Freitag, 11. März 2022

Antonioni´s BLOW-UP: Ein bibliophiler Blick hinter die Kulissen eines Sixties-Kultfilms

 

Credit Coverbild: © Steidl
Es gibt Kultfilme und es gibt Filme, die über begeisterte Bewunderung in reklusiven Zirkeln eingeschworener Filmbuffs weit hinausgehen und zu übergreifenden popkulturellen Phänomenen werden, die es vermögen einen Einfluss auszuüben, welcher auch Jahrzehnte später noch spürbar ist: „Blow Up“ von Michelangelo Antonioni aus dem Jahre 1966 ist fraglos ein solch seltener Fall.
Der ganze Streifen und die Suche der Hauptfigur (David Hemmings) nach der Wahrheit bzw.  einer Leiche, die er meint auf einem von ihm geschossenen Foto entdeckt zu haben, ist eine Metapher auf die Sechziger-Jahre selbst und gleichzeitig eine Zeitkapsel  für den Zuseher.
In ihr wird er in ein pulsierendes London am Ende der Mod-Ära und an der Schwelle zum Hippie-Phänomen transportiert. Der Streifen ist ein Schlüsselwerk des Sixties-Kinos und wird bis heute
immer wieder zitiert – ob in der Mode mit Hemmings´ zeitlos schickem Outfit aus Hemd, weißen Jeans und Chelsea Boots oder in einer von Martin Scorsese inszenierten Chanel Parfum Werbung.

Vergegenwärtigt man sich all dies, ist es umso erstaunlicher, wie wenig (sprich: so  gut wie keine) Bücher es über diesen besonderen Film gibt. Eine Ausnahme ist der im Steidl Verlag erschienene Band „Antonioni´s Blow Up“ der Autoren Philippe Garner und  David Alan Mellor.
Das über 130 Seiten starke Hardcover-Buch (komplett in Englisch) ist hauptsächlich ein geradezu verschwenderisch gestalteter Bildband, der anhand von Szenenbildern und „on-set stills“ Teile des Films nacherzählt. Unterbrochen wird diese Bildstrecke lediglich durch einzelne Originalzitate des Regisseurs und Dialogfragmente aus dem Film. Somit richtet sich Garners und Mellors Werk  eindeutig an Leute, die „Blow Up“ schon wirklich gut kennen.

Die ausladende Fotostecke zeigt aber auch erneut überdeutlich das, was Antonioni-Fans seit jeher wissen: Der Italiener war einer der visuellsten Regisseure, seine Einstellungen sind perfekte Standfotos einem durchkomponierten Gemälde gleich.
Und „Blow Up“ ist natürlich reich an ikonischen Bildern: allein die hingegossene Verushka, wie sie von Hemmings in dessen Atelier abgelichtet wird……
 Dem Thema Fashion und Models sowie Medien widmet sich auch eines der beiden Essays am Ende des Buchs (das zweite setzt sich mit zeitgenössischer Kunst auseinander).
Beide Texte sind extrem interessant und äußerst lesenswert, heben sie doch  elementare Aspekte aus dem kulturellen Kontext in dem Film entstanden hervor.
Wer vom Film fasziniert ist, wird viel Freude mit dem ansprechend gestalteten „Antonioni´s Blow Up“ haben: ein echter Liebhaber-Band. 

Donnerstag, 10. März 2022

ANDRÉ BUTZER

Credit Coverbild: © Taschen Verlag
Ein Phänomen der meisten zeitgenössischen Kunstwerke und Popkultur-Produkte ist fraglos, dass so gut wie alles schon mal dagewesen ist. Everything Is A Remix.  Ein Gefühl von "Familiarity" beschleicht einen auch beim Betrachten der Werke des deutschen Malers André Butzer. Dessen Bilder wirken zwar überraschend frisch und zeitgeistig -  gleichzeitig weisen sie für den kunstaffinen Betrachter aber auch ein hohes Maß an Interkontextualität auf.
Mal zitiert er recht offensichtlich Basquiat und verweist im nächsten Bild auf japanische Comics. Bei Butzer treffen alte und neue Welt sowie die unterschiedlichsten Kunst-Stile aufeinander - oder besser, sie kollidieren regelrecht in kunterbunten Bildern, hinter deren teils grellen Farbexplosionen sich jedoch eine Auseinandersetzung mit existenzialistischen Fragen verbirgt.  Expressionismus knallt hier auf US-Popkultur. Abstraktes, die wiederkehrenden großen Comic-Augen entdeckt man in Bildkompositionen, die an die Art Brut gemahnen.

Europa auf der einen und Amerika auf der anderen Seite - Butzer arbeitet in genau diesem Spannungsfeld der Traditionen und zählt so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Friedrich Hölderlin, Edvard Munch, Walt Disney oder Henry Ford zu seinen Vorbildern Eklektizismus zieht sich als roter Faden durchs Werk des Stuttgarter Malers, der tunlichst versucht sich einer eindeutigen Schubladisierung oder  Kategorisierung zu entziehen.  

Von dieser,  sich teilweise erst auf den zweiten Blick offenbarenden Vielschichtigkeit kann man sich nun in einer neuen, im Taschen Verlag erschienenen Monographie über diesen ungewöhnlichen Künstler überzeugen.
Diese Coffee Table-Werkschau beleuchtet nicht nur die interessante Entwicklung Butzers sondern ist in der "Famous First Edition" auch auf 4000 Exemplare limitiert - und allein schon deshalb ein echtes Sammlerstück für Freunde moderner Kunst.
Credit Bild: ©   2021 André Butzer    Taschen Verlag

Credit Bild: ©   2021 André Butzer    Taschen Verlag

Credit Bild: ©   2021 André Butzer    Taschen Verlag

Credit Bild: ©   2021 André Butzer    Taschen Verlag

Credit Bild: ©   2021 André Butzer    Taschen Verlag
André Butzer, Hardcover, 28 x 33,7 cm, 3,23 kg, 428 Seiten,taschen.com

Freitag, 18. Februar 2022

FALCO - THE SOUND OF MUSIK

 Credit Bild: © Sony Curt Themessl  
Am morgigen Tag wäre Johann „Hans“ Hözel alias Falco 65 geworden - und auch 24 Jahre nach seinem Tod bleibt er eine geradezu unerreichbare Figur der österreichischen Musikszene. 
Denn trotz einiger bemerkenswerter Achtungserfolge heimischer Künstler ist der Falke noch immer der größte Star von internationalem Format, den Österreich in der Neuzeit je hervorgebracht hat. 

Der Appeal dieses Künstlers bleibt auch abseits von Jubiläen ungebrochen. Warum ? Das hat viele Gründe. Einerseits ist da seine Personality, die eigentlich stets zu groß für die Landesgrenzen Austrias schien. „Er war so exaltiert, because er hatte Flair“  - die von ihm kreierte Kunstfigur, mit unverwechselbarem Modestil, eigenem Duktus und Gestik, ein  Alter Ego im Bowie-Stil, war ein ziemlicher Kontrast zum damals vorherrschenden Bild der meisten Künstler aus dem deutschsprachigen Raum.
Andererseits steht da fraglos seine beispiellose Erfolgsbilanz - die erste nicht rein englischsprachige Nummer 1 der US-Billboard Charts ist und bleibt ein unglaubliches Achievement. Vor Falco gelang dies nur einem anderen Österreicher, nämlich Anton Karas mit seinem „Harry Lime/Third Man Theme“ zu Carol Reeds „Der Dritte Mann“ - und das war bekanntlich ein Instrumental.

Und dann ist da natürlich vor allem die Musik - zwar repräsentieren viele seiner Songs den 80er-Zeitgeist (den Falco auch definitely mitprägte) und stehen häufig sinnbildlich für die Aufbruchsstimmung im damaligen Vienna, doch fallen sie zu keinem Zeitpunkt in die Nostalgie-Category. Legt man Falcos Platten heute auf bzw. wählt man seine Songs auf dem Streamingdienst seines Vertrauens aus, wirken sie nach wie vor vollkommen zeitlos.

Anlässlich des Geburtstages der österreichischen Ikone ist mit „Sound Of Musik“ nun ein Best Of erschienen, das sowohl als herkömmliche CD, als Vinyl und - extrem kultig - als retrotastic Musikkassette erscheint.  Die ganz großen Falco-Hits werden darauf in chronologischer Reihenfolge präsentiert - beginnend im Jahr  1981 und „Ganz Wien“ bis hin zum 1998 veröffentlichten „Out Of The Dark“. Der Fokus liegt hier klar auf den bekanntesten Liedern. Frühere Veröffentlichungen dieser Art gingen da weitaus tiefer und beleuchteten auch diverse großartige Album-Tracks neben den offensichtlichsten Songs wie „Rock Me Amadeus“ oder „Der Kommissar“. Dem vielschichtigen Schaffen dieses vielseitigen Künstlers, dessen immense Bandbreite vom seiner Zeit vorauseilenden Elektro-Experiment bis zur jazzigen Dylan-Interpretation reichte, wird das „Sound Of Musik“-Best Of so nur bedingt gerecht.

Doch immerhin: drei rare Stücke, die so nicht auf früheren Greatest Hits-Releases zu finden waren, gibt es hier dennoch zu entdecken. Und zwar:

ROCK ME AMADEUS (EXTENDED CANADIAN/AMERICAN 2022 RE-EDIT): 1986 wurden zahlreiche Mixes und Edits von Falcos größtem Hit für den internationalen Markt produziert. Rund ein Dutzend verschiedene Versionen gibt es insgesamt, allerdings vereint keiner dieser Mixe sämtliche für diese neuen Abmischungen zusätzlich produzierten Elemente. 

BODY NEXT TO BODY (RADIO VERSION): dieser Mix wurde anno 1987 nur auf einer deutschen 7" Promo verwendet. Das orgiastische Stöhnen von Eighties-Sexbombe Brigitte Nielsen vor den beiden Strophen und auch bei Falcos Rap am Ende wurden hier entfernt. Ob das den Song besser macht oder nicht, liegt beim Zuhörer - diese Version waren jedenfalls bis heute nicht digital bzw. auf CD erhältlich.

DATA DE GROOVE (FULL LENGTH VERSION): Nur wer die (äußerst seltene), deutsche CD-Erstauflage von 1990 sein Eigen nennt, kam bisher in den Genuss dieser Version, die um gut  20 Sekunden länger ist als die bekannte Albumversion.

Mit 18 Tracks ist diese Compilation durchaus eine sehr knappe Retrospektive - die als kompakte Introduction zum "Body Of Work" dieses Phänomens jedoch dennoch durchaus gelungen ist und aufgrund der Bonus Tracks auch ein paar kleine Schmankerln für Sammler bereit hält. 

Credit Bild: © Sony 


ROCK CLASSICS # 34: METALLICA - Das Sonderheft

Credit Coverbild: © Slam Media GmbH
30 Jahre Black Album, 40 Jahre Bandbestehen - die jüngsten Anniversaries im Hause der Heavy-Ikonen Metallica sind zahlreich und beeindruckend - und Anlass genug für den Slam Media Verlag seine ursprünglich 2010 erschienene Ausgabe der „Rock Classics“ über die Metal-Heroen aus San Francisco neu aufzulegen.

Die CD, die seinerzeit dieses Heft begleitete hat, fehlt diesmal – geblieben sind die fundiert gestaltete, karriereumspannende Retrospektive  sowie die äußerst lesenswerten und informativen Interviews – u.a. mit  Gitarrero Kirk Hammett und vielen Personen, die für die Karriere Metallicas entscheidend waren: unter ihnen Megaforce-Labelgründer Jon Zazula, Michael Wagener (der gebürtige Deutsche mit der Weltkarriere mixte „Master Of Puppets“) oder der Produzent der frühen Thrash Metal-Großtaten, Flemming Rasmussen.

Allein schon deshalb ist dieses Hochglanz-Heft auch für jene Leser empfehlenswert, die mit der Biographie der Bay Area-Legenden bereits bestens vertraut sind.

Montag, 31. Januar 2022

MARVEL COMICS LIBRARY: SPIDER-MAN VOL. 1 1962-1964

Credit Bild:© Taschen Verlag
An den heimischen und internationalen Kinokassen avancierte das jüngste filmische Abenteuer des beliebtesten und selbst von ausgewiesenen Arachnophobikern gemochten Spinnenmann zu einem der ersten richtigen pandemischen Blockbuster - das Marvel´sche Multiverse als Retter der gebeutelten Multiplexes. „Spider-Man: No Way Home“  mit Tom Holland und Zendaya in den Hauptrollen  ist somit der jüngste Eintrag in der beeindruckend konstanten Erfolgsgeschichte amerikanischer Superheldenfilme, der mit seiner an den Zeitgeist und die Sehgewohnheiten der Generation Z angepassten Interpretation der klassischen Comic-Stories die ursprüngliche Essenz des Superhelden mit dem „Spider Sense“ allerdings auch stark verwässert. 

In eine völlig andere Richtung geht es beim neu erschienenen ersten Eintrag in der „Marvel Comics Library“ des Taschen Verlags - der Leser geht auf eine Reise zurück in jene Zeit, in der Marvel "nur" ein Verlag war und der Kult um Spider-Man begründet wurde. Es ist dies auch eine Trip zu den Anfängen Peter Parkers, der immer so ganz anders war als seine Kollegen aus Metropolis oder Gotham City. Kal-El alias Superman vom Planeten Krypton ist ein Außerirdischer und ein Wesen mit entsprechend übermenschlichen, angeborenen Fähigkeiten und Kräften. Batman/Bruce Wayne wiederum zählt zu den oberen Zehntausend und ist ein Multimilliardär der seinen Reichtum nutzt, um mit zahlreichen Gadgets und Vehikeln auf Verbrecherjagd zu gehen. Der von Stan Lee und Steve Ditko erschaffene Peter Parker/Spider-Man ist nichts von alledem. Vielmehr handelt es sich bei Peter um einen „All-American Teenager“, der nur aufgrund eines Zufalls - dem folgenschweren Biss einer radioaktiven Spinne - zu jenen für ihn auch belastenden Superkräften gelangt. Parker - diese Identifikationsfigur für unzählige mit der eigenen Pubertät und Adoleszenz ringenden Leser  - kämpft mit den bedrohlichen Superschurken beinahe ebenso wie mit all den normalen Sorgen und Nöten, die Jugendliche in aller Welt  teilen - ein Aspekt, der zu den wesentlichen Erfolgsfaktoren dieser Figur zählt. 

Die ersten Ausgaben von Spider-Mans Abenteuern zählen neben den frühen Action Comics- und Detective Comics-Heften,  in denen respektive Superman und Batman ihr Debut gaben, zu den ganz großen Sammelstücken der Comic-Literatur, die zu gesuchten Artefakte jener großen Pionierzeit des Genres geworden sind. Unsummen werden für Ausgaben, die die Zeit in den US-Kinderzimmern der 60er unbeschadet überstanden haben, hingeblättert. Im neu erschienen Prachtband „MARVEL COMICS LIBRARY: SPIDER-MAN VOL. 1 SPIDER MAN 1962-1964“ kann man diese Geschichten nun in besonders ansprechender Form nachlesen. Vom Heftchen hin zum riesigen Kunstband, in dem einerseits in Essays die kulturelle Bedeutung und Entstehungsgeschichte dieses ikonischen Helden beleuchtet werden und anderseits die ersten 21 Spider-Man-Stories in ansprechender Form reproduziert wurden.

Credit Bild: © Taschen Verlag

Credit Bild© Taschen Verlag

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Dieser gewichtige Archiv-Band reproduziert jedoch nicht nur die Vintage-Hefte sondern zeigt Spider-Man auch als Teil der großen amerikanischen Popkultur und zelebriert diese  Comic-Kunstwerke regelrecht  - vereinzelte darin gezeigte Close-Ups erinnern gar an Roy Lichtensteins Popart, stilisierte Makroaufnahmen gemahnen an heutige NFTs. 

Fans und Kenner des Superhero-Genres wird dieses Buch fraglos begeistern. Die Sixties-Comics weisen zwar noch nicht die vielschichtigen und düsteren Elemente der späteren Spider-Man-Interpretationen auf, wesentliche Elemente, die seine Abenteuer bis heute prägen, finden sich jedoch schon hier - ebenso wie die ersten Auftritte von Superschurken, die in Folge zu Stammgästen im Universum des Spinnenmanns werden sollten.

Marvel Comics Library. Spider-Man. Vol. 1. 1962–1964, David Mandel, Ralph Macchio Hardcover, 28 x 39,5 cm, 4,83 kg, 698 Seiten, Ausgabe: Englisch, ISBN 978-3-8365-8233-9, Taschen Verlag

Famous First Edition: Nummerierte Erstauflage von 5.000 Exemplaren

Donnerstag, 20. Januar 2022

TASCHEN SALE JANUAR 2022

©Taschen Verlag
Wer sich bei den diversen, geradezu obligatorischen Januar Sales weniger für die Styles der letzten Saison interessiert und sich nicht unbedingt (schon wieder) neu einrichten will, ist beim mittlerweile schon traditionellen Book Sale des Kölner Luxusverlags Taschen richtig. 

Coffee Table-Aficionados, die ob eisiger Temperaturen und der allgemeinen Omikron-Lage lieber in die Glamourwelt der Fashion Elite flüchten, hinter die Kulissen großer Filmklassiker blicken oder sich Inspiration für die nächste Reise holen wollen, können Ende Jänner bis zu - 75 % Rabatt auf Display- und Mängel- Exemplare dieser aufwendigen  Bildbände mit Sammelfaktor bekommen.

When & Where ? Der Sale findet sowohl in den beiden deutschen Flagshipstores in Berlin und Köln als auch im Web statt.
  
Hier die genauen Daten & Adressen: 

 Mittwoch 26.01. bis Samstag 29. 01. 2022
in den Flagship-Stores 
Taschen Store Berlin (Schlüterstraße 39)
Taschen Store Köln (Neumarkt 3)

Online Donnerstag 27.01. bis Sonntag 30.01.2022
www.taschen.com
Stylishes Interieur Design und Coffee Table-Bücher: ein Blick in den Flagship Store in Köln
©Taschen Verlag

Freitag, 14. Januar 2022

Paul McCartney - Lyrics

Credit Bild: © C.H. Beck Verlag
Anders als ein Großteil seiner Kollegen, die so wie er in den Sechzigern Berühmtheit erlangten, hat Paul McCartney bislang tatsächlich nie Memoiren verfasst. Das Beleuchten dieses besonderen Lebens, welches ihn von Liverpool in die Ruhmeshalle der Pop- und Rockgeschichte führte, überließ er so stets anderen. Bis jetzt. Denn kurz vor seinem 80. Geburtstag legt Sir Paul mit „Lyrics“ doch noch so etwas wie eine Rückschau auf sein bisheriges Leben und seine Karriere vor. Anders als es der Titel zunächst vermuten lässt, ist dieser aufwendig gestaltete Doppelband im Schuber jedoch nicht nur eine Sammlung von Songtexten sondern eine detaillierte Autobiographie - wenngleich eine eher unkonventionelle, geht Sir Paul hier doch nicht chronologisch vor sondern entwirft eine Retrospektive anhand einer Auswahl seiner Werke. Und das ergibt Stück für Stück oder Lied für Lied ein sehr detailliertes Bild dieser Legende.

Den Schlüssel zum Verständnis dieses faszinierenden Buchs liefert der Musiker im Vorwort gleich selbst: „Unzählige Male wurde ich schon gebeten, eine Autobiografie zu schreiben, aber nie war die richtige Zeit dafür. Meist zog ich Kinder groß oder war auf Tournee – beides ist nicht ideal, wenn man sich über lange Strecken konzentrieren möchte. Das einzige, was immer ging, egal ob zu Hause oder unterwegs, war Songs zu schreiben. Wenn Leute erst mal ein gewisses Alter erreicht haben, greifen sie gerne auf Tagebücher oder Terminkalender zurück, erinnern sich Tag für Tag an vergangene Ereignisse, aber solche Aufzeichnungen habe ich nicht. Was ich habe, sind meine Songs – hunderte – und eigentlich erfüllen sie denselben Zweck. Sie umspannen mein gesamtes Leben.“  

Ein ganzes Leben in den Zeilen von Liedern, bei McCartney trifft dies in besonderem Maße zu. Über 400 Songs hat er geschrieben, 150 wurden für "Lyrics" ausgewählt und repräsentieren die unterschiedlichen Stationen und Entwicklungen eines Künstlers, der zwar schon früh seine ganz persönliche Handschrift gefunden hat und dennoch bis heute neugierig und experimentierfreudig geblieben ist. 24 Gesprächs-Sessions zwischen McCartney und dem Dichter und Pulitzer-Preisträger Paul Muldoon, die zwischen 2015 und 2020 stattfanden,  bilden die Basis dieser Bände. Der irische Poet fungierte dabei als Editor der  Erinnerungen des Songpoeten. Der informell-sympathische Stil der McCartney´schen O-Töne ist dem Fan aus unzähligen Interviews wohlbekannt. Hier geht er beinahe in „Amarcord“-Manier zurück zu seiner Kindheit im Nachkriegs-Liverpool und dem Ursprung seiner musikalischen Passion.  Schon früh zeigte sich bei dem Jungen aus der englischen Hafenstadt ein untrügliches Gespür für Ton- und Akkordfolgen. Als Vierzehnjähriger begann er Songs zu schreiben, er selbst spricht von einem instinktiven Akt. Zunächst studierte er seine Rock N´ Roll-Idole und lernte anhand deren Aufnahmen das Hit-Handwerk. Schnell erwies sich der junge Autodidakt als geborener Songwriter,  Anknüpfungspunkte bei den gleichaltrigen Kids der Nachbarschaft boten sich dem jungen Paul mit diesem Talent jedoch nicht, erst als er den von der gleichen Musik faszinierten John Lennon traf, fand er einen Gleichgesinnten. Immer wieder sind es auch die Konstanten und roten Fäden, die sich durch das Werk McCartneys ziehen, die hier noch deutlicher sichtbar werden. Etwa wenn es um den tragischen, frühen Tod der Mutter geht. Deren Verlust versuchte McCartney im frühesten hier vorgestellten Song  „I Lost My Little Girl“ zu verarbeiten, später nahm  "Mother Mary" dann eine zentrale Rolle in den Lyrics von  „Let It Be“ und auch in „Yesterday“ ein. 

In den Lyrics und  Erinnerungen erfährt man viel über den Menschen hinter der Legende und was ihn zu seinen Songs und empathischen Texten inspirierte. Dass Sir Paul einer der produktivsten Songwriter der neueren Musikgeschichte ist, war natürlich schon lange vor diesem Doppelband bekannt - die schiere Konzentration von 156 Stücken, von denen doch ein Gutteil entweder ein ikonischer Klassiker ist, Hit-Status genießt oder zumindest einen bemerkenswerter Album-Track darstellt, beeindruckt dennoch. Zudem zeigen diese Bücher erneut McCartneys immense Bandbreite, die von tiefgehender Introspektion ("Yesterday") über das allzu Weltliche („Why Don´t We Do It In The Road“ vom „weißen Album") bis hin zum Hymnisch-Spirituellen ("Hey Jude") reicht.

Paul McCartney – Lyrics von Paul McCartney, Paul Muldoon (Editor), Zwei Bände im Schuber (Leinen). 912 S. mit ca. 647 Abbildungen, erschienen in deutscher Übersetzung im C.H. Beck Verlag

Montag, 10. Januar 2022

BEATLES - ALLE SONGS: Die Geschichten hinter den Tracks

Credit Bild: © Delius Klasing
Zwar wurde Willie Dixons „You Can´t Judge A Book By The Cover” von den Stones und nicht von den Beatles gecovert - doch zutreffend ist dieser Titel auch bei diesem interessanten Nachschlagewerk. Aufgrund des knalligen Retro-Covers könnte es der geneigte Leser beim Streifzug durch die Buchhandlung auf den ersten oberflächlichen Blick durchaus für ein Marketing-Buch aus den Achtzigern halten. Doch darum handelt es sich hier mitnichten, vielmehr verbirgt sich dahinter ein profundes musikhistorisches Werk.  

Das Autoren-Duo dieses Buchs ist Musik-Aficionados wohlbekannt: Jean-Michel Guesdon und Philippe Margotin beleuchten seit einigen Jahren die Legenden der Musikgeschichte in Form von ausführlichen Monographien – von den Rolling Stones über Bob Dylan zu Jimi Hendrix und Led Zeppelin. Dieser Band über die Liverpooler ist einer der ersten in einer neuen, günstigeren Reihe, die anders als die bisherigen Titel im Softcover erscheinen, eine Paperback (Writer) Edition also.

Das Format und Layout wurden zwar geändert bzw. leicht abgespeckt, der Inhalt  jedoch keineswegs. In gewohnt gut recherchierter Manier werden Bio- und Diskographie sowie die Geschichten hinter den Songs beleuchtet:  von den ursprünglcihen Ideen hin zu den fertigen Kompositionen, von den wegweisenden Aufnahmeprozessen mit George Martin hin zu den Instrumente.  Die Facts und Trivia-Dichte ist hier ähnlich hoch wie der Anteil der Bilder (über 300 Fotos).

Wie immer bei den Tteln von Guesdon und Margotin sind es gerade die übersichtliche Kompaktheit sowie der hohe Detailgrad, die den Mehrwert dieses lexikalen Werks ausmachen. Ein Band, der nicht nur für jene gedacht ist, deren persönliche Magical Mystery Tour erst mit der neuen Peter Jackson Doku begonnen hat – wenngleich dieses Buch als Einstieg in die Welt der Liverpooler Ikonen fraglos prädestiniert ist.

BEATLES –ALLE SONGS: Die Geschichte hinter den Tracks, von  Jean-Michel Guesdon, Philippe Margotin erschienen bei Edition Delius Klasing

Donnerstag, 23. Dezember 2021

THE BEATLES - GET BACK

 Credit Bild: Copyright: ©Apple Corps
Als die Sixties langsam aber sicher ausklangen, endeten nicht nur viele Hippie-Utopien - auch eine der wegweisenden und prägenden Bands jener Dekade stand vor dem Aus: Im Zeitraum von weniger als 10 Jahren hatten die Beatles mehrere Metamorphosen durchgemacht und dabei stets den Zeitgeist entscheidend mitgeprägt. John, Paul, George und Ringo waren vom Merseybeat-Phänomen zu Studiotechnik/ Psychedelik-Pionieren und schließlich „Rock Royalty“ geworden, doch 1969 waren die Spannungen innerhalb der Band nicht mehr zu übersehen. Jene Zeit erwies sich jedoch als nicht weniger produktiv. Trotz der teils sehr aufgeladenen Stimmung entstanden in jener Endphase zwei Alben, die einige der besten Songs in der gesamten Karriere der Beatles enthielten - „Abbey Road“ und „Let It Be“.

Die „Long and Winding Road“ zum legendären Rooftop-Concert und den Recording Sessions zu “Let It Be” stehen anno 2021 durch die „Get Back“-Dokumentation von „Herr Der Ringe“-Regisseur Peter Jackson besonders im Fokus. Begleitend dazu ist ein gleichnamiger Großformatband  erschienen, der wie eine kondensierte Version der Jackson-Doku wirkt. Ein neues Buch über die ikonischen Fab Four ist per se nun nicht unbedingt eine Seltenheit. Dieses ist dann aber doch ein bisschen etwas Besonderes, ist es doch das erste offizielle Beatles-Buch seit 20 Jahren.

Natürlich funktioniert es auch als eigenständiges Werk ohne dass man Jacksons epischen 468 Minuten langen Disney+ Dreiteiler gesehen hat. Doch einiges an Wissen über die Biographie der Beatles sollte der geneigte Leser schon mitbringen. Denn eine musikhistorische Einordung wird hier – abgesehen von den prominenten  Vorworten, verfasst von Peter Jackson,  Autor Hanif Kureishi und John Harris (Guardian, Mojo Magazine) – nicht vorgenommen. Im Zentrum des Buchs stehen einerseits eindrucksvolle Bilder von Rock N´ Roll-Photographer Ethan A. Russel und Linda McCartney als auch ausführliche Transkriptionen ausgewählter Gespräche im Studio und auf dem Apple Building - quasi der Film zum (nach)lesen. In „Fly on the Wall“-Manier wird der Leser so Zeuge der historischen Sessions und des letzten Live-Auftritts der GruppeEs sind Situationen und Dialoge aus denen sich einerseits die Spannungen die zum Ende der Band führten deutlich ablesen lassen, die jedoch auch dokumentieren wie nach und nach einige der ganz großen Klassiker der Musikgeschichte aufgenommen wurden. Das erinnert immer wieder an das Drehbuch eines Films oder auch an ein Theaterstück – und zwar ein sehr naturalistisches und realiätsnahes. Hier gibt es keine dick aufgetragenen „Eureka“-Moment wie bei manchem Musiker-Biopic. Vielmehr wird man Zeuge wie sich allmählich aus dem Alltäglichen das Besondere herauskristallisiert. Dass dieses Buch in Akte eingeteilt ist und zu Beginn die „dramatis personae" – John, Paul, George und Ringo - vorgestellt werden, verstärkt den Eindruck, dass man hier das "Drama vom Ende der Beatles" im O-Ton nachliest, noch. Ein Drama, das jedoch ähnlich wie Peter Jacksons "Get Back" auch die positiven und teils magischen Momente einfängt.

The Beatles - Get Back, 2021, Peter Jackson, Hanif Kureishi, The Beatles (Autoren), John Harris (Hrsg.)  erschienen bei Droemer Knaur 

Credit Coverbild:© Droemer Knaur 

Mittwoch, 22. Dezember 2021

DEEP PURPLE – TURNING TO CRIME

 Credit Coverbild: © earMusic  Edel

Dass Ruhestands-News oder die Presse-Aussendung zur nun wirklich allerletzten Farewell-Tour im Musik-Biz nicht unbedingt in Stein gemeißelt sind, ist durchaus bekannt. Im Falle Deep Purples waren die konkret-unkonkreten Gerüchte, dass es sich bei „InFinite“ (2017)  um das letzte Album dieser Rocklegenden handeln soll, allerdings besonders verfrüht. Denn seit jener mehr als soliden Platte befinden sich Ian Gillan, Roger Glover, Ian Paice, Don Airey und Steve Morse auf einem kreativen Höhenflug. Beinahe im Jahrestakt erscheint so ein neues Album. Nach  „Whoosh!“ aus dem Vorjahr steht nun mit „Turning To Crime“  das erste Purple-Studiowerk in den Läden , das ausschließlich aus Songs besteht, die nicht von der Band selbst geschrieben und zuvor von anderen Künstlern aufgenommen wurden – ein reines Cover-Album also.

Entstanden ist es quasi im Home Office bzw. großteils im jeweiligen Home Studio der Musiker. Und obwohl die allermeisten späteren Rock Heroen mit Cover-Versionen begonnen haben, liegt die Neuinterpretation der Songs anderer Künstler besonders tief in der DNA dieser Band. Man erinnere sich etwa an die die genialischen Coverversionen von Neil Diamonds „Kentucky Woman“, Little Richards „Lucille“ oder natürlich „Hush“. Letzterer zählt zu den Evergreens und Rock-Klassikern - stammt im Original aber gar nicht von Deep Purple (wenngleich die Briten fraglos die ultimative Version eingespielt haben) sondern wurde vom Songwriter Joe South für den Sänger Billy Joe Royal geschrieben.

2021 geht es für Purple jedenfalls zurück zu ihren Wurzeln und jenen Künstlern, die sie einst inspirierten. Die Song-Auswahl reicht dabei von Arthur Lees „7 and 7 Is“ über Creams „White Room“ und Fleetwood Macs „Oh Well“ hin zum Rock N´ Roll von  Huey „Piano“ Smith  und seinem „Rockin´ Pneumonia And The Boogie Woogie Flu“ - ein Titel, der in der heutigen Zeit natürlich originell ironisch anmutet, allerding keinesfalls eine aktuelle musikalische Bestandsaufnahme der pandemischen Situation darstellt, sondern aus den Fünfzigern stammt, einer Zeit, in der sich nur das Fieber einer neuen Jugend-Musik ausbreitete.. Das Album endet schließlich in einer Medley-Orgie in der Freddie Kings „Going Down“ in Booker Ts „Green Onions“ schmilzt und „Hot´Lanta“ der Allman Brothers langsam in „Dazed And Confused“ (Led Zeppelin) übergeht.

Ganz so zu Eigen wie das zuvor erwähnte „Hush“ machen sich Deep Purple zwar keinen der Songs auf „Turning To Crime“, doch präsentiert sich die Band auf diesem lässigen „Back To The Roots“-Ausflug dennoch in bestechender Form. Dass durch die Auswahl von Fremdkompositionen  die schere Bürde wegfällt, neue Songs „from scratch“ kreieren zu müssen, die danach mit Klassikern der Marke „Highway Star“ oder „Speed King“ mithalten können, gereicht dem Album überdies zum Vorteil.

Montag, 13. Dezember 2021

QUENTIN TARANTINO - ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD THE DELUXE HARDCOVER

 Credit Coverbild: © Reproduced by permission of Harper/an imprint of Harper Collins   
Einst erfreuten sich „Movie Novelizations“, also Romanfassungen bekannter Filme, großer Popularität. Obwohl es immer wieder Ausnahmen in Form von stilistisch bemerkenswerten Werken  gab und manche von Ihnen gar von den Drehbuchautoren selbst verfasst wurden, die auf den Seiten der Novelizations ihre Version der jeweiligen Filme realisieren konnten, waren sie meistens nicht die ganz große Literatur. Für arrivierte Kritiker stellten diese Büchlein daher immer eher etwas dar, dass man von oben herab betrachtete. Heute ist diese Roman-Gattung zwar nach wie vor existent aber in gewissem Maße im Dornröschenschlaf - von den bekannten „Star Wars“-Adaptionen und Ausnahmen wie dem 2014er „Godzilla“ einmal abgesehen, liegt die kommerziell Hochphase dieses einst beliebten Genres schon lange zurück.

Anders war all dies als Regisseur Quentin Tarantino vor gut einem halben Jahr mit der Adaption seines eigenen Films „Once Upon A TimeIn Hollywood“ seine Debut-Novel veröffentlichte, die zum etwas anderen Sommer-Hit am Büchermarkt wurde. Der Kult-Auteur wurde damit nicht nur zum Bestseller-Autor, der seinen ureigenen, von seinen Scripts und Filmen bekannten Stil erfolgreich auf die Seiten eines Romans übersetzen konnte. Tarantino legte mit dieser Erzählung auch ein Werk vor, das eine essayistische und intertextuelle Komponente und Tiefgründigkeit aufwies, die den alten Film Novelizations fehlte. Meine In Depth-Analyse dazu findet ihr hier.

Diese Erstausgabe war als Gesamtkunstwerk bis ins Detail den Vintage Mass Market Paperbacks nachempfunden, die man in früheren Zeiten meist nahe der Kasse vieler Supermärkte finden konnte. Im für solche Taschenbüchlein obligatorischen Werbesegment auf den letzten Seiten wurde dann eine Deluxe Edition der „OUATIH“-Novel angekündigt. Diese ist nun erschienen und hat etwas von einer gut ausgestatteten Blu Ray- Collector´s Edition, vereint sie doch eine ganze Reihe interessanter „Special Features".  

Der Kern - der Roman selbst - bleibt derselbe. Wir schreiben das Jahr 1969 in Los Angeles: Es ist eine Zeit der Wende. Das alte Studiosystem Hollywoods liegt endgültig in seinen letzten Zügen, die Schauspieler der Eisenhower-Ära sind zunehmend weniger gefragt – zu dieser Gruppe, die Gefahr läuft vollends an den Rand gedrängt zu werden zählt Rick Dalton (im Film gespielt von Leonardo DiCaprio). Er und sein Stunt Double Cliff Booth (Brad Pitt in seiner Oscar-prämierten Rolle) schlagen sich im Film-Biz durch während sich rund um sie die Industrie komplett verändert. Die Stars des Moments sind etwa Ricks neue Nachbarn, der Regisseur Roman Polanski und seine bezaubernde Frau Sharon Tate (Margot Robbie). Für Dalton bleiben vorerst nur die Optionen sich mit Rollen des "Bösewichts der Woche" in TV-Serien zu begnügen oder aber nach Italien zu gehen, um dort Spaghetti Western zu drehen. Unterdessen ziehen dunkle Wolken über der Stadt der Engel auf, denn die aus der Perversion der Hippie-Ideale entstandene Family Charles Mansons treibt ihr Unwesen.

Der Leser taucht auf den Seiten von Tarantinos Roman in eine Alternativ-Version der Filmhandlung ein, die den Plot erweitert, durch zusätzliche Szenen sowie mehr Rückblenden und Backstories ergänzt und teilweise aus einem anderen Blickwinkel gezeigt wird – und so das ganze Narrativ ändert.

Neben dem größeren Format der Deluxe Hardcover Edition fällt sofort das kunstvoll gezeichnete Cover auf, das eine der Schlüsselszenen aus dem Film und dem Buch zeigt: Die Ankunft Cliff Booths auf der Spahn Movie Ranch,  während seine Beifahrerin, Manson Girl Pussycat lasziv ihre Beine hochgelagert hat.

Darüber hinaus gibt es folgendes Bonusmaterial: 

  • Das „Incident At Inez -Script“: Tarantino schrieb für die fiktive, aber detailgenau an Vintage Western TV- Shows angelehnte Serie “Bounty Law“ ein Drehbuch, das hier in voller Länge nachzulesen ist.
  • Eine „Bounty Law“ Parodie des Mad Magazine, bei Alfred E. Neumann  heißt diese „Lousy Law“
  • Ein „Full Colour“-Bildersegment, das teilweise Szenen zeigt, die es nicht in den Film schafften
  • Filmplakate, Szenenbilder und Fotos von Memorabilia aus der fiktiven Karriere Rick Daltons

Die Hardcover-Ausgabe von „Once Upon A Time InHollywood“ - dieser ersten großen amerikanischen „pulp novel“ seit langer Zeit - ist eine überaus gelungene Edition und stellt für den Sammler so etwas wie ein Muss dar. Dank der Bonus Features der Hardback-Version weiß man nun, dass einige jener Szenen, die es nicht in den Film schafften bzw. nur im Buch vorkamen, tatsächlich  gedreht wurden. So macht diese attraktive Edition noch mehr Lust auf einen Extended Cut, über den in der Zeit seit der Kinopremiere 2019 immer wieder berichtet wurde.

QUENTIN TARANTINO - ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD THE DELUXE HARDCOVER, erschienen bei Harper/an Imprint of Harper Collins, englische Originalausgabe

HELMUT NEWTON - LEGACY

Yves Saint Laurent, Queen, Paris 1969
Credit Bild: © Helmut Newton Foundation Berlin
„Meine Fotografie ist wie „Film Noir“, wie „Pulp Fiction“  - Helmut Newton

Er verband den Hochglanz-Glamour einer unerreichbaren Society-Welt mit den dunklen Begierden, die sonst eher im Verborgenen gehalten wurden. Er brachte das Filmische, das Fetischistische und das Gewagte in die Modefotografie und war dadurch auch Wegbereiter einer künstlerischen Avantgarde und einer neuen Bildsprache. Mehr als fünf Jahrzehnte umspannt das Œuvre von Helmut Newton (1920–2004) und die Zeit seit seinem Unfalltod hat nur gezeigt, wie nachhaltig sein Einfluss ist: Man denke etwa an die Werke Mert & Marcus´ oder die Tabubrüche zeitgenössischer Fashion- und Kunst-Fotografie: sie alle wären ohne Helmut Newtons Rolle als Trailblazer geradezu undenkbar.

Die unverwechselbare „Aesthetic Vision“ Newtons  - schon früh rückte er starke Frauen ins Zentrum seiner Bilder und würde für seine Darstellung erotischen Powerplays in vielen seiner Werke ebenso gefeiert wie kritisiert - ist auch das Zentrum des neuen, begleitend zu einer aktuellen Ausstellung veröffentlichen Retrospektivbands „Legacy“.

Es ist dies natürlich bei weitem nicht das erste Coffee Table-Buch, das sich mit dem vielschichtigen Werk Newtons auseinandersetzt. Nicht zuletzt im Taschen Verlag ist bereits eine Vielzahl an Werkschauen erschienen, allen voran natürlich der kultige „Sumo“, „World Without Men“, „Work“, oder „Polaroids“. "Legacy“ wirkt nun wie eine Zusammenfassung all dieser Titel.  Der Schlüssel zum Ansatz dieser neuesten Werkschau findet sich im Titel eines Kapitels. Es heißt  „Becoming Helmut Newton“ und dies ist auch genau das, was der Leser hier nachvollziehen kann: wie aus dem gebürtigen Berliner Helmut Neustädter die internationale Ikone Helmut Newton wurde.

Schon in jungen Jahren war er stark von amerikanischer Popkultur beeinflusst. Die Schund-und Groschenromane und Filme der schwarzen Serie faszinierten ihn und befeuerten seine Vorstellungskraft. Später ließ er diese filmische Komponente in seine Arbeiten für die  Vogue und Elle einfließen. Die erotischen Femme Fatales wurden zu den Hauptfiguren seiner expressiven Bilder. Im Film Noir waren die Männer oft Spielbälle der überlebensgroß dargestellten Göttinnen des „Silver Screen“, bei den Shootings traten seine Models nicht minder „hard boiled“ auf.

„Legacy“ zeichnet, noch  deutlicher als vorhergehende Bände anhand von essayistischen Beiträgen, Zitaten von Zeitgenossen und vom Meister selbst sowie - natürlich - einer gelungenen Auswahl seiner Bilder die künstlerische Entwicklung dieses Genies nach und dokumentiert wie  die Bildsprache des „professionellen Voyeurs“ (Selbstbeschreibung des Fotografen) entstand.

Die Ausstellung HELMUT NEWTON. LEGACY ist noch bis zum 22.05.2022 in der Helmut Newton Stiftung, Jebensstraße 2, 10623 Berlin zu sehen.

Credit Coverbild: © Taschen Verlag   
Helmut Newton -  Legacy von Helmut Newton, Matthias Harder (Hrsg. Autor), Philippe Garner (Co-Autor), Hardcover, 24 x 34 cm, 3,04 kg, 424 Seiten, ISBN 978-3-8365-8458-6  Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch

Freitag, 10. Dezember 2021

GOV´T MULE - HEAVY LOAD BLUES

Credit Coverbild: © Fantasy Records / Concord / Universal Music
Das Blues-Genre bildete immer schon die Basis der Musik von Warren Haynes - ob bei den Allman Brothers, mit Gov´t Mule oder den vielen anderen Projekten und unzähligen Gastspots des “Hardest Working Man in Jam Rock”. Die blaue Note, sie hat diesen begnadeten Stilisten aus North Carolina seit seiner Jugend nie losgelassen. Der klassische Blues aus dem Süden der USA und die teils psychedelische Reimagination durch Bands einer neuen Genreration inspirierten ihn seinen „formative years“ und wurden zum  Katalysator für seine eigene musikalische Laufbahn. Insofern kann man bei „Heavy Load Blues“ also nicht direkt von einem „back to the roots“-Platte sprechen.

Es  ist jedoch tatsächlich das erste dezidierte Blues-Album von Haynes und seiner Band Gov´t Mule, die hier Klassiker von Junior Wells, Elmore James oder Howlin´ Wolf einspielen sowie Eigenkompositionen präsentieren, die alles eines gemeinsam haben: den roten (bzw. in diesem Fall wohl eher blauen) Faden, der tief hineinführt ins Delta und in die großen städtischen Epizentren des Blues. Was besonders auffällt: der Band, dem Produzenten und den Toningenieuren gelang es den Ambience Sound alter Blues-Platten einzufangen. Es ist ein Klang, der sich wohl m besten mit den Adjektiven „warm“ und „dunkel“ beschreiben lässt. Statt dem Bombast der Rock Stage gibt es hier ein geradezu intimes Blues Club und Studio-Feeling mit verhallten Vocals und teils „kleinerem Besteck“ in Sachen Amps.  

Das in pandemischen Zeiten entstandene Album „Heavy Load Blues“ hält für den Zuhörer - und das ist keinesfalls negativ zu verstehen  - keine Überraschungen bereit. Vielmehr bietet es genau das, was man erwarten konnte wenn eine Band vom Kaliber Gov´t Mules eine Blues-LP ankündigt. Hier hört man Virtuosen, die zwar den Coverversionen nicht unbedingt neue Nuancen abgewinnen, allerdings ein vor allem atmosphärisch dichtes Album geschaffen haben. Ein  Genre-Highlights dieses Jahres.

Credit Bild: © Jay Sansone


Mittwoch, 1. Dezember 2021

ADELE - 30

Credit Bild: © Simon Emmett
Wenig überraschend bricht das neue Adele-Album alle Rekorde und erklimmt die lichten Höhen der internationalen Charts. Es sind sehr wenige Stars, vielleicht gerade einmal eine Handvoll, die im heutigen, immer schnelllebigeren und von Algorithmen geprägten Musikbusiness eine so sichere Bank sind wie Adele Laurie Blue Adkins. Fast wirkt es wie ein geradezu vorprogrammierter Erfolg, nach langer Durststrecke für die Fans. Der ebenfalls höchst erfolgreiche Vorgänger erschien immerhin schon 2015. Nun ist Tottenhams liebste Drama Queen allerdings zurück in der Lounge Bar der (ganz ganz) großen Gefühle. Schon die ebenfalls nach Lebensjahren benannten Vorgängeralben waren nicht gerade euphorische Fingerübungen im Happy Sound. Auf „30“ trägt Adele jedoch gleich die Blumen zum Friedhof ihres Herzens, denn dies ist ihr „Post-Divorce“-Album und setzt die musikalische Selbstbeobachtung der Vorgänger fort. 

Musikalisch erscheint dies alles sehr vertraut - stilistisch angesiedelt zwischen Streicher-getränktem Old Hollywood Jazz und mehr offensichtlich als dezent von Hitfließbandarbeitern wie Max Martin getunten Pop-Balladen. Dennoch ist hier nicht alles beim Alten, vornehmlich im Privatleben Adeles, das nun (halb-) öffentlich in den Songs seziert wird. 30, dieses einschneidende Alter brachte eine ganze Reihe Veränderungen mit sich: Adele ist geschieden, mehr oder minder alleinerziehende Mutter und dann war da noch diese radikale Typveränderung. Diese Herausforderungen und das Hadern mit unerfüllten (eigenen) Erwartungen sind Quell höchstpersönlicher, teils ironischer Betrachtungen in den Lyrics. Die stimmvirtuos vorgebrachten Botschaften, deren Bedeutungshaftigkeit gerne mit Koloraturen akzentuiert wird, werden bei einigen Zuhörern wohl auf starke Resonanz stoßen. Die eher beliebig wirkenden, eintönigen Songs konterkarieren diese vermeintliche Substanz jedoch.

Manch einer überschlägt sich dennoch mit Superlativen und spricht gar vom Album des Jahres. In rein kommerzieller Sicht ist diese Einschätzung durchaus nicht unrealistisch und unrichtig - immerhin, „30“ ist in den USA drei Tage nach dem Release schon die erfolgreichste Platte 2021. Auch die von einem atmosphärischen, monochromen Musikclip begleitete Single „Easy On Me“ schlägt mit mehr als 310 Millionen Spotify-Streams zu Buche - die harte Währung der Popularität im Biz  gibt der Erfolgsformel von Adele und ihren Produzenten recht. 

„30“  mag zwar das neue „25“ zu sein, der vorherrschende Eindruck ist jedoch der eines allzu routinierten Albums, das seltsam blass bleibt - auch wenn man hier eine Sängerin mit technisch fraglos beeindruckender Stimme hört, die genau ihre Genre-Nische gefunden hat.

Credit Coverbild: © Sony Music

Montag, 29. November 2021

DAVE GAHAN & SOULSAVERS - IMPOSTER

Credit Bild: © Sean Matsuyama
Das Hymnische und der Blues - blickt man auf die bisherige Karriere von Dave Gahan, der Stimme von Depeche Mode und dem einzigen echten Frontman des Synth Pop/Rock-Genres, zurück, so sind es genau diese zwei Eckpfeiler, die seine größten Hits und eindrücklichsten musikalischen Momente prägen. Während andere Elektro-Bands mit der Tradition ihrer Vorgänger und der Pentatonik brachen, verwendeten Depeche Mode stets bewusst Einflüsse amerikanischer Roots-Musik in ihren düsteren Songs. Nicht von ungefähr zeigte sich etwa ZZ Tops Billy F Gibbons  begeistert von den britischen Synth-Pionieren und ebenso ist es kein Zufall, dass einer der größten Hits DMs auf einem klassischen Blues Riff basiert ("Personal Jesus").  
Das Hymnische und der Blues also: diese zwei Elemente - die in der musikalischen Tradition der Südstaaten einem Yin und Yang gleichen; Samstagnacht der Blues im verrauchten Roadhouse und Sonntagfrüh das Sakrale in der Kirche - ziehen sich wie rote Fäden durch das neue  Soloalbum Gahans. Es ist die dritte und bislang gelungenste Kollaboration mit den Soulsavers bestehend aus den Produzenten Ian Glover und Rich Machin. Überdies ist  "Imposter " das beste Depeche Mode-Album das gar kein Depeche Mode-Album ist. 

Denn interessanterweise kommt Gahan der Essenz der besten der dunkelgrauen Kompositionen seiner Stammband mit diesen eindringlichen Interpretation von Songs, die von anderen Interpreten geschrieben oder bekannt gemacht wurden, näher als mit den letzten Alben mit Martin Gore & Co. Der Elektro-Anteil wurde relativ stark zurückgefahren, Purismsus wie er im Genre von Neo Country- bis Neo-Blues durchaus eine Tugend ist, steht jedoch nicht aufs Gahans Agenda. Vielmehr handelt es sich hier um ein atmosphärisches  Roots-Album, das einerseits unverkennbar die Handschrift Gahans trägt und andererseits Erinnerungen an Nick Cave oder die "American Recordings" weckt. Auch Daniel Lanois würde sich wohl über eine kommende Zusammenarbeit freuen.  

Alle Songs - vom Soul-Evergreen "Dark End Of The Street" über Elmore James "I Held My Baby Last Night" (hier in einer genial krachigen Version) bis "Always On My Mind" (Elvis Presley sang die ultimative Aufnahme ein) -  haben eine besondere Bedeutung und repräsentieren schwere Zeiten in der bewegten Biographie des charismatischen Sängers.  
Gahan präsentiert sich hier im Kontrast zum selbstgeißelnden Titel "Imposter"  (also Hochstapler, durchaus ein Name mit universeller Resonanz, siehe Imposter-Syndrome) wieder einmal als absoluter Könner und vor allem vielseitiger als jemals zuvor. Auch Roots Music-Fans, die um Depeche Mode sonst eher einen Bogen machen, sollten in dieses düstere, aber nicht hoffnungslose Album unbedingt reinhören - denn wie sich der Beschwörer der Publikumsmassen bei den großen Depeche-Gigs hier als Blues- und Soul-Interpret in intimen, oft nah am Gospel angelegten Arrangements präsentiert, zählt zu den musikalischen Highlights des Jahres.

Credit Coverbild: © Columbia  Sony Music

BLACKMORE´S NIGHT – WINTER CAROLS Deluxe Edition

Credit Coverbild: © earMusic  Edel 
Alle Jahre wieder: Nachdem die Lebkuchen die Regale der Supermärkte überschwemmt haben, aber noch rechtzeitig bevor die heiße Phase der vermeintlich stillsten Phase des Jahrs beginnt, flattern auch wieder weihnachtliche Grüße von Castle Blackmore ins womöglich bereits festlich dekorierte Haus, jedenfalls aber in den Player des geneigten (und Renaissance-affinen) Zuhörers.

Vor ziemlich genau einem Jahr veröffentlichten Ex-Deep Purple-Saitenvirtuose Ritchie Blackmore und seine Gemahlin Candice Night  mit „Here We Come A-Caroling“ eine gelungene weihnachtliche EP, nun erscheint mit „Winter Carols“ gleich die nächste X-Mas-Platte der beiden. Dabei handelt es sich um eine Deluxe Neuauflage des gleichnamigen,  schon 2006 erstveröffentlichten Albums. Die 27 Songs umfassende Doppel-CD wurde im Spätsommer dieses Jahres remastered und enthält mit „Coventry Carol“, einer Interpretation des traditionellen englischen Weihnachtsliedes aus dem 16. Jahrhundert, einen neuen Song. Neuinterpretationen von Evergreens wie  „Here We Come A-Caroling“, „It Came Upon A Midnight Clear”, „O Little Town Of Bethlehem” oder „Silent Night” runden das Geschenk-Paket ab. 

Blackmore und Night zelebrieren hier wieder die traditionelle Winter- und Weihnachtsmusik und gehen zurück zu deren Wurzeln. Rock- und Folk-Elemente treffen auf authentische Mittelalter bzw. Renaissance-Klänge. Das ist handwerklich perfekt gemacht und lässt vor dem geistigen Auge des Zuhörers das Bild eines  nur durch Kerzenlicht erhellten Häuschens inmitten einer verschneiten Landschaft entstehen – ein passenderes Album-Cover hätte man somit wohl nicht finden können.

Fans der (sehr) besinnlichen Weihnacht, die es bewusst nicht modern oder experimentell wollen, werden mit diesem teils stimmungsvoll-schönen und teils eine Stufe vorm gefürchteten Kitsch stehenden Album wohl den idealen Soundtrack für die Festtage gefunden haben.