Montag, 29. November 2021

DAVE GAHAN & SOULSAVERS - IMPOSTER

Credit Bild: © Sean Matsuyama
Das Hymnische und der Blues - blickt man auf die bisherige Karriere von Dave Gahan, der Stimme von Depeche Mode und dem einzigen echten Frontman des Synth Pop/Rock-Genres, zurück, so sind es genau diese zwei Eckpfeiler, die seine größten Hits und eindrücklichsten musikalischen Momente prägen. Während andere Elektro-Bands mit der Tradition ihrer Vorgänger und der Pentatonik brachen, verwendeten Depeche Mode stets bewusst Einflüsse amerikanischer Roots-Musik in ihren düsteren Songs. Nicht von ungefähr zeigte sich etwa ZZ Tops Billy F Gibbons  begeistert von den britischen Synth-Pionieren und ebenso ist es kein Zufall, dass einer der größten Hits DMs auf einem klassischen Blues Riff basiert ("Personal Jesus").  
Das Hymnische und der Blues also: diese zwei Elemente - die in der musikalischen Tradition der Südstaaten einem Yin und Yang gleichen; Samstagnacht der Blues im verrauchten Roadhouse und Sonntagfrüh das Sakrale in der Kirche - ziehen sich wie rote Fäden durch das neue  Soloalbum Gahans. Es ist die dritte und bislang gelungenste Kollaboration mit den Soulsavers bestehend aus den Produzenten Ian Glover und Rich Machin. Überdies ist  "Imposter " das beste Depeche Mode-Album das gar kein Depeche Mode-Album ist. 

Denn interessanterweise kommt Gahan der Essenz der besten der dunkelgrauen Kompositionen seiner Stammband mit diesen eindringlichen Interpretation von Songs, die von anderen Interpreten geschrieben oder bekannt gemacht wurden, näher als mit den letzten Alben mit Martin Gore & Co. Der Elektro-Anteil wurde relativ stark zurückgefahren, Purismsus wie er im Genre von Neo Country- bis Neo-Blues durchaus eine Tugend ist, steht jedoch nicht aufs Gahans Agenda. Vielmehr handelt es sich hier um ein atmosphärisches  Roots-Album, das einerseits unverkennbar die Handschrift Gahans trägt und andererseits Erinnerungen an Nick Cave oder die "American Recordings" weckt. Auch Daniel Lanois würde sich wohl über eine kommende Zusammenarbeit freuen.  

Alle Songs - vom Soul-Evergreen "Dark End Of The Street" über Elmore James "I Held My Baby Last Night" (hier in einer genial krachigen Version) bis "Always On My Mind" (Elvis Presley sang die ultimative Aufnahme ein) -  haben eine besondere Bedeutung und repräsentieren schwere Zeiten in der bewegten Biographie des charismatischen Sängers.  
Gahan präsentiert sich hier im Kontrast zum selbstgeißelnden Titel "Imposter"  (also Hochstapler, durchaus ein Name mit universeller Resonanz, siehe Imposter-Syndrome) wieder einmal als absoluter Könner und vor allem vielseitiger als jemals zuvor. Auch Roots Music-Fans, die um Depeche Mode sonst eher einen Bogen machen, sollten in dieses düstere, aber nicht hoffnungslose Album unbedingt reinhören - denn wie sich der Beschwörer der Publikumsmassen bei den großen Depeche-Gigs hier als Blues- und Soul-Interpret in intimen, oft nah am Gospel angelegten Arrangements präsentiert, zählt zu den musikalischen Highlights des Jahres.

Credit Coverbild: © Columbia  Sony Music

BLACKMORE´S NIGHT – WINTER CAROLS Deluxe Edition

Credit Coverbild: © earMusic  Edel 
Alle Jahre wieder: Nachdem die Lebkuchen die Regale der Supermärkte überschwemmt haben, aber noch rechtzeitig bevor die heiße Phase der vermeintlich stillsten Phase des Jahrs beginnt, flattern auch wieder weihnachtliche Grüße von Castle Blackmore ins womöglich bereits festlich dekorierte Haus, jedenfalls aber in den Player des geneigten (und Renaissance-affinen) Zuhörers.

Vor ziemlich genau einem Jahr veröffentlichten Ex-Deep Purple-Saitenvirtuose Ritchie Blackmore und seine Gemahlin Candice Night  mit „Here We Come A-Caroling“ eine gelungene weihnachtliche EP, nun erscheint mit „Winter Carols“ gleich die nächste X-Mas-Platte der beiden. Dabei handelt es sich um eine Deluxe Neuauflage des gleichnamigen,  schon 2006 erstveröffentlichten Albums. Die 27 Songs umfassende Doppel-CD wurde im Spätsommer dieses Jahres remastered und enthält mit „Coventry Carol“, einer Interpretation des traditionellen englischen Weihnachtsliedes aus dem 16. Jahrhundert, einen neuen Song. Neuinterpretationen von Evergreens wie  „Here We Come A-Caroling“, „It Came Upon A Midnight Clear”, „O Little Town Of Bethlehem” oder „Silent Night” runden das Geschenk-Paket ab. 

Blackmore und Night zelebrieren hier wieder die traditionelle Winter- und Weihnachtsmusik und gehen zurück zu deren Wurzeln. Rock- und Folk-Elemente treffen auf authentische Mittelalter bzw. Renaissance-Klänge. Das ist handwerklich perfekt gemacht und lässt vor dem geistigen Auge des Zuhörers das Bild eines  nur durch Kerzenlicht erhellten Häuschens inmitten einer verschneiten Landschaft entstehen – ein passenderes Album-Cover hätte man somit wohl nicht finden können.

Fans der (sehr) besinnlichen Weihnacht, die es bewusst nicht modern oder experimentell wollen, werden mit diesem teils stimmungsvoll-schönen und teils eine Stufe vorm gefürchteten Kitsch stehenden Album wohl den idealen Soundtrack für die Festtage gefunden haben.

Dienstag, 23. November 2021

THE JAMES BOND ARCHIVES - No Time To Die Edition

Credit Coverbild : © Taschen Verlag
Seit ihrem ersten Auftritt in Ian Flemings Roman „Casino Royale“ von 1953 zeichnete sich die Figur des James Bond nicht nur durch ihr beispielloses Geschick als Geheimagent im Auftrag ihrer Majestät, als smoother Ladykiller und als maskulin-elegante Stilikone aus, sondern auch durch ihre ans Übermenschliche grenzende Widerstandsfähigkeit. Kaum etwas, dass dem „Mann der alles kann“ etwas anhaben konnte. Ob akuter Sauerstoffmangel unter Wasser, Voodoo-Tricks im Dschungel, eine giftige Spinne im Hotelzimmer, Laserstrahlen, ein Hüne mit Stahlgebiss oder die besonders grausame Folter durch einen Banker, der  blutige Tränen weint. Bond behielt über die Jahrzehnte stets die Oberhand – was auch abseits der fiktiven Film- und Buch-Welt zwischen London und Jamaika zutraf: Trends kamen und gingen, doch Bond kam nie aus der Mode. Die Filme der Eon Productions schafften es immer sich gegen geänderte Sehgewohnheiten zu behaupten und in homöopathischen Dosen auch Zeitgeist-Strömungen aufzugreifen.  

Erst die Arbeiten zum Jubiläums-Bond  (der 25. um genau zu sein,  das 1983er  Sean Connery-Comeback "Sag Niemals Nie"  zählt nicht zur offiziellen Reihe , da er nicht von Eon  produziert wurde) sowie die Corona Pandemie brachten  007 beinahe ins Straucheln: Von unvorhergesehenen Regie-Wechseln und Drehbuch-Rewrites hin zu mehreren pandemiebedingten Verschiebungen des Kinostarts. Ähnlich häufig wurde auch das Veröffentlichungsdatum des "James Bond Archives"  aus dem Hause Taschen geändert. Nun sind sowohl der  Film und Buch doch noch erschienen - während der letzte Film mit Daniel Craig in der Rolle des ikonischen Agenten trotz der  Regie Cary Joji Fukunugas ("True Detective")  nicht zu den besten Einträgen des Franchises zählt, ist das Buch  ein Volltreffer: ein Prachtband, der einer Festschrift auf den Kult gleicht. Bond-Fans wissen, dass dieser Archive-Band in unterschiedlichen Versionen schon länger im Programm des Kölner Verlags ist, bei der Neuauflage  handelt es sich um eine aktualisierte Version, die schon Material zum jüngsten Bond-Streifen enthält und auch das bisher attraktivste Cover aufweist - erinnert es doch ein wenig an die Unterwasserwelten der exotischsten Bond-Drehorte.

Sean Connery und der Aston Martin DB5 bei den Dreharbeiten zu "Goldfinger" (1964)
GOLDFINGER © 
1964 Danjaq, LLC and United Artists Corporation. All rights reserved.      
1962: Dreharbeiten zu "Dr. No" in Jamaika
DR. NO © 
1962 Danjaq, LLC and United Artists Corporation. All rights reserved.  

Bond Girls: Photoshoot mit Claudine Auger, Martine Beswick und Molly Peters, die Bilder wurden später als Vorlage für das Filmplakat verwendet 
THUNDERBALL© 
1965 Danjaq, LLC and United Artists Corporation. All rights reserved.  
Der Band ist eine Rückschau und filmhistorische Chronik einer der erfolgreichsten Film-Serien und ein durchwegs faszinierender und äußerst aufschlussreicher Blick hinter die Kulissen. Interviewexzerpte mit den Schauspielern und Regisseuren sowie der Reprint eines ausführlichen Vintage Playboy-Gesprächs mit Bond-Schöpfer Fleming unterstützen tiefgehende essayistische Abhandlung über das Phänomen Bond. Illustriert ist all das mit vielen raren Bildern, Entwürfen, Skizzen und Making of-Material - einiges davon "for your eyes only" in diesem Review zu sehen. 

Regisseur Lee Tamahori und Pierce Brosnan
DIE ANOTHER DAY © 
2002 Danjaq, LLC and United Artists Corporation. All rights reserved.  

Daniel Craig und Lea Seydoux
NO TIME TO DIE© 
2021 Danjaq, LLC and Metro-Goldwiyn-Mayer Studiso Inc.. All rights reserved.  

Daniel Craig bei einer der atmosphärischen Action-Sequenzen des jüngsten Bond-Streifens
NO TIME TO DIE © 
2021Danjaq, LLC and Metro Goldwyn-Mayer Studios Inc. All rights reserved.  
Als Leser macht man eine kleine Zeitreise - von den Anfängen bis zu den immer stärker technisierten, fast schon Christopher Nolan-artigen neuen Bonds - und sieht im Zeitraffer die Entwicklung der Bond-Figur, die auch immer Spiegelbild sozialer Normen war.

Wer nach dem Kinobesuch von „No Time To Die“ –  über weite Strecken ein 08/15 Bond-Film bis zu jenem Zeitpunkt, als er es nicht mehr ist -  ein Quantum Trost sucht, wird es beim Blättern durch diese ebenso nostalgische wie informativ Retrospektive auf ein beispielloses Phänomen fraglos finden.  Fürs Lesen und Betrachten braucht man zwar nicht „all the time in the world“, aber aufgrund des schieren Umfangs des 684 seitigen Buchs ist man doch auf einer etwas längeren Mission in Sachen 007-History.  Ein Band mit hohem Nachhaltigkeits-Faktor, denn spätestens beim nächsten Revisiting-Besuch eines älteren Bond-Film wird man ihn wieder zur Hand nehmen um Trivias & Facts nachzulesen.

The James Bond Archives. “No Time To Die” Edition, Paul Duncan, Hardcover, 41,1 x 30 cm, 6,65 kg, 648 Seiten, taschen.com

Donnerstag, 18. November 2021

SEVERIN TROGBACHER TRIO – PERSEVERANCE

Credit Bild: © Carina Antl 
Für jene, die sich wenig mit der österreichischen Musiklandschaft beschäftigen, mag Severin Trogbacher noch kein „Household-Name“ sein. Kenner der Austro-Szene wissen jedoch, dass der vielseitige Gitarrist seit Jahren sowohl erfolgreich eigene Projekte verfolgt als auch als Sideman für Künstler wie Konstantin Wecker, Nina Proll oder auch Conchita Wurst in die Saiten greift. Mir persönlich fiel Trogbacher erstmals vor einigen Jahren durch seine Showstopping-Performances bei den Gigs eines gewissen Hubert Achleitner aka Hubert von Goisern auf. Dessen Fähigkeit, mühelos zwischen den Genres zu wandeln, zeichnet auch Trogbacher aus. Ein Umstand, der auf dem neu erschienenen, wortspielerisch benannten „Perseverance“ überdeutlich wird.

Trotz eines kleinen Gastauftritts von Hubert von Goisern auf dem rüde rockenden, experimentellen Song „Masterplan“ geht es hier zu keinem Zeitpunkt ins Volkstümliche oder zum Alpin-Rock. (Jazz-) Rock und Fusion sind die bestimmenden Genres dieser Klangreise, auf die sich Trogbacher zusammen mit Jojo Lackner am Bass und Herbert Pirker an den Drums begibt. Ähnlich wie der 1983 in Linz  geborene Gitarrist zwischen Clean- und  Distortion-Sounds wechselt, changieren auch die neun Songs zwischen jazzigem „Stream Of Counciosuness“, teilweise mit fast schon Bebop-artigen Lines und moderner rock-affiner Melodik.

15 Jahre lagen zwischen dem ersten Wunsch Trogbachers ein Trio-Album aufzunehemen und dem Moment als dieses Herzensprojekt endlich realisiert werden konnte. Der Name des Albums spielt auch auf diese immens lange Zeitspanne an. Die  titelgebende Ausdauer oder Beharrlichkeit sollte man jedoch auch als Zuhörer mitbringen, denn Trogbacher und seine Mitmusiker präsentieren sich auf diesem Album als Meister komplexer Rhythmik und Improvisateure in ziemlich anspruchsvollen, in unterschiedlichen Genre-Gefilden mäandernden Instrumental-Songs mit Jam-Charakter.

Credit Bild: © Sessionworkrecords


AUSSTELLUNG ANDRÉ BUTZER – WORKS FROM THE TASCHEN COLLECTION 2000-2021

 

© Taschen Verlag
In den Werken des deutschen Malers André Butzer treffen alte und neue Welt sowie die unterschiedlichsten Kunst-Stile aufeinander - oder besser, sie kollidieren in kunterbunten Bildern, hinter deren teils grellen Farbexplosionen sich jedoch eine Auseinandersetzung mit existenzialistischen Fragen verbirgt.  
Europa auf der einen und Amerika auf der anderen Seite - Butzer zählt Friedrich Hölderlin, Edvard Munch, Walt Disney oder Henry Ford zu seinen Vorbildern, Expressionismus knallt bei ihm auf US-Popkultur. Abstraktes, die wiederkehrenden großen Comic-Augen und Bildkompositionen, die an Art Brut gemahnen:  Eklektizismus zieht sich als roter Faden durchs Werk des Stuttgarter Malers, der tunlichst versucht sich einer eindeutigen Schubladisierung oder  Kategorisierung zu entziehen.  Im Taschen Verlag erscheint nun eine Monographie dieses ungewöhnlichen Künstlers, zudem eröffnet-  Veranstaltungs-Tip ahead - Marlene Taschen, Geschäftsführerin des Kölner Verlags und Tochter von Verlagsgründer Benedikt Taschen, eine große Ausstellung mit Werken Butzers. 

WANN und WO ?

André Butzer – Works from the Taschen Collection 2000–2021

23. November 2021 bis 27. Januar 2022

Mit Voranmeldung (!) immer Dienstag bis Donnerstag 17 Uhr

im TASCHEN Flagship Store am Hohenzollernring 53,50672 Köln

Credit Coverbild: © Taschen Verlag

André Butzer, Hardcover, 28 x 33,7 cm, 3,23 kg, 428 Seiten,taschen.com

Credit Bild: © Taschen Verlag

Montag, 15. November 2021

SEEING STEVIE RAY

 

Credit Coverbild: © Tracy Anne Hart     Texas A & M University Press
Fährt man die musikalische Landkarte der USA ab, so offenbaren sich von Küste zu Küste zahlreiche Epizentren und ausgeprägte  „Hotbeds“ der unterschiedlichsten Genres. Gerade im Blues gibt es eine Vielzahl regionaler Spielarten, die ausgehend von derselben formalen Basis zahlreiche Eigenheiten entwickelten. Dem Lone Star State Texas kommt hier  eine ganz besondere Bedeutung zu, die sich bis in die Zeit vor der Großen Depression zurückverfolgen lässt. Entlang der Highways und den teils kargen Landschaften des zweitgrößten Bundestaates entstand eine fruchtbare Szene, die einige der größten Namen des Genres hervorgebracht hat. Und unter den vielen großen Söhnen des Lone Star States zählt Stevie Ray Vaughan fraglos zu den absoluten Ikonen. Nach Vaughan gelang es keinem kontemporären Bluesgitarristen mehr diesen absoluten Legendenstatus zu erreichen. Für das Blues Revival der Eighties war er ein wesentlicher Initiator, seine Roots-Alben waren Chart-Erfolge, selbst zu einem Mainstream-Publikum gelang ihm der Crossover (Stichworte: Aufnahmen mit David Bowie oder Zucchero), sein Gitarrensound – so groß wie sein Heimatland – ist bis heute eine Benchmark, sein hochoktaniger Spielstil inspirierte Legionen von Epigonen. Heuer jährte sich der Todestag SRVs, der 1990 bei einem tragischen Helikopterunfall in Alpine Valley ums  Leben kam zum 31. Mal. 

Bedenkt man den Stellenwert SRVs so verwundert es, dass der neue Bildband „Seeing Stevie Ray“  das erste Buch dieser Art über den Gitarristen ist. Erschienen ist der kompakte Bildband  nicht bei einem der großen Coffee Table-Publisher sondern  beim Uni-Verlag Texas A & M University Press. Interessantes Trivia und eine SRV-Connection am Rande: auf dem Campus der Texas A &M  fand  Ex-Präsident George Bush Senior seine letzte Ruhe gefunden und 1989 spielten bei  dessen Inauguration Concert SRV & seine Band Double Trouble.

Credit Bild: © Tracy Anne Hart     
Zurück zum  Buch: Die Bilder in „Seeing Stevie Ray“  stammen von Fotografin Tracy Anne Hart, die seit den  80ern Teil jener Szene ist, deren Renaissance sie mit ihren Leica Kameras für die Ewigkeit festhielt und die in diesem Buch neben SRV eine Hauptrolle spielt. Überhaupt fällt bei der Lektüre der Anekdoten und dem Betrachten der vielen großartigen Bilder eines auf:  Anders als es der Titel dieses Bands vermuten lässt, ist „Seeing Stevie Ray“ nicht ausschließlich eine liebevolle Ode an die verstorbene Legende sondern auch eine leidenschaftliche Liebeserklärung an jene „local scene“ , in der SRVs Weg zum Superstar begann. Dementsprechend blättert man sich durch ein texanisches Who Is Who von Billy Gibbons über Doyle Bramhall II und Charlie Sexton hin zu Gary Clark Jr. Auch angesichts des Umfangs von nur 166 Seiten hätte man sich zwar durchaus noch mehr Bilder von SRV gewünscht, doch die hier gezeigten überwiegend monochromen Aufnahmen sind schlichtweg ikonisch. Zudem gelingt es der Autorin/Fotografin einen Bogen über mehrere Jahrzehnte texanischer Musikgeschichte zu spannen und dabei den Aufstieg SRVs sowie seinen Einfluss, der bis heute überdeutlich zu spüren ist, zu illustrieren.

Erhältlich u.a.  via: TheHeightsGallery.com - Home

Freitag, 29. Oktober 2021

HALLOWEEN 2021 SCARY BOOKS: H.R. Giger Poltergeist II: Drawings 1983 -1985

Copyright: H.R. Giger, Edition Patrick Frey 2021
Die Spooky Season - oder auch "Schocktober" - ist zurück. Und was passt besser zu Halloween, als Horrorfilme im Heimkino, insbesondere wenn vor der Haustür nach wie vor ein Real Life-George A. Romero-Film stattfindet ? Also auf zu den dunklen Pfaden der eigenen DVD- und Blu ray-Collection für die Horror-Show am Flatscreen.
Den 1986 erschienenen Streifen "Poltergeist II" (Originaltitel: Poltergeist II: The Other Side) wird man sich allerdings wohl eher nicht in den Player schieben. Den das Sequel zu Tobe Hoopers  paranormalen Beitrag zum Terrorkino von 1982 ging den Weg vieler Fortsetzungen und konnte nicht mit seinem Vorgänger mithalten . Das "Empire Strikes Back"- Phänomen, bei dem der zweite Teil den Erstling übertrifft oder gar zum besten Teil einer Filmreihe wird, ist eben selten.  Bei "Poltergeist II" kamen überdies Widrigkeiten beim Entstehungsprozess und katastrophale Preview-Screenings hinzu, die wiederum zu einem "Recut" führten. Dem Box Office-Erfolg tat all dies zwar keinen Abbruch (der Film war sogar erfolgreicher als der ungleich bessere Vorgänger), doch in der Hall Of Fame des Horrorkinos - in der sich etwa Stanley Kubricks "The Shining" oder William Friedkins "The Exorcist" befinden - findet man diesen Mittachtziger-Grusler sicher nicht.
Doch immerhin: das Design der Geister stammte von niemand geringerem als dem Schweizer Meister des Unheimlichen Hans Rudolf Giger, der mit seinen wegweisenden und kultigen Entwürfen zu Ridley Scotts "Alien" zu einem der prominentesten Kreateure alptraumhafter Kreaturen Hollywoods aufgestiegen war. 

Ein neu in der Giger-Archiv-Reihe der Edition Patrick Frey erschienener Band vereint nun Arbeiten des 2014 verstorbenen Kunststars für diesen Film - ein Büchlein eigentlich wie gemacht für Halloween.
Nun könnte man das für einen typischen  Making Of-Band halten, mit Behind the Scenes-Material halten, doch - kleiner Disclaimer - um so etwas handelt es sich hier mitnichten. Vielmehr hat man es mit einem Replika btw. Faksimile eines Skizzenbuchs Gigers zu tun. Wenn man vom Einband einmal absieht, wirkt das beinahe so als hätte man ein Buch Gigers gefunden, in dem dieser Vorstudien für die schauderhaften Geistwesen anfertigte. Strich für Strich offenbaren sich dem Betrachter neue Entwicklungsstudien der übernatürlichen Monstren.  Das ist natürlich Giger pur, mit all den Signatures von halb-humanoiden Zwischenwesen bis hin zu den stark erotischen Obertönen.
Nur über das, was es letztlich in den fertigen Film schaffte oder wie die komplexen Entwürfe Gigers umgesetzt und mit den Oscar-nominierten Effekten zum Leben erweckt wurden, erfährt man nichts - es bleibt bei einer aufwendigen Replika eines Zeichenbuchs des Meisters. Bilder vom Set und vom Film und eine (film-historische) Einordung hätten diesen Band abgerundet, so richtet sich das Buch ausschließlich an die absoluten Hardcore-Giger-Sammler.

H. R. Giger 5: Poltergeist II: Drawings 1983–1985
Hardcover, 276 Seiten, 150 Abbildungen, 21 × 16.5 cm, Sprache: Englisch
Künstler: H. R. Giger, Designer: Claudio  Barandun
ISBN: 978-3-907236-20-8

Sonntag, 10. Oktober 2021

ROBBEN FORD-PURE

Credit Bild:  © MASCHA

Robben Ford, der sympathische Gitarrenvirtuose und Wandler zwischen den Genrewelten,  ist nun nicht gerade als Mann der Übertreibung bekannt. So geschmackvoll wie seine Spielweise, so sind auch seine öffentlichen Auftritte in einer Branche, in der ansonsten eher gepflegte Superlative regieren. Wenn der  Kalifornier also in der Promo zu seinem neuesten, im Lockdown entstandenen Studioalbum davon spricht, dass es sich hierbei vielleicht um die beste Repräsentation seiner musikalischen Vision handelt und weiters ausführt: "Bisherige Alben waren das Produkt der Entwicklung bis zu diesem Punkt. Es war sehr schön, meine eigenen Kompositionen so gründlich zu formen und etwas zu erschaffen, was komplett mir gehört.”   -  dann kann man ebenfalls ganz ohne Übertreibung hellhörig werden.

Die abgewetzte Telecaster am monochromen Albumcover und dann auch noch dieser geradezu programmatisch anmutende Titel "Pure" -  hier scheint es um die Essenz der Musik Fords zu gehen. Dabei hat dieses Werk so gar nichts von einem feierlichen Resümee der bisherigen illustren Karriere Fords zu tun und ist auch keine völlig neue Direction für den Ausnahmemusiker. Vielmehr erinnert diese Platte an eine lockere Jam-Session oder die Improvisationen bei den Gigs des US-Stars.

"“Pure" ist anders als alle Alben, die ich bisher gemacht habe. Wenn es um Studioarbeit geht, war ich schon immer traditionell: bringt eine gute Band in einem guten Raum mit einem guten Produzenten zusammen, lass sie für drei bis fünf Tage aufnehmen, erledige die nötige Nachbearbeitung und dann Mixen und Mastern. “Pure” habe ich auch so angefangen. Aber irgendwie hat sich der Einfluss von anderen Musikern und Musikerinnen, den es immer gibt, etwas falsch angefühlt. Ich habe erkannt, dass ich diese neue Musik selbst von Grund auf neu formen muss. Mein Toningenieur und Co-Produzent Casey Wasner war unverzichtbar in diesem Prozess. Die meiste Musik auf diesem Album wurde von uns beiden in seinem Studio Purple House gemacht: das richtige Gefühl für die Musik bekommen, dann Bass und Schlagzeug einspielen." erzählt Ford über  den Entstehungsprozess dessen, was ein  reines Instrumentalalbum geworden ist.
Traditionellem Songwriting entsagte Ford schon auf dem Vorgänger "Purple House" bis zu einem gewissen Grad. Hier geht er noch einen Schritt weiter. Songökonomie steht eher weniger im Vordergrund sondern die Frage in welche Richtung sich Ford von seiner Inspiration treiben lässt. Seit der letzten Hochphase des Instrumentals in den 80ern - "Surfing With The Alien"  anyone ?- sind diese vocal-losen Projekte eher ein Graus für Plattenfirmen, nun denn, hier geht es um die reine - um nicht zu sagen pure - Kunst, das ganze ist also anti-kommerziell im besten Sinne.
Der Zuhörer folgt der Reise von Fords Gitarre. Für geduldige Fans ist das durchaus interessant. Zumal der ausgewiesene Tone Connaisseur  (Vintage Gitarren von Gibson, Epiphone und Fender, Dumble Amps...) allen Liebhabern exquisiter Sounds auch hier wieder eine Vollbedienung liefert. Neues "Talk To Your Daughter" - oder um bei Instrumentals zu bleiben, neuer "Cannonball Shuffle"  - findet man hier zwar nicht, spannend aber ist diese Klang-Reise für Freunde  musikalisch erstklassigen Understatements in jedem Fall.
Credit Coverbild:  © EarMusic  Edel

 

MANDOKI SOULMATES – UTOPIA FOR REALISTS: THE VISUAL ALBUM

                         Mike Stern, Leslie Mandoki, Al Di Meola   Credit Bild © InsideOut  SONY

Nach einem ausufernden Konzeptalbum, triumphalen Konzerten (u.a. Im legendären Beacon Theatre) und unermüdlicher Schaffenskraft selbst im bedrückenden Lockdown stellten sich im Hinblick auf die Projekte Leslie Mandokis unweigerlich zwei nicht unwesentliche Frage: Was sollte da noch kommen? Wie noch einen drauf setzen ? Die Antworten darauf sind dieser Tage in Form von „Utopia For Realists“ erschienen. Utopien, die braucht man schließlich immer.

Fans des umtriebigen Musikers kennen den Kern dieser musikalischen Zukunfstvision bereits: Denn was man auf dem neuesten Opus des Mandoki vernimmt, ist eine aufwendige Live-Interpretation seiner auf ebenso klassischen wie populärmusikalischen Motiven basierenden Prog Rock- und Fusion Suite „Hungarian Pictures“ -  und zwar als „Visual Album“ um genau zu sein. Die Verbindung der visuellen mit der auditiven Komponente ist freilich nicht ganz neu, Deluxe Boxsets gibt es ebenfalls schon etwas länger. Auch bei „Utopia For Realists“ handelt es sich auf den ersten Blick um ein herkömmliches, attraktiv gestaltetes Mediabook, das ein dickes Foto-Booklet und 2 Discs beinhaltet. Im Zentrum steht eine Blu ray mit dem Mitschnitt eines historischen Gigs anlässlich des 30. Jahrestags des Mauerfalls in Berlin. Dieses Konzert wird jedoch um einige Visual Components, die über die Bühnen-Action hinausgehen, erweitert. Die einzelnen musikalischen Episoden wurden filmisch aufwendig eingefangen. Live-, Studio- und künstlerische Landschaftsaufnahmen mit animierten Gemälden verschmelzen zu einer Einheit. „Pictures At An Exhibition“ quasi….

Beeindruckend auch nach wie vor nicht nur die Verbindung unterschiedlicher Genres und diese Verquickung von Rock mit Bela Bartók sondern auch die schiere Star Power des Projekts. Zu den prominenten Mitmusikern Mandokis zählen Ian Anderson (Jethro Tull), John Helliwell (Supertramp), Chris Thompson (Manfred Mann’s EB), Bobby Kimball (Toto), Nick van Eede (Cutting Crew), Al Di Meola, Jesse Siebenberg (Supertramp), Cory Henry, Mike Stern, Randy Brecker, Bill Evans, Tony Carey, Richard Bona, Julia Mandoki, Till Brönner, David Clayton Thomas (Blood Sweat & Tears), Steve Bailey. Die verstorbene Legende Jack Bruce wurde mit einigen Bass- und Gesangsspuren aus Archivaufnahmen wieder in die Mitte der Soulmates geholt. Als obligatorischen Bonus gibt es Behind The Scenes-Einblicke hinter die Kulissen der Produktion sowie eine CD in Vinyloptik mit den originalen Studioaufnahmen der Prog Rock-Suite.

Durch die kunstvolle Vermischung von Klang und Bild geht von dieser Suite ein ganz eigener Reiz aus, Art Rock ist das naheliegende Schlagwort. Das komplexe und zuvor schon interessante Konzeptalbum erhält eine weitere Dimension, die „Hungarian Pictures“, die offenbar als Langzeitprojekt angelegt sind, hört und sieht man hier in ihrer vorläufig ultimativen Fassung.

Der Mandokis Werk zugrunde liegende und u.a. auf die historischen Kompositionen Bartóks zurückgehende, völkerverbindende Ansatz hat etwas von der titelgebenden Utopie, aber wie schon gesagt: Utopien kann man immer brauchen, gerade in Zeiten wie diesen.

Credit Bild: © InsideOut  SONY

Sonntag, 3. Oktober 2021

MOTORLEGENDEN: JAMES DEAN

 Credit Coverbild: © Motorbuch Verlag

Heuer wäre James Byron Dean 90 geworden. Mit nur drei Filmen - zwei davon nach seinem Unfalltod mit 24 Jahren veröffentlicht - wurde er zu einer der Ikonen Tinseltowns und zum ersten früh verstorbenen Idol der Nachkriegsjugend. 

Dean verkörperte in den Pre-Rock N´ Roll Fünfzigern eine vollkommen neue, bis dahin unbekannte Art von Schauspieler. In der emotional fragilen Darstellung gebeutelter Charaktere gab er einer ganzen Generation, deren Bedürfnisse bis dato eine untergeordnete Rolle auf der großen Leinwand gespielt hatten, eine Stimme. Sein Look und sein Style, die ihm eigene ungezwungene Lässigkeit, mit einem Bein den oberen Sphären der Traumfabrik an der Westcoast und mit dem anderen Bein in der hippen Beat- und Jazzszene, taten ihr übriges um ihn zum gefeierten Star zu machen.

Zum großen 90th Anniversary ist in der „Motorlegenden“-Reihe des Motorbuch-Verlags ein neuer Band über diesen Film-Giganten erschienen. Autor Siegfried Tesche begibt sich darin auf auf eine ebenso faszinierende wie detaillierte Spurensuche im kurzen Leben Deans und zeichnet dabei ein sehr plastisches Portrait - von der filmhistorischen sowie zeitgeschichtlichen Einordnung des Phänomens „James Dean“  über weniger bekannte Trivias hin zu zahllosen  Aufnahmen des Mimen (bspw. beim Tanz/Ballett-Training an der Schauspielschule, im Blitzlicht mit Pier Angeli, am Set jener drei Filme, die ihm den Platz im Pantheon Hollywoods sicherten…). So handelt es sich hierbei, trotz der Special Interest-Ausrichtung des Publishers, keineswegs um ein reines Auto-Buch sondern um eine äußerst umfangreiche, bibliophile Würdigung des Superstars, bei dem Elemente einer Biographie und eines Bildbands verbunden werden. Der bekannten und durchaus gut dokumentierten Leidenschaft Deans für hochoktanige Gefährte kommt natürlich dennoch eine Hauptrolle zu. Auf tragische Weise ist diese untrennbar mit dessen Ableben verknüpft -der junge Mann, der erst am Beginn seiner Karriere stand, verunglückte mit nur 24 Jahren in seinem „Lil´ Bastard“ getauften Porsche Spyder.

Beim Lesen des kompakten Büchleins entsteht vor allem der Eindruck einer überaus profunden Rechercheleistung, die aufgrund ihres Umfangs nach der Erst-Lektüre auch als Nachschlagewerk fungieren kann. Denn der Detailgrad mit denen hier die unterschiedlichen Aspekte des fest in der  Popkultur verankerten Dean-Kults behandelt werden, ist durchaus beeindruckend und machen diesen Band zu einem der besten Filmbücher der letzten Zeit.

Siegfried Tesche: Motorlegenden James Dean, 240 Seiten, Motorbuch Verlag/Paul Pietsch Verlage

Samstag, 2. Oktober 2021

FRANK SINATRA HAS A COLD: NEW JOURNALISM AND OL´ BLUE EYES

1962: Sinatra im Studio mit Count Basie
Credit Bild: © Phil Stern Estate, Courtesy of the Fahey/Klein Gallery, Los Angeles

Sinatra mit Schnupfen ist wie Picasso ohne Farbe, Ferrari ohne Sprit – nur schlimmer. Weil ihn eine Erkältung seines unbezahlbaren Juwels, seiner Stimme, beraubt; sie bohrt sich nicht nur tief in sein Selbstbewusstsein und verändert seine Psyche, sondern ruft obendrein noch eine Art psychosomatischen Schnupfen bei Dutzenden von Menschen hervor, die für ihn arbeiten, mit ihm trinken, ihn verehren, auf Gedeih und Verderb von ihm abhängig sind.“ Messerscharfe Beobachtungen wie diese, die  - insbesondere „back in the Mid Sixties“ – nicht gerade üblich für ein Prominenten-Feature waren, machten Gay Taleses Portrait über einen Superstar, zu dem er trotz eines high profile-Auftrags des Esquire Magazins einfach nicht vordringen konnte, legendär. 

Dabei fing alles recht konventionell an: Im Winter des Jahres 1965 bekam Talese vom renommierten Blatt den Auftrag einen Artikel über den ikonischen Swing Sänger zu schreiben. Frank Sinatra war damals 50 und trotz eine sich zunehmend ändernden Musik-Zeitgeists noch immer „on top of the world“, auch in kreativ-künstlerischer Hinsicht. Der Esquire-Artikel hatte also potentiell alles was ein spannender Beitrag über einen großen Stilisten und Interpreten brauchte.Nur ein nicht ganz unwesentliches Detail trübte das Bild: Sinatra war unpässlich - „had a cold“.„Sinatra mit Schnupfen ist wie Picasso ohne Farbe, Ferrari ohne Sprit – nur schlimmer. Weil ihn eine Erkältung seines unbezahlbaren Juwels, seiner Stimme, beraubt; sie bohrt sich nicht nur tief in sein Selbstbewusstsein und verändert seine Psyche, sondern ruft obendrein noch eine Art psychosomatischen Schnupfen bei Dutzenden von Menschen hervor, die für ihn arbeiten, mit ihm trinken, ihn verehren, auf Gedeih und Verderb von ihm abhängig sind.“ Messerscharfe Beobachtungen wie diese, die  - insbesondere „back in the Mid Sixties“ – nicht gerade üblich für ein Prominenten-Feature waren, machten Gay Taleses Portrait über einen Superstar, zu dem er trotz eines high profile-Auftrags des Esquire Magazins einfach nicht vordringen konnte, legendär. 

The Voice“, der nicht nur der Big Apple zu Füßen lag, fühlte sich nicht gut und wollte überdies auch nicht mit dem Journalisten sprechen. Was also tun, wenn das Subjekt des Artikels gar keinem „one on one“-Interview mit dir zustimmt ? Normalerweise der absolute Supergau für jeden Berichterstatter, in diesem Fall aber ein Katalysator für kreative Höchstleistungen - an deren Ende eines der absoluten Schlüsselwerke einer völligen neuen Gattung Journalismus stand. Denn Talese verzagte nicht sondern beschrieb und interviewte kurzerhand das Umfeld Sinatras. Auch ohne dessen direkte Mitwirkung zeichneten Kollegen, Produzenten, Studiobosse, Angehörige ein überaus plastisches Bild des des Mannes aus Hoboken. 

Der fertige Artikel hatte es in sich, denn was 1966 auf den Seiten des Esquire erschien - ohne dass es je zu besagtem Interview mit Sinatra gekommen wäre -  wurde zu einem der definierenden  Momente  des New Journalism, bei dem die vormals harte Grenze zwischen Literatur und Journalismus verwischt wurde und in stark subjektiver und künstlerischer Art und Weise die Muster der nüchterne  Berichterstattung alter Schule aufgebrochen wurden. 

Im Taschen Verlag ist nun eine neue Edition dieses Stücks Journalismus- und Musikgeschichte erschienen, die den Esquire-Artikel Taleses mit Faksimiledrucken von Manuskriptseiten, Briefwechseln und Original-Storyboards sowie einer Vielzahl von Fotos (behind the lens: Phil Stern, John Bryson, John Dominis und Terry O’Neill !) in einem großformatigen Buch vereint. Die expressiven Bilder und der brillante Text ergänzen sich perfekt und machen „Frank Sinatra Has A Cold“ zu einem faszinierenden Coffe table-Bildband über einen großen Musiker und einen Pionier im Bereich des kreativen Journalismus. Noch heute, Jahrzehnte später, wirkt dieser Artikel alles andere als verstaubt, der Leser wird förmlich in die Geschichte hineingezogen – auch weil diese bahnbrechende Arbeit nicht nur ein unkonventionelles Portrait Sinatras ist,  sondern letztlich eine Abhandlung über jene schwer zugänglichen Sphären, in denen Menschen einer gewissen Prominenzstufe weilen. 

Credit Coverbild: © Taschen Verlag

Gay Talese. Phil Stern. Frank Sinatra Has a Cold 
Hardcover mit einem Fold-out, 23,6 x 33,3 cm, 1,88 kg, 250 Seiten
ISBN 978-3-8365-8829-4, Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, taschen.com

Sonntag, 29. August 2021

DEPECHE MODE BY ANTON CORBIJN: Band-Chronik und Signierstunde

© Taschen Verlag
D
ass Bands mit bekannten Fotografen und Künstlern zusammenarbeiten, ist durchaus nichts Ungewöhnliches. Spätestens seit den Swinging Sixties ist der Crossover unterschiedlicher Kunstgattungen in Form der Kollaboration von Musikern mit großen Namen der Art-Welt gang und gäbe. Man denke beispielsweise an die Zusammenarbeit der Rolling Stones mit Andy Warhol oder David Bailey. Dass aber ein Fotograf gleich jahrzehntelang regelmäßig eine ganz spezielle Gruppe inszeniert und dann auch noch einen wesentlichen Anteil an deren Ästhetik und Image hat, ist eher selten - bei der langanhaltenden Kollaboration der britischen Elektro-Ikonen Depeche Mode und dem Niederländer Anton Corbijn ist jedoch genau dies der Fall. 

Sänger Dave Gahan meint dazu etwa, dass Corbijn Depeche Mode in ihrer Frühzeit eine visuelle Identität gegeben hat. Ein Umstand, der beim Betrachten von Corbijns neuem, monothematischen Bildband  überdeutlich wird: Einerseits spiegelten die Bilder des Fotografen die zunehmend ernster und düsterer werdende Musik wider, andererseits  sind die Videos und Fotosessions DMs ohne diese reduzierte und eigenwillige Bildsprache beinahe undenkbar. Das neue Coffee Table-Buch „Depeche Mode By Anton Corbijn“ (kurz „DM AC“ ) ist nun die Chronik  dieser kreativen Langzeit-Beziehung.

Passend zum aus dem Song „Enjoy The Silence" bekannten Bonmont  "words are meaningless and forgettable“ sprechen dabei die eindringlichen Bilder für sich selbst, Begleittext ist hier nur spärlich vorhanden. Dennoch lässt sich die Entwicklung der Band von den Elektro-Boys hin zu den einzigen echten Rockstars der Electronic Szene nachvollziehen - es ist die Geschichte einer künstlerischen Adoleszenz, eingefangen von der aufmerksamen jedoch nie aufdringlichen oder effektheischenden Kamera Corbijns - quasi  von "Just Can´t Get Enough" hin zu "Personal Jesus". 

Event-Hinweis: Nächstee Woche – am Donnerstag, den 7. Oktober – wird Corbijn persönlich im Kölner Flagshipstore des Taschen Verlags anwesend sein und von 18 bis 19 Uhr diese kunstvolle Band-Chronik signieren (Neumarkt 3, 50667, Köln).

©  2020 Anton Corbijn Taschen Verlag  

Depeche Mode by Anton Corbijn, von Anton Corbijn und Reuel Golden, Hardcover, 24,3 x 34 cm, 3,69 kg, 512 Seiten,€ 100, taschen.com

Credit Bild: © Taschen Verlag

Dienstag, 24. August 2021

JOHN MAYER – SOB ROCK

Credit Coverbild: © Sony Music Carlos Serrao
Ein Intro wie eine Demoaufnahme zu Totos „Africa“, ein Musikvideo mit überdeutlichen visuellen Zitaten aus Eric Claptons atmosphärischem Clip zu „Forever Man“, ein Gitarrenton der stark an die „Journeyman“-Ära ebenjenes Mannes aus Surrey erinnert. Dazu ein Song, der durchaus Anklänge an den Songwriter Jerry Lynn Williams („Pretending“, „No Alibis“) aufweist und dann auch noch Percussionist Lenny Castro (Toto) und Keyboarder Greg Phillinganes (Stevie Wonder, EC, Michael Jackson…) als Gaststars. Bei diesen Merkmalen der überaus catchy Lead Off-Single „Last Train Home“ aus John Mayers neuestem Album hätte es das ganz in Michael Mann/Miami Vice-Farben gehaltene Plattencover gar nicht gebraucht um zu verdeutlichen: The 80s are back.

Es ist jene Dekade, die seit mehr als einer Dekade ein permanentes Revival feiert (Synthwave , Neo Hair Metal, die jüngsten Arbeiten von The Weeknd….). Die Achtziger, die Mayer auf seinem mittlerweile achten Studioalbum aufleben lässt, sind die der großen Studio-Zeit. Es war die Epoche der großen Session-Gitarristen, die sich im sonnen- und neonverbrannten L.A. bei auf Hochglanz polierten Großproduktionen die Klinke in die drückten. Die Rockstars der 60er und 70er Jahre experimentierten mit neuen Sounds- und kühlschrankgroßen Racksystemen und viele von ihnen reüssierten im Bereich der Billboard Pop-Charts. Für Mayer selbst hat das etwas von einem nostalgischen Experiment, ist dies für ihn doch ein Trip in eine Zeit vor seinem eigenen Durchbruch, zurück in seine Jugend in den Achtzigern. Das ironisch betitelte „Sob Rock“ (zu deutsch etwa soviel wie Schluchz Rock) steht dann auch gänzlich im Zeichen der musikalischen Reminiszenzen - hier ein Groove wie aus der kommerziellsten Phase Fleetwood Macs, dazu ein super cleanes Fingerpicking-Solo wie von Mark Knopfler, dort schimmert etwas von Boz Scaggs durch, da hört man etwas von Steve Winwoods Charterfolgen heraus. Diese Mosaiksteine – kurze References und kleine Zitate, die dem musikhistorisch kundigen Hörer sofort auffallen - ergeben dann letztlich wieder Songs, die typisch für Mayer und seine besonders balladeske Seite sind.

Der Name „Sob Rock“ ist derweil Programm, denn schmissigere oder gar härter rockende Nummern findet man hierauf überhaupt keine. Ein Umstand, der dem Mainstream-Appeal dieses Albums zwar nicht schmälern wird, beim Zuhörer allerdings auch den Ersteindruck einer eher unspektakulären LP hinterlässt – die zudem allzu glatt rüberkommt. Hier wurden wirklich jegliche Ecken und Kanten zugunsten eines Maximums an Melodiösität vorsätzlich abgefeilt. Das ist zwar eine Kunst für sich und für manche wird diese Form von einschmeichelndem Schönklang genau der richtige musikalische Kontrast zur düsteren Gegenwart sein (Stichwort: Sehnsuchtsort Kalifornien der Vergangenheit). Doch all die großen „Million Dollar“-Guitar Sounds aus PRS-Gitarren, Dumble Amps & Co. und die aufwendig arrangierten Songs ändern nichts daran, dass "Sob Rock" über weite Strecken allzu gefällig wirkt. Auch seine unbestrittenen Fähigkeiten an der Sechsaitigen setzt Mayer stets nur sehr sparsam und zurückhaltend ein. Vielen Zuhörern wird er hier allzu sehr auf der Bremse stehen. Die Güte der Songs und die kompositorische Cleverness blitzen so mitunter eher subtil beim öfteren Durchhören auf.

Wer die Vintage Glanztaten der Eighties kennt, für den ist dieses Album letztlich mehr MOR statt AOR – woran auch Star-Produzent Don Was nichts ändern konnte. Denn bei all den gekonnt platzierten 80s-Bezügen fehlen letztlich gerade die Hauptingredienzen der zeitgeistigen Smash-Hits der „Me Decade“: zwingende Killer-Hooks, unvergessliche Refrains und dann weitgehend auch die Klimax-artigen Soli. Oder anders formuliert: Die „schluchzenden Songs“ auf Mayers Soft Rock-Platte sind in etwa so wie ein ins Mischpult gespielter DI-Gitarrensound: sehr clean, sehr eigenwillig und auch durchaus cool für eine oder zwei Nummern, aber letztlich auch etwas steril und dynamik-bzw. abwechslungsarm - zumindest wenn dieser Klang ein ganzes Album dominiert. Am Appeal der merkbar hohen Production Value und den üppigen zeit-konformen Arrangements ändert dies jedoch nichts.

(HAUT-)BILDER FÜR DIE EWIGKEIT: HENK SCHIFFMACHER´S PRIVATE COLLECTION + SIGNIERSTUNDE in KÖLN

© Taschen Verlag

Waren Tätowierungen früher ein Ausdruck maximaler Individualität und Zeichen dafür, dass ihr Träger entweder seinen indigenen Traditionen folgte, Member einer gewissen Subkultur war oder aber seinen Lebensunterhalt in der Halbwelt verdiente, so sind Tattoos mittlerweile nicht mehr aus der "Mitte der Gesellschaft" und damit dem Mainstream wegzudenken. Ihre Geschichte und teilweise auch ihre Bedeutung treten jedoch heute angesichts von Social Media-Trends, normierten Lifestyles oder auch den oft wenig individuellen Sportler-Tattoos etwas in den Hintergrund. 

Der komplette Gegenentwurf dazu stellt Henk Schiffmacher dar, einer der prominentesten Chronisten der Historie hinter den Körperkunstwerken , der nun ein Standardwerk zum Thema Tattoos veröffentlicht hat. Der Niederländer , den man in der  Szene auch als  Hanky Panky kennt, ist selbst gefragter (und  kultiger) Tätowierer und zudem Autor sowie Leiter des Amsterdamer Tattoo Museums. Sein nun neu erschienener Bildband „TATTOO. 1730s-1970s. Henk Schiffmacher’s Private Collection“ ist so etwas wie die bibliophile Version seines Archivs und eine Reise durch ganze 200 Jahre Tattoo-Geschichte.  

Ähnlich wie Tattoos, die bekanntlich in die zweite Hautschicht gestochen werden, ist auch dieses großformatige Werk alles andere als oberflächlich. Dieses Buch ist so knallhart – vollgepackt mit fantastischem Shit aus der Geschichte, des Tätowierens, den ich über 40 Jahre gesammelt habe. Vieles davon hat man nie zuvor gesehen. Das war eine echte Herzensangelegenheit!“ meint Schiffmacher über seinen Prachtband. Dem vintage-affinen Leser offenbart sich hier eine Fülle an Originalzeichnungen (die sog. Flashs ), Designs, Fotos sowie Artefakte aus aller Welt, Lithographien, Radierungen, Tätowier-Instrumente, Gemälde, Fotos, Poster, Ladenschilder und Designs.

 Ink Aficionados (und natürlich alle anderen Interessierten), die sich ein persönliches Exemplar dieses faszinierenden Buchs vom Meister veredeln lassen wollen, sollten sich den Dienstag, 31. August  in den Kalender eintragen. Denn da kommt Schiffmacher persönlich nach Köln und wird sein Buch im Taschen Store(Neumarkt 3, 50667 Köln)  von 18 bis 19 Uhr signieren.

TASCHEN: TATTOO. 1730s-1970s. Henk Schiffmacher’s Private Collection von Henk Schiffmacher, Noel Daniel, Hardcover, 29 x 38,8 cm, 6,13 kg, 440 Seiten, 125  taschen.com

Der Taschen Store in Köln
© Taschen Verlag


Freitag, 9. Juli 2021

ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD – A NOVEL BY QUENTIN TARANTINO

Credit Coverbild: © Reproduced by permission of Harper Perennial/an imprint of Harper Collins 
Den Filmen von Quentin Tarantino haftete schon immer etwas sehr Literarisches an - die langen, geschliffenen und sehr zitierfähigen Dialoge, der häufige Einsatz einer Chapter-Struktur und diese ganz spezielle Art Drehbücher zu schreiben, die sich so flüssig lesen als hätte man ein belletristisches Werk in Händen. Auch sein jüngstes Opus „Once Upon A Time in Hollywood“ (2019) erblickte ursprünglich als zunächst privater Roman-Entwurf das Licht der Welt, bevor es den Weg auf die Leinwand fand. Mit der Buchadaption ebenjenes Stoffs gibt der legendäre (Film-)Auteur Tarantino nun sein Debüt als Autor.

Um ganz exakt zu sein handelt es sich hierbei um eine sogenannte „Movie Novelization“. Das ist deshalb wichtig, weil Tarantino hier nicht nur seinen eigenen Film in einem neuen Medium präsentiert, sondern dies auch seine persönliche Hommage an ein marginalisiertes Genre ist. Romanfassungen bekannter Filme erfreuten sich gerade in den 50s, 60s und 70s in Form billig produzierter Paperbacks, die man meist nahe der Kasse von Supermärkten fand, großer Beliebtheit. Die große und anspruchsvolle Literatur waren sie eher weniger, wenngleich sich unter ihnen durchaus so manches Kleinod entdecken lässt. Ein Teil ihres Reizes lag auch darin, dass diese Adaptionen immer wieder von der eigentlichen Filmhandlung abwichen, da sie mitunter auf den „First Drafts“ der Scripts basierten. In Tarantino hat dieses Genre einen seiner prominentesten Fans, der seinen Erstlingsroman entgegen der klassischen Veröffentlichungspolitik als Paperback-First Edition herausbringt. Die unbedingt zu empfehlende US-Version des Buchs atmet ganz den Geist vergangener Tage und ist bis ins letzte Detail wie ein Vintage Mass Market-Büchlein gestaltet. Ähnlich wie beim an eine '69er Radio-Show angelehnten Soundtrack zum Film  hat das etwas von einem Gesamtkunstwerk, bei dem Form und Inhalt in einer Symbiose eine spezielle Lese-Experience ergeben - inklusive Retro-Coverdesign sowie den obligatorischen Advertisements am Ende des Buchs (darunter eine äußerst originelle Fake-Werbung für einen Roman, der sowohl im Movie als auch in der Novelization vorkommt).

Wer den Film gesehen hat, wird zahlreiche Passagen und den Grund-Plot wiedererkennen. Wir schreiben das Jahr 1969. Es ist eine Zeit der Wende, nicht nur gesellschaftlich sondern auch in der Filmindustrie. Das alte Studiosystem liegt endgültig in seinen letzten Zügen, die Schauspieler der Eisenhower-Ära sind zunehmend weniger gefragt - denn die Vertreter der Counterculture und jene, die sich an den Zeitgeist anpassen können, laufen Ihnen zunehmend den Rang ab. Zu jener Gruppe, die eher Gefahr läuft vollends an den Rand gedrängt zu werden zählt Old School-Schauspieler Rick Dalton (im Film gespielt von Leonardo DiCaprio). Er und sein Stunt Double Cliff  Booth (Brad Pitt in seiner Oscar-Rolle) schlagen sich im unbarmherzigen Film-Biz durch während sich rund um sie die Industrie komplett  verändert. Die Stars des Moments sind etwa Ricks neue Nachbarn, der Regisseur Roman Polanski und seine bezaubernde Frau Sharon Tate (Margot Robbie). Für Dalton bleiben vorerst nur die Optionen sich mit Rollen des "Bösewichts der Woche" in TV-Serien zu begnügen oder aber nach Italien zu gehen, um dort Spaghetti Western zu drehen. Unterdessen ziehen dunkle Wolken über der Stadt der Engel auf, denn die aus der Perversion der Hippie-Ideale entstandene Family Charles Mansons treibt ihr Unwesen.

Ausgehend von der episodenhaften Grundstruktur seines neunten Films nimmt Tarantino in seinem Roman - ähnlich wie seine Figur  Cliff Booth in seinem Karmann Ghia - zahlreiche Abzweigungen und Tangenten oder wechselt gleich zur Gänze die Spur. Obwohl die Art wie er Szenen beschreibt durchaus an ein Drehbuch erinnert und vereinzelte Passagen nahezu 1:1 aus dem Film stammen, hat man es hier keinesfalls mit einer Nacherzählung des Films oder einer Konvertierung des Scripts mit Weglassen der obligatorischen „Ext.“ und „Int.“-Direktiven zu tun. Vielmehr erweitert und ergänzt der Regisseur seine Story, variiert Szenen und Abläufe und gibt einigen Figuren mehr "Screentime" auf Papier. Für all jene, die komplett unvoreingenommen an die Lektüre herangehen möchten, gibt es jetzt eine kleine Spoiler-Warnung. Es werden im Folgenden selbstverständlich keine kompletten Handlungsdetails verraten, aber wer sich überraschen lassen will, kann den folgenden Absatz skippen.

Gerade was die Hintergrundgeschichte seiner schon im Film sehr plastischen Protagonisten und Antagonisten anbelangt geht Tarantino in seinem Roman noch zusätzlich in die Breite. Besonders deutlich wird dies beim Charakter Cliff Booths, dem sein Schöpfer noch mehr Platz als im Film einräumt. Brodelte das Gewaltpotential des Stuntman bei Pitt eher unter der Oberfläche, bis es sich vereinzelt eruptiv entlud, so wird Booth im Roman von Beginn an als wesentlich dunkler und brutaler gezeichnet. Dass der WK II-Veteran nach seinem Dienst für Uncle Sam kurzfristig über eine Karriere nachdachte, die aus Billy Wilders "Irma la Douce" stammen könnte, zählt da noch zu den harmloseren Überraschungen in seiner Vita.  Die Figur des Rick ist weitgehend deckungsgleich mit DiCaprios Dalton, auch wenn wir im Roman nun erfahren, was seine selbstzerstörerischen Stimmungsschwankungen eigentlich verursacht. Zudem verbringt man als Leser noch sehr viel mehr Zeit am Set der Western-TV-Show „Lancer“ und auch innerhalb der fiktiven Welt der im Film gezeigten Episode. Wir erfahren außerdem wie Manson Girl Pussycat - einer der Standout-Parts im Film -  in die Fänge der Hippie-Sekte kam. Ihr Aufeinandertreffen mit Cliff in Daltons Cadillac ist im Buch überdies weitaus expliziter und hätte wohl die Altersfreigabe des Films raufgeschraubt.

Tarantinos Schreibstil ist bildhaft und dabei gleichzeitig schnörkellos. Die Sätze sind prägnant und weisen keinerlei Fett auf. Anders als bei den in modernen Romanen üblichen Linguistik-Experimenten gibt es hier keine übertrieben blumige Prosa.  Es ist diese knappe, präzise Sprache, die immer wieder an die  amerikanische Literatur ab den Fünfzigern erinnert - und in ihrer Lakonie näher  an den klassischen Hard Boiled-Writern ist als die meisten Neo-Noir-Romane.

Wer bislang nichts mit den Filmen des Kultregisseurs anfangen konnte, wird nach der Lektüre nicht konvertieren. Denn der Regisseur/Autor schreibt sein Buch letztlich genauso so wie er seine Filme dreht. „Once Upon…“ ist gleichzeitig dramatisch, nostalgisch, witzig, brutal, erotisch, empathisch mit seinen Figuren und gespickt mit filmhistorischen Querverweisen und Insider-References. Ein beträchtliches Wissen über Film, Musik und Popkultur ist – auch weil im Buch natürlich Faktoren wie stylische Visualisierungen und die Starbesetzung fehlen, die selbst ein sonst eher im Mainstream beheimatetes Publikum ansprechen - geradezu unerlässlich. Denn die „Once Upon..“-Novel ist auch ein leidenschaftliches Essay über das Medium Film an sich - bei dem die Bandbreite vom Giallo über die Nouvelle Vague bis hin zu Vilgot Sjömans 60er-Aufreger „Ich bin Neugierig (Gelb)“ reicht... Immer wieder nehmen die Figuren im Laufe der Handlung eine Rolle an, die man als Alter Ego ihrer Regisseurs/Autors deuten kann -  etwa wenn der Leser das Ranking von Cliffs Top Kurosawa-Filmen erfährt. 

Man kann Tarantinos Roman nur als filmisch bezeichnen. Es hat den Rhythmus seiner Scripts und entwickelt eine regelrechte Sogwirkung. So mag dieser Alternate/Extended Cut in literarischer Form zwar echte „pulp fiction“ sein, doch erreicht dieser Roman durch seine essayistische und intertextuelle Komponente eine Qualität und Tiefgründigkeit, die den alten Movie Novelizations fehlte.

ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD – A NOVEL BY QUENTIN TARANTINO, englische Originalausgabe, erschienen bei Harper Perennial/Harper Collins