Montag, 28. September 2020

100 JAHRE CHARLES BUKOWSKI : PORTRAIT EINES KULT-AUTORS in „THE SHOOTING“

Credit Bild: © Hirmer Verlag

Kaputt in Hollywood: Richtig gute Autoren erfinden nicht bloß mitreißende oder berührende Geschichten, sie bringen auch immer etwas von sich selbst, ein autobiographisches Element in die Zeilen ihrer Werke mit ein. Wenige taten dies so schonungslos wie Henry Charles Bukowski, der zeitlebens den selbstzerstörerischen Lifestyle pflegte der seine harten Stories vom rauschhaften Leben auf der Schattenseite von L.A. dominierte. Bukowskis Welt war die der Barflies, der „all night“-Trinker in den schäbigen Spelunken der vermeintlichen Stadt der Engel: Leichte Mädchen, harte Getränke und die Arbeit als Faktotum in niedrigen Jobs prägten das frühe Leben des Autors ebenso wie das Dasein  seines literarischen Alter Egos Henry Chinaski. Grenzerfahrungs-Suchende waren zwar zuvor schon ein beliebter Topos der modernen amerikanischen Literatur gewesen, mit Bukowski war diese jedoch endgültig auf der Kehrseite des amerikanischen Traumes angekommen, nicht von ungefähr heißt eine seiner Geschichtensammlungen „Das Leben und Sterben im Uncle-Sam-Hotel“. 

Anders als bei Poeten wie Ginsberg, Kerouac oder Burroughs  war Bukowski nicht Teil der Beatszene oder der  Counterculture, den Hoffnungslosen in den Hackler-Berufen blieb  nicht die Dekadenz, der schöne Fall, sondern nur lediglich trostlose Selbstzerstörung am Boden einer Flasche. Obwohl Bukowskis knallharte Stories alles andere als Mainstreammaterial waren  wurden sie dennoch – gerade im deutschsprachigen Raum in den 70er und 80er Jahren - zu Bestsellern. Heuer wäre Charles Bukowski 100 Jahre alt geworden. Anlässlich dessen erscheint im Hirmer Verlag mit „Bukowski – The Shooting“ von Abe Frajndlich ein Bildband über den Kultautor, der jedoch viel mehr ist als bloß eine Sammlung eindrücklicher Portraits eines enfant terribles der Literatur.  

Es war anno 1985 als der junge Fotograf Frajndlich von der FAZ den Auftrag bekam den „Skandalautor“ zu fotografieren. Shootings mit Bukowksi waren keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Denn dieser weigerte sich beharrlich  von jemand anderem als seinem persönlichen Haus- und Hoffotografen abgelichtet zu werden. Bei Frajndlich macht er jedoch eine Ausnahme. Der Fotokünstler hatte offenbar einen Nerv getroffen, der Ältere zum Jüngeren einen direkten Draht gefunden – wohl  auch aufgrund biographischer Gemeinsamkeiten und deutscher Wurzeln. In mehreren Sessions, auch bei  Bukowskis Hochzeit , fing Frajndlich den großen Autor so ein, wie er wohl wirklich war.

Denn die Bilder zeigen zweierlei: einerseits einen Bukowski der sein öffentliches Image stets bewusst pflegte und dem Fotografen genau das liefert, was die meisten Leute erwarten: Das Bildnis eines Spiegeltrinkers mit der Bottle in der Hand. Wer mit der Biographie Bukowskis vertraut ist, weiß jedoch: er war nicht nur grob sondern manchmal  auch durchaus sensibel, zudem vielseitig gebildet und belesen. Auch diese sanftere Seite vermag Frajndlich zu zeigen.Obwohl  „The Shooting“ ein relativ dünnes Büchlein ist und auch der interessante, essayistische  Textanteil überschaubar bleibt entsteht so ein recht komplexes Bild des Kultautors  – und darüber hinaus eine Annäherung an das Phänomen Bukowski.

Freitag, 25. September 2020

BILLY F GIBBONS – ROCK + ROLL GEARHEAD

Credit Bild: © David Perry  Motorbooks / Quarto
Kraft, Power, Sound, Vibrationen, Chrom, Röhrende Motoren und brüllende Verstärker, spezielle Lackierungen und Custom Colours, das Tunen und minutiöse Einstellen der größten Errungenschaften  der modernistischen Kreationen der Nachkriegszeit, eine eingeschworene Gemeinschaft von Experten und Cracks die in einer eigenen Fachsprache kommunizieren und nach den seltensten „holy grails“ jagen. Da die Ford Motor Company, Dodge & Co, dort Gibson, Fender, Gretsch.

Die Gemeinsamkeiten zwischen Autos und elektrischen Gitarren sind offensichtlich und überdies recht zahlreich. Blues und Rock N´ Roll gingen schon immer Hand in Hand mit hochoktanigen Gefährten. Ob in der Pre-R N´R. Zeit mit den eindeutig zweideutigen Fahrzeug-Allegorien eines Robert Johnson („Terraplane Blues“) über Ike Turners „Rocket 88“ oder dem schnittigen „Little Deuce Coup“ der Beach Boys bis hin zum viel gecoverten „Mercury Blues“ und Eric Claptons 57er Chevy („I´ve Got A Rock N´ Roll Heart“). Hinzu kommen die zahlreichen prominenten Sammler, sowohl in der Gitarren-Szene als auch in den Schrauberwerkstätten der Car-Aficionados. Einer der bekanntesten und legendärsten unter ihnen ist fraglos Billy F Gibbons aka The Reverend von der „lil´ol Band from Texas“, ZZ TOP.

Credit Bild: © David Perry  Motorbooks / Quarto
Gibbons ist seit Jahrzehnten passionierter Collector und nennt neben einigen der legendärsten Gitarren auch einen beeindruckenden Fuhrpark sein eigen. Passend zum kürzlichen 50 Jahr Jubiläum der Band – die seit ihrer Gründung in unveränderter Besetzung spielt, eine absolute Seltenheit im Musikbusiness - nimmt er den Leser des luxuriösen Bildbands „Rock + Roll Gearhead“ (erschienen bei Motorbooks/Quarto) mit auf eine Tour durch seine Welt. Als würde  man einen Spaziergang durch ein Musikvideo unternehmen treffen hier glänzend polierte Boliden auf Girls in High Heels und 50s Fenders und Gibsons. Die selbst ikonisch gewordene ´59er Les Paul namens "Pearly Gates“ (siehe Bild oben) oder der knallrote “Eliminator“ Hot Rod aus Kultclips wie „Gimme All Your Lovin“ sind da natürlich nicht weit. Alle Akquisitionen des Reverend haben dabei eine Gemeinsamkeit: er sammelt nicht jede x-beliebige Gitarre oder irgendwelche alten Autos sondern sie müssen alle das gewisse Etwas haben, über den sog. „Mojo“ verfügen. Die Texte von Gibbons und Co-Autor Tom Vickers sowie die stylishen Bilder von Fotograf David Perry machen diesen coffee table-Band zu einer Zelebration des ZZ-Lifestyles, die sowohl „Gear Book“ als auch Biographie eines legendären Musikers ist. 

Credit Bild: ©  Motorbooks / Quarto

Ursprünglich erschien dieses Buch schon im Jahr 2005, die nun veröffentlichte erweiterte Auflage im kompakteren Format mit Sammlerschuber bringt den Leser up to date mit neuen Akquisitionen in der Casa Gibbons, wie z.B. einem „Mexican Blackbird” 1958 Thunderbird, einem Quintana ’50 Ford Custom, einer  Neiman Marcus BFG SG, einer super raren Telecaster vom Luthier Nacho Baños, einer aufwendig dekorierten Zemaitis Custom Kreation, einer 1939 Rickenbacker Frying Pan oder einem Tonebender Fuzz EffektDas 2005er Buch wird dadurch behutsam, jedoch dennoch merklich erweitert. Der ZZ TOP-Fan hätte sich in dieser neuen Edition zwar durchaus mehr neue (Nah-)Aufnahmen der „Pearly Gates“ und ev. ein paar weiter Hintergrundstories gewünscht, dennoch ist dieser betörend-schauprächtige Streifzug durchs „Billy-Land“  nach wie vor eines der coolsten Rock N´ Roll Bücher - in das man als Fan der jeweiligen Subkulturen immer wieder eintauchen kann.

Dienstag, 22. September 2020

JOCHEN RINDT – DER ERSTE POPSTAR DER FORMEL 1

 Credit Bild © Delius Klasing 

5. September 1970, Monza, Italien:  Was ein Routinetraining werden sollte, beendet die Karriere eines der vielversprechendsten Rennfahrer der damaligen Zeit. Das Datum geht als einer der schwärzesten Tage in die Annalen des Motorsports ein: Das 28-jährige Formel 1-Idol Jochen Rindt ist auf Weltmeisterkurs, stoppen kann ihn scheinbar nichts und niemand, denn Einzuholen ist er als deutlich Führender in der Gesamtwertung nicht mehr. Im Trainingsdurchlauf zum großen Preis von Italien kommt es dann zur Katastrophe. Ein Materialfehler an der Bremswelle vorne rechts sorgt dafür, dass der erfahrene Racer Rindt seinen Lotus 72 in der Parabolica nicht mehr kontrollieren kann und ungebremst mit voller Geschwindigkeit in die Leitschienen kracht. In dieser Zeit ist Formel 1 ein absoluter Hochrisikosport, noch gefährlicher als heute, der Tod fährt immer mit. Sicherheitsvorkehrungen wie sie mittlerweile usus sind, kennt man damals noch nicht.Für den jungen Mann am Höhepunkt seiner Karriere, kommt jede Hilfe zu spät.

Es gibt da dieses schaurig anmutende Rindt-Zitat :"Bei Lotus kann ich Weltmeister werden oder sterben". Es ist eine makabre Aussage, die sich an jenem Spätsommertag ´70 jedoch bewahrheiten sollte. Denn er wird posthum World Champion, den Preis nimmt seien Witwe Nina entgegen. War Rindt zuvor schon überaus populär, so wurde er durch den viel zu frühen Unfalltod unsterblich. Anlässlich des 50. Todestags ist im Delius Klasing Verlag eine überarbeitete, erweitere Auflage des Bildbandes und Standardwerks „Jochen Rindt – Der erste Popstar der Formel 1“ erschienen. Fotograf Ferdi Kräling begleitete Rindt fast seine gesamte Karriere hindurch und zeichnet in diesem Buch mit seinen Co-Autoren Herbert Völker ein sehr plastisches Bild einer Legende, die bis heute fasziniert.

Was war es, das Rindt schon zu Lebzeiten so herausstechen ließ? Das Buch, Kompaktbiographie und Bildband in einem, gibt darauf einige Antworten: Natürlich sind da die beeindruckenden Erfolge, die Rindt auch einfuhr, wenn er nicht das beste Material, sprich Auto, zur Verfügung hatte. Doch mehr als noch die Meriten am Racetrack ist es das Charisma dieses Mannes, das ihn s auszeichnete. Man merkt das einerseits in den glühenden, teils berührenden Zitaten und O-Tönen der Racing-Kollegen von einst und dem Vorwort von Legende Jackie Stewart. Andererseits wird das Phänomen Rindt auch durch die hier gezeigten Bilder nachvollziehbar.

In einer Zeit in der es nicht gerade wenige markante und charismatische Persönlichkeiten gab, galt er als einer er Coolsten. Die Fotos zeigen ihn meist lässig und konzentriert zugleich, ein Prototyp eines Racers. Sieht man sich die Aufnahmen in diesem Band an, so denkt man zudem unweigerlich an die große Leinwand. Rindt hätte auch in einem klassischen „car movie“ alles andere als deplatziert gewirkt. Zusammen mit seiner Ehefrau Nina verkörperte er Glamour und Jetset. Das Bild vom ersten Popstar passt da letztlich perfekt. Kräling zeigt in seinem Buch all diese unterschiedlichen Facetten und macht für den Leser die damalige „wilde“ Zeit dieser Sportart ein Stück weit nachvollziehbar – so entsteht eine mitreißende Chronik über eine vergangenen Epoche des Motorsports und eine ihre größten Ikonen.

Montag, 14. September 2020

TOP JIMI # 5: BURNING DESIRE


Credit Bild: © Ed Caraeff  ACC Art Publishing
Flamme vs. Stratocaster.
Feuerzeugbenzin und ein Streichholz – mehr brauchte es nicht für einen der ganz großen Rock N' Roll-Momente zu schaffen.

Schon bevor der überirdische Gitarrenmagier James Marshall Hendrix seine Fender beim ersten großen Rock-Festival der Geschichte den Flammen übergab hatten Rockstars ihre Instrumente in Brand gesteckt. Der Killer Jerry Lee Lewis etwa entzündete schon mal sein Piano an und Pete Townshend donnerte seine Gitarre auf den Boden oder spießte gleich seinen Marshall Verstärkerturm auf. Doch was Hendrix da beim Monterey Festival machte kam einem semi-religiösen Akt gleich – eine Opferung, ein Ritual: "sacrifice what you love"...
In der Front Row von Monterey war damals auch ein 17-jähriger Fotograf der jene Momente festhielt uny sich so alsbald in der illustren Riege der Rock N' Roll Photographer wiederfinden sollte. Hendrix auf den Knien wie er die Flammen geradezu beschwört - ein Bild für die Ewigkeit war geschaffen; es findet sich auch im Bildband "Burning Desire - Jimi Hendrix: The Jimi Hendrix Experience Through the Lens of Ed Caraeff(ACC Art Publishing) wieder in dem Caraeff eindrucksvolle Momentaufnahmen seiner Begegnungen mit der Jimi Hendrix Experience Revue passieren lässt. Der Clou , dieser großartige Band zeigt lauter unpublished photos aus dem Archiv Caraeffs. Folgende Gigs (1967-1969) der Band wurden fotografisch in beeindruckendem Detailgrad festgehalten:

Monterey International Pop Music Festival: June 18, 1967
Hollywood Bowl: August 18, 1967
Anaheim Convention Center: February 9, 1968
Ackerman Union Ballroom: February 13, 1968
Hollywood Bowl: September 14, 1968
Whiskey-A-Go-Go: October 1968
Newport '69: June 20-22, 1969
Credit Bild: © Ed Caraeff  ACC Art Publishing
Credit Bild: © Ed Caraeff  ACC Art Publishing

Sonntag, 13. September 2020

TOP JIMI # 4 : HENDRIX – DIE ILLUSTRIERTE BIOGRAFIE

©Hannibal Verlag
 © Hannibal Verlag 

„Have you ever been experienced ?“ fragte der Saitenvirtuose Hendrix seine Zuhörer auf dem finalen Track seines Debut-Albums aus dem Jahre 1967. Wenn ihnen die bisherigen Sechziger nicht die eigenen Pforten der Wahrnehmung geöffnet hatten, so war das spätestens nach diesem innovativen und bahnbrechenden Album der Fall. Mit Klängen wie „from outer space“ , einem trendsettenden Modestil und den dazu passenden Plattencovern war Hendrix einer der Hauptproponenten des Psychedelic-Trends.

Da ist es nur passend, dass ein Buch über sein Leben und Wirken im ebensolchen Stil gehalten ist – in einer neu erschienen illustrierten Biographie spiegelt sich der psychoaktive Technicolor-Rausch der Sixties im gesamten Layout wider. Ein Band komplett im „Hendrix Style“ gehalten: schwarzes Samtcover mit 3D-Effekt und Farben wie aus der Schilderung eines Trips von William S. Burroughs, im Inneren zahllose Bilder und von Ornamenten eingerahmte Texte – das spiegelt nicht nur den damaligen Zeitgeist wider und ist ansprechend gemacht sondern sorgt auch dafür, dass dieses Buch ungemein wertig wirkt. Auf die reine Optik sollte man „Hendrix- Die illustrierte Biografie“ jedoch dennoch nicht  reduzieren.  Grundsätzlich hat die Autorin Gillian G. Gaar - die auch in der Geburtsstadt Hendrix, in Seattle lebt – zwar ein ähnliches Problem wie andere Biographen vor ihr: es gibt einfach schon sehr viel Literatur zum Thema Hendrix, da etwas Neues zu finden und damit auch alte Fans anzusprechen, wird schwer.

Bislang ungekannte Facetten der Lebensgeschichte enthüllt Gaar dann auch keine -  da die 7 Kapitel – in denen die Kindheit, die Militärzeit, der Durchbruch und die posthume Rezeption der Ikone beleuchtet wird  - jedoch ebenso gut geschrieben wie recherchiert sind, ergibt sich ein sehr stimmiges Gesamtbild, das von den toll ausgesuchten Bildern abgerundet wird.So ist „Hendrix - Die illustrierte Biografie“ zwar nicht das umfangreichste Buch unter den Neuerscheinungen zum 50. Todestag des Virtuosen, dafür aber fraglos eines der Attraktivsten, in dem die Autorin eine ebenso kompakte wie ausführliche Retrospektive einer Legende entwirft.

Donnerstag, 3. September 2020

TOP JIMI # 3 : JIMI HENDRIX – ALLE SONGS

Sein progressives Spiel verhalf ihm im Swingin´ London der Sechziger zum Durchbruch, vom „West Coast Seattle Boy“ wurde er zu einem prototypischen Rocksuperstar und einer der Gallionsfigur der Counterculture-Bewegung. Sein Showmanship übertraf sogar Pete Townshends Zerstörungsorgien bei den donnernden „The Who“-Gigs. Die Sounds die er aus seinen Gitarren, Amps und Effekten holte, hatte man bis dahin nicht gehört und zählen noch heute zu den Grundsteinen im Vokabular von Gitarristen weltweit: Jimi Hendrix, das kann man ohne Übertreibung sagen, war (und ist) ein Phänomen. Die mannigfaltigen Meriten und biographischen Fakten des Ausnahmemusikers sind dementsprechend gut dokumentiert, auch weil schon früh die posthume literarische Aufarbeitung des viel zu kurzen Lebens  - Hendrix starb mit nur 27 Jahren - einsetzte. Nach mehreren Jahrzehnten der intensiven Beschäftigung mit biographischen Fakten wie minutiösen Analysen des Equipments des „Voodoo Child“ etwas Neues über diese Legende zu finden wird also schwer. 

Dem französischen Autorenduos Philippe Margotin und Jean-Michel Guesdon ist dies dennoch bis zu einem gewissen Grad gelungen. Man kennt das Duo von ihren Anthologien zu den Rolling Stones oder Pink Floyd. Dass sie sich nun mit Hendrix einer weiteren ganz großen Ikone der Rock-Mythologie widmen, ist da nur folgerichtig. Am erfolgreichen Konzept der umfangreichen Vorgänger wird nichts geändert, der Anspruch ist auch hier ein lexikaler. Das so nüchtern wie programmatisch betitelte „Alle Songs“ ist ein extensives Kompendium, das anhand von Songanalysen, Trivias und zig Bildern, das  Leben des Jimi Hendrix beinahe minutiös nachzeichnet. 

All die wundersame Kompositionen werden hier unter die Lupe genommen, die Diskographie eingeordnet und immer wieder wird der Scheinwerfer auf bislang wenig Beleuchtetes gerichtet, bspw. darauf, dass Hendrix zu Beginn seiner Karriere Hollywood -Sirene Jayne Mansfield auf ein paar Gesangsaufnahmen begleitete? Neben dem profunden A-Z in Sachen Hendrix und den zahlreichen Fotos sind es gerade diese Details, die dieses umfangreiche Buch zu einem Nachschlagewerk machen, das man immer wieder zur Hand nehmen kann.

Mittwoch, 19. August 2020

DEEP PURPLE – WHOOSH!

Eigentlich hatte man angenommen, dass das  2017er Album „Infinite“ das selbstgewählte Farewell der britischen Rock-Ikonen Deep Purple war. Ein Schlussstrich unter die Studio Recording-Karriere einer der produktivsten und beständigsten Bands aus der Hochphase des Rock mit einem grundsoliden 20. Album. Aber wie das glücklicherweise so ist mit den Legenden kam es ganz anders als gedacht: Warum auch aufhören, wenn die (Chart-)Erfolge nicht ausbleiben und Gillan, Glover & Co. die Ideen nicht auszugehen scheinen. ? Nach einer Corona-bedingten Verschiebung ist dieser Tage also nun das 21. Album erschienen und die Erwartungshaltung war äußerst hoch: Denn das lautmalerisch betitelte „Whoosh!“ soll nicht einfach nur ein weiterer Eintrag in der extensiven Diskographie der Band sein sondern so etwas wie eine Rückbesinnung auf all das was DP zu Legende werden ließ.

Das beginnt bereits beim atmosphärischen Albumcover das nicht zufällig an Artworks aus den 70s erinnert. Dann ist da noch das Re-Recording von „And the Address“, dem instrumentalen Opener des Debuts „Shades Of Deep Purple“ aus dem Jahre 1968, das originellerweise der letzte Track auf „Whoosh!“ ist. Die das Album begleitende Tagline hat es überdies in sich:„Putting The Deep Back In Purple“  - eine Ansage, zumal es nicht wenige Fans gibt, die sich nicht nur insgeheim die Mark II-Zeit zurückwünschen.  Eine Reunion mit dem schwierigen Saitenehxer Ritchie Blackmore gibt es allerdings auch hier keine und auch ist „Whoosh“ stilistisch keine reine Reimagination von „In Rock“ oder „Machine Head“. 

Letztlich machen Purple nämlich genau das, was sie schon seit Jahren bzw, Jahrzehnten machen: eine gekonnte Pflege eines sorgsam kultivierten Signature Sounds mit ganz dezenten modernen Zeitgeist-Zugeständnissen. Nur das diesmal die Riffs noch eine Spur grooviger, heavier und erdiger rüberkommen - man kann durchaus sagen: mehr Spätsechziger/Frühsiebziger-Flair atmen – inklusive besonders deutlicher Prog Rock und 50s Rock N Roll-Bezüge. Kontrapunkt zu den lässigen wie tonnenschweren Riffs ist die klassisch inspirierte Hammond Orgel, auf der Tastenmann Don Airey ganz besonders leichtfüßig und ausgiebig soliert. All das macht „Whoosh!“ zur besten Purple-Platte seit vielen Jahren - ein starkes Album, das vor Spielfreude nur so strotzt und dessen Nummer 1 Platz in den aktuellen Charts alles andere als verwundert.

Die Deluxe Version von „Whoosh!“ erscheint im attraktiven Mediabook mit Bonus DVD die einen Livemitschnitt vom 2017er Hellfest beinhaltet (mit Klassikern von – eh klar – „Smoke On The Water“ bis „Hush“) sowie einem einstündigen Film mit einem Gespräch zwischen Produzent Bob Ezrin und Bassman Roger Glover. 

Hier zwei Hörproben aus dem Album mit den Songs „Man Alive“ und „Throw My Bones“ – oder anders asugedrückt: ein Taste Of The Band:

MELODIÖSER SCHWEDENROCK von H.E.A.T.

Geht es um Mainstream Pop und elektronische Musik so zählt Schweden sicher zu den absoluten Hotspots – sowohl von Performer als auch Produzentenseite. Gleichzeitig gibt es jedoch eine beständige Szene voll von engagierten „Trendverweigerern“,  die sich vornehmlich im Rock-Grenre betätigen. Zu dieser gehören auch die Jungs von  H.E.A.T.– einer Band aus dem 30 km von Stockholm entfernten Upplands Väsby, die handwerklich perfekt gemacht die ewigen Achtziger abfeiert. Die dazugehörigen Ingredienzen: Kajal, Lederhose und kreischende Gitarren. Hinzu kommen breite Keyboardwände – allerdings ohne dabei nur nach „Vintage“ oder „Retro“ zu klingen.

Hinzu kommen treibende, bisweilen hymnische Songs mit durchaus pop-affinen Hooklines. Wer da an gewisse Landsleute von H.E.A.T. – Stichwort: Europe – denkt, liegt durchaus richtig. Assoziationen zum melodiösen Schwedenrock der in den 80s Chartpotential hatte, drängen sich förmlich auf -  die akrobatischen Gitarrensoli, die der Höhepunkt der meisten H.E.A.T.-Songs sind, tun ihr übriges dazu.

Mit dem in guter Hardrock-Tradition  betitelten „H.E.A.T II-Album legt die Band nun  ihr erstes selbst produziertes Album vor, das genau dort anknüpft wo der Vorgänger aufgehört hat. Auch wenn die neuen Lieder nicht immer das in diesem Genre in der Neuzeit inhärente Epigonen-Problem vermeiden können (die Grenze zwischen gekonnter Hommage und derivativem Songwriting ist oftmals nur ein schmaler Grat) werden Fans des Heavy Rock der Eighties gut bedient.


Montag, 17. August 2020

DIE GESCHICHTE HINTER DER ROCKOPER „TOMMY“

© Hannibal Verlag

Das Leben hat es alles andere als gut gemeint mit dem kleinen Tommy – blind, stumm und taub geboren ist er scheinbar zu einem Leben als Außenseiter verdammt. Bis er seine besondere Begabung und letztlich seine Bestimmung entdeckt. Denn trotz seiner schweren Beeinträchtigungen ist er ein absoluter Meister an der Pinball-Maschine , niemand spielt so virtuos mit dem Flipperautoamten wie er. Ähnlich wie die jungen Rockstars der Sixties wird er dank seiner speziellen Fähigkeiten aus der Anonymität gerissen und ins Scheinwerferlicht einer dekadenten Welt der Versuchungen und der Exzesse geworfen - eine Welt, die jedoch auch bald ihre Schattenseiten zeigt…

Diese so seltsame wie düstere Geschichte bildet das Zentrum des Konzeptalbums „Tommy“ von The Who, veröffentlicht 1969 – einem denkwürdigen Jahr, in dem ja nicht gerade wenige Klassikeralben erschienen und im Monatstakt eine „Landmark-LP“ nach der anderen die Charts stürmte. Auch „Tommy“ zählt zum allgemein anerkannten Kanon der „großen Weke“ dieser Zeit. Retrospektiv mag es schlechter gealtert sein als andere Alben der „Woodstock“-Ära, die musikhistorische Bedeutung als Pionierleistung  in der Konzeptualisierung der Rockmusik sowie die interessante Entstehungsgeschichte sind jedoch unbestritten. Um die Entwicklung des „Tommy“-Phänomens vom progressiven Album bis hin zur kultigen Verfilmung ( die vor allem aufgrund der denkwürdigen Auftritte von Tina Turner als „Acid Queen“, Eric Clapton als Priester und Elton John als der „Pinball Wizard“ im Gedächtnis bleibt)  geht es auch im monothematischen Band „Tommy - Stil, Zeitgeist, Musik und Vermächtnis der legendären Rock-Oper (erschienen im Hannibal Verlag).

Der reichhaltig illustrierte Band dokumentiert die Geschichte dieser ersten Rockoper der Musikgeschichte bis ins kleinste Detail und beleuchtet deren Genesis vor dem Hintergrund der Sixties-Umbrüche. Mit seiner inhärenten Progressivität traf „Tommy“ den Zeitgeist der Spätsechziger und wies den Weg zu den Progressive Seventies: das Theatralische in der Rockmusik hatte zwar schon zuvor immer stärker an Bedeutung gewonnen, die ganz großen Konzeptalben sollten sich jedoch erst im darauffolgenden Jahrzehnt etablieren. "Tommy" bleibt als eines der ersten Werke seiner Art bis  heute faszinierend - wie innovativ dieses vollständig ausgereifte Experiment von Daltrey, Townshend, Entwistle und Moon war unterstreicht die "Tommy-Chronik" zudem nochmals eindrucksvoll. 

Donnerstag, 23. Juli 2020

DEPECHE MODE – SPIRITS IN THE FOREST

Credit Bild: © Sony
Erinnert sich noch jemand  an Live-Konzerte ? Diesen wundersamen, in der aktuellen Lage jedoch undenkbaren Events wohnt ja stets ein eigentümlicher Charakter der Ekstase und der feierlichen Selbstvergessenheit inne. Der kontrollierte Kontrollverlust in der Crowd. Es soll sogar schon bei Schlager-Shows zu euphorischen Entrückungszuständen gekommen sein, als wären die Fans beim Isle Of Wight-Festival. Also so wurde es mir zumindest aus verlässlicher Quelle überliefert. Doch darum soll es hier nicht gehen, sondern um jene Livebands die nicht „nur“ ein spektakuläres Feuerwerk auf der Bühne abfackeln, sondern die Shows gestalten, die „mehr“ sind und eine Symbiose mit dem Publikum schaffen, die sich in einem kollektiven Erlebnis sondergleichen manifestiert.

Die Stones zählen auf alle Fälle dazu, wer die gut geübten „Wooh“-Chöre beim Finale von „Brown Sugar“ kennt, weiß wovon ich rede. Auch Metallica oder Rammstein fallen bspw. in diese Kategorie, genauso wie Depeche Mode. Deren Musik ist ja zunächst nicht gerade prädestiniert für die ganz große Party, melancholisch und schwer die Lyrics, nicht unbedingt  eingängig und tanzbar die Songs abseits der Mainstream-Hits.
Und dennoch – nicht erst in jenem Moment, wenn das endlose Meer aus Armen im Rhythmus zu „Enjoy The Silence“ unter der Anleitung von Chefdirigent Dave Gahann hin und her wogt, weiß man: das hier ist nicht bloß ein Gig, für so manchen Fan hat das geradezu messe-artigen Charakter.
Credit Bild: © Sony
 Ein Umstand den auch der neu erschienene Film „Spirits In The Forest“, directed by niemand Geringerem als Anton Corbijn, unterstreicht. Dieser ist keine herkömmliche Band-Biographie im Stile „The Rise And Fall Of The Self Destructive Dave Gahan“ sondern eine Mischung aus Konzertfilm (festgehalten wurden die finalen Abende der „Spirits“ -World Tour auf der Waldbühne in Berlin) und Doku über die härtesten der harten Depeche -Fans.
6 glühende Anhänger britischer Synthie-Schwermut stehen im Fokus der Kameras und erzählen was die Musik der Band für sie bedeutet und wie sie sie teils durch schwere Zeiten begleitete. Die Musiker selbst kommen hier nicht zu Wort, es ist ein Film über die Fanbase für die Fanbase. Bei der stieß dieses Projekt ironischerweise nicht durchwegs auf Gegenliebe, das Echo bei der Kinopremiere dieses Streifens fiel mitunter durchwachsen aus.
Dabei: Ganz neu ist dieses Konzept nicht, schon 1989 stellten Gahan & Co ihre Anhänge in der Konzertdoku „101“ in den Mittelpunkt. Die Corbin´sche Variante geht jedoch noch einen Schritt weiter, das Ergebnis wirkt  stellenweise sonderbar und auch nicht frei von Kitsch - und hat in seiner abendfüllenden Spieldauer zudem deutliche Längen.
Diese Längen treten in der 4 Disc Deluxe Edition von „Spirits In The Forest“ jedoch eher in den Hintergrund– denn neben der Doku gibt es hier dankenswerterweise auch den vollständigen Konzertfilm des Waldbühnen-Gastspiels als Blu Ray-Mitschnitt (sowie als Audiodokument als Doppel CD). Die visuell eindrucksvolle Gestaltung mit ihren betörenden Bildern und der ganzen Theatralik der Bühnenshow sowie der gute 5.1, Sound können dann vollends überzeugen- am Schluss wird das mit den großen Hits gespickte „Spirits“-Package dann doch wieder etwas für alle Fans.

Samstag, 11. Juli 2020

BOB DYLAN – ROUGH AND ROWDY WAYS


Der junge Dylan - in seinen "rough and rowdy days"
Credit Bild: © Sony
Mit ihm hatte man wohl am wenigsten gerechnet, dabei gab es letztlich keinen passenderen Zeitpunkt: Bob Dylan, jener Künstler der sonst nie das macht, was seine Kollegen tun, meldete sich so wie die gefühlt  gesamte Musikwelt ohne Vorankündigung mit neuem Material aus der Quarantäne in der Coronakrise.
Der stets enigmatische Songwriter gibt sich abseits seiner regelmäßigen Fortsetzungen der „Neverending Tour“ ja eher als Eremit, so gut wie nie dringen News über „His Bobness“ an die Öffentlichkeit, die Gazetten mied er spätestens ab den Siebzigern sowieso und neue Alben mit Eigenkompositionen gibt es nur in homöopathischen Dosen. Im März dann vollkommen überraschend: das Release einer epischen neuen Single, die erste neue Eigenkomposition seit acht Jahren. „Murder Most Foul“ – borgt den Titel aus Shakespeares „Hamlet“ und ist dann auch noch näher an reiner Lyrik als manch anderes von Dylan, eine 17 minütige Meditation über ein amerikanisches Trauma, jenen einschneidenden Tag im November 1963  als Hoffnungsträger John F- Kennedy in Dallas. Texas erschossen wurde.

Der Song war der erste Vorbote der neuen LP „Rough And Rowdy Ways“, die im Gegensatz zu den Vorgängeralben keine Neudeutung des Songbooks nach Frank Sinatra ist, sondern vielmehr eine  logsiche Fortsetzung von „Modern Times“, oder „Together Through Life, den Platten auf denen Dylan zunhemend wieder auf den Highway 61 einbog. So gibt es auf „Rough And Rowdy Ways“ eine so eklektische wie gediegene Mischung aus dem amerikansichen Schemztigel der Genres: Treibenden Chicago Blues Country, Folkiges mit dezentem Crooner-Einschlag. Es sind Barrelhosue-Meditationen über Amerika und das Ende der Zeit die Dylan mit einer stilvoll „zerstörten“ Stimme vorträgt ä, die sich immer näher in Richtung  Tom Waits bewegt.
Credit Bild: © Sony
Der Moment für das Release dieses Albums könnte angesichts der aktuellen Krisen nicht passender sein, war Dylan doch immer Beobachter um nicht zu sagen Chronist gesellschaft Umbrüche. Die Zeiten ändern sich, wenn der harte Regen fällt – um hier einmal klassiche Textzeilen zu paraphrasiern. 

 "Rough..." ist eines der besseren "later period"-Alben, ein dichtes, stellenweise richtig packendes "Hörspiel" für Dynalogen die sich wohl wieder einige Jahre an den vieldeutigen Lyrics des widerwilligen Nobelpreisträgers abarbeiten können - auch wenn dieses jüngste Opus bei aller Atmosphäre ist kein neues "Blood On The Tracks" geworden ist.




Montag, 6. Juli 2020

R.I.P. ENNIO MORRICONE: DER KREATIVE PROZESS EINES KLANGKÜNSTLERS


Credit Coverbild: © Oxford University Press
Der italienische Starkomponist Ennio Morricone ist heute früh mit 91 Jahren verstorben. Aus diesem aktuellen, traurigen Anlass hier noch einmal mein Feature über das  faszinierende Buch "In His Own Words" in dem man tief in den einzigartigen kreativen Prozess des bedeutendsten Gegenwartskomponisten eintauchen kann.

EEs ist eine spezielle Eigenart des Mediums Film, dass es durch seine Massenverbreitung die Rezeption gesellschaftlicher Realitäten sowie historischer Epochen oftmals entscheidend mitprägt. Ein besonders interessantes Beispiel für diese Manifestation von Vorstellungen findet sich bei den Soundtracks, die nicht nur einzelne Szene untermalen sondern die Wahrnehmung des Zuschauers teils maßgeblich beeinflussen, wie sich vergangene Epochen „anhörten“: Wie klang etwa der Wilde Westen, was war der „Score“ dieser Pionierzeit des 19. Jahrhunderts in der „Neuen Welt“. Mir persönlich – wie zweifelsohne zahllosen anderen Cineasten– fallen da sicher weniger fröhliche Pionierchöre oder die kitschig-säuselnden Melodien des US-Western der 50s ein sondern twangige E-Gitarren, verzerrte Fuzz-Riffs, dissonante Harmonikas und Koloratur-Arien. Maßgeblich für diesen zwar historisch mitunter anachronistischen, jedoch ungemein wirkungsvollen Score war der italienische Maestro Ennio Morricone.

E- und U-Musik

In seinem ungewöhnlichen Signature-Sound verschmolz der klassisch
geschulte Komponist sowohl Elemente aus der E-Musik als auch der U-Musik.
Typische Orchesterinstrumente trafen auf moderne elektrische Instrumente, die in der Klassik sonst keine Rolle spielten. Selbst Geräusche und Laute wie Kojotengeheul konnten bei ihm zur Musik werden. Ein progressiver Ansatz, den er nach den Erfolgen mit den Spaghetti Western auch bei unheimlich dichten Scores vom Krimi bis zum Drama einsetzte.
Durch diesen innovativen und oft kopierten Approach- wurde Morricone zu einem der wichtigsten, vielleicht sogar zu dem wichtigsten zeitgenössischen Komponisten.
Genau dieser interessante Zugang zu Musik steht auch im Zentrum des neu erschienenen Buchs "Ennio Morricone: In His Own Words" (Oxford University Press).

Musikalischer Dialog mit dem Maestro

Der junge Komponist Alessandro De Rosa führte ausführliche Gespräche mit Morricone die tief in dessen komplexes Musikverständnis eintauchen. 
Während selbst die längsten Gespräche in Andy Warhols “Interview”-Magazin nur ein paar Seiten ausmachen (können) findet man hier extrem ausführliche Transkripte dieser Konversationen  die tatsächlich mehr als 300 Seiten füllen. Das ist auch deshalb besonders interessant, weil der Maestro nicht oft für Interviews zur Verfügung steht und die meisten journalistischen  Gespräche mit ihm  oftmals nur oberflächlich bleiben, was dem vielschichtigen Charakter dieser Legende und seinem intellektuell-analytischen Naturell natürlich nicht gerecht wird.

Einblicke in die Arbeit eines Genies

Man merkt beim Lesen von „In His Own Words“, dass der Interviewer und der Interviewte einen guten Draht zueinander haben. Die intelligenten Fragen de Rosas ebnen den Weg für eine tiefgehende Eigenanalyse eines jahrzehntelangen Oeuvres, die nicht bei den bekannteste Filmmusiken stehen bleibt, sondern letztlich in die Metaphysik der „musica assoluta“ eintaucht und so den  „creative process“ Morricones nachvollziehbar macht - sofern man ein gutes film- und vor allem musiktheoretisches Verständnis mitbringt: denn dieses Buch ist durchaus anspruchsvoll und ist teilweise wohl nur für Musiker ganz nachvollziehbar. Genau diese In Depth-Herangehensweise macht „In His Own Word“ jedoch auch zu einem der informativsten Film/Musikbuch seit langem – das zudem mehr als einmal an Truffauts Klassiker „Mr. Hitchcock, wie haben sie das gemacht ?“ erinnert.

R.I.P. MAESTRO

Ennio Morricone In His Own Words, erschienen bei Oxford University Press

Dienstag, 30. Juni 2020

TASCHEN SUMMER SALE 2020

©Taschen Verlag
Im Jahr, in dem so gut wie nichts normal ist, konnte man fast alle Fixtermine aus dem persönlichen Kultur-Kalender streichen. Eines der liebgewonnen und mittlerweile schon als traditionell  anzusehenden Events für Book Aficionados findet heuer aber trotz Corona-Krise statt: der jährliche "Sommer Sale" des Kölner Luxusverlags Taschen. 
Getreu dem Motto "Bücher für Optimisten" gibt es für alle  Coffee Table-Fans und Liebhaber luxuriöser Bildbände bis zu - 75 % Rabatt auf Display- und Mängelexemplare der aufwendigen Collectors Bildbände aus den Bereichen Film, Musik, Popkultur, Kunst, Fotografie, Comic, Erotik, Architektur oder Mode & Design.

Der Sale findet sowohl in den beiden deutschen Flagshipstores in Berlin und Köln sowie in der Social Distancing-Variante im Web statt:
  
Hier die genauen Daten & Adressen: 

Warehouse Sale 8. bis 12. Juli 2020
in den Flagship-Stores 
Taschen Store Berlin (Schlüterstraße 39)
Taschen Store Köln (Neumarkt 3)

Online
www.taschen.com

Im Inneren des Flagship Stores Berlin
©Taschen Verlag

Auch Randy Wade Kelley, Actor und Poetry Slammer aus L.A., zeigt sich begeistert vom Sale :

Dienstag, 26. Mai 2020

ERIC CLAPTON - EIN LEBEN FÜR DEN BLUES

Eric Clapton - Ein Leben für den Blues Buchcover Mr. Slowhand im Anzug
© Reclam Verlag
Die Erfindung des Archetypus des modernen Gitarrenhelden; die Schaffung eines neuen, bis dahin ungehörten Sounds; die innovative Deutung einer archaischen Musikform; eine ganze Reihe von Klassikeralben, an denen sich Heerscharen von Gitarristen bis heute abarbeiten; Erfolge selbst beim Mainstream-Publikum - die Meriten in der langen Karriere des Eric Clapton sind vielfältig. Ihnen stehen aber auch tiefe persönliche Krisen und Tragödien gegenüber. Beide Aspekte im Leben des Bluesman Clapton wurden über die Jahre hinweg immer wieder dokumentiert und aufgearbeitet. Nicht zuletzt in der schonungslosen Autobiographie des Meisters selbst oder auch zuletzt  im Dokumentarfilm „Life in 12 Bars“.
Im heurigen Jubiläumsjahr – Mr. Slowhand wurde im März 75 Jahre– erscheint nun mit „Ein Leben für den Blues“ (Reclam) eine weitere Biographie des Mannes aus Surrey.
Diese kommt allerdings nicht wie man vermuten könnte von den üblichen, englischen Verdächtigen sondern aus dem deutschsprachigen Raum.

Der erfahrene Journalist Peter Kemper begibt sich darin auf Spurensuche und zeichnet in kompakter Form den Lebensweg dieses Ausnahmemusikers nach. Dazwischen gibt es immer wieder Exkurse über die Musikszene Großbritanniens oder auch eine Auseinandersetzung mit den klassischen Blues-Topoi, der lyrischen Basis vieler Clapton (Cover-)Songs. So entsteht trotz des überschaubaren Umfangs (gerade einmal 272 Seiten für 7 Jahrzehnte) ein durchaus detailreiches Portrait. Dass Kemper ein Veteran im Journalismus ist, wird beim Lesen überdeutlich: Obwohl das Büchlein keine literarischen Experimente a la  Greil Marcus beinhaltet, ist es überaus gut geschrieben und liest sich flott.
Man merkt Kempers Profession auch an der der profunden Rechercheleistung, die dieser EC-Biographie zugrunde liegt– das Quellenverzeichnis ist enorm, das Buch wirkt im positiven Sinne wie ein Destillat aus den bisherigen Dokus, Interviews und Büchern zum Thema. Zu seiner Hauptfigur wahrt Kemper dabei stets eine kritische Distanz. Zu keinem Zeitpunkt hat man es hier mit einem „überlangen Fanzine-Artikel“ zu tun, sondern mit einer Bestandsaufnahme  sowohl über die musikalische Entwicklung ECs als auch über die bewusst nicht ausgesparten Skandalen und Brüche in dessen Biographie – denen jedoch mitunter mehr Platz eingeräumt wird als so manchem den Lauf der Musikgeschichte verändernden Eureka-Momente in Claptons Karriere.

Der langjährige Slowhand-Fan wird die in Kempers Buch präsentierten Fakten fraglos schon kennen, grundlegend neue Entdeckungen gibt es ebenso wenig wie ungekannte Facetten an der komplexen Persönlichkeit Slowhands. Dennoch bleibt der Eindruck einer gut recherchierten Beleuchtung der Crossroads eines Musikerlebens und der bemerkenswerten und nach wie vor faszinierenden Entwicklung eines englischen Jungen, der einen Ausläufer des Mississippi ausgerechnet in der Grafschaft Surrey fand.

Kemper, Peter: Eric Clapton Ein Leben für den Blues
Originalausgabe, Geb. mit Schutzumschlag. Format 15 x 21,5 cm
272 S. 72, teils farb. Abb.
ISBN: 978-3-15-011214-4

Mittwoch, 13. Mai 2020

TOP JIMI # 2 : THE NORDIC CONCERTS 1967-1970


© Flying V Books
Will man heute einen Topact des Musikbusiness live sehen, bleibt einem meist nur der Weg in die Multiplexes der Konzertindustrie, die größten Hallen und Stadien (also Corona jetzt einmal kurz ausgeklammert…). In den „halcyon days“ der Sixties und Seventies war das noch völlig anders: selbst etablierte Künstler oder den nächsten Superstar konnte man in teils intimem Rahmen bewundern. Die berühmten Schulveranstaltungshallen in denen viele Jugendliche Zeugen der ersten Gig späterer Ikonen wurden fallen einem da als erstes ein. Security, das war vor den Ereignissen von Altamont noch fast ein Fremdwort, und auch die heute übliche Beschränkung auf die größten Metropolen war noch nicht so verbreitet - junge Fotografen, teils selbst noch Teenager,  hatten so die Möglichkeit den neuen Idolen ganz nah zu kommen – und diese Gigs für die Nachwelt festzuhalten.

Auch Jimi Hendrix und seine Experience spielten nicht nur in der Londoner Royal Albert Hall, sondern reisten quer durch Europa und gaben einige Konzerte im hohen Norden:
Der neue Bildband „The Nordic Concerts (erschienene bei Flying V Books in der Reihe "Unseen Nordic Archives") ist nun die Chronik dieser Konzerte. Dieses kompakte, dünne Büchlein vereint zahlreiche großartige Aufnahmen, die teils wirklich Seltenheitswert haben. 

Doch „The Nordic Concerts“ ist nicht nur ein Bildband sondern gleichzeitig eine  kompakte Biographie dieses außergewöhnlichen Musikers, die die Spuren Hendrix´ von seiner Kindheit in den USA  bis zu seinen letzten Tagen verfolgt.

Donnerstag, 7. Mai 2020

WESTERN PORTRAITS – THE UNSUNG HEROES & VILLAINS OF THE SILVER SCREEN


© Edition Olms Steve Carver
Wer auf dem obigen Coverbild nicht sogleich den legendären Darsteller des „Snake Charmer“ Bill aus Quentin Tarantinos „Kill Bill Vol. 1 & 2“ erkennt, könnte diese Aufnahme fast für ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert halten – jener Pionierzeit Amerikas, als der Westen noch wirklich wild und ungezähmt war. Aber nein, bei dem Mann handelt es sich natürlich um David Carradine himself, Star zahlreicher Western, der für Autor, Fotograf und Filmemacher Steve Carver einst posierte.

Carver machte sich vor allem in den 70s und 80s durch Streifen wie „Capone“ oder das Chuck Norris-Vehikel „McQuade, der Wolf“ einen Namen. Daneben hegte er eine lebenslange Leidenschaft für das ur-amerikanische Genre schlechthin, den Western, und fotografierte über die Jahrzehnte immer wieder zahlreiche große Namen sowie Nebendarsteller aus Filmen der ersten und zweiten Reihe - stets im eindrücklichen Stil der historischen Dokumente, die uns aus der Zeit der letzten Frontier blieben: Mit beachtlicher Virtuosität gelangen ihm dabei Fotografien, die an echte, historische Aufnahmen aus dem Westen  gemahnen. Diese bemerkenswerten Bilder sind nun vereint im neuen Buch
„Western Potraits“ (Edition Olms, englische Originalausgabe), eine Hommage auf die klassische Filmgattung als auch auf die Prägung des Geschichtsbilds vom alten Westen durch Filme.

Und ihren Anteil daran haben natürlich auch jene Actors, die nie oder selten das Top Billing in den Credits bekommen oder im Schatten der ganz großen Ikonen stehen, aber dennoch über die Jahre und Jahrzehnte zu den Stammgasten im Genre gehörten, also quasi die Rick Daltons, um hier Quentin Tarantinos jüngsten Film „Once Upon A Time In Hollywood“ als Vergleich heranzuziehen. Es sind aber nicht ausschließlich diese Schauspieler und die  „unsung heroes“, die hier portraitiert werden sondern auch viele Superstars und Legenden: Horst Buchholz etwa, der eingangs erwähnte David Carradine oder Karl Malden, George Hamilton, Tom Sizemore, Richard Roundtree, Robert Evans und- wieder eine Tarantino-Parallele. Schauspieler wie Fred Williamson  Bo Svenson oder Michael Parks: sie alle sieht man hier in Bildern als hätte sie der Chronist des historischen Westens,  Edward S. Curtis, abgelichtet.Die eindringlichen Aufnahmen werden von Beiträgen begleitet, die sowohl biographische Marksteine der Porträtierten, quasi- essayistische Betrachtungen zum Genre als auch Anekdotisches von Dreharbeiten beinhalten. Niemand geringerer als B-Movie-Ikone Roger Corman schrieb zudem das Vorwort.
Für Cineasten und Western Fans ist dieser Band weit mehr als nur ein monochromer Nostalgie-Trip, sondern eine popkulturelle Auseinandersetzung mit moderner Mythenschreibung, dem  durch Hollywood vermittelten Bild einer vergangenen Epoche sowie die Filmindustrie, in der dieses Bild geprägt wird.