Mittwoch, 19. August 2020

DEEP PURPLE – WHOOSH!

Eigentlich hatte man angenommen, dass das  2017er Album „Infinite“ das selbstgewählte Farewell der britischen Rock-Ikonen Deep Purple war. Ein Schlussstrich unter die Studio Recording-Karriere einer der produktivsten und beständigsten Bands aus der Hochphase des Rock mit einem grundsoliden 20. Album. Aber wie das glücklicherweise so ist mit den Legenden kam es ganz anders als gedacht: Warum auch aufhören, wenn die (Chart-)Erfolge nicht ausbleiben und Gillan, Glover & Co. die Ideen nicht auszugehen scheinen. ? Nach einer Corona-bedingten Verschiebung ist dieser Tage also nun das 21. Album erschienen und die Erwartungshaltung war äußerst hoch: Denn das lautmalerisch betitelte „Whoosh!“ soll nicht einfach nur ein weiterer Eintrag in der extensiven Diskographie der Band sein sondern so etwas wie eine Rückbesinnung auf all das was DP zu Legende werden ließ.

Das beginnt bereits beim atmosphärischen Albumcover das nicht zufällig an Artworks aus den 70s erinnert. Dann ist da noch das Re-Recording von „And the Address“, dem instrumentalen Opener des Debuts „Shades Of Deep Purple“ aus dem Jahre 1968, das originellerweise der letzte Track auf „Whoosh!“ ist. Die das Album begleitende Tagline hat es überdies in sich:„Putting The Deep Back In Purple“  - eine Ansage, zumal es nicht wenige Fans gibt, die sich nicht nur insgeheim die Mark II-Zeit zurückwünschen.  Eine Reunion mit dem schwierigen Saitenehxer Ritchie Blackmore gibt es allerdings auch hier keine und auch ist „Whoosh“ stilistisch keine reine Reimagination von „In Rock“ oder „Machine Head“. 

Letztlich machen Purple nämlich genau das, was sie schon seit Jahren bzw, Jahrzehnten machen: eine gekonnte Pflege eines sorgsam kultivierten Signature Sounds mit ganz dezenten modernen Zeitgeist-Zugeständnissen. Nur das diesmal die Riffs noch eine Spur grooviger, heavier und erdiger rüberkommen - man kann durchaus sagen: mehr Spätsechziger/Frühsiebziger-Flair atmen – inklusive besonders deutlicher Prog Rock und 50s Rock N Roll-Bezüge. Kontrapunkt zu den lässigen wie tonnenschweren Riffs ist die klassisch inspirierte Hammond Orgel, auf der Tastenmann Don Airey ganz besonders leichtfüßig und ausgiebig soliert. All das macht „Whoosh!“ zur besten Purple-Platte seit vielen Jahren - ein starkes Album, das vor Spielfreude nur so strotzt und dessen Nummer 1 Platz in den aktuellen Charts alles andere als verwundert.

Die Deluxe Version von „Whoosh!“ erscheint im attraktiven Mediabook mit Bonus DVD die einen Livemitschnitt vom 2017er Hellfest beinhaltet (mit Klassikern von – eh klar – „Smoke On The Water“ bis „Hush“) sowie einem einstündigen Film mit einem Gespräch zwischen Produzent Bob Ezrin und Bassman Roger Glover. 

Hier zwei Hörproben aus dem Album mit den Songs „Man Alive“ und „Throw My Bones“ – oder anders asugedrückt: ein Taste Of The Band:

MELODIÖSER SCHWEDENROCK von H.E.A.T.

Geht es um Mainstream Pop und elektronische Musik so zählt Schweden sicher zu den absoluten Hotspots – sowohl von Performer als auch Produzentenseite. Gleichzeitig gibt es jedoch eine beständige Szene voll von engagierten „Trendverweigerern“,  die sich vornehmlich im Rock-Grenre betätigen. Zu dieser gehören auch die Jungs von  H.E.A.T.– einer Band aus dem 30 km von Stockholm entfernten Upplands Väsby, die handwerklich perfekt gemacht die ewigen Achtziger abfeiert. Die dazugehörigen Ingredienzen: Kajal, Lederhose und kreischende Gitarren. Hinzu kommen breite Keyboardwände – allerdings ohne dabei nur nach „Vintage“ oder „Retro“ zu klingen.

Hinzu kommen treibende, bisweilen hymnische Songs mit durchaus pop-affinen Hooklines. Wer da an gewisse Landsleute von H.E.A.T. – Stichwort: Europe – denkt, liegt durchaus richtig. Assoziationen zum melodiösen Schwedenrock der in den 80s Chartpotential hatte, drängen sich förmlich auf -  die akrobatischen Gitarrensoli, die der Höhepunkt der meisten H.E.A.T.-Songs sind, tun ihr übriges dazu.

Mit dem in guter Hardrock-Tradition  betitelten „H.E.A.T II-Album legt die Band nun  ihr erstes selbst produziertes Album vor, das genau dort anknüpft wo der Vorgänger aufgehört hat. Auch wenn die neuen Lieder nicht immer das in diesem Genre in der Neuzeit inhärente Epigonen-Problem vermeiden können (die Grenze zwischen gekonnter Hommage und derivativem Songwriting ist oftmals nur ein schmaler Grat) werden Fans des Heavy Rock der Eighties gut bedient.


Montag, 17. August 2020

DIE GESCHICHTE HINTER DER ROCKOPER „TOMMY“

© Hannibal Verlag

Das Leben hat es alles andere als gut gemeint mit dem kleinen Tommy – blind, stumm und taub geboren ist er scheinbar zu einem Leben als Außenseiter verdammt. Bis er seine besondere Begabung und letztlich seine Bestimmung entdeckt. Denn trotz seiner schweren Beeinträchtigungen ist er ein absoluter Meister an der Pinball-Maschine , niemand spielt so virtuos mit dem Flipperautoamten wie er. Ähnlich wie die jungen Rockstars der Sixties wird er dank seiner speziellen Fähigkeiten aus der Anonymität gerissen und ins Scheinwerferlicht einer dekadenten Welt der Versuchungen und der Exzesse geworfen - eine Welt, die jedoch auch bald ihre Schattenseiten zeigt…

Diese so seltsame wie düstere Geschichte bildet das Zentrum des Konzeptalbums „Tommy“ von The Who, veröffentlicht 1969 – einem denkwürdigen Jahr, in dem ja nicht gerade wenige Klassikeralben erschienen und im Monatstakt eine „Landmark-LP“ nach der anderen die Charts stürmte. Auch „Tommy“ zählt zum allgemein anerkannten Kanon der „großen Weke“ dieser Zeit. Retrospektiv mag es schlechter gealtert sein als andere Alben der „Woodstock“-Ära, die musikhistorische Bedeutung als Pionierleistung  in der Konzeptualisierung der Rockmusik sowie die interessante Entstehungsgeschichte sind jedoch unbestritten. Um die Entwicklung des „Tommy“-Phänomens vom progressiven Album bis hin zur kultigen Verfilmung ( die vor allem aufgrund der denkwürdigen Auftritte von Tina Turner als „Acid Queen“, Eric Clapton als Priester und Elton John als der „Pinball Wizard“ im Gedächtnis bleibt)  geht es auch im monothematischen Band „Tommy - Stil, Zeitgeist, Musik und Vermächtnis der legendären Rock-Oper (erschienen im Hannibal Verlag).

Der reichhaltig illustrierte Band dokumentiert die Geschichte dieser ersten Rockoper der Musikgeschichte bis ins kleinste Detail und beleuchtet deren Genesis vor dem Hintergrund der Sixties-Umbrüche. Mit seiner inhärenten Progressivität traf „Tommy“ den Zeitgeist der Spätsechziger und wies den Weg zu den Progressive Seventies: das Theatralische in der Rockmusik hatte zwar schon zuvor immer stärker an Bedeutung gewonnen, die ganz großen Konzeptalben sollten sich jedoch erst im darauffolgenden Jahrzehnt etablieren. "Tommy" bleibt als eines der ersten Werke seiner Art bis  heute faszinierend - wie innovativ dieses vollständig ausgereifte Experiment von Daltrey, Townshend, Entwistle und Moon war unterstreicht die "Tommy-Chronik" zudem nochmals eindrucksvoll. 

Donnerstag, 23. Juli 2020

DEPECHE MODE – SPIRITS IN THE FOREST

Credit Bild: © Sony
Erinnert sich noch jemand  an Live-Konzerte ? Diesen wundersamen, in der aktuellen Lage jedoch undenkbaren Events wohnt ja stets ein eigentümlicher Charakter der Ekstase und der feierlichen Selbstvergessenheit inne. Der kontrollierte Kontrollverlust in der Crowd. Es soll sogar schon bei Schlager-Shows zu euphorischen Entrückungszuständen gekommen sein, als wären die Fans beim Isle Of Wight-Festival. Also so wurde es mir zumindest aus verlässlicher Quelle überliefert. Doch darum soll es hier nicht gehen, sondern um jene Livebands die nicht „nur“ ein spektakuläres Feuerwerk auf der Bühne abfackeln, sondern die Shows gestalten, die „mehr“ sind und eine Symbiose mit dem Publikum schaffen, die sich in einem kollektiven Erlebnis sondergleichen manifestiert.

Die Stones zählen auf alle Fälle dazu, wer die gut geübten „Wooh“-Chöre beim Finale von „Brown Sugar“ kennt, weiß wovon ich rede. Auch Metallica oder Rammstein fallen bspw. in diese Kategorie, genauso wie Depeche Mode. Deren Musik ist ja zunächst nicht gerade prädestiniert für die ganz große Party, melancholisch und schwer die Lyrics, nicht unbedingt  eingängig und tanzbar die Songs abseits der Mainstream-Hits.
Und dennoch – nicht erst in jenem Moment, wenn das endlose Meer aus Armen im Rhythmus zu „Enjoy The Silence“ unter der Anleitung von Chefdirigent Dave Gahann hin und her wogt, weiß man: das hier ist nicht bloß ein Gig, für so manchen Fan hat das geradezu messe-artigen Charakter.
Credit Bild: © Sony
 Ein Umstand den auch der neu erschienene Film „Spirits In The Forest“, directed by niemand Geringerem als Anton Corbijn, unterstreicht. Dieser ist keine herkömmliche Band-Biographie im Stile „The Rise And Fall Of The Self Destructive Dave Gahan“ sondern eine Mischung aus Konzertfilm (festgehalten wurden die finalen Abende der „Spirits“ -World Tour auf der Waldbühne in Berlin) und Doku über die härtesten der harten Depeche -Fans.
6 glühende Anhänger britischer Synthie-Schwermut stehen im Fokus der Kameras und erzählen was die Musik der Band für sie bedeutet und wie sie sie teils durch schwere Zeiten begleitete. Die Musiker selbst kommen hier nicht zu Wort, es ist ein Film über die Fanbase für die Fanbase. Bei der stieß dieses Projekt ironischerweise nicht durchwegs auf Gegenliebe, das Echo bei der Kinopremiere dieses Streifens fiel mitunter durchwachsen aus.
Dabei: Ganz neu ist dieses Konzept nicht, schon 1989 stellten Gahan & Co ihre Anhänge in der Konzertdoku „101“ in den Mittelpunkt. Die Corbin´sche Variante geht jedoch noch einen Schritt weiter, das Ergebnis wirkt  stellenweise sonderbar und auch nicht frei von Kitsch - und hat in seiner abendfüllenden Spieldauer zudem deutliche Längen.
Diese Längen treten in der 4 Disc Deluxe Edition von „Spirits In The Forest“ jedoch eher in den Hintergrund– denn neben der Doku gibt es hier dankenswerterweise auch den vollständigen Konzertfilm des Waldbühnen-Gastspiels als Blu Ray-Mitschnitt (sowie als Audiodokument als Doppel CD). Die visuell eindrucksvolle Gestaltung mit ihren betörenden Bildern und der ganzen Theatralik der Bühnenshow sowie der gute 5.1, Sound können dann vollends überzeugen- am Schluss wird das mit den großen Hits gespickte „Spirits“-Package dann doch wieder etwas für alle Fans.

Samstag, 11. Juli 2020

BOB DYLAN – ROUGH AND ROWDY WAYS


Der junge Dylan - in seinen "rough and rowdy days"
Credit Bild: © Sony
Mit ihm hatte man wohl am wenigsten gerechnet, dabei gab es letztlich keinen passenderen Zeitpunkt: Bob Dylan, jener Künstler der sonst nie das macht, was seine Kollegen tun, meldete sich so wie die gefühlt  gesamte Musikwelt ohne Vorankündigung mit neuem Material aus der Quarantäne in der Coronakrise.
Der stets enigmatische Songwriter gibt sich abseits seiner regelmäßigen Fortsetzungen der „Neverending Tour“ ja eher als Eremit, so gut wie nie dringen News über „His Bobness“ an die Öffentlichkeit, die Gazetten mied er spätestens ab den Siebzigern sowieso und neue Alben mit Eigenkompositionen gibt es nur in homöopathischen Dosen. Im März dann vollkommen überraschend: das Release einer epischen neuen Single, die erste neue Eigenkomposition seit acht Jahren. „Murder Most Foul“ – borgt den Titel aus Shakespeares „Hamlet“ und ist dann auch noch näher an reiner Lyrik als manch anderes von Dylan, eine 17 minütige Meditation über ein amerikanisches Trauma, jenen einschneidenden Tag im November 1963  als Hoffnungsträger John F- Kennedy in Dallas. Texas erschossen wurde.

Der Song war der erste Vorbote der neuen LP „Rough And Rowdy Ways“, die im Gegensatz zu den Vorgängeralben keine Neudeutung des Songbooks nach Frank Sinatra ist, sondern vielmehr eine  logsiche Fortsetzung von „Modern Times“, oder „Together Through Life, den Platten auf denen Dylan zunhemend wieder auf den Highway 61 einbog. So gibt es auf „Rough And Rowdy Ways“ eine so eklektische wie gediegene Mischung aus dem amerikansichen Schemztigel der Genres: Treibenden Chicago Blues Country, Folkiges mit dezentem Crooner-Einschlag. Es sind Barrelhosue-Meditationen über Amerika und das Ende der Zeit die Dylan mit einer stilvoll „zerstörten“ Stimme vorträgt ä, die sich immer näher in Richtung  Tom Waits bewegt.
Credit Bild: © Sony
Der Moment für das Release dieses Albums könnte angesichts der aktuellen Krisen nicht passender sein, war Dylan doch immer Beobachter um nicht zu sagen Chronist gesellschaft Umbrüche. Die Zeiten ändern sich, wenn der harte Regen fällt – um hier einmal klassiche Textzeilen zu paraphrasiern. 

 "Rough..." ist eines der besseren "later period"-Alben, ein dichtes, stellenweise richtig packendes "Hörspiel" für Dynalogen die sich wohl wieder einige Jahre an den vieldeutigen Lyrics des widerwilligen Nobelpreisträgers abarbeiten können - auch wenn dieses jüngste Opus bei aller Atmosphäre ist kein neues "Blood On The Tracks" geworden ist.




Montag, 6. Juli 2020

R.I.P. ENNIO MORRICONE: DER KREATIVE PROZESS EINES KLANGKÜNSTLERS


Credit Coverbild: © Oxford University Press
Der italienische Starkomponist Ennio Morricone ist heute früh mit 91 Jahren verstorben. Aus diesem aktuellen, traurigen Anlass hier noch einmal mein Feature über das  faszinierende Buch "In His Own Words" in dem man tief in den einzigartigen kreativen Prozess des bedeutendsten Gegenwartskomponisten eintauchen kann.

EEs ist eine spezielle Eigenart des Mediums Film, dass es durch seine Massenverbreitung die Rezeption gesellschaftlicher Realitäten sowie historischer Epochen oftmals entscheidend mitprägt. Ein besonders interessantes Beispiel für diese Manifestation von Vorstellungen findet sich bei den Soundtracks, die nicht nur einzelne Szene untermalen sondern die Wahrnehmung des Zuschauers teils maßgeblich beeinflussen, wie sich vergangene Epochen „anhörten“: Wie klang etwa der Wilde Westen, was war der „Score“ dieser Pionierzeit des 19. Jahrhunderts in der „Neuen Welt“. Mir persönlich – wie zweifelsohne zahllosen anderen Cineasten– fallen da sicher weniger fröhliche Pionierchöre oder die kitschig-säuselnden Melodien des US-Western der 50s ein sondern twangige E-Gitarren, verzerrte Fuzz-Riffs, dissonante Harmonikas und Koloratur-Arien. Maßgeblich für diesen zwar historisch mitunter anachronistischen, jedoch ungemein wirkungsvollen Score war der italienische Maestro Ennio Morricone.

E- und U-Musik

In seinem ungewöhnlichen Signature-Sound verschmolz der klassisch
geschulte Komponist sowohl Elemente aus der E-Musik als auch der U-Musik.
Typische Orchesterinstrumente trafen auf moderne elektrische Instrumente, die in der Klassik sonst keine Rolle spielten. Selbst Geräusche und Laute wie Kojotengeheul konnten bei ihm zur Musik werden. Ein progressiver Ansatz, den er nach den Erfolgen mit den Spaghetti Western auch bei unheimlich dichten Scores vom Krimi bis zum Drama einsetzte.
Durch diesen innovativen und oft kopierten Approach- wurde Morricone zu einem der wichtigsten, vielleicht sogar zu dem wichtigsten zeitgenössischen Komponisten.
Genau dieser interessante Zugang zu Musik steht auch im Zentrum des neu erschienenen Buchs "Ennio Morricone: In His Own Words" (Oxford University Press).

Musikalischer Dialog mit dem Maestro

Der junge Komponist Alessandro De Rosa führte ausführliche Gespräche mit Morricone die tief in dessen komplexes Musikverständnis eintauchen. 
Während selbst die längsten Gespräche in Andy Warhols “Interview”-Magazin nur ein paar Seiten ausmachen (können) findet man hier extrem ausführliche Transkripte dieser Konversationen  die tatsächlich mehr als 300 Seiten füllen. Das ist auch deshalb besonders interessant, weil der Maestro nicht oft für Interviews zur Verfügung steht und die meisten journalistischen  Gespräche mit ihm  oftmals nur oberflächlich bleiben, was dem vielschichtigen Charakter dieser Legende und seinem intellektuell-analytischen Naturell natürlich nicht gerecht wird.

Einblicke in die Arbeit eines Genies

Man merkt beim Lesen von „In His Own Words“, dass der Interviewer und der Interviewte einen guten Draht zueinander haben. Die intelligenten Fragen de Rosas ebnen den Weg für eine tiefgehende Eigenanalyse eines jahrzehntelangen Oeuvres, die nicht bei den bekannteste Filmmusiken stehen bleibt, sondern letztlich in die Metaphysik der „musica assoluta“ eintaucht und so den  „creative process“ Morricones nachvollziehbar macht - sofern man ein gutes film- und vor allem musiktheoretisches Verständnis mitbringt: denn dieses Buch ist durchaus anspruchsvoll und ist teilweise wohl nur für Musiker ganz nachvollziehbar. Genau diese In Depth-Herangehensweise macht „In His Own Word“ jedoch auch zu einem der informativsten Film/Musikbuch seit langem – das zudem mehr als einmal an Truffauts Klassiker „Mr. Hitchcock, wie haben sie das gemacht ?“ erinnert.

R.I.P. MAESTRO

Ennio Morricone In His Own Words, erschienen bei Oxford University Press

Dienstag, 30. Juni 2020

TASCHEN SUMMER SALE 2020

©Taschen Verlag
Im Jahr, in dem so gut wie nichts normal ist, konnte man fast alle Fixtermine aus dem persönlichen Kultur-Kalender streichen. Eines der liebgewonnen und mittlerweile schon als traditionell  anzusehenden Events für Book Aficionados findet heuer aber trotz Corona-Krise statt: der jährliche "Sommer Sale" des Kölner Luxusverlags Taschen. 
Getreu dem Motto "Bücher für Optimisten" gibt es für alle  Coffee Table-Fans und Liebhaber luxuriöser Bildbände bis zu - 75 % Rabatt auf Display- und Mängelexemplare der aufwendigen Collectors Bildbände aus den Bereichen Film, Musik, Popkultur, Kunst, Fotografie, Comic, Erotik, Architektur oder Mode & Design.

Der Sale findet sowohl in den beiden deutschen Flagshipstores in Berlin und Köln sowie in der Social Distancing-Variante im Web statt:
  
Hier die genauen Daten & Adressen: 

Warehouse Sale 8. bis 12. Juli 2020
in den Flagship-Stores 
Taschen Store Berlin (Schlüterstraße 39)
Taschen Store Köln (Neumarkt 3)

Online
www.taschen.com

Im Inneren des Flagship Stores Berlin
©Taschen Verlag

Auch Randy Wade Kelley, Actor und Poetry Slammer aus L.A., zeigt sich begeistert vom Sale :

Dienstag, 26. Mai 2020

ERIC CLAPTON - EIN LEBEN FÜR DEN BLUES

Eric Clapton - Ein Leben für den Blues Buchcover Mr. Slowhand im Anzug
© Reclam Verlag
Die Erfindung des Archetypus des modernen Gitarrenhelden; die Schaffung eines neuen, bis dahin ungehörten Sounds; die innovative Deutung einer archaischen Musikform; eine ganze Reihe von Klassikeralben, an denen sich Heerscharen von Gitarristen bis heute abarbeiten; Erfolge selbst beim Mainstream-Publikum - die Meriten in der langen Karriere des Eric Clapton sind vielfältig. Ihnen stehen aber auch tiefe persönliche Krisen und Tragödien gegenüber. Beide Aspekte im Leben des Bluesman Clapton wurden über die Jahre hinweg immer wieder dokumentiert und aufgearbeitet. Nicht zuletzt in der schonungslosen Autobiographie des Meisters selbst oder auch zuletzt  im Dokumentarfilm „Life in 12 Bars“.
Im heurigen Jubiläumsjahr – Mr. Slowhand wurde im März 75 Jahre– erscheint nun mit „Ein Leben für den Blues“ (Reclam) eine weitere Biographie des Mannes aus Surrey.
Diese kommt allerdings nicht wie man vermuten könnte von den üblichen, englischen Verdächtigen sondern aus dem deutschsprachigen Raum.

Der erfahrene Journalist Peter Kemper begibt sich darin auf Spurensuche und zeichnet in kompakter Form den Lebensweg dieses Ausnahmemusikers nach. Dazwischen gibt es immer wieder Exkurse über die Musikszene Großbritanniens oder auch eine Auseinandersetzung mit den klassischen Blues-Topoi, der lyrischen Basis vieler Clapton (Cover-)Songs. So entsteht trotz des überschaubaren Umfangs (gerade einmal 272 Seiten für 7 Jahrzehnte) ein durchaus detailreiches Portrait. Dass Kemper ein Veteran im Journalismus ist, wird beim Lesen überdeutlich: Obwohl das Büchlein keine literarischen Experimente a la  Greil Marcus beinhaltet, ist es überaus gut geschrieben und liest sich flott.
Man merkt Kempers Profession auch an der der profunden Rechercheleistung, die dieser EC-Biographie zugrunde liegt– das Quellenverzeichnis ist enorm, das Buch wirkt im positiven Sinne wie ein Destillat aus den bisherigen Dokus, Interviews und Büchern zum Thema. Zu seiner Hauptfigur wahrt Kemper dabei stets eine kritische Distanz. Zu keinem Zeitpunkt hat man es hier mit einem „überlangen Fanzine-Artikel“ zu tun, sondern mit einer Bestandsaufnahme  sowohl über die musikalische Entwicklung ECs als auch über die bewusst nicht ausgesparten Skandalen und Brüche in dessen Biographie – denen jedoch mitunter mehr Platz eingeräumt wird als so manchem den Lauf der Musikgeschichte verändernden Eureka-Momente in Claptons Karriere.

Der langjährige Slowhand-Fan wird die in Kempers Buch präsentierten Fakten fraglos schon kennen, grundlegend neue Entdeckungen gibt es ebenso wenig wie ungekannte Facetten an der komplexen Persönlichkeit Slowhands. Dennoch bleibt der Eindruck einer gut recherchierten Beleuchtung der Crossroads eines Musikerlebens und der bemerkenswerten und nach wie vor faszinierenden Entwicklung eines englischen Jungen, der einen Ausläufer des Mississippi ausgerechnet in der Grafschaft Surrey fand.

Kemper, Peter: Eric Clapton Ein Leben für den Blues
Originalausgabe, Geb. mit Schutzumschlag. Format 15 x 21,5 cm
272 S. 72, teils farb. Abb.
ISBN: 978-3-15-011214-4

Mittwoch, 13. Mai 2020

TOP JIMI # 2 : THE NORDIC CONCERTS 1967-1970


© Flying V Books
Will man heute einen Topact des Musikbusiness live sehen, bleibt einem meist nur der Weg in die Multiplexes der Konzertindustrie, die größten Hallen und Stadien (also Corona jetzt einmal kurz ausgeklammert…). In den „halcyon days“ der Sixties und Seventies war das noch völlig anders: selbst etablierte Künstler oder den nächsten Superstar konnte man in teils intimem Rahmen bewundern. Die berühmten Schulveranstaltungshallen in denen viele Jugendliche Zeugen der ersten Gig späterer Ikonen wurden fallen einem da als erstes ein. Security, das war vor den Ereignissen von Altamont noch fast ein Fremdwort, und auch die heute übliche Beschränkung auf die größten Metropolen war noch nicht so verbreitet - junge Fotografen, teils selbst noch Teenager,  hatten so die Möglichkeit den neuen Idolen ganz nah zu kommen – und diese Gigs für die Nachwelt festzuhalten.

Auch Jimi Hendrix und seine Experience spielten nicht nur in der Londoner Royal Albert Hall, sondern reisten quer durch Europa und gaben einige Konzerte im hohen Norden:
Der neue Bildband „The Nordic Concerts (erschienene bei Flying V Books in der Reihe "Unseen Nordic Archives") ist nun die Chronik dieser Konzerte. Dieses kompakte, dünne Büchlein vereint zahlreiche großartige Aufnahmen, die teils wirklich Seltenheitswert haben. 

Doch „The Nordic Concerts“ ist nicht nur ein Bildband sondern gleichzeitig eine  kompakte Biographie dieses außergewöhnlichen Musikers, die die Spuren Hendrix´ von seiner Kindheit in den USA  bis zu seinen letzten Tagen verfolgt.

Donnerstag, 7. Mai 2020

WESTERN PORTRAITS – THE UNSUNG HEROES & VILLAINS OF THE SILVER SCREEN


© Edition Olms Steve Carver
Wer auf dem obigen Coverbild nicht sogleich den legendären Darsteller des „Snake Charmer“ Bill aus Quentin Tarantinos „Kill Bill Vol. 1 & 2“ erkennt, könnte diese Aufnahme fast für ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert halten – jener Pionierzeit Amerikas, als der Westen noch wirklich wild und ungezähmt war. Aber nein, bei dem Mann handelt es sich natürlich um David Carradine himself, Star zahlreicher Western, der für Autor, Fotograf und Filmemacher Steve Carver einst posierte.

Carver machte sich vor allem in den 70s und 80s durch Streifen wie „Capone“ oder das Chuck Norris-Vehikel „McQuade, der Wolf“ einen Namen. Daneben hegte er eine lebenslange Leidenschaft für das ur-amerikanische Genre schlechthin, den Western, und fotografierte über die Jahrzehnte immer wieder zahlreiche große Namen sowie Nebendarsteller aus Filmen der ersten und zweiten Reihe - stets im eindrücklichen Stil der historischen Dokumente, die uns aus der Zeit der letzten Frontier blieben: Mit beachtlicher Virtuosität gelangen ihm dabei Fotografien, die an echte, historische Aufnahmen aus dem Westen  gemahnen. Diese bemerkenswerten Bilder sind nun vereint im neuen Buch
„Western Potraits“ (Edition Olms, englische Originalausgabe), eine Hommage auf die klassische Filmgattung als auch auf die Prägung des Geschichtsbilds vom alten Westen durch Filme.

Und ihren Anteil daran haben natürlich auch jene Actors, die nie oder selten das Top Billing in den Credits bekommen oder im Schatten der ganz großen Ikonen stehen, aber dennoch über die Jahre und Jahrzehnte zu den Stammgasten im Genre gehörten, also quasi die Rick Daltons, um hier Quentin Tarantinos jüngsten Film „Once Upon A Time In Hollywood“ als Vergleich heranzuziehen. Es sind aber nicht ausschließlich diese Schauspieler und die  „unsung heroes“, die hier portraitiert werden sondern auch viele Superstars und Legenden: Horst Buchholz etwa, der eingangs erwähnte David Carradine oder Karl Malden, George Hamilton, Tom Sizemore, Richard Roundtree, Robert Evans und- wieder eine Tarantino-Parallele. Schauspieler wie Fred Williamson  Bo Svenson oder Michael Parks: sie alle sieht man hier in Bildern als hätte sie der Chronist des historischen Westens,  Edward S. Curtis, abgelichtet.Die eindringlichen Aufnahmen werden von Beiträgen begleitet, die sowohl biographische Marksteine der Porträtierten, quasi- essayistische Betrachtungen zum Genre als auch Anekdotisches von Dreharbeiten beinhalten. Niemand geringerer als B-Movie-Ikone Roger Corman schrieb zudem das Vorwort.
Für Cineasten und Western Fans ist dieser Band weit mehr als nur ein monochromer Nostalgie-Trip, sondern eine popkulturelle Auseinandersetzung mit moderner Mythenschreibung, dem  durch Hollywood vermittelten Bild einer vergangenen Epoche sowie die Filmindustrie, in der dieses Bild geprägt wird.

Montag, 4. Mai 2020

STAR WARS DAY 2020: Eine Retrospektive auf die Classic Trilogy

Credit Bild: © Taschen Lucasfilm
"Es war einmal in den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts in einer gar nicht weit entfernten Galaxis..."

So oder so ähnlich könnte eine Rekapitulation der märchenhaften Erfolgsgeschichte von Regisseur George Lucas beginnen, der mit seiner Sternen-Saga vom immerwährenden Kampf "Gut gegen Böse" - also von den Jedi-Rittern gegen die Sith und das galaktische Imperium - einen gleichermaßen modern-futuristischen wie zeitlosen Mythos schuf. Ein Mythos der alters- und generationsübergreifend eine ungebrochene Faszination  ausübt -  außer Lucas gelang dies nur Tolkien und seinem Ringzyklus.
In jüngerer Vergangenheit hat dieses makellose Milliarden-Franchise um Luke Skywalker, Yoda, Obi-Wan Kenobi, Lord Vader & Co. zwar  durch eine wohlintendierte, jedoch missglückte Prequel-Trilogie, die neuen, noch schlimmeren Fortsetzungen sowie Substandard-Spin Offs wie „Rogue One“ oder die 2018er Han Solo-Story (der erste richtige Flop in der Geschichte von "Krieg der Sterne") ein paar Dellen abbekommen - doch all dies spielt beim gerade neu auf deutsch erschienenen „Star Wars Archiv“ aus der Filmreihe des Taschen Verlags überhaupt keine Rolle. die ausladende, schwelgerische Bildband-Retrospektive im Umfang eines Bantams, dreht sich nämlich nur um die kultige Classic Trilogy - also die Episoden IV -VI mit den SF-Klassikern  "A New Hope" , "The Empire Strikes Back" und "Return of the Jedi". Ewoks und Javas statt Jar Jar Binks lautet hier also die interstellare Devise.
Damit richtet sie sich zwar nicht ausschließlich, aber doch in besonderem Maße an alle alten Fans, die  so wie ich das Planetensystem des George Lucas in Kindheitstagen entdeckt haben.
Credit Bild: © Taschen Lucasfilm
Credit Bild: © Taschen Lucasfilm
Credit Bild: © Taschen Lucasfilm
 Waren schon die ähnlich gelagerten Releases über Pedro Almodóvar oder James Bond aus dieser Buchreihe sehr aufwendig, so ist dieser Band sogar noch eine Spur luxuriöser (und schwerer). Öffnet man die Schutzbox aus Karton, so offenbart sich einem ein wohlbekannter Anblick: der Galaxy-Shot mit dem seit 1977 jede Episode beginnt-  inklusive Sternenglitzer all over im Einband!
Das Star Wars-Archiv ist jedoch nicht nur ein Schmuckstück, das als stylischer Einrichtungsgegenstand durchgeht sondern auch ein extrem gehaltvolles und informatives Buch für Cineasten. Denn das Herzstück dieses in enger Kooperation mit George Lucas und Lucasfilm entstandenen Bandes ist ein extrem langes und äußerst ausführliches Interview mit dem visionären Regisseur und Schöpfer der Filmreihe.
Einen tieferen Einblick in die Entstehungsgeschichte der Originaltrilogie hat man auch dank der zahllosen selten gezeigten Dokumente, Drehbuchseiten, Produktionsunterlagen, Konzeptentwürfe, Storyboards und unzähligen Fotos aus den Filmen und den Dreharbeiten selten bekommen. Der Herausgeber und Filmexperte Paul Duncan entwarf hier ein Kompendium mit der sich die gesamte Entwicklung dieses Kults nachvollziehen lässt - von den Inspirationen Lucas' zu den Skizzen hin zur schlussendlichen Realisation im Film.

Zwar ist dieses neue Star Wars-Archiv bei weitem nicht das erste bibliophile Werk über die Kult-Trilogie – doch durch seinen schieren Umfang wird man wohl die gesamte Galaxis vom Wüstenplaneten Tatooine bis zur Eiswelt Hoth durchsuchen können und kein besseres Buch über das Phänomen finden.
  
Bibliographische Angaben:
Das Star Wars Archiv: 1977–1983 von Paul Duncan
Hardcover, Halbleinen, 41,1 x 30 cm, 604 Seiten
ISBN 978-3-8365-6340-6, Ausgabe: Englisch

Montag, 27. April 2020

TOP JIMI # 1: GERED MANKOWITZ - THE EXPERIENCE Jimi Hendrix at Mason's Yard


© Gered Mankowitz  Insight Editions
Heuer jährt sich zum 50. Mal der Todestag von James Marshall Hendrix.
Anlässlich dessen präsentiere ich euch unter dem Banner „Top Jimi“ in den kommenden Wochen einige Bücher, die die unterschiedlichen Karrierestationen dieser Ikone beleuchten:
Den Beginn macht der Bildband „The Experience“ von Gered Mankowitz (erschienen bei Insight Editions), ein Buch, das den Leser zurück ins Jahr 1967 mitnimmt.

Mankowitz zählt zu den frühesten und erfolgreichsten Rock N´ Roll Photographers. Wie seine Kollegen war auch er als junger Mann ganz vorne mit dabei als die Subkultur ihren Anfang nahm – in einer Zeit in der wegweisende Alben beinahe im Monatstakt erschienen und sich eine musikalische Revolution an die nächste reihte. Der aufstrebende Fotokünstler war jedoch nicht nur bloßer Dokumentarist der aufkeimenden Rock-Szene sondern beeinflusste die Fotosessions mit seinem äußerst eigenen Stil – einer Mischung aus progressiver Counterculture-Sensibilität, wie man etwa an seinen durchaus psychedelischen Liveaufnahmen sieht und einem Gespür für die klassische Portraitfotografie. 

Das machte ihn schnell zu einem der gefragtesten Proponenten eines noch recht jungen Subgenres der Fotokunst und sorgte dafür, dass Mankowitz mit so gut wie allen neuen Superstar zusammenarbeitete  - von den Stones bis zu den Yardbirds.
Auch als Jimi Hendrix das erste Mal nach London kam -  einer der popkulturellen Schlüsselmomente der Sixties -  war Mankowitz dabei – und hielt nicht nur furiose Live-Auftritte fest sondern schoss auch eine Reihe von Einzel-und Gruppenportraits, die zu den ganz großen ikonischen Aufnahmen der Musikfotografie zählen.
Bis heute zieren die in Mason´s Yard entstandenen Portraits des viel zu früh verstorbenen Gitarren-Genies unzählige Poster, T-Shirts und sogar Effektpedale.
Im Bildband “THE EXPERIENCE Jimi Hendrix at Mason's Yard” sind diese Arbeiten nun erstmals in ihrer Gesamtheit vereint – und der Leser kann zumindest ein Stück weit erleben, was es für eine „Experience“ gewesen sein muss, als die Community des Swinging London erstmals die Ausnahmeerscheinung Jimi Hendrix sah.

Freitag, 24. April 2020

STUCK AT HOME WITH THE ISOLATION BLUES AGAIN: DIE ROLLING STONES UND IHRE NEUE SINGLE "LIVING IN A GHOST TOWN"

Während sich das Everyday Life im Zuge der Corona-Krise und der notwendigen „stay at home“-Orders vielerorts in ein entschleunigtes Neo-Biedermeier gewandelt hat,
steht auch die Musikindustrie vor großen Umbrüchen: Angesichts von Album-Postponements kommt so dee Standalone-Single auch bei klassischen Album-Bands noch mehr Bedeutung zu. Und die Stones sind ganz vorne mit dabei und veröffentlichen out of the blue ihre erste Eigenkomposition seit dem 2012er Song „Doom & Gloom“ von der Best Of-Scheibe „GRRRR!“.
Entstanden ist „Living In A Ghost Town“ allerdings nicht als Reaktion auf die Pandemie, das Lied war schon im Vorjahr Teil der Aufnahme-Sesions zum bereits oft angekündigten neuen Album. In der Corona-Isolation wurde das bis dato unfertige Stück nun jedoch finalisiert. Es zeigt die Steine im „Some Girls"-Modus: eine interessante Mischung aus „Miss You“-Disco, dezenten Reggae bzw- Ska-Punktuationen und Blues (Jagger mit furiosem Harp-Solo!). Durchaus mit Hooks mit erhöhtem Wiedererkennungswert ausgestattet kann man dem Song eine gewisse Ohrwurmqualität nicht absprechen.
Instant-Classic ist er jedoch keiner und ob er das Zeug zum Crowdpleaser bei Konzerten hat ist fraglich - als musikalisches Statement zum Status Quo der Welt könnte dieses Lied edoch nicht passender sein. Sind doch die fast menschenleeren Ghost Towns Realität geworden und hat das Leben bzw. die Realität die Kunst längst eingeholt. 
Check it out:

LESLIE MANDOKI UND IAN ANDERSON #WESAYTHANKYOU

Leslie Mandoki bewies in der Vergangenheit immer wieder ein Gespür für den Zeitgeist und musikalische Statements zu aktuellen Strömungen und Krisen – da  war es eigentlich klar, dass er sich so wie viele seiner internationalen Musikerkollegen auch angesichts der Corona-Krise mit neuem Material aus der Selbstisolation melden würde.
Und tatsächlich: diese Woche dropped er eine brandneue Single.
Es ist ein Song den er erst vor wenigen Tagen komponiert hat– eingespielt mit  Ian Anderson von Jethro Tull. 
Anderson im O-Ton dazu:"My dear pal Hungarian-born German producer, songwriter and bandleader Leslie Mandoki sent an email to me two days ago with the request to play a few lines of flute and sing along here and there on a new non-profit song he had just written. This is in the context of his own complete isolation in Germany where his doctor wife, Eva, is a first contact physician in their region of Bavaria."
Die beiden sprechen in diesem Song ein „Thank you“ an  persönliche Helden aus – ein Gruß aus den coolen Heimstudios zweier Veteranen und ein nachdenklicher Soundtrack für ein Isolation-Weekend:

Dienstag, 14. April 2020

100 JAHRE ADIDAS - EIN ARCHIV DER KULT-SCHUHE


Copyright: © by adidas archive / studio waldeck photographers Habermeier und Jäger GbR   Taschen
Was als professionelles Arbeitsgerät der Sportprofis begann, alsbald Fashion-Statement und schließlich  Subkultur-Erkennungszeichen wurde ist heute längst ein universelles Kultobjekt des Mainstream– das preislich durchaus in der höheren Modeliga mitspielt und unzählige devote Fans hat: welche Formen die Sneaker-Mania gerade in den letzten Jahren
angenommen hat, zeigt ein Blick auf Teils block-lange Schlangen beim Launch neuer Modelle, die fast im Monatstakt neu erscheinenden Superstar-Sneaker-Kollaborationen und Social Media-Feeds mit ihrer geradezu fetischisierenden Celebration des omnipräsenten Sportschuhs.  In diese Zeit fällt auch ein Jubiläum eine der bekanntesten, innovativsten und Marken in diesem Segment: 100 Jahre Adidas, die nun mit einem neuen Bildband gefeiert werden.

Ein Jahrhundert nach den Anfängen der Firma von Schuh-Visionär Adi Dassler gibt es also erstmals die visuelle Aufarbeitung der Geschichte des Kult-Schuhs mit Bildern von über 357 Modellen: darunter bekannte, ja geradezu ikonische Designs sowie nie gezeigt Prototypen und  Raritäten. Man sieht Helmut Rahns Endspielschuhe vom  „Wunders von Bern“, Sondermodellen für die Rap-Ikonen Run DMC („My Adidas“) oder Fußball-Hero Lionel Messi, Collabs mit wichtigen Designern, Musikern Kanye West, Pharrell Williams, Raf Simons, Stella McCartney, Yohji Yamamoto. Man sieht aber auch – und das ist angesichts der jüngsten Nachrichtenlage um den Traditionshersteller nicht ganz unwichtig – ein Unternehmen als umweltbewussten Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit.

Interessant ist neben diesem Blick auf die Entwicklung vom auf die „bare necessities“ beschränkten Stollenschuh zum Hightech-Design wie aus einem SF-Film auch die Entstehungsgeschichte des umfangreichen Adidas-Archivs: Um seine Produkte weiter zu entwickeln und auf ihre spezifischen Bedürfnisse zuzuschneiden, bat Firmengründer Dassler „seien“  Athleten, ihre getragenen Schuhe nach Gebrauch zurückzugeben (eine bis heute gültige Tradition). Daraus entwickelte sich schließlich das extrem umfangreiche „adidas archive“, eines der weltweit größten historischen Archive seiner Art, das man nun auch via coffee table-Buch „begehen“ kann:
Ein Buch vor allem (aber nicht ausschließlich) für Sneaker-Fetischisten.



The adidas Archive. The Footwear Collection
Christian Habermeier, Sebastian Jäger
Hardcover, 31,8 x 29,6 cm, 644 Seiten
€ 100 | CHF 140
ISBN 978-3-8365-7195-1 (Deutsch, Englisch,
Französisch)
Erhältlich via taschen.com

Freitag, 10. April 2020

ROCKIGE CHARITY ZUM PARKINSON´S DAY 2020

© Marina Kunzfeld

Am Karsamstag den 11.04.2020 ist WORLD PARKINSON´S DAY – und auch heuer wird die 2019 gestartete, äußerst kreative Initiative von Gerald Ganglbauer „PARKINSONGS“ fortgesetzt: Dabei handelt es sich um ein musikalisches Projekt, in dessen Rahmen eine Charity-CD aufgenommen wurde. Das Ziel: Awareness für diese heimtückische Krankheit zu fördern und dabei auch zu zeigen: „Menschen mit Parkinson können Rockstars sein!“

Legt man dieses Album in den Player und weiß nichts über die bewegende Backstory dieses Projekts, so wird man als Zuhörer zunächst einmal mit einem sehr gut gelungenen, abwechslungsreichen Genre-Mix  aus den Boxen begrüßt. Tatsächlich steckt jedoch weit mehr dahinter als nur die Mission zeitgenössischen sowie klassischen Retro-Rock und Pop unter die Leute zu bringen. 

Initiiert wurde dieses Projekt vom österreichisch-australischen Autor und Verleger Gerald Ganglbauer, der selbst ein Betroffener der langsam fortschreitenden, degenerativen Erkrankung ist, bei der dopaminhaltige Zellen im Gehirn absterben, was letztlich zu Bewegungsstörungen Zittern, Steifheit, Langsamkeit sowie Gangproblemen führt. Inspiriert von legendären Charities wie Bob Geldofs "Live Aid" beschloss er, seine eigene groß angelegte Wohltätigkeitsaktion ins Leben zu rufen.
Das Endergebnis kann sich mehr als hören lassen und umfasst eine große Bandbreite von melodischem Songwriter-Pop bis hin zum druckvollen Rock. Am Projekt beteiligt sind neben Ganglbauer die Musiker Andy Hitchman, Badhoven, Billy Spakemon, Ray Andrews, Connie Weixler, Eros Bresolin, Gisi Steinert, Joerg Veselka, John Langford, Johnny Schwarzinger,  Julia Jockelson, Pete Wain, Spring and the Land, The Base, Tom Isaacs  sowie Uli Sajko.

Wenn ihr dieses Projekt unterstützen wollt, geht das nicht nur durch den Kauf einer CD (siehe hierzu etwa den Link unten zu Ganglbauers Bandcamp Site) sondern auch indem ihr euch einen der Songs am WORLD PARKINSON´S DAY  beim Radiosender eures Vertrauens wünscht: Je öfter die Songs aus diesem tollen Projekt on air gespielt werden, desto mehr Geld kommt herein, und das wiederum kommt einem förderungswürdigen Projekt zugute.

Weitere Infos: