es geradezu seltsam an, dass es streng genommen keine Literatur über diesen Ausnahme-Virtuosen gibt. Der britische Autor Harry Shapiro hat Erfahrung mit Bios großer  Gitarristen (zuvor schrieb er über die Karrieren von Eric Clapton und Jimi Hendrix) und begradigt diesen Missstand nun etwas mit einer neuen, offiziellen Biographie - es ist die erste dieser Art über den Mann aus Belfast.

Shapiro zeigt sich als profunder Rechercheur, der auch weniger bekannte Aspekte aus Moores Vita zu rekonstruieren vermag und zeichnet dessen Weg zum Star detailreich, wenngleich stilistisch eher konventionell nach. Mit einer etwas kurzen, lediglich schwarz- weißen Fotostrecke ist diese erste große Buch-Würdigung Moores nicht gerade reich bebildert - allerdings gibt es einen anderen "Bonus": im Gegensatz zu  vielen andere Biographien über große Gitarristen  widmet Shapiro einen durchaus extensiven Teil dem Equipment des irischen Meisters: Moore "Tone" war stets exquisit und viele seiner "Gear Choices" haben selbst einen legendären Ruf, wie etwa die 1959er Les Paul "Greenie", die er einst von Peter Green kaufte (und die heute im Besitz von Metallicas Kirk Hammett ist) oder die Fender Strat in Fiesta Red. Shapiro bleibt jedoch nicht nur bei diesen bekannten (und die respektive vom Gibson und Fender Custom Shop reproduziert wurden) stehen, sondern taucht tief ein in die Sammlung und die Rigs Moores.

Die vielleicht speziellsten Teile in Shapiros umfangreichen Werk sind jedoch weder diese für Gitarren-Fans hochinteressanten Gear-Infos noch die detaillierte Schilderung des Aufstiegs Moores: es sind die vielen, bis dato wenig beleuchteten persönlichen und zwischenmenschlichen Aspekte, die den Menschen hinter dem berühmten Virtuosen zeigen - und es sind die gegen Schluss zu zitierten O-Töne von Stars wie Eric Clapton, Slash, Bob Geldof, Joe Bonamassa oder Steve Lukather, in denen ihre Wertschätzung gegenüber Moore spürbar wird. 

Harry Shapiro - Gary Moore: Die offizielle Biographie, erschienen im Hannibal Verlag

AL DI MEOLA, JOHN MCLAUGHLIN, PACO DE LUCIA - SATURDAY NIGHT IN SAN FRANCISCO

Credit Coverbild: © Ear Music Edel
Dass Stars oder ihr Plattenlabel nach einigen Jahrzehnten Alternative Mixes und nie verwendetes Material auf dem Dachboden oder im Studiolager finden, ist nicht unbedingt etwas Ungewöhnliches - zahllose erweiterte Reissues und Boxsets zehren von genau diesen mehr oder minder erhellenden Archiv-Funden. Bei jenen Aufnahmen, die das zuletzt erschienene „Saturday Night in San Francisco“-Album bilden, war offenbar ganze vier Jahrzehnte unklar, ob sie  überhaupt existieren. Allein dieser Umstand würde dieser Platte also schon den Nimbus des Besonderen verleihen. Hinzu kommt jedoch, dass man es hier mit dem Dokument einer grandios-virtuosen Performance aus den frühen Achtzigern zu tun hat, die noch dazu nichts weniger ist, als die direkte Fortsetzung eines der ganz großen Gitarren-Alben.

 Friday Night in San Francisco“, aufgenommen im Warfield Theatre in ebenjener Stadt am 05.12.1980, gilt zu Recht als eines der wegweisendsten Jazz-/Instrumental-Platten aller Zeiten. Die virtuose Mischung aus Jazz, Fusion, Flamenco und mediterraner Musik erreichte damals nicht nur ein genre-affines Nischenpublikum und wurde so nach dem Release 1981 zum Hit. Mit diesem fulminanten Start ins damalige Wochenende war jedoch noch nicht Schluss, auch am darauffolgenden Tag spielten die Maestros Al Di Meola, John McLaughlin und Paco De Lucia  im Warfield Theatre.  Fast Forward in die Gegenwart: Al Di Meola und sein Team durchforsteten die Original-16-Spur-Bänder akribisch und so kann man anno 2022 auch den explosiven letzten Auftritt des berühmten Gitarrentrios vom Nikolaustag 1980 nachhören.

Die Frage, ob nun die Freitags oder Samstags-Show besser ist und welche dieser beiden Platten nun beeindruckender ist, lässt sich nicht beantworten: einerseits aufgrund der anderen Setlist, andererseits aufgrund des unglaublich hohen spielerischen Niveaus dieser drei begnadeten Virtuosen an den sechs Saiten. Hier hört man drei geniale Musiker am absoluten Höhepunkt ihrer Kunst, die Melodien und Licks in beeindruckend flüssiger Manier von ihren Griffbrettern perlen lassen – und im perfekten Zusammenspiel als Trio durch ihre Instrumente regelrecht kommunizieren.

Freitag, 8. Juli 2022

ELVIS – DIE LEGENDE

Credit Coverbild: © Hannibal Verlag
Memphis im US-Bundesstaat Tennessee ist ein Ort, an dem man an gefühlt jeder Ecke auf einen Teil Musikgeschichte trifft: dort das Peabody Hotel, in dem sich dereinst der spätere Sun Records-Chef Sam Philips mit seinem Namensvetter Dewey Philips (einer der wichtigsten Radio DJs, der in den Fifties in seiner Sho Blues und Rock N´ Roll spielten und so in die Wohnzimmer der neugierigen Hörerschaft brachte); dort die Beale Street, ein Epizentrum der vielfältigen schwarzen Kultur des Südens oder eben das Sun Records Studio, in dem ein junger Mann namens Elvis Presley seine ersten Aufnahmen machte. Und natürlich Graceland im Stadtteil Whitehaven, das legendäre Anwesen des King Of Rock N´ Roll, das heute seine letzte Ruhestätte ist. 

Teile Gracelands sind ein Museum und beherbergen eine beeindruckende Sammlung an Memorabilia und Exponaten, verwaltet vom hauseigenen Archiv. Einen Blick auf ausgewählte Teile dieser extensiven Sammlung sowie in das außergewöhnlich eingerichtete Heim des Kings kann man auch im Buch „Elvis- Die Legende“ werfen. Dieser Band erschien ursprünglich schon vor einigen Jahren, wurde nun anlässlich des bevorstehenden 45. Todestages Presleys jedoch neu aufgelegt. 

Autorin Gillian G. Gaar , die sonst u.a.  für den Rolling Stone oder MOJO schreibt sowie Musikerbiographien (z.B. über Jimi Hendrix) und  die Kolumne „All Things Elvis“  im Goldmine Magazine verfasst, richtet das Spotlight auf unterschiedliche Aspekte im Leben des Elvis Aaron Presley, die letztlich eine Biographie ergeben: Gaar beleuchtet Marksteine der beispiellosen Karriere des ersten modernen weltweiten Megastars. 
Langjährige Fans werden viele dieser Fakten schon kennen und dieses 192 Seiten starke Buch kann naturgemäß thematisch nicht so tiefgehend und ausführlich sein wie beispielsweise Peter Guralnicks extensive, zwei-bändige Biographie. Dennoch ist Gaars Werk reich an Fakten und Trivia. Und da dieser Band in enger Kooperation mit Elvis' Nachlassverwaltern entstand und auch vom Graceland Archiv autorisiert wurde, sieht der Fan hier mehr als 150 Fotos, ergänzt um eine Fülle von Erinnerungsstücken wie persönliche Briefe, Rezepte, Telegramme, Konzerttickets oder Tourprogramme, Schmuck, Gewand, Gitarren oder Autos - wodurch dieses Buch nicht nur ein kompaktes Künstlerportrait sondern auch eine überaus gelungene, bibliophile Tour durch Teile eines faszinierenden Archivs wird.

Gillian G. Gaar, ELVIS – DIE LEGENDE Autorisiert vom Graceland Archiv, Hardcover, 28,3 x 24,5 cm, 192 Seiten, durchgehend farbig bebildert, erschienen im Hannibal Verlag

Donnerstag, 7. Juli 2022

DIE GEHEIMSPRACHE DES BLUES - Die wahre Bedeutung der Songtexte

Credit Coverbild: © Editon Olms
Obwohl sich die Basis des Blues, sein musikalisches Grundschema und die eindeutigen Kernmerkmale dieser Musikrichtung trotz einer steten Adaptierung über die Jahrzehnte nicht veränderten, zählt er zu einem der vielfältigsten und am weitesten verästelten Musikgenres: Von der Urform der Arbeitssongs auf den Baumwollfeldern der Südstaaten (den sog. Field Hollers mit dem Call & Response), den herumreisenden Bluesmusikern, die ihre Erfahrungen in Songform festhielten und für die schwarze Community spielten über die zunehmende Ausbreitung in die großen Städte der USA (Great Migration und Big City Blues) hin zu modernen Spielarten -  die lokalen Ausformungen und distinktiven Subgenres sind mannigfaltig und vielschichtig - ebenso wie die Texte.

Lyrics im Blues weisen nicht nur eine beeindruckende Kreativität in der Be- und Umschreibung der besungenen Sachverhalte auf, sondern geben dem heutigen Hörer auch Einblick in eine vergangene Zeit und in ein soziokulturelles Umfeld, das in dieser Form nicht mehr existiert. Zudem offenbaren uns Blues Songs einen teils faszinierenden Slang bzw. Szene-Jargon, der in seiner Unverblümtheit keinesfalls hinter den expliziten Texten heutiger Rapper zurücksteht. Während Sonntags in der Kirche beim Gospel natürlich das Sakrale im Mittelpunkt stand, gehörte der Samstagabend „Wein, Weib und Gesang“ bzw. dem Blues, der sich stets auch dem allzu Menschlichen, Lasterhaften und irdischen Problemen widmete: Sex, Liebe und Eifersucht, Drogen, Suizid, Ausbeutung aber auch ganz einfach die „good time“ wenn der „Juke Joint“, kracht .

 Manche dieser Thematiken werden direkt angesprochen, andere werden nur mit einer Art Geheimsprache, die man geradezu als Code bezeichnen könnte, beschrieben. Autor Robert Cremer hat sich genau dieser eigenen Blues-Etymologie angenommen und analysierte hunderte Songs  -  übersetzt diesen Slang, gibt Aufschluss über heute wenig gebräuchliche Begriffe und taucht im Zuge dessen auf 868 Seiten tief ein in die Geschichte dieser amerikanischen Musikrichtung. Cremers Entdeckungen  sind musikhistorisch sowie sozio-kulturell faszinierend, sein Vorgehen bemerkenswert detailreich, geradezu detektivisch. In 12 Kapitel, eingeteilt nach Themenkomplexen wie z.B. Sex, Humor, Schnaps, Voodoo, Rassentrennung oder der traditionell selbstbewussten Eigenbeschreibung des Bluesman, werden Lyric-Exzerpte analysiert und das Vokabular bekannter und weniger bekannter Songs detailreich und unterhaltsam erklärt.

 Analog zum lexikalen Charakter dieses Hardcover-Bandes - allerdings im Kontrast zum farbenfrohen Cover - ist das ganze zwar sehr übersichtlich, aber doch ziemlich nüchtern und über weite Strecken in Schwarz/Weiß gestaltet. Ein Umstand der jedoch nichts daran ändert, dass dies eines der interessantesten Musikbücher der letzten Zeit ist -  zumal es bei Cremer nicht nur bei für Blues-Veteranen mitunter bekannten Erkenntnissen bleibt, dass bei Textzeilen wie  „diggin my garden“ nicht eben Gartenfreunde angesprochen werden, saftspendende Limonen nicht nur an der Fruchttheke erhältlich sind und selbst das Braten eines Steaks nicht unbedingt etwas mit Kulinarik zu tun haben muss.

Robert Cremer – Die Geheimsprache des Blues Mit einem Vorwort von Bobby Rush. 868 Seiten mit über 250 Fotos und Illustrationen. Hardcover im Großformat 21 x 30 cm.ISBN 978-3-283-01316-5. 

Sonntag, 3. Juli 2022

SAUL LEITER - RETROSPEKTIVE

Credit Coverbild:©Saul Leiter  Kehrer Verlag
Obwohl er schon in den Forties Werke von ganz eigener, geradezu wegweisender Ästhetik schuf, erging es dem vielseitigen Künstler Saul Leiter (1923–2013) ähnlich wie zahlreichen Pionieren: Erst lange nachdem viele seiner Bilder entstanden sind, erfuhr er die verdiente Würdigung als ein wichtiger Vertreter der Farbfotografie. Die Gründe für diese relativ späte Entdeckung eines unglaublich eindrucksvollen Fotokünstlers mögen schlicht Timing, Zufall oder auch der Umstand gewesen sein, dass sich Leiter lange Zeit hauptsächlich als Maler verstand und etwa mit abstrakten Expressionisten mit Willem De Kooning ausstellte.

Diese Kunstgattung prägte ganz generell die Arbeiten Leiters: er zeigte stets einen Hang zur Abstraktion und schoss Bilder, die oft wie ein Gemälde wirken und malte Bilder, die in ihrer Dynamik beinahe an Schnappschüsse gemahnen. Auch und gerade im Bereich der Street Photography, einem Subgenre in dem Leiter einige seiner besten Werke schuf, merkt man dies überdeutlich. In ihrem bewussten Einsatz von Unschärfe und perspektivischen Tricks erinnern Leiters Werke an Film-Stills und phasenweise gar an Gerhard Richter. Mysteriös sind die großen, tiefschwarzen, von Schatten hervorgerufenen Flächen, die gut Dreiviertel seiner Fotografien einnehmen. Leiters Sicht auf das (Alltags-)leben ist eigenwillig und faszinierend.

Anlässlich der weltweit umfassendsten Retrospektive im Haus der Photographie der Deichtorhallen Hamburg 2012 erschien ein umfangreicher Retrospektiv-Bildband, der  die bisher umfassendste Monografie über Leben und Werk des großen Fotografen und Maler darstellt. Dieses Buch ist nun in dritter, aktualisierter Auflage erneut erhältlich und lohnt sich sowohl für Kunst-Fans, die Leiter erst entdecken, als auch für jene, die um die Kraft seiner Bilder wissen.  Denn neben einem Blick auf Leiters frühe Schwarz-Weiß- und Farbaufnahmen ist dieser Band auch deshalb so interessant weil er auch weniger bekannte Bereiche des Schaffens Leiters beleuchtet, etwa die  Mode- und Aktfotografie.

 Ingo Taubhorn, Brigitte Woischink (Hrsg.): Saul Leiter296 Seiten, 155 Farbe und S/W Abbildungen, 22 x 26,4 cm, erschienen im Kehrer Verlag

Donnerstag, 30. Juni 2022

21 JAHRE - WIE ICH NIKKI SIXX WURDE

Credit Coverbild: © Hannibal Verlag
Can a song save your life? Nun, dies ist zwar kein Titel aus dem Repertoire der  L.A.-Sleaze Rocker Mötley Crüe - aber ein Song bzw. ganz generell der Rock N' Roll an sich kann das Leben definitiv verändern. Frank Feranna besser bekannt als Nikki Sixx, ist hierfür ein gutes Beispiel - nahm seine Biographie nach dem Epiphanie-Erlebnis rebellischer Musik doch eine drastische Wendung: Aus schwierigen Verhältnissen stammend schien sein Weg vorgezeichnet, eine blendende Zukunft hätten ihm wohl die wenigsten beschieden. Beflügelt von ganz ähnlichen Träumen wie man sie in so gut wie allen Musikerbiographien findet, schaffte er es der provinzielle Enge seiner Kindheit zu entkommen  und schließlich Mitbegründer, Hauptsongwriter und Bassist von Mötley Crüe zu werden.

Letztere Station ist jedoch explizit nicht Gegenstand von Sixx´ neuestem Buch "21 Jahre", das ein Quasi-Prequel zu "The Dirt" darstellt. Wäre dies keine Autobiographie  könnte man von einem Entwicklungsroman sprechen, immerhin ist  die Transformation Ferranas zum  - je nachdem wen man fragt - Liebling/Schrecken vom Sunset Strip durchaus beachtlich.
Wenn das Buch im titelgebenden Lebensjahr schließlich seinen Klimax erreicht ist es - und das ist nun nicht einmal ein Spoiler - zu Ende, vor der eigentlichen Ruhmesgeschichte kommt der beinahe an TV-Serien gemahnende Cliffhanger. Davor gibt es die mitunter harten Lehrjahre vor der Weltkarriere, "It´s A Long Way To The Top If You Wanna Rock N´ Roll" wussten schon AC/DC. Die Fortsetzung folgt dann eben in "The Dirt", das noch immer eines der besten Rockbücher ever ist.

So einiges was man in "21 Jahre"  liest hat man dort bereist gelesen. Ob es bei Sixx nun also tatsächlich eine Trilogie an Biographien braucht (neben "The Dirt" erschien noch die Suchtchronik "The Heroin Diaries") sei einmal dahingestellt. Der Erfolg gibt dem Bassman der Hair Metal-Ikonen durchaus Recht, immerhin ist Sixx gerade in den USA ein äußerst populärer Bestseller-Autor, dem nicht nur das Songwriting im Blut liegt, sondern auch das Storytelling in seinen Büchern. 

 "21 Jahre" richtet sich eher an die Hardcore-Crüe Fans, die wirklich jedes Detail aus dem frühen Leben des Nikki Sixx wissen wollen. Dennoch ist diese Coming Of Age-Geschichte packend und kurzweilig - und immer dann am besten, wenn Sixx äußerst plastisch und anekdotenreich die Musik-Szene in der Stadt der Engel beschreibt.

 21 JAHRE  - WIE ICH NIKKI SIXX WURDE, erschienen im Hannibal Verlag

Dienstag, 21. Juni 2022

ALFRED WERTHEIMER: ELVIS AND THE BIRTH OF ROCK AND ROLL

Credit Bild: © Alfred Wertheimer / Courtesy Taschen 
Als der junge Fotograf Alfred Wertheimer im Jahre 1956 den Auftrag annahm einen amerikanischen Sänger und Gitarristen aus Tupelo, Mississippi zu begleiten war das Phänomen Rock N´ Roll erst wenige Jahre alt. In zuvor ungehörter Weise hatte jener Mann, den Wertheimer fotografieren sollte, die weiße und schwarze Musiktradition zu Rockabilly und Rock N´ Roll verschmolzen und damit den in Echo getränkten Sound einer Revolution geschaffen. Der Name dieses Mannes war Elvis Aaron Presley, die Bilder die Wertheimer von dem neuen amerikanischen Star schießen sollte wurden nicht nur Dokumente einer Ära sondern auch karrierebestimmend für den Fotografen selbst.

Passend zum Kinostart von Baz Luhrmanns Elvis-Biopic legt der  Taschen Verlag  seinen bereits vor einigen Jahren erschienen Bildband mit Wertheimers Aufnahmen neu auf. Diese Edition ist etwas kompakter als die großformatige ältere Auflage, auch das Covermotive wurde geändert und den Buchrücken ziert nun ein  goldener Prägedruck. Gleich geblieben ist, dass dieses Buch in hervorragender Weise die  Zeit  nach Elvis´  Pionieraufnahmen bei Sam Philips legendären Sun Records in Memphis dokumentiert.

Auffallend ist dabei die geringe Distanz zwischen dem Star und dem Fotografen, der stets sehr nah dran am Geschehen war und durch seine Momentaufnahmen den Alltag des Kings in plastischer Weise nachvollziehbar macht. Wertheimer dokumentierte nicht nur Presleys Arbeit auf der Bühne oder wie er von Massen von Fans bestürmt wird, sondern begleitete den King auch in Momenten abseits des gleißenden Scheinwerferlichts und der öffentlichen Aufmerksamkeit - etwa  bei Recording Sessions im Studio oder auch in ganz privaten Momenten. Auch als unter jenes Kapitel ein Schlussstrich gezogen wurde und der Soldat Elvis jenes Schiff  bestieg, das ihn nach Deutschland bringen sollte, war Wertheimer mit seiner Kamera dabei.

Credit Bild: © Alfred Wertheimer / Courtesy of Taschen 

Credit Bild: © Alfred Wertheimer / Courtesy of Taschen 
Credit Bild: © Alfred Wertheimer / Courtesy of Taschen 
Die ebenso expressiven wie ikonischen Aufnahme einer Ikone machten den Mann, der den Auslöser betätigte, selbst berühmt. Sein beeindruckendes Gespür für perfekte, atmosphärische Bildkomposition merkt man auf jeder Seite. Zudem sind die hier gezeigten Bilder nicht nur großartige Werke der frühen Phase moderner Musik-Fotografie sondern auch Zeitdokumente einer Ära, als das Genre des Rock N´ Roll noch jung war.

Credit Coverbild: © Alfred Wertheimer Taschen 
Alfred Wertheimer:Elvis And The Birth Of Rock And Roll
Alfred Wertheimer. Chris Murray, Robert Santelli, Hardcover, 22,4 X 31,6cm, 336 Seiten, taschen.com

MUHAMMAD ALI 80: THE FIGHT

 

Credit Coverbild: © Taschen 

SCHWERGEWICHTIGE RETROSPEKTIVE AUF EINEN JAHRHUNDERT-SPORTLER RUNDE 2

10 Millionen steuerfreie Dollar Preisgeld, ein Boxkampf mit hochpolitischen Dimensionen, gut 60. 000 Fans die martialisch enthusiasmiert "Ali Bomaye" ("Ali, Kill Him") skandieren, extreme Hitze,  ein Diktator,...und ein Ringkampf mit einem Alligator?

Die Ingredienzen für das im neuen Bildband "The Fight" dokumentierte Event sind gelinde gesagt spektakulär. Besagter "Fight" ist der legendäre "Rumble In The Jungle": Ali vs. Goerge Foreman am 30. Oktober 1974 in Kinshasa, Zaire (heute: Demokratische Republik Kongo). Für manche ist dies der wichtigste Kampf in Alis gesamter Karriere, für andere nichts weniger als das größte Sportereignis aller Zeiten. In jedem Fall handelt es sich um einen prägenden Moment für den afrikanischen Kontinent sowie eines der denkwürdigsten Comebacks im Boxsport (Ali holte sich dort jenen Weltmeistertitel zurück, dem man ihn in den USA - politisch motiviert aufgrund seiner Wehrdienstverweigerung- aberkannt hatte),

Der ebenso berühmte wie berüchtigte Boxpromotor Don King tat alles dafür, dass der Showdown zwischen dem damals bereits 32-jährigen und in zuvor absolvierten Kämpfen nicht mehr haushoch überlegenen Ali und George Foreman, den als Buchmacher-Favorit der Nimbus des Unbesiegbaren umgab, zu einem medialen Großereignis wurde.  Zaires Diktator Mobutu Sese Soko konnte von King überzeugt werden, den Fight in seinem Reich abzuhalten, gute Promo für das arme Land war damit gewiss. Ganz nebenbei würde das immense Preisgeld durch diesen Austragungsort nicht von der amerikanischen Steuerbehörde belangt werden können. Im Rahmenprogramm fand überdies ein überaus prominent besetztes Konzert mit Stars wie B.B. King, James Brown Miriam Makeba, The Spinners und  The Crusaders statt.

All dies hätte schon gereicht um den "Rumble" zu einem bemerkenswerten Event zu machen. In diesem Fall kam jedoch noch eine politisch brisante Komponente hinzu. Ali, der sich schon im Jahrzehnt zuvor kein Blatt vor den Mund genommen hatte, wenn es um die Rechte der Schwarzen ging, wurde von der Bevölkerung Zaires als einer der Ihren und sogar als Repräsentant Afrikas gesehen. 
Forman hingegen wurde als Vertreter der weißen Amerikaner geradezu geschmäht. Dass er sich noch dazu einen PR-Fauxpas leistete, in dem er in Zaire mit einem deutschen Schäferhund auftrat (einem Symbol für die traumatische Kolonialismus-Vergangenheit des ganzen Kontinents) tat sein Übriges. Von seinem Sieg zeigte sich der stets selbstbewusste Ali im Vorfeld überzeugt: Das "Wrestle With An Alligator"-Zitat vom Beginn dieses Reviews stammt aus einer seiner ebenso legendäre gewordenen Pre-Fight-Reden, mit denen er unterstrich wer  hier "the baddest boxer in town" ist.

Credit Bild: © Neil Leifer   Taschen 

Credit Bild: © Neil Leifer   Taschen 

Credit Bild: © Neil Leifer   Taschen 

Credit Bild: © Neil Leifer   Taschen 
Mit dabei in Zaire war auch Autor und Journalist Norman Mailer. Sein Augenzeugenbericht über den "Rumble In The Jungle"  bildet den Textteil dieses Bildbands und ist eine Sternstunde kreativen Schreibens und eine der  Benchmarks für mitreißende Berichterstattung. Warum dieser unterhaltsame Artikel in diesem doch recht umfangreichen Großformatband nur in gekürzter Version reproduziert wurde, bleibt allerdings ein Geheimnis. Die Stimmung die damals in Zaire herrschte und die Faszination dieses Kampfs, der seinerzeit ein Milliardenpublikum vor die TV-Schirme lockte, lässt sich durch die Verbindung von Mailers ungemein mitreißenden Beschreibungen und den dynamischen Fotografien Neil Leifers dennoch sehr gut nachvollziehen.

Norman Mailer. Neil Leifer. Howard L. Bingham. The Fight Hardcover, 28 x 33,8 cm, 2,72 kg, 260 Seiten ISBN 978-3-8365-9149-2 Ausgabe: Englisch taschen.com

MUHAMMAD ALI 80: GREATEST OF ALL TIME


Credit Bild: ©  GOAT/Taschen 

SCHWERGEWICHTIGE RETROSPEKTIVE AUF EINEN JAHRHUNDERT-SPORTLER RUNDE 1 

"Float like a butterfly, sting like a bee" - mit diesem für damalige Verhältnisse höchst ungewöhnlichen und eigenwilligen Kampfstil revolutionierte Muhammad Ali den Boxsport. Leichtfüßig tänzelnd  brachte er nicht nur seine Kontrahenten zu Fall sondern auch eine neue athletische Dynamik ins Schwergewichts-Boxen. Dass der medial ungemein präsente Ali damit gleich einen eigenen Slogan hatte, war letztlich nur folgerichtig. 

Denn anders als zahlreiche durchaus nicht unprominente Boxer vor ihm war er selbst recht schnell zu einer Marke geworden. Den amerikanischen Traum personifizierte der 1942 in Louisville, Kentucky als Cassius Clay in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene Sportler sowieso. Doch die "Brand" Ali begeisterte selbst jene an, die sich sonst eher wenig mit dieser Sportart befassten, wodurch sein Einfluss nicht an den Pfosten des Rings endete. Zu konstatieren, dass mit ihm der Prototypus des modernen Boxers geboren wurde, ist ein Superlativ das dem selbstbewussten Ali wohl durchaus gefallen hätte. Darüber hinaus ist dies nicht einmal eine Übertreibung. Vieles von dem was heute aus dem Boxsport nicht mehr wegzudenken ist - mediale Inszenierung und Provokationen des Gegners vor dem Kampf inklusive - geht großteils auf jenen Mann zurück, der sich selbst einmal als "The Greatest" bezeichnet hatte.

Heuer wäre er 80 Jahre geworden (Ali der lange unter Parkinson gelitten hatte, starb 2016 nach einem septischen Schock). Anlässlich dieses runden Jubiläums erscheinen im Taschen Verlag zwei großformatige Bildbände, in der man die ebenso außer- wie ungewöhnliche Karriere dieses Jahrhundert-Sportlers Revue passieren lassen kann.
Credit Bild: © GOAT/Taschen 

"Greatest Of All Time" - kurz GOAT -  dokumentiert den Aufstieg Clays/Alis, seine größten Fights, die Erfolge und auch die Rückschläge. Die ursprüngliche Erst-Auflage von GOAT war eine limitierte "Collector´s Edition", die günstigere  Neuauflage wurde von satten 23 Kilo auf unter 7 Kilo abgespeckt - in die echte Leichtgewichtsklasse fällt dieser Band damit letztlich jedoch noch immer nicht. 

Durch extra für dieses Buch geschriebene Essays sowie eine Auswahl der besten historischen Artikel und Interviews hat dieser Hochglanz-Bildband Züge einer Biographie. Die gezeigten Aufnahmen sind teils spektakulär, Bilder wie Neil Leifers Shot von Ali, der den am Boden liegenden Sony Liston zum Weiterkämpfen auffordert, gehören zu den ikonischen Momenten der Sportfotografie - und unterstreichen den "Larger Than Life" Charakter der Hauptfigur dieser Monographie, die sowohl den Appeal dieses Sportler nachvollziehbar macht - und  Ali auch als Teil der Popkultur zeigt. 

Ein Boxkommentator würde über dieses Buch wohl atemlos "It´s a Knockout" in sein Mikro rufen.

Credit Bild: ©  Neil Leifer, GOAT/Taschen 
Greatest of All Time. A Tribute to Muhammad Ali Hardcover mit Ausklappseiten, 33 x 33 cm, 6,86 kg, 652 SeitenISBN 978-3-8365-2067-6 Ausgabe: Englisch   taschen.com

SIMON MCBRIDE – THE FIGHTER

Credit Coverbild: © earMusic
Besucher der ersten Deep Purple-Gigs seit Beginn der Corona-Pandemie werden derzeit ein neues Gesicht an der Sechssaitigen erkennen. Denn Steve Morse, der langjährige Gitarrero der Rock-Legenden fällt erstmals seit 1996 für längere Zeit aus. Familiäre Verpflichtungen (Morse 
kümmert sich um seine krebskranke Ehefrau) haben zu diesem temporären Besetzungswechsel geführt.  

Erstklassigen Ersatz für Morse fanden 
Ian Gillan & Co. in Simon McBride - für viele noch kein "Household Name",  Szenekennern jedoch für seine beeindruckenden Fähigkeiten am Instrument, solide Soloplatten sowie seine Kollaborationen mit Ex-Whitesnake-Musikern  sowie mit Purple-Sänger Ian Gillan und Don Airey bekannt.

McBride stammt aus Belfast, eines jener Pflaster auf der grünen Insel,  welches für einige Virtuosen bekannt ist. Dass etwa Gary Moore ein prägender Einfluss für McBride war und ist,  hört man klar heraus. Überhaupt erinnern so einige Merkmale in seinem Stil  an die Großen der Gitarrenzunft: gerade was seine Präzision und seine Affinität zu melodischen Soli und lässigen Riffs anbelangt.Es sind dies auch jene Merkmale die sein neu erschienenes, biographisch gefärbtes Solo-Album,  „The Fighter“ prägen. 

Auch ohne ganz große Hitsongs im klassischen Sinne ist dieses im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne stehende Werk ein Genuss für gitarren-affine Zuhörer -  nicht zuletzt aufgrund  der  großartigen Sounds, die McBride seinen Instrumenten entlockt und der  immens druckvollen und dynamischen Produktion.


Mittwoch, 15. Juni 2022

Paul McCartney 80: Eine Biographie in Songtexten

 

Credit Bild: © C.H. Beck Verlag
Anders als ein Großteil seiner Kollegen, die so wie er in den Sechzigern Berühmtheit erlangten, hat Paul McCartney bislang tatsächlich nie Memoiren verfasst. Das Beleuchten dieses besonderen Lebens, welches ihn von Liverpool in die Ruhmeshalle der Pop- und Rockgeschichte führte, überließ er so stets anderen. Bis jetzt. Denn kurz vor seinem 80. Geburtstag legte Sir Paul mit „Lyrics“ doch noch so etwas wie eine Rückschau auf sein bisheriges Leben und seine Karriere vor. Anders als es der Titel zunächst vermuten lässt, ist dieser aufwendig gestaltete Doppelband im Schuber jedoch nicht nur eine Sammlung von Songtexten sondern eine detaillierte Autobiographie - wenngleich eine eher unkonventionelle, geht Sir Paul hier doch nicht chronologisch vor sondern entwirft eine Retrospektive anhand einer Auswahl seiner Werke. Und das ergibt Stück für Stück oder Lied für Lied ein sehr detailliertes Bild dieser Legende.

Den Schlüssel zum Verständnis dieses faszinierenden Buchs liefert der Musiker im Vorwort gleich selbst: „Unzählige Male wurde ich schon gebeten, eine Autobiografie zu schreiben, aber nie war die richtige Zeit dafür. Meist zog ich Kinder groß oder war auf Tournee – beides ist nicht ideal, wenn man sich über lange Strecken konzentrieren möchte. Das einzige, was immer ging, egal ob zu Hause oder unterwegs, war Songs zu schreiben. Wenn Leute erst mal ein gewisses Alter erreicht haben, greifen sie gerne auf Tagebücher oder Terminkalender zurück, erinnern sich Tag für Tag an vergangene Ereignisse, aber solche Aufzeichnungen habe ich nicht. Was ich habe, sind meine Songs – hunderte – und eigentlich erfüllen sie denselben Zweck. Sie umspannen mein gesamtes Leben.“  

Ein ganzes Leben in den Zeilen von Liedern, bei McCartney trifft dies in besonderem Maße zu. Über 400 Songs hat er geschrieben, 150 wurden für "Lyrics" ausgewählt und repräsentieren die unterschiedlichen Stationen und Entwicklungen eines Künstlers, der zwar schon früh seine ganz persönliche Handschrift gefunden hat und dennoch bis heute neugierig und experimentierfreudig geblieben ist. 24 Gesprächs-Sessions zwischen McCartney und dem Dichter und Pulitzer-Preisträger Paul Muldoon, die zwischen 2015 und 2020 stattfanden,  bilden die Basis dieser Bände. Der irische Poet fungierte dabei als Editor der  Erinnerungen des Songpoeten. Der informell-sympathische Stil der McCartney´schen O-Töne ist dem Fan aus unzähligen Interviews wohlbekannt. Hier geht er beinahe in „Amarcord“-Manier zurück zu seiner Kindheit im Nachkriegs-Liverpool und dem Ursprung seiner musikalischen Passion.  Schon früh zeigte sich bei dem Jungen aus der englischen Hafenstadt ein untrügliches Gespür für Ton- und Akkordfolgen. Als Vierzehnjähriger begann er Songs zu schreiben, er selbst spricht von einem instinktiven Akt. Zunächst studierte er seine Rock N´ Roll-Idole und lernte anhand deren Aufnahmen das Hit-Handwerk. Schnell erwies sich der junge Autodidakt als geborener Songwriter,  Anknüpfungspunkte bei den gleichaltrigen Kids der Nachbarschaft boten sich dem jungen Paul mit diesem Talent jedoch nicht, erst als er den von der gleichen Musik faszinierten John Lennon traf, fand er einen Gleichgesinnten. Immer wieder sind es auch die Konstanten und roten Fäden, die sich durch das Werk McCartneys ziehen, die hier noch deutlicher sichtbar werden. Etwa wenn es um den tragischen, frühen Tod der Mutter geht. Deren Verlust versuchte McCartney im frühesten hier vorgestellten Song  „I Lost My Little Girl“ zu verarbeiten, später nahm  "Mother Mary" dann eine zentrale Rolle in den Lyrics von  „Let It Be“ und auch in „Yesterday“ ein. 

In den Lyrics und  Erinnerungen erfährt man viel über den Menschen hinter der Legende und was ihn zu seinen Songs und empathischen Texten inspirierte. Dass Sir Paul einer der produktivsten Songwriter der neueren Musikgeschichte ist, war natürlich schon lange vor diesem Doppelband bekannt - die schiere Konzentration von 156 Stücken, von denen doch ein Gutteil entweder ein ikonischer Klassiker ist, Hit-Status genießt oder zumindest einen bemerkenswerter Album-Track darstellt, beeindruckt dennoch. Zudem zeigen diese Bücher erneut McCartneys immense Bandbreite, die von tiefgehender Introspektion ("Yesterday") über das allzu Weltliche („Why Don´t We Do It In The Road“ vom „weißen Album") bis hin zum Hymnisch-Spirituellen ("Hey Jude") reicht.

Paul McCartney – Lyrics von Paul McCartney, Paul Muldoon (Editor), Zwei Bände im Schuber (Leinen). 912 S. mit ca. 647 Abbildungen, erschienen in deutscher Übersetzung im C.H. Beck Verlag

TASCHEN WAREHOUSE SALE SOMMER 2022

©Taschen Verlag
Steigende Temperaturen, sinkende Preise - Letzteres kommt angesichts der momentanen wirtschaftlichen Entwicklungen doch eher selten vor. Beim in Kürze stattfindenden Warehouse Sale des Taschen Verlags - mittlerweile ein fast schon als traditionell zu bezeichnender Event -  kann man jedoch selbst in Zeiten wie diesen ein bisschen sparen:  denn auch heuer gibt es in den beiden deutschen Flagshipstores in Berlin und Köln sowie im Web bis zu - 75 % Rabatt auf Display- und Mängel- Exemplare dieser aufwendigen Bildbände mit bleibendem Wert und hohem Sammel-Faktor.

Die Bandbreite der Bücher ist dabei extensiv und reicht von einer Basquiat-Werkschau im XL-Format über eine Retrospektive auf das Leben der Queen hin zu einer Exploration der wegweisenden Bildsprache Peter Lindberghs - and all points in between.
Coffee Table-Aficionados die sich dem bibliophilen Eskapismus hingeben wollen sollten sich daher folgende Daten im Kalender vormerken: 

 Mittwoch 22.06. bis Samstag 25. 06. 2022
in den Flagship-Stores 
Taschen Store Berlin (Schlüterstraße 39)
Taschen Store Köln (Neumarkt 3)

Online Donnerstag 23.06. bis Sonntag 26.06.2022
www.taschen.com
On Display: ein Blick in den Flagship Store in Köln
©Taschen Verlag

Dienstag, 14. Juni 2022

IL VOLO SINGS MORRICONE

 

  Credit Coverbild: © Masterworks (Sony Music)
Die drei jungen Stimmwunder Piero Barone, Ignazio Boschetto und Gianluca Ginoble alias Il Volo zählen seit einigen Jahren zu den erfolgreichsten Künstlern des Operatic Pop -  jenem Subgenre, das in gefälliger, massenkompatibler Manier klassischen Gesangs zur Samstagabend-Show und auf die Bühnen abseits der Opernhäuser und Festspielorte bringt. 
Ob beim San Remo-Festival, dem Eurovision Songcontest, im Schlagerumfeld  bei der "Gartenparty der Stars" im heimischen TV oder in ausverkauften Venues in "bella italia" - das Drama und die große Emotion ist  bei dem Trio mit Schmalz und Schmelz in der Stimme gewiss.

Auf ihrem neuen Album haben sie sich nun Ennio Morricone und dessen unvergesslichen Melodien gewidmet. Angesichts des doch eher am Mainstream angesiedelten Images Il Volos wird diese Kombination manchen Morricone-Fan wohl eher verwundern  - war der Maestro doch selbst Verfechter einer ernsten und komplexen "musica assoluta"  und komponierte zwar melodiöse, jedoch gleichzeitig avantgardistische Stücke. Gleichzeitig arbeitete Morricone allerdings auch immer wieder mit Popgrößen wie Milva, dem Spatz von Avignon Mireille Mathieu oder Dulce Pontes zusammen - und hier will sich nun auch das Il Volo-Projekt einreihen.

Entstanden ist es mit Beteiligung der Familie Morricones, Sohn Andrea schrieb selbst Liedtexte für dieses Album. Dirigent Marcello Rota führte das Roma Sinfonietta Orchestra, welches seit seiner Gründung intensiv mit Morricone zusammengearbeitet hatte, klanglich an Orte wie Almería und ins Monument Valley, die Teil des kollektiven Gedächtnis von Cineasten weltweit sind.  Jazz-Trompeter Chris Botti, Cellist Hauser und Geiger David Garrett absolvieren Gastauftritte. 

Ob dieses Album gelungen ist, hängt vor allem davon ab, ob der Zuhörer eher Morricone oder eher Il Volo Fan ist. Wer beim anschwellenden Intro von "Jill´s Theme" aus "Once Upon A Time In The West" nicht an Claudia Cardinale denkt, die an der Bahnstation vergebens darauf wartet, abgeholt zu werden,  wird vermutlich mehr Gefallen an der wenig subtilen, maximalistischen Herangehensweise des Belcanto-Trios finden. So schön ihre Stimmen auch sind, die Nuancen der Originale - die ohne Text oder nur mit dem legendären Koloratur-Gesang Edda Dell´Orsos  gewaltige Emotionen, die vom persönlichen Verlust bis zum Untergang des alten Westens vertonten -  vermögen die Neuaufnahmen nicht zu transportierten. Dass mit dem Stück "Il colori dell´amore" eine Rarität dabei ist (erstmals aufgeführt 2021, also nach Morricones Tod ) macht dieses Album für Sammler dennoch interessant. 

Dienstag, 7. Juni 2022

YELLO 40 – OH YEAH

 Copyright: Boris Blank, Dieter Meier, Edition Patrick Frey, 2021
Wenn es um die Musikmetropolen dieser Welt geht, mag man vielleicht nicht direkt an das schöne Zürich denken. Umso bemerkenswerter ist es daher, dass die größte Stadt der Schweiz immer wieder zum "Hotbed" für Pionierleistungen in unterschiedlichsten Musikgattungen wurde. Sei es im Extrem-Metal mit Celtic Frost oder in der elektronischen Musik wie bei Yello, die in geradezu visionärer Manier die Grenzen dieses Genres ausloteten.

Vor etwas mehr als 40 Jahren machten sich Yello erst mal daran mit Tonband, Schere und Witz den Dadaismus und die Aktionskunst in die Diskos zu bringen. Nach anfänglichen avantgardistischen  Geräusch-Experimenten fanden Boris Blank und Dieter Meier (sowie in der Frühphase Carlos Perón) ihren eigenwilligen Sound - vermeintliche Dogmen und Genre-Grenzen interessierten sie dabei ebensowenig wie der Kantönli-Geist. Die Elektro-Szene war damals noch nicht so poliert-kommerziell wie heute, der durchaus anspruchsvolle und experimentelle Sound Yellos traf daher genau den Zeigeist. Anders als unzählige andere Innovatoren, die ihrer Zeit voraus waren, konnten Yello die Früchte ihrer Arbeit auch gleich ernten: kurz nach Ihrer Gründung stand die Band  schon in der legendären  New Yorker Disco Roxy  - und wurde Zeugen welche enthemmende Wirkung ihre Single "Bostich" auf die Party Crowd hatte. Alben wie "Solid Pleasure", "You Gotta Say Yes To Another Excess" oder  "Flag" und  Singles wie "Oh Yeah" und "The Race" konsoliderten den Ruf Yellos, die heute einen festen Platz im Pantheon der Pioniere elektronischer Pop-Sounds innehaben.
Noch heute wirken ihre Stück innovativ und modern. Vieles was heute in der EDM Standard ist, wäre ohne die Ideen von Meier & Blank streng genommen nicht denkbar, Stichwort: Elektro Swing.

Copyright: Boris Blank, Dieter Meier, Edition Patrick Frey, 2021

Copyright: Boris Blank, Dieter Meier, Edition Patrick Frey, 2021

Copyright: Boris Blank, Dieter Meier, Edition Patrick Frey, 2021
"Yellow 40 - Oh Yeah" ist nun die zum Jubiläum erschienene Festschrift: eine Monographie die  - analog zur Ästhetik der Gruppe - eher an einen Kunstband als an ein Musik-Coffee Table Book erinnert.
Blank und Meier wühlten in ihren Privat-Archiven  und förderten dabei Polaroids, Poster, Briefe, Fanzine-Reviews, Skizzen und private Erinnerungsbilder von einem Ausflug nach Kuba zu Tage - ebenso  wie die handgeschriebenen Noten zum Nachspielen von "Bostich" .  Gerade die Entwicklung Yellos zum international anerkannten Phänomen und die Sturm und Drang-Phase in der Geburtsstadt des Dadaismus lassen sich so sehr gut nachvollziehen.
Yello das war letztlich nie nur ein Musikprojekt sondern immer auch ein Gesamtkunstwerk.  Die  Lust an der (Selbst-)Inszenierung und an der Pastiche merkt man hier jedenfalls auf jeder Seite. So ist dieses Buch wie ein Yello-Videoclip - nur eben zum Durchblättern.

Copyright: Boris Blank, Dieter Meier, Edition Patrick Frey, 2021
Boris Blank / Dieter Meier Oh Yeah – Yello 40 Nº 335 Design: Aaron Fabian Mit Texten von Hanspeter „Düsi“ Kuenzler in Deutsch und Englisch Hardcover 450 Seiten 723 Farbabbildung 21 x 29.7 cm ISBN 978-3-90736-35-2