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| Credit Bild: © Universal Audio |
Universal Audio
beantwortet diese Frage beim Anthem erstaunlich konsequent: nicht mit
einer möglichst langen Feature-Liste, sondern mit einer sehr bestimmten
Vorstellung davon, wie analog ein Software-Synthesizer eigentlich klingen kann.
„As Analogue As It Gets“ lautet das Versprechen – und tatsächlich geht es hier
weniger um die möglichst exakte Rekonstruktion eines einzelnen Klassikers als
um die Idee einer Sammlung alter, etwas mitgenommener Monosynths die alle extrem
warm, leicht dreckig und vor allem erstaunlich eigenständig klingen.
Vibe und Charakter
Moog meets Korg;
Optisch ist Anthem mit seine Kratzern schon ziemlich cool. Die Synthese selbst ist
zunächst beinahe demonstrativ klassisch: zwei Oszillatoren, ein Sub-Oszillator,
resonantes Low-Pass-Filter, zusätzlicher High-Pass, getrennte Filter- und
Amp-Envelopes und ein LFO.
Schon beim
ersten Anspielen merkt man, dass Anthem seine Persönlichkeit nicht über die
Anzahl seiner Module definiert. Im Verhältnis zu anderen neuen Softsynths ist
er viel simpler. Im Zentrum steht ein Filter, dessen Schaltungskonzept sich an
der Korg-35-Topologie orientiert und damit durchaus Assoziationen an die MS-
und 700er-Serie weckt. Attack und Decay-Kurven sind wiederum sehr moog-ig-Eine
Kopie ist Anthem deshalb aber noch lange nicht. Das Ergebnis: Anthem hat einen
eigenwilligen Growl und Vibe.
Paraphonie
statt Polyphonie
Die vielleicht
ungewöhnlichste Entscheidung des Instruments betrifft allerdings nicht die
Filterarchitektur, sondern die Anzahl der Stimmen: Anthem arbeitet mit vier
paraphonischen Stimmen. Das klingt zunächst nach einer Einschränkung. Und
natürlich ist es eine. Paraphonie bedeutet, dass mehrere Noten gleichzeitig
gespielt werden können, zentrale Elemente der Synthese aber gemeinsam genutzt
werden – insbesondere das Filter. Anthem ist damit weder ein klassischer
Monosynth noch ein vollwertiger polyphoner Synthesizer.
Warum also
diese Beschränkung?
Zum einen ist
das Filter schlicht ein ziemliches CPU-Monster. Mehrere Instanzen parallel
hätten den Rechenaufwand erheblich nach oben getrieben. Universal Audio hat
sich hier bewusst dafür entschieden, Rechenleistung dort einzusetzen, wo sie
klanglich tatsächlich etwas bringt.
Zum anderen ist die Beschränkung selbst Teil des Sounds. Denn stark sättigende Filter können bei mehreren parallelen Signalwegen durch Phasenbeziehungen paradoxerweise an Druck verlieren. Ein einziges kräftig arbeitendes Filter kann einen deutlich kompakteren, fetteren Klang erzeugen als mehrere voneinander getrennte Filter. Dazu kommt, dass Anthem grundsätzlich bereits eine gewisse Sättigung mitbringt. Acht oder mehr Oszillatoren durch diese Struktur zu schicken, würde den Drive schnell unberechenbar machen. Vier Stimmen sind deshalb nicht bloß die Konsequenz aus einem CPU-Budget. Sie sind Teil der Klangästhetik.
Vintage-Patina
Dass Universal Audio den Vintage-Gedanken nicht am Synthesizer selbst beendet, zeigt die Effektsektion. Universal Audio konzentriert sich auf durchwegs analogen Charakter, alles soll nicht steril, sondern körperlich klingen. Mit am Galaxy Tape Echo-orientierten Delay, Gitarren-Amp Spring-Reverb und durchaus drastisch agierenden Flanger und Phaser klingt der Anthem noch eigenwilliger. Auch beim integrierten Sequencer bleibt Universal Audio seiner Philosophie treu. Keine historische 1:1-Rekonstruktion, sondern ein Werkzeug, das vor allem schnell funktionieren soll. Besonders praktisch ist die Möglichkeit, unterschiedliche Längen für die einzelnen Sequencer-Lanes festzulegen. Dadurch entstehen automatisch verschiebende, polymetrische Figuren, ohne dass man dafür erst ein Handbuch über Sequenzierung lesen müsste.
Kein
Cinematic-Allrounder
Wer einen Synthesizer sucht, der gleichzeitig gigantische Cinematic Pads, komplexe Soundscapes, Wavetable-Texturen, experimentelle Modulationen und achtstimmige Polyphonie liefern soll, ist beim Anthem falsch. Die vier paraphonischen Stimmen und das gemeinsame Filter sind echte Einschränkungen. Gerade breite Pads und komplexe Akkordflächen können damit nicht die gleiche Freiheit entwickeln wie auf einem ausgewachsenen Poly-Synth.Anthem ist kein digitaler All-In On-Synth. Aber er will das auch gar nicht sein. Er ist wild, räudig und bei Retro-EDM wie DAF ebenso daheim wie bei einem modernen House-Track.
Fazit
Aus Moog-,
Korg- und durchaus auch Anklängen an die ARP- und Sequential-DNA entsteht hier ein
Frankenstein aus historischen Schaltungen, der gleichzeitig eine ganz eigene Stimme
besitzt. Und damit zählt Anthem für mich tatsächlich zu den interessanteren
neuen Synth-Releases.
Anthem ist als Einzel-Plugin erhältlich und außerdem Bestandteil von Universal Audios Spark-Subscription, bei der man dieses und zahlreiche andere Tools im Rahmen eines Flatrate-Abopreises nutzen kann.
