Sonntag, 9. Februar 2025

SERGIO LEONE BY HIMSELF

Credit Coverbild: © Reel Art Press
Der Italiener Sergio Leone (1929–1989) zählt fraglos zu den Schlüsselfiguren des modernen Kinos. Mit seinen Filmen änderte und bestimmte er nicht nur den Blick des Publikums auf das uramerikanische Genre des Western, sondern leistete auch in Sachen Regieführung, ästhetischer Bildsprache, Drehbuch und Einsatz von Musik (Ennio Morricone) Pionierarbeit. In einer neu erschienenen Mischung aus Bildband und filmhistorischem Werk, kommt dieser geniale Filmkünstler nun in Form eigener Essays und raren Interviews selbst zu Wort.

Nun gibt es natürlich viele Bücher über große Regisseure, durchaus von überaus kundigen Filmhistorikern und Insidern der Szene verfasst. Doch nur wenige Biografen konnten so nah an ihre Protagonisten herankommen wie Christopher Frayling, eine der internationalen Kapazitäten in Sachen Leone und Italowestern. Seine Werke „Spaghetti Westerns – Cowboys and Europeans: From Karl May to Sergio Leone“ und „Something To Do With Death“ waren  frühe, ernsthafte Auseinandersetzungen mit dem Genre und seinem wichtigsten Regisseur und sind bis heute Standardwerke. Während andere Biografen auf Infos aus zweiter Hand zurückgreifen müssen, hatte er zudem direkten Zugang zum Protagonisten seiner Hauptwerke. Dementsprechend haftet seinen Publikationen, die im Genre der Cinema-Bücher jedes Mal zu den besonderen Highlights zählen, neben der profunden Fachkenntnis über die Thematiken stets eine sehr persönliche Note an, die man in anderen Büchern selten vorfindet.

Samstag, 1. Februar 2025

DAVID BAILEY – EIGHTIES

Credit Bild:© David Bailey  Taschen Verlag

Warten wir auf die Achtziger? Waren sie schon da? Wo war ich?“ - David Bailey

Nun, der legendäre Starfotograf war jedenfalls definitiv mittendrin, statt nur dabei, in jener Dekade der Dekadenz, in der die Devise „more is more“ galt und Exzess sowie Überschwänglichkeit in Mode wie Lebensstil an der Tagesordnung zu stehen schienen – zumindest im Jetset und der High Society. Zum Himmel strebende Frisuren, Farbexplosionen, weite Schnitte und obligatorische Schulterpolster: Manch einer denkt daran mit Grausen zurück. Doch generell ist der heutige Blick auf diese einst – ob diverser Geschmacklosigkeiten – belächelte Ära ein zunehmend milderer. Auf den Laufstegen und in den Hochglanzmagazinen feiern die 80er jedenfalls ein stetes Revival. In der Musik gehört die Reminiszenz an sie längst zum guten Ton, in den Charts sind sie geradezu omnipräsent. Die Eighties sind in – daran führt kein Weg vorbei.

Wie zeitlos sie tatsächlich sind und wie sehr sie die Mode bis heute beeinflussen, zeigt auch ein neuer Bildband von David Bailey, der unzählige faszinierende Arbeiten dieses bedeutenden Fotokünstlers versammelt. Der gebürtige Brite zählt fraglos zu den bedeutendsten Fotografen überhaupt. In den Swinging Sixties konnte er sich mit einer ganz eigenen Bildsprache etablieren, seine Porträtaufnahmen waren stilbildend, er selbst verkörperte einen völlig neuen Typus Fotograf. In den 1960er-Jahren fing er die Atmosphäre der britischen Hauptstadt ein und definierte sie zugleich. Michelangelo Antonioni nahm ihn als Vorbild für die von David Hemmings dargestellte Figur im Film „Blow-Up“.

TASCHEN SALE 2025

©Taschen Verlag
Er zählt mittlerweile fraglos zum Fixpunkt im Kalender von Buch-Aficionados: der traditionelle Book Sale des Kölner Luxusverlags Taschen. Und auch heuer gibt es wieder satte Rabatte und so die Möglichkeit besonders günstig die Glamour-Welt der Modemetropolen, den Backstage-Bereich der größten Rockstars, historische Kulturstätten oder Fantasiewelten legendären Comic-Verlage zu erkunden. 

Begleitet wird der Sale, in dessen Zuge es bis zu -75 % Preisnachlass auf Display- und Mängel- Exemplare dieser aufwendigen  Bildbände mit Sammelfaktor gibt, von Parties in den Flagship Stores –  inklusive Drinks, Musik und einem Preview des gesamten Sale-Angebots.


 Hier die genauen Daten & Adressen: 

Preview Parties
Mittwoch, 5.Februar , 17-20h 
in den Flagship-Stores 
Taschen Store Berlin (Schlüterstraße 39)
Taschen Store Köln (Neumarkt 3)

"Analoger" Sale 
 Mittwoch 05.Februar. bis Samstag 08 . Februar 
in den oben genannten Flagship-Stores 

Online-Sale
Donnerstag 06.Februar. bis Sonntag 09.Februar
www.taschen.com
Stylishes Interieur Design und Coffee Table-Bücher: ein Blick in den Flagship Store in Köln
©Taschen Verlag
©Taschen Verlag

©Taschen Verlag


Sonntag, 22. Dezember 2024

The Museum of Wes Anderson: His Movies and the Works That Inspired Them

Credit Bild: © Prestel  Verlag
Der texanische Filmemacher Wes Anderson zählt fraglos zu den markantesten und eigenwilligsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen Kinos. Unverwechselbar seine viel zitierte Bildsprache, beispielhaft skurril seine liebenswert-verschrobenen Filmfiguren, hintergründig die merkwürdigen Dialoge und außergewöhnlich die Themen seiner Werke. Als Drehbuchautor und Regisseur hat der kunstaffine Anderson – man erinnere sich an seine kuratorische Tätigkeit für das Kunsthistorische Museum in Wien – eine einzigartige cineastische Welt erschaffen. Bei einem Streifzug durch ebenjene entdeckt man in beinahe jeder Filmszene ein neues Exponat; die mittlerweile ikonische Bildsprache Andersons mit ihrem Schau-/Setzkasten-artigen Arrangement tut ihr Übriges, um den musealen Charakter seiner Filme noch zu unterstreichen.

Samstag, 17. August 2024

LICHTER DER TRAUMFABRIK: LIFE. HOLLYWOOD

LIFE HOLLYWOOD Taschen Verlag Book Buch Cover Marilyn Monroe Liz Taylor
Credit Bild: © Taschen Verlag
Es war einmal in Hollywood: der Filmmetropole Nummer 1 wohnte schon in ihrer Gründungszeit etwas latent Irreales inne. "Larger Than Life" beschrieb sowohl die Stars und Regisseure als auch die Produzenten-Sonnenkönige, die in ihren Studio-Palästen an der Westcoast Hof hielten. Sagen-haft auch die Geschichten, die auf und hinter der Weltbühne der Sets erzählt wurden - moderne Mythen im Fokus des Kameramannes und märchenhafte Stories von der Transformation von Normalsterblichen zu Ikonen der Leinwand. Aber wie das so ist im Märchen....auch im schönsten La La Land lauern Schattenseiten, entgegen dem Klischee ist in Hollywood ein Happy End alles andere als gewiss. Gerade wenn Glanz und Elend so nah beieinander liegen und die Fallhöhe ebenso hoch ist, wie die Anzahl der Zuschauer, die kometenhafte Aufstiege als auch Ikarus-gleiche Abstürze verfolgen. 

Chronisten der Triumphe, künstlerischen Errungenschaften, Dramen und soziokulturellen Umwälzungen Tinseltowns waren stets die gut vernetzten und kreativen Fotojournalisten des renommierten LIFE Magazins wie Alfred Eisenstaedt, Gordon Parks, Peter Stackpole, Lisa Larsen oder Gjon Mili. In der Zeit vor der Dominanz des Fernsehens bot diese Publikation ein exklusives "Tor zur Welt" und dokumentierte von Politik bis Kultur eine immense Bandbreite an Zeitgeschehen. Von der damals erreichten Reichweite können heutige Medien nur noch sehnsüchtig  träumen -  in den späten 1940er Jahren war jeder dritte Amerikaner Leser dieses Magazins. 
Die Connection zwischen den Blattmachern und dem Zentrum der US-amerikanischen Filmindustrie war dabei eine besonders langanhaltende und tiefgehende. Die erste "Blonde Bombshell" der Filmgeschichte, Jean Harlow,  zierte anno 1937 als erster Movie Star ein LIFE-Titelbild, es sollten noch über 200 weitere Cover mit Hollywood-Themen folgen. Durch diese in Sachen Publicity und Auflage für beide Seiten lukrative Zusammenarbeit wurde den Fotografen und Fotografinnen natürlich auch exklusiver Zutritt zu "Off Limits"-Bereichen gewährt - von privaten Gemächern bis hin zu rauschenden Awards-Parties. Die Folge waren unzählige Aufnahmen, die einerseits in unnachahmlicher Weise das temporeiche "Lifestyle" der Traumfabrik einfingen und andererseits die Stars, die im Gegensatz zur  heutigen Social Media-Zeit eine Aura des Geheimnisvollen umgab, für die Leser nahbarer wirken ließen.

Im neu erschienenen Doppel-Bildband  "LIFE. Hollywood" aus dem Hause Taschen kann man nun in das extensive Foto-Archiv dieses kultigen Hefts eintauchen. Produced and directed vom Verlagsgründer Benedikt Taschen himself, wie einen die ersten Seiten wissen lassen....eindeutig ein persönliches Prestige-Projekt und eine leidenschaftliche Liebeserklärung an das Kino. Mit einer "Spieldauer" von 600 Seiten gleiten diese beiden Bildbände vom Jahr 1936 ausgehend, einer Plansequenz gleich durch die Dekaden. Sie dokumentieren in der Folge unterschiedliche Ären und zeigen auch den Wandel vom Old zum New Hollywood, als das alte Studiosystem in sich zusammenbrach und die Counter Culture Einzug hielt. 1972 ist allerdings Schluss mit der Retrospektive. Es ist das Jahr von Francis Ford Coppolas "The Godfather". Für den Regisseur bedeutete dieser Film den Durchbruch, ebenso wie für Al Pacino. Produzent Robert Evans zementierte mit diesem Kassenschlager seinen Ruf als Mann mit "Midas Touch". Nun gäbe es natürlich auch danach noch Vieles zu entdecken, das etwas abrupte Ende ist allerdings auch dem Umstand geschuldet, dass das einst überaus profitable Magazin zunehmend mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte und nach 1972 nur mehr unregelmäßig erschien.
In seiner Glanzzeit  war LIFE jedoch eine der wichtigsten Quellen, wenn es darum ging einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Warum dies so war, merkt man auf jeder Hochglanzseite: ein rarer Shot reiht sich an den nächsten. Dieses Release richtet sich zwar ausschließlich an absolute Film-Aficionados, doch selbst die haben hier viel Neues zu entdecken.

Beim Durchblättern wird man unweigerlich an Damien Chezelles  „Babylon“ erinnert. In dieser Ode an das Filmschaffen gibt es eine leise, jedoch ungemein kraftvolle Szene, die mich persönlich nachhaltig beeindruckt hat, weil sie in so prägnanter Manier das Prinzip Hollywoods aufzeigt: Die von Jean Smart gespielte Kolumnistin Elinor St. John erklärt dem alternden Stummfilm-Star Jack Conrad (Brad Pitt) in einem bittersüßen Monolog die Mechanismen des ewig währenden Ruhm -  denn selbst wenn Erfolg kommt und geht, letztlich bleiben Stars durch ihre Filme unsterblich. Und "LIFE. Hollywood" zeigt genau das. Die beiden gewichtigen Bände sind ein wunderschöner Streifzug durch  das Pantheon der Filmindustrie in den Ausmaßen eines David O. Selznick-Epos.

Life. Hollywood, Hardcover, 2 Bände im Schuber, 26.5 x 36 cm, 7.50 kg, 708 Seiten, erschienen im Taschen Verlag

Ein exklusiver Blick ins Buch:

Veronica Lake Film Noir Taschen Verlag Buch Book LIFE Hollywood Film Movies Stars
Sirene des Film Noir: Veronica Lake
Credit Bild: © Taschen Verlag

Marilyn Monroe Barefoot Jump Taschen Verlag Buch Book LIFE Hollywood Film Movies Stars
Ein Symbol für Glanz und Tragödie der Filmindustrie: Marilyn Monroe
Credit Bild: © Taschen Verlag

Brigitte Bardot Taschen Verlag Buch Book LIFE Hollywood Film Movies Stars
Besuch aus Europa: Und auch in L.A. lockt.... BB
Credit Bild: © Taschen Verlag

Kinosaal Taschen Verlag Buch Book LIFE Hollywood Film Movies Stars
Der Kinosaal: ein magischer Raum
Credit Bild: © Taschen Verlag

Jane Fonda Barbarella Taschen Verlag Buch Book LIFE Hollywood Film Movies Stars
Privat und als Barbarella: Jane Fonda
Credit Bild: © Taschen Verlag

Robert redford Taschen Verlag Buch Book LIFE Hollywood Film Movies Stars
The Man, the Myth, The Legend...Robert Redford als Sundance Kid
Credit Bild: © Taschen Verlag

Due John Wayne Western Robert Evans  Taschen Verlag Buch Book LIFE Hollywood Film Movies Stars
Old Hollywood trifft New Hollywood: Paramount Produzent Robert Evans und "Duke" John Wayne
Credit Bild: © Taschen Verlag

Dienstag, 30. Juli 2024

DEEP PURPLE = 1

Deep Purple Band Ian Gillan Roger Glover Ian Paice Simon McBride Jim Rakete edel earmsuic Bandfoto Legends Classic Rock Smoke On The Water  01 Review
Credit Bild: © Jim Rakete  earMusic Edel
Mit dem 2017er-Album „Infinite“ und der darauffolgenden, recht eindeutig betitelten „The Long Goodbye Tour“ wähnte man die Hardrock-Legenden Deep Purple eigentlich schon auf Abschiedskurs. Ein Farewell nach einer langen Karriere, ganz so wie es viele ihrer teils sogar jüngeren Kollegen längst zelebrierten. Was dann folgte war jedoch das genaue Gegenteil: eine starke Veröffentlichung nach der anderen (vom Quarantäne-Cover Projekt „Turning to Crime“ zum experimentierfreudigen „Whoosh!“ ) sowie konstant gut gebuchte Konzertreisen. All das kulminiert nun in einer neuen Platte, die nicht nur die erste in der Mark IX-Besetzung ist, sondern auch das kraftvollste Purple-Album seit geraumer Zeit darstellt - und das obwohl schon die unmittelbaren Vorgänger wirklich gelungen waren. Mit dem kryptisch betitelten „= 1“ folgt  jetzt allerdings ein beeindruckendes Spätwerk, das jene Platten übertrifft, nur so vor Kraft strotzt und dabei immer wieder überdeutlich an alte Zeiten gemahnt.

Ein Grund - vielleicht sogar der Hauptgrund - dafür ist zweifelsohne der neue Mann an den sechs Saiten. Der Ire Simon McBride ist mit 45 Jahren der Jüngste im Bunde, ersetzte den aus familiären Gründen ausgeschiedenen Steve Morse auf Tournee und wurde alsbald fixes Mitglied. Als virtuoser Rockgitarrist alter Schule hat McBride die Klassiker Purples natürlich verinnerlicht, bringt live die Blackmore´schen Riffs und neoklassischen Leads souverän rüber und fügt sich ganz generell extrem gut ins Bandgefüge ein  - und lässt auf "=1" dennoch seine eigene Handschrift erkennen, u.a. mit einer Gary Moore-Influence, die so bislang nicht bei Purple zu finden war. 

Die neue Inkarnation dieser Band, die historisch betrachtet den beständigen Wechsel in ihrer DNA hat, harmoniert ungemein gut miteinander. So gut, dass sich eine Frage geradezu aufdrängt: Ist McBride gar der bessere Fit für diese Band als der fraglos geniale Morse? Fast ist man geneigt, dies zu bejahen. Jedenfalls wirken die neuen Songs prägnanter, weniger proggig, kommen mehr auf den (teils hymnischen) Punkt und swingen mehr. Dass „=1“ so dermaßen druckvoll klingt, liegt also nicht allein an Produzentenlegende Bob Ezrin, der schon seit mehr als einem Jahrzehnt mit der Band zusammenarbeitet. Ian Gillan verzichtet heute zwar verständlicherweise auf eine Live-Darbietung der extremen Vokal-Übung bei "Child In Time"  ist aber dennoch nach wie vor ein durchsetzungsfähiger Sänger, der auf diesem neuen Album geradezu glänzt. Organist und Keyboarder Don Airey hat hier gefühlt noch mehr den Jon Lord-Modus eingeschaltet. Mit McBride hat er einen Partner, der dieses charakteristische Interplay zwischen Orgel und Gitarre, dass ja ein wesentliches Element des Purple Sounds ist, geradezu zelebriert. Die Rhythm Section aus Roger Glover am Bass und Ian Paice an den Drums ist tight wie eh und je, angesichts der sich hier bahnbrechenden kreativen Energie legen sie allerdings ein noch massiveres Fundament.

Realistischerweise muss man konstatieren dass - wenig verwunderlich  - auch dieses Album kein neues „Black Night“ oder „Highway Star“ enthält, doch die neuen Songs sind nichtsdestoweniger stark, energetisch und zitieren gekonnt die Vergangenheit (die Single „Lazy Sob“ etwa hätte durchaus aus der Coverdale-Ära stammen können). Deep Purple experimentieren auf diesem Album routiniert mit ihrem Signature Sound - nur dass "=1"  eben nicht nur durchgehend Routine ist -  sondern eine Band zeigt, die auf ihrem 23. Studioalbum weitaus härter rockt als manch halb so alte Musiker: bemerkenswert!

"=1" erscheint in mehreren Versionen. Für Sammler besonders interessant ist, dass die Erstpressung der Vinyl-Edition ein riesiges Booklet in LP-Größe mit allen Song Lyrics (Gillan hat hier wieder ganze Arbeit als Rock-Dichter geleistet...) beinhaltet.

Dienstag, 2. Juli 2024

SLASH - ORGY OF THE DAMNED

Slash Orgy Of the Damned Toni Greis Cover Blues Rock
Credit Coverbild: © Seven.One Starwatch  Gibson Records
Schmutzige Riffs, die man auch als rhythmische Untermalung zur Ausschweifung deuten kann. Heulende Leadgitarren-Licks. Texte, die wahlweise Introspektion, Partystimmung und die Begehung diverser Todsünden behandeln - und dann noch ein Höllenhund auf der Fährte des Musikers, der zwischen Einsamkeit und Frauen, wie sie sonst nur ein Raymond Chandler beschrieb, hin und hergerissen ist: der Blues bildet musikalisch wie textlich eine wesentliche Ursubstanz des Rock und damit eines Großteils der Populärmusik. Obwohl dieser Umstand und damit das Genre selbst zumindest im Mainstream-Bewusstsein nicht mehr so präsent ist wie einst, können sich die wenigsten dem Einfluss dieser Musik entziehen. Gerade in den letzten Jahren gab es so etwas wie eine Renaissance in Sachen Rückbesinnung auf die Wurzeln mit einer ganzen Reihe dezidierter Blues-Alben von so unterschiedlichen Künstlern wie Yngwie Malmsteen, Billy Gibbons, Peter Frampton, Gov´t Mule oder den Stones.

Der jüngste in diesem Bunde ist Slash, der mit  "Orgy Of the Damned" ebenfalls ein recht reinrassiges, wenngleich nicht puristisches Blues Rock-Album aufgenommen hat und mit einer Reihe leidenschaftlicher und inspirierter Cover-Versionen einem ganzen Genre Tribut zollt. 

Anfang des Jahres hätte man vermutlich nicht mit einer solchen Veröffentlichung gerechnet, eine neue Platte von Guns N´ Roses oder Myles Kennedy & The Conspirators war da durchaus erwartbarer gewesen. Doch wer sich mit dem Gitarrenstil und der Karriere Slashs auseinandergesetzt hat, weiß dass „Orgy Of The Damned“  weniger überraschend als vielmehr folgerichtig ist. Dieses Studioalbum fühlt sich extrem organisch an und wirkt wie ein Release zum perfekten Zeitpunkt in Slashs Vita. Als klassischer Rockgitarrist ist er natürlich tief im Blues und damit einhergehend in der Pentatonik verwurzelt. Auch ein Großteil seiner Vorbilder und Inspirationsquellen kommen aus ebendiesem Genre-Umfeld. Und auch als Slash selbst den Blues hatte, während der Zeit als G N´R  als Band implodierten und der Gitarrist schließlich ausstieg, spielte er mit „Slash´s Blues Ball“ einschlägige Cover.

Der Blues Ball ist auch ein  Anknüpfungspunkt für dieses 2024er Album. Zwei der Mitstreiter von damals sind auch heute wieder mit dabei, Johnny Griparic am Bass und Teddy „Zig Zag“ Andreadis an den Keys. Neu sind Michael Jerome am Schlagzeug und Tash Neal, der sowohl Gitarrenparts als auch Teile des Gesangs übernimmt. Diese ungemein groovende Band wäre schon für sich genommen ein Garant für ein hochklassiges Blues Rock-Album. Doch Slash scharte überdies eine mehr als prominente Riege an Gastmusikern um sich. Das Prinzip ähnelt also seinem Solo-Debüt aus dem Jahre 2004, bei dem ebenfalls pro Song ein Star vorbeischaute. 

Und wenn der Hutmeister ruft dann kommen sie alle: Brian Johnson klingt kraftvoller als bei  seiner Stammband AC/DC und Steven Tyler zeigt sich erneut als große Stilist an der Harp, beide brillieren auf Howlin´ Wolfs „Killing Floor“. Black Crowe Chris Robinson verbreitet Easy Rider-Vibes beim Steppenwolf-Cover „The Pusher“ (der Song war auch Soundtrack des Kultfilms der Sechziger).  Iggy Pop wandelt dezent auf Tom Waits-Spuren bei Lightnin´ Hopkins „Awful Dream“. Reverend Billy F. Gibbons hört sich beim gleichnamigen Song wie der leibhaftige Hoochie Coochie Man an. Beth Hart singt wie gewohnt irrsinnig kraftvoll auf „Stormy Monday“. Grandsigneur Paul Rodgers klingt nach langer Krankheit beachtlich autoritativ bei „Born Under A Bad Sign“. Chris Stapleton, der Country Superstar der Stunde demonstriert die Dynamik seiner Voice bei Fleetwood Macs "Oh Well". Rock-Röhre Dorothy ist bei "Key To The Highway" im L.A. Sleaze genauso daheim wie in der großen Tradition weiblicher Blues-Shouter und mit Gary Clark Jr. kommt es in einer an Cream angelehnten Version von "Crossroads" (jedoch mit überraschendem Break in der Mitte) zur Gitarren-Konversation. Und dann natürlich immer Slash, dessen Riffs und Licks nur so aus den Speakern springen - aufgenommen von Mike Clink, der schon bei "Appetite For Destruction" und den folgenden G N´ R-Alben hinterm Pult saß und auch hier als Produzent dafür sorgt, dass dieses Album ein klanglicher Genuss ist.

Dem Blues wohnt immer etwas Schmutziges, Gefährliches und auch Erotisches inne. Nicht umsonst wird er auch als des Teufels Musik bezeichnet. Slash selbst sagt etwa über die Musik Muddy Waters´, dass es keine andere gibt, zu der man so gerne Sex haben will. Allein, dieser Umstand wird bei zeitgenössischen Interpretationen des blauen Genres allzu oft vernachlässigt, an sich wilde Songs werden allzu oft zu "safe" gespielt. Anders bei Slash, der auf diesem edlen und gleichzeitig schmutzigen Album alle Register zieht und den Blues so spielt, wie man ihn letztlich spielen muss.

Obwohl das Album keinerlei Raritäten enthält und man so gut wie alle Songs schon in sehr  vielen Interpretationen von zahllosen Interpreten gehört hat, schafft es Slash ihnen seinen eigenen Spin zu verleihen - und steht damit mit beiden Beinen in der Tradition des Blues und seiner Blues Rock-Vorbilder, die auch den Delta-Urtext nahmen und ihre ganz eigenen  Versionen daraus machten. Bei den im gegebenen Kontext überraschenden Songs "Just Enough For The City" (eigentlich von Stevie Wonder)  und „Papa Was A Rolling Stone“ mit Demi Lovato, stretcht er die Grenzen des Genres ebenso wie mit der das Album beschließenden einzigen Eigenkomposition, der melodischen Instrumental-Nummer „Metal Chestnut“. Im Kern bleibt es jedoch ein klassisches Blues Rock-Album – und was für eines! „Orgy Of The Damned“  schafft, was nur wenigen zeitgenössischen Alben gelingt: Begeisterung hervorzurufen. Die durchwegs energetischen und virtuosen Darbietungen machen dieses lässige Album nicht nur zu einem Genre-Highlight sondern auch zu Slashs bislang bestem Soloalbum.

„Orgy Of the Damned" erscheint in mehreren Formaten. In Sachen Content sind die Versionen jedoch identisch. Die CD verbirgt sich in einem herkömmlichen, sehr dünnen Digipkak. In der Vinyl-Version kommt das coole Cover, das mit den aufreizend  tanzenden Figuren eine typische Szene in einem Blues Club zeigt, naturgemäß noch besser zu Geltung. Verantwortlich für die grafische Aufbereitung der titelgebenden Orgie ist der deutsche Künstler Toni Greis. Wer Slash auf Social Media folgt, weiß dass er großer Fan von Greis ist und so gab der Gitarrist für sein jüngstes Album gleich das Cover beim für seine kinky Bilder bekannten Artist in Auftrag. Den Titel fürs coolste Platten-Cover seit langer Zeit könnte Slash zweites Solo-Album jedenfalls auch gleich einheimsen. 

Mit Spaß bei der Arbeit: die Stargäste Beth Hart, Billy F. Gibbons, Brian Johnson, Chris Robinson, Iggy Pop und Steven Tyler...und Slash diesmal ES-335 im Baked Potato Club in L.A.


Slash Orgy Of the Damned Beth Hart
Credit Bild: © Courtesy Of Gibson Records

Slash Orgy Of the Damned Billy Gibbons ZZ TOP Les Paul Gitarre Hoochie Coochie Man
Credit Bild: © Courtesy Of Gibson Records

Slash Orgy Of the Damned Brian Johnson AC/DC
Credit Bild: © Courtesy Of Gibson Records

Slash Orgy Of the Damned Chris Robinson Black Crowes
Credit Bild: © Courtesy Of Gibson Records

Slash Orgy Of the Damned Iggy Pop
Credit Bild: © Courtesy Of Gibson Records

Slash Orgy Of the Damned Aerosmith Steven Tyler Blues Harp Harmonika
Credit Bild: © Courtesy Of Gibson Records

Slash Gibson ES-335 Baked Potato LA L.A.

Credit Bild: © Gene Kirkland


Montag, 1. Juli 2024

ELLEN VON UNWERTH - HEIMAT

Ellen von Unwerth Heimat Fashion Style Dirndl Taschen Verlag Buch
Credit Bild: © Ellen von Unwerth
Verklärter Sehnsuchtsort? Nostalgisches Gefühl? Identitätsstiftendes Symbol? Politisch allzu vereinnahmt und daher als rückwärtsgewandt abgelehnt? Trendiges Exil für geplagte Großstädter oder doch schlichtweg „The place where I was born?“. Die Frage „Was ist Heimat?“ mutet nur oberflächlich simpel an, denn bei genauerer Betrachtung ergeben sich vollkommen unterschiedliche Deutungsmuster und Antwortmöglichkeiten. Nicht umsonst ist der komplexe Heimatbegriff etwa in soziologischen Kreisen mitunter heiß umfehdet.

Mit dieser Thematik setzt sich auch die deutschstämmige Starfotografin Ellen von Unwerth in ihrem programmatisch betitelten Bildband „Heimat“ auseinander - allerdings auf ihre ganz eigene, unkonventionelle Art und Weise. Als gefragte Fotokünstlerin ist von Unwerth  zwar längst eine Fixgröße des internationalen Jetset, ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie jedoch im Allgäu. In ihrem Coffee Table-Buch -  eigentlich so etwas wie ein ausgedehntes Foto-Essay zur Thematik - blickt sie zurück und geht zusammen mit einer illustren Schar von Models back to the roots. Bei aller Nostalgie die in ihren Bildern mitschwingt handelt es sich hier jedoch nicht nur um fellinieske Amacord- Momente sondern auch um ein frivoles und subversives Spiel mit Konventionen: rustikale Hütten, Berglandschaften, saftige Wiesen, fotogene Dirndl-Styles....und äußerst kinky Countyrgirls? Richtig, denn daran, dass es auf der Alm wirklich koa Sünd' gibt, glaubte eh niemand - auch schon lange vor gewissen Franz Antel-Streifen aus den Siebzigern.

Die Model Squad mit der Unwerth Almöhis schockiert ist jedenfalls nicht nur agrarwirtschaftlich versiert, sondern hat  mitunter erotische Freizeitaktivitäten ganz im Stil eines gewissen Grafen Leopold aus Österreich im Sinne. Unwerth inszeniert  die Girls in der für sie typischen Pinup-Manier und kontrastiert ihren Glamour mit der ursprünglichen Umgebung. Die todschicken „Bauernmädel“ kommen  augenzwinkernd von einer misslichen Situation in die nächste– die „Damsels In Distress“ auf der Heide. 

Freimütig im Freistaat heißt die Devise; ob das nun den konservativen Zirklen Bayerns  gefallen dürfte, bleibt fraglich - als Ode an das Landleben, die Lust auf  Urlaub dahoam macht, sind diese Bilder aber wesentlich effektiver als so manche Fremdenverkehrs-Werbekampagne der letzten Zeit. Warum auch in die Ferne schweifen wenn das Gute (und Verruchte)  so nah liegt?

Unwerths rurales Fanatsialand ist der etwas andere Jungbäuerinnen-Kalender, der bei allem subversiv-augenzwinkernden Spaß  auch eine durchaus ernsthafte Auseinandersetzung mit der eingangs erwähnten Heimat-Frage darstellt. 

Heimat von Ellen von Unwerth, Hardcover, erschiene im Taschen Verlag

Ein exklusiver Blick ins Buch:

Ellen von Unwerth Heimat Fashion Style Dirndl Taschen Verlag Buch
Credit Bild: © Ellen von Unwerth
                                                      
Ellen von Unwerth Heimat Fashion Style Dirndl Taschen Verlag Buch
Credit Bild: © Ellen von Unwerth

Ellen von Unwerth Heimat Fashion Style Dirndl Taschen Verlag Buch
Credit Bild: © Ellen von Unwerth

Ellen von Unwerth Heimat Fashion Style Dirndl Taschen Verlag Buch
Credit Bild: © Ellen von Unwerth

Credit Bild: © Ellen von Unwerth

Ellen von Unwerth Heimat Fashion Style Dirndl Taschen Verlag Buch
Credit Coverbild: © Taschen Verlag   Ellen von Unwerth

Freitag, 28. Juni 2024

QUEEN HAUTNAH

Credit Coverbild: © Peter Hince  Hannibal Verlag
Jahrhundert-Frontman Freddie Mercury, der die Bühne „owned“ und zum treibenden Drum N´ Bass-Rhythmus Roger Taylors und John Deacons die Treppe herunterstolziert um seinen Kollegen Brian May, optisch beinahe ein Wiedergänger Ludwig XIV., vor seiner Wand von Vox-Verstärkern  zu treffen. Dazu noch oft extravagante Outfits und als Klimax die britische Nationalhymne sowie Mercury mit Krone und standesgemäßem Hermelin-Mantel…Der Pomp und die Theatralik waren ein wesentlicher Bestandteil der Band Queen. Ihre damit einhergehende Fotogenität machte sie zum beliebten Motiv für Rock Photographers, die nicht lange darauf warten mussten, bis sich Diva Freddie wieder in eine Pose für die Ewigkeit warf.

Dementsprechend gut sind die knapp zwei Jahrzehnte, die zwischen dem selbstbetitelten Debütalbum und dem frühzeitigen Tode Mercurys liegen dokumentiert. Als geneigter Fan kann man also durchaus meinen, schon so gut wie alles von dieser Band gesehen zu haben. Doch weit gefehlt! Ein neu erschienener Hochglanz-Bildband belehrt einen eines Besseren. Darin öffnet der britische Fotograf Peter Hince sein extensives Bild-Archiv und zeigt seitenweise rare, bislang ungesehene Aufnahmen aus jener Zeit, in der er Queen so nah kam, wie es der Titel dieses Buchs andeutet.

Hince war eigentlich Werbefotograf, bevor er Queen  11 Jahre lang als Member der Roadcrew  begleitete und so auch dort Zutritt erhielt, wo es sonst „No Trespass“ hieß. Seinen ursprünglichen Brotberuf merkt man als Betrachter seiner oft durchkomponierten Bilder deutlich (das beginnt schon beim geradezu filmischen Buchcover, das einen ein Shot wie aus einem Scorsese-Film zeigt). Das Buch verspricht „Noch nie gezeigte Fotos, Raritäten und faszinierende Einblicke in das Leben der Rockband" und das ist nicht übertrieben. Ob es um das Equipment Mays abseits seiner Red Special Gitarre, spektakuläre Gigs oder Candid-Shots aus dem Studio geht -  selbst der langjährige Fan wird in diesem empfehlenswerten Bildband etwas Neues entdecken.

QUEEN HAUTNAH von Peter Hince, erschienen im Hannibal Verlag


Donnerstag, 27. Juni 2024

MUSIC AMERICA: Iconic Objects from America's Music History - Ausstellung in Austin, Texas

Flying V Gibson MUSIC AMERICA: Iconic Objects from America's Music History - Ausstellung in Austin, Texas
Credit Bild: © LBJ Library, Jay Godwin
Wie man die eigene popkulturelle Vergangenheit ausführlich dokumentiert und gebührend zelebriert, das wissen die Amerikaner. So bleiben selbst ikonische Instrumente und Memorabilia im Wert mehrerer Millionen oft nicht dauerhaft in Vaults verstaut, sondern können in regelmäßigen Abständen in größeren und kleineren Ausstellungen bewundert werden. Ganz nah dran an Stage Outfits oder Gear, auf der bedeutende Aufnahmen eingespielt wurde ? Das ist im Land des Spektakels durchaus möglich. Eine ganz besondere Gelegenheit dazu gibt es gerade jetzt in hochoffiziellem Rahmen in Austin, Texas.

Denn die Lyndon B. Johnson  Presidential Library feiert in ihren Hallen in Zusammenarbeit mit dem Bruce Springsteen Archives & Center for American Music at Monmouth University zeigt noch bis 11. August hunderte Objekte, die nicht legendärer sein könnten:

Stevie Ray Vaughans „First Wife“- Strat sowie die weiße Fender seines Bruders Jimmie, einen Brief von Janis Joplin, rote Boots des ewigen „Singing Cowboy“ Gene Autry, eine der vielen Exemplare von B.B. Kings „Lucille“, eine Statue von RCA Victor-Hund Nipper,  eine Trompete von Dizzy Gillespie und und und….Die schiere Menge an Raritäten sowie ihre historische und ideelle Bedeutung sind beeindruckend, viele dieser Exponate erwecken geradezu Ehrfrucht im Betrachter. 

Wer sich also diesen Sommer auf Südstaaten-Trip in den USA befindet, sollte dem Lone Star State unbedingt einen Besuch abstatten und sich diese Exhibition nicht entgehen lassen.

Mehr Infos unter: Music America: Iconic Objects from America's Music History (lbjlibrary.org)

Ein exklusiver Rundgang durch die Ausstellung:
MUSIC AMERICA: Iconic Objects from America's Music History - Ausstellung in Austin, Texas Jimmie Vughan Texas Blues Strat Fender Stratocaster White Weiß
Credit Bild: © LBJ Library, Jay Godwin


MUSIC AMERICA: Iconic Objects from America's Music History - Ausstellung in Austin, Texas BB KING Lucille Gibson
Credit Bild: © LBJ Library, Jay Godwin


MUSIC AMERICA: Iconic Objects from America's Music History - Ausstellung in Austin, Texas Synth
Credit Bild: © LBJ Library, Jay Godwin


MUSIC AMERICA: Iconic Objects from America's Music History - Ausstellung in Austin, Texas  Nipper RCA DOG
Credit Bild: © LBJ Library, Jay Godwin


MUSIC AMERICA: Iconic Objects from America's Music History - Ausstellung in Austin, Texas Nipper RCA DOG
Credit Bild: © LBJ Library, Jay Godwin


MUSIC AMERICA: Iconic Objects from America's Music History - Ausstellung in Austin, Texas  John Lee Hooker Guitar
Credit Bild: © LBJ Library, Jay Godwin


MUSIC AMERICA: Iconic Objects from America's Music History - Ausstellung in Austin, Texas  Dizzy Gillespie Jazz
Credit Bild: © LBJ Library, Jay Godwin



Montag, 24. Juni 2024

JEFF BECK 80

 


Jeff Beck Hollywood Live Guitar Cover
Credit Coverbild: © Universal Music  Eagle Rock Entertainment
Heuet wäre Jeff Beck 80 Jahre alt geworden. Anlässlich des Geburtstages dieser leider im Vorjahr verstorbenen Legende ein #Throwback zu zwei Features, die einerseits ein Retrospektiv-Konzert in Los Angeles als auch eine Dokumentation über das Leben und die Karriere Becks beleuchten.

JEFF BECK LIVE AT THE HOLLYWOOD BOWL: Ein Brite und die Entdeckung der Mikrotonalität: 

Er ist ein quintessentieller „guitarist´s guitarist“ - ein Virtuose, dessen beeindruckende Beherrschung der sechs Saiten in Musikerkreisen Ehrfurcht und Bewunderung erzeugt, dem jedoch der ganz große Erfolg im Mainstream immer verwehrt geblieben ist.
Vielleicht war es genau dieser Umstand, der den britischen Ausnahmegitarristen Jeff Beck rastlos und experimentierfreudig bleiben ließ. Becks idiosynkratrischer, gänzlich unorthodoxer Spielstil ist eine faszinierende Benchmark in Sachen Ton-Manipulation: Seine Fender Stratocaster lässt er im wahrsten Sinne des Wortes einmal singen, plötzlich wimmern und im nächsten Moment kreischen. Beck balanciert auf der feinen Linie zwischen kontrollierter Aggression und Melodik. Mit seiner Kombination aus Volume-Swells, Whammy-Techniken und präzisen, mikrotonalen Bends und Tonverschiebungen nähert er sich auf instrumentalem Wege dem Ideal des menschlichen Gesangs an.

Dass sich Beck im Laufe seiner Karriere nie lange in eine Genre-Schublade zwängen ließ,
und mit Blues Rock, Rockabilly, Fusion-Jazz oder zeitgeistigem Electronic Rock experimentierte machte seine ohnehin anspruchsvolle, häufig instrumentale Musik für viele nicht eben zugänglicher. Jene Vielfältigkeit spiegelt sich auch in der Setlist des anlässlich des 50-jährigen Karriere-Jubiläums Becks in L.A. abgehaltenen Gigs wieder, dessen Mitschnitt nun von Universal/Eagle Rock released wird.
Unterstützt von einer  verhältnismäßig jungen Band (u.a. mit der hippen Gitarristin Carmen Vandenberg) spielt sich Beck durch eine Retrospektive seiner 5 Jahrzehnte andauernden Karriere und spannt den Bogen von frühen Yardbirds-Psychedelia-Hits („Heart Full Of Soul“ oder „For Your Love“) über robusten Blues-Rock („Beck´s Bolero“) und unterkühltem Fusion Jazz bis zum – nun ja, gewöhnungsbedürftigen – jüngsten Noise-Album „Loud Hailer“.
Das Bühnenbild der Konzert-Venue - der berühmte Hollywood Bowl in der Stadt der Engel - ist äußerst reduziert, geradezu nüchtern. Auf Showeffekte wird gänzlich verzichtet;  Let the music do the talking. Da es sich um ein Anniversary-Konzert handelt, dürfen natürlich auch prominente Gäste nicht fehlen: Mit Steven Tyler spielt er „Train Kept A-Rollin´“ – das seit Jahrzehnten zu einem Fixpunkt bei Aerosmith-Gigs zählt und das Jeff in der von Rockabilly zum Bluesrock-Stampfer umgedeuteten Version seinerzeit mit den Yardbirds spielte - verewigt u.a. in Michelangelo Antonionis Sixties-Kultfilm „Blow Up“.

Zum Blues und den frühen Inspirationsquellen des Jeff B. schließt sich auch der Kreis, wenn Beck mit  Buddy Guy eine besonders ruppig-ungeschliffene Version von „Let Me Love You Baby“ raushaut. Mit Keyboarder Jan Hammer duelliert er sich wie in den 70s im Fusion Bereich und mit Billy F. Gibbons von ZZ TOP gibt’s zwar leider keinen Texas Shuffle, dafür eine gefühlvolle 80s Ballade („Rough Boy“). Sänger Jimmy Hall (man hörte ihn auf dem 1985er Beck-Album „Flash“) wurde ebenso eingeladen, genauso wie Soul-Röhre Beth Hart, die bei  „I´d Rather Go Blind“ und „Purple Rain“  - als Tribute an den zum Zeitpunkt des Konzerts erst unlängst verstorbenen Prince – alle Register der Honky-Tonk-Koloratur zieht.

Fazit: „Live At The Hollywood Bowl“ ist eine schöne Werkschau einer wechselvollen Karriere. Gerade die DVD bzw. Blu ray des Hollywood Bowl Konzertes erlaubt es Gitarristen  dem Meister ganz genau auf die Finger zu schauen um herauszufinden, wie die Grenzen dessen ausloten ließ, was auf einer Gitarre überhaupt machbar ist.

 STILL ON THE RUN - THE JEFF BECK STORY


Jeff Beck Garage Doku Documentary Still On The Run Cover Blu ray
Credit Coverbild: © Universal Music
Der Titel dieses Dokumentarfilms ist programmatisch: „Still On The Run“ –  Beck war stets ein Suchender, ein unruhiger Geist, der nur im permanenten Experiment seine Erfüllung fand und nie still stand. Inspiriert von den frühen Pionieren des Rock N´ Roll und ihrem revolutionären Erfindungsreichtum tüftelte er stets an neuen Klängen. Die psychedelisch-experimentellen Sixties waren für diesen passionierten Klangforscher der ideale Nährboden und Backdrop. Dass er immer auf der Suche – bzw. eben still on the run ist – sorgte dafür, dass es ihn nicht lange beim Blues- und Psychedelic-Rock hielt und er sich  in den Siebzigern dem rein instrumentalem Jazz Rock zuwandte und bis heute konstant die Grenzen avantgardistischer Musik auslotet.
Jeff Beck  Doku Documentary Still On The Run
Credit Bild: © Universal Music
Jeff Beck Garage Doku Documentary Still On The Run
Credit Bild: © Universal Music
Neben seiner Passion für die Sechssaitige ist Beck auch ein ausgewiesener "grease monkey",  ein Autoschrauber, der gern selbst seine teuren Vintage Vehikel zerlegt (siehe Bild oben). Die sich hier offenbarende Parallele zu seinem unorthodoxen Spiel mit musikalischen Normen oder sog. Regeln ist evident.
Wie einflussreich dieses Spiel ist, zeigt sich auch wieder einmal in den zahlreichen All Star-Interviews mit prominenten Freunden, Zeitgenossen und Bewunderern, die für "Still On The Run" geführt wurden.  
Sie verdeutlichen den Ausnahmestatus den Beck bei seinen Kollegen wie EC, Jimmy Page, Joe Perry, Billy Gibbons  oder Slash genießt. Nicht ohne Grund gilt Beck – ein Mann der stets etwas im Schatten des Mainstreams stand – als ein quintessentieller "guitarist's guitarist".
Credit Bild: © Universal Music
Jeff Beck Garage Doku Documentary Still On The Run
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Jeff Beck Guitar Darrel Higham
Credit Bild: © Universal Music
"Still On The Run" ist ein temporeicher, Film, der ein ziemlich  genaues, detailliertes Portrait der Legende zeichnet. Als Zuseher hat man das Gefühl Beck nun besser zu vestehen und ev. auch seine Karrierentscheidungen nachvollziehen zu können. Für mich als jahrelangen Beck-Fan war diese Dokumentation daher ungemein  faszinierend: Ein komplexes Portrait eines Individualisten, der sich nie anpassen konnte und wollte und ein wirklich empfehlenswerter Film.