Dienstag, 30. Juli 2024

DEEP PURPLE = 1

Deep Purple Band Ian Gillan Roger Glover Ian Paice Simon McBride Jim Rakete edel earmsuic Bandfoto Legends Classic Rock Smoke On The Water  01 Review
Credit Bild: © Jim Rakete  earMusic Edel
Mit dem 2017er-Album „Infinite“ und der darauffolgenden, recht eindeutig betitelten „The Long Goodbye Tour“ wähnte man die Hardrock-Legenden Deep Purple eigentlich schon auf Abschiedskurs. Ein Farewell nach einer langen Karriere, ganz so wie es viele ihrer teils sogar jüngeren Kollegen längst zelebrierten. Was dann folgte war jedoch das genaue Gegenteil: eine starke Veröffentlichung nach der anderen (vom Quarantäne-Cover Projekt „Turning to Crime“ zum experimentierfreudigen „Whoosh!“ ) sowie konstant gut gebuchte Konzertreisen. All das kulminiert nun in einer neuen Platte, die nicht nur die erste in der Mark IX-Besetzung ist, sondern auch das kraftvollste Purple-Album seit geraumer Zeit darstellt - und das obwohl schon die unmittelbaren Vorgänger wirklich gelungen waren. Mit dem kryptisch betitelten „= 1“ folgt  jetzt allerdings ein beeindruckendes Spätwerk, das jene Platten übertrifft, nur so vor Kraft strotzt und dabei immer wieder überdeutlich an alte Zeiten gemahnt.

Ein Grund - vielleicht sogar der Hauptgrund - dafür ist zweifelsohne der neue Mann an den sechs Saiten. Der Ire Simon McBride ist mit 45 Jahren der Jüngste im Bunde, ersetzte den aus familiären Gründen ausgeschiedenen Steve Morse auf Tournee und wurde alsbald fixes Mitglied. Als virtuoser Rockgitarrist alter Schule hat McBride die Klassiker Purples natürlich verinnerlicht, bringt live die Blackmore´schen Riffs und neoklassischen Leads souverän rüber und fügt sich ganz generell extrem gut ins Bandgefüge ein  - und lässt auf "=1" dennoch seine eigene Handschrift erkennen, u.a. mit einer Gary Moore-Influence, die so bislang nicht bei Purple zu finden war. 

Die neue Inkarnation dieser Band, die historisch betrachtet den beständigen Wechsel in ihrer DNA hat, harmoniert ungemein gut miteinander. So gut, dass sich eine Frage geradezu aufdrängt: Ist McBride gar der bessere Fit für diese Band als der fraglos geniale Morse? Fast ist man geneigt, dies zu bejahen. Jedenfalls wirken die neuen Songs prägnanter, weniger proggig, kommen mehr auf den (teils hymnischen) Punkt und swingen mehr. Dass „=1“ so dermaßen druckvoll klingt, liegt also nicht allein an Produzentenlegende Bob Ezrin, der schon seit mehr als einem Jahrzehnt mit der Band zusammenarbeitet. Ian Gillan verzichtet heute zwar verständlicherweise auf eine Live-Darbietung der extremen Vokal-Übung bei "Child In Time"  ist aber dennoch nach wie vor ein durchsetzungsfähiger Sänger, der auf diesem neuen Album geradezu glänzt. Organist und Keyboarder Don Airey hat hier gefühlt noch mehr den Jon Lord-Modus eingeschaltet. Mit McBride hat er einen Partner, der dieses charakteristische Interplay zwischen Orgel und Gitarre, dass ja ein wesentliches Element des Purple Sounds ist, geradezu zelebriert. Die Rhythm Section aus Roger Glover am Bass und Ian Paice an den Drums ist tight wie eh und je, angesichts der sich hier bahnbrechenden kreativen Energie legen sie allerdings ein noch massiveres Fundament.

Realistischerweise muss man konstatieren dass - wenig verwunderlich  - auch dieses Album kein neues „Black Night“ oder „Highway Star“ enthält, doch die neuen Songs sind nichtsdestoweniger stark, energetisch und zitieren gekonnt die Vergangenheit (die Single „Lazy Sob“ etwa hätte durchaus aus der Coverdale-Ära stammen können). Deep Purple experimentieren auf diesem Album routiniert mit ihrem Signature Sound - nur dass "=1"  eben nicht nur durchgehend Routine ist -  sondern eine Band zeigt, die auf ihrem 23. Studioalbum weitaus härter rockt als manch halb so alte Musiker: bemerkenswert!

"=1" erscheint in mehreren Versionen. Für Sammler besonders interessant ist, dass die Erstpressung der Vinyl-Edition ein riesiges Booklet in LP-Größe mit allen Song Lyrics (Gillan hat hier wieder ganze Arbeit als Rock-Dichter geleistet...) beinhaltet.

Dienstag, 2. Juli 2024

SLASH - ORGY OF THE DAMNED

Slash Orgy Of the Damned Toni Greis Cover Blues Rock
Credit Coverbild: © Seven.One Starwatch  Gibson Records
Schmutzige Riffs, die man auch als rhythmische Untermalung zur Ausschweifung deuten kann. Heulende Leadgitarren-Licks. Texte, die wahlweise Introspektion, Partystimmung und die Begehung diverser Todsünden behandeln - und dann noch ein Höllenhund auf der Fährte des Musikers, der zwischen Einsamkeit und Frauen, wie sie sonst nur ein Raymond Chandler beschrieb, hin und hergerissen ist: der Blues bildet musikalisch wie textlich eine wesentliche Ursubstanz des Rock und damit eines Großteils der Populärmusik. Obwohl dieser Umstand und damit das Genre selbst zumindest im Mainstream-Bewusstsein nicht mehr so präsent ist wie einst, können sich die wenigsten dem Einfluss dieser Musik entziehen. Gerade in den letzten Jahren gab es so etwas wie eine Renaissance in Sachen Rückbesinnung auf die Wurzeln mit einer ganzen Reihe dezidierter Blues-Alben von so unterschiedlichen Künstlern wie Yngwie Malmsteen, Billy Gibbons, Peter Frampton, Gov´t Mule oder den Stones.

Der jüngste in diesem Bunde ist Slash, der mit  "Orgy Of the Damned" ebenfalls ein recht reinrassiges, wenngleich nicht puristisches Blues Rock-Album aufgenommen hat und mit einer Reihe leidenschaftlicher und inspirierter Cover-Versionen einem ganzen Genre Tribut zollt. 

Anfang des Jahres hätte man vermutlich nicht mit einer solchen Veröffentlichung gerechnet, eine neue Platte von Guns N´ Roses oder Myles Kennedy & The Conspirators war da durchaus erwartbarer gewesen. Doch wer sich mit dem Gitarrenstil und der Karriere Slashs auseinandergesetzt hat, weiß dass „Orgy Of The Damned“  weniger überraschend als vielmehr folgerichtig ist. Dieses Studioalbum fühlt sich extrem organisch an und wirkt wie ein Release zum perfekten Zeitpunkt in Slashs Vita. Als klassischer Rockgitarrist ist er natürlich tief im Blues und damit einhergehend in der Pentatonik verwurzelt. Auch ein Großteil seiner Vorbilder und Inspirationsquellen kommen aus ebendiesem Genre-Umfeld. Und auch als Slash selbst den Blues hatte, während der Zeit als G N´R  als Band implodierten und der Gitarrist schließlich ausstieg, spielte er mit „Slash´s Blues Ball“ einschlägige Cover.

Der Blues Ball ist auch ein  Anknüpfungspunkt für dieses 2024er Album. Zwei der Mitstreiter von damals sind auch heute wieder mit dabei, Johnny Griparic am Bass und Teddy „Zig Zag“ Andreadis an den Keys. Neu sind Michael Jerome am Schlagzeug und Tash Neal, der sowohl Gitarrenparts als auch Teile des Gesangs übernimmt. Diese ungemein groovende Band wäre schon für sich genommen ein Garant für ein hochklassiges Blues Rock-Album. Doch Slash scharte überdies eine mehr als prominente Riege an Gastmusikern um sich. Das Prinzip ähnelt also seinem Solo-Debüt aus dem Jahre 2004, bei dem ebenfalls pro Song ein Star vorbeischaute. 

Und wenn der Hutmeister ruft dann kommen sie alle: Brian Johnson klingt kraftvoller als bei  seiner Stammband AC/DC und Steven Tyler zeigt sich erneut als große Stilist an der Harp, beide brillieren auf Howlin´ Wolfs „Killing Floor“. Black Crowe Chris Robinson verbreitet Easy Rider-Vibes beim Steppenwolf-Cover „The Pusher“ (der Song war auch Soundtrack des Kultfilms der Sechziger).  Iggy Pop wandelt dezent auf Tom Waits-Spuren bei Lightnin´ Hopkins „Awful Dream“. Reverend Billy F. Gibbons hört sich beim gleichnamigen Song wie der leibhaftige Hoochie Coochie Man an. Beth Hart singt wie gewohnt irrsinnig kraftvoll auf „Stormy Monday“. Grandsigneur Paul Rodgers klingt nach langer Krankheit beachtlich autoritativ bei „Born Under A Bad Sign“. Chris Stapleton, der Country Superstar der Stunde demonstriert die Dynamik seiner Voice bei Fleetwood Macs "Oh Well". Rock-Röhre Dorothy ist bei "Key To The Highway" im L.A. Sleaze genauso daheim wie in der großen Tradition weiblicher Blues-Shouter und mit Gary Clark Jr. kommt es in einer an Cream angelehnten Version von "Crossroads" (jedoch mit überraschendem Break in der Mitte) zur Gitarren-Konversation. Und dann natürlich immer Slash, dessen Riffs und Licks nur so aus den Speakern springen - aufgenommen von Mike Clink, der schon bei "Appetite For Destruction" und den folgenden G N´ R-Alben hinterm Pult saß und auch hier als Produzent dafür sorgt, dass dieses Album ein klanglicher Genuss ist.

Dem Blues wohnt immer etwas Schmutziges, Gefährliches und auch Erotisches inne. Nicht umsonst wird er auch als des Teufels Musik bezeichnet. Slash selbst sagt etwa über die Musik Muddy Waters´, dass es keine andere gibt, zu der man so gerne Sex haben will. Allein, dieser Umstand wird bei zeitgenössischen Interpretationen des blauen Genres allzu oft vernachlässigt, an sich wilde Songs werden allzu oft zu "safe" gespielt. Anders bei Slash, der auf diesem edlen und gleichzeitig schmutzigen Album alle Register zieht und den Blues so spielt, wie man ihn letztlich spielen muss.

Obwohl das Album keinerlei Raritäten enthält und man so gut wie alle Songs schon in sehr  vielen Interpretationen von zahllosen Interpreten gehört hat, schafft es Slash ihnen seinen eigenen Spin zu verleihen - und steht damit mit beiden Beinen in der Tradition des Blues und seiner Blues Rock-Vorbilder, die auch den Delta-Urtext nahmen und ihre ganz eigenen  Versionen daraus machten. Bei den im gegebenen Kontext überraschenden Songs "Just Enough For The City" (eigentlich von Stevie Wonder)  und „Papa Was A Rolling Stone“ mit Demi Lovato, stretcht er die Grenzen des Genres ebenso wie mit der das Album beschließenden einzigen Eigenkomposition, der melodischen Instrumental-Nummer „Metal Chestnut“. Im Kern bleibt es jedoch ein klassisches Blues Rock-Album – und was für eines! „Orgy Of The Damned“  schafft, was nur wenigen zeitgenössischen Alben gelingt: Begeisterung hervorzurufen. Die durchwegs energetischen und virtuosen Darbietungen machen dieses lässige Album nicht nur zu einem Genre-Highlight sondern auch zu Slashs bislang bestem Soloalbum.

„Orgy Of the Damned" erscheint in mehreren Formaten. In Sachen Content sind die Versionen jedoch identisch. Die CD verbirgt sich in einem herkömmlichen, sehr dünnen Digipkak. In der Vinyl-Version kommt das coole Cover, das mit den aufreizend  tanzenden Figuren eine typische Szene in einem Blues Club zeigt, naturgemäß noch besser zu Geltung. Verantwortlich für die grafische Aufbereitung der titelgebenden Orgie ist der deutsche Künstler Toni Greis. Wer Slash auf Social Media folgt, weiß dass er großer Fan von Greis ist und so gab der Gitarrist für sein jüngstes Album gleich das Cover beim für seine kinky Bilder bekannten Artist in Auftrag. Den Titel fürs coolste Platten-Cover seit langer Zeit könnte Slash zweites Solo-Album jedenfalls auch gleich einheimsen. 

Mit Spaß bei der Arbeit: die Stargäste Beth Hart, Billy F. Gibbons, Brian Johnson, Chris Robinson, Iggy Pop und Steven Tyler...und Slash diesmal ES-335 im Baked Potato Club in L.A.


Slash Orgy Of the Damned Beth Hart
Credit Bild: © Courtesy Of Gibson Records

Slash Orgy Of the Damned Billy Gibbons ZZ TOP Les Paul Gitarre Hoochie Coochie Man
Credit Bild: © Courtesy Of Gibson Records

Slash Orgy Of the Damned Brian Johnson AC/DC
Credit Bild: © Courtesy Of Gibson Records

Slash Orgy Of the Damned Chris Robinson Black Crowes
Credit Bild: © Courtesy Of Gibson Records

Slash Orgy Of the Damned Iggy Pop
Credit Bild: © Courtesy Of Gibson Records

Slash Orgy Of the Damned Aerosmith Steven Tyler Blues Harp Harmonika
Credit Bild: © Courtesy Of Gibson Records

Slash Gibson ES-335 Baked Potato LA L.A.

Credit Bild: © Gene Kirkland


Montag, 1. Juli 2024

ELLEN VON UNWERTH - HEIMAT

Ellen von Unwerth Heimat Fashion Style Dirndl Taschen Verlag Buch
Credit Bild: © Ellen von Unwerth
Verklärter Sehnsuchtsort? Nostalgisches Gefühl? Identitätsstiftendes Symbol? Politisch allzu vereinnahmt und daher als rückwärtsgewandt abgelehnt? Trendiges Exil für geplagte Großstädter oder doch schlichtweg „The place where I was born?“. Die Frage „Was ist Heimat?“ mutet nur oberflächlich simpel an, denn bei genauerer Betrachtung ergeben sich vollkommen unterschiedliche Deutungsmuster und Antwortmöglichkeiten. Nicht umsonst ist der komplexe Heimatbegriff etwa in soziologischen Kreisen mitunter heiß umfehdet.

Mit dieser Thematik setzt sich auch die deutschstämmige Starfotografin Ellen von Unwerth in ihrem programmatisch betitelten Bildband „Heimat“ auseinander - allerdings auf ihre ganz eigene, unkonventionelle Art und Weise. Als gefragte Fotokünstlerin ist von Unwerth  zwar längst eine Fixgröße des internationalen Jetset, ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie jedoch im Allgäu. In ihrem Coffee Table-Buch -  eigentlich so etwas wie ein ausgedehntes Foto-Essay zur Thematik - blickt sie zurück und geht zusammen mit einer illustren Schar von Models back to the roots. Bei aller Nostalgie die in ihren Bildern mitschwingt handelt es sich hier jedoch nicht nur um fellinieske Amacord- Momente sondern auch um ein frivoles und subversives Spiel mit Konventionen: rustikale Hütten, Berglandschaften, saftige Wiesen, fotogene Dirndl-Styles....und äußerst kinky Countyrgirls? Richtig, denn daran, dass es auf der Alm wirklich koa Sünd' gibt, glaubte eh niemand - auch schon lange vor gewissen Franz Antel-Streifen aus den Siebzigern.

Die Model Squad mit der Unwerth Almöhis schockiert ist jedenfalls nicht nur agrarwirtschaftlich versiert, sondern hat  mitunter erotische Freizeitaktivitäten ganz im Stil eines gewissen Grafen Leopold aus Österreich im Sinne. Unwerth inszeniert  die Girls in der für sie typischen Pinup-Manier und kontrastiert ihren Glamour mit der ursprünglichen Umgebung. Die todschicken „Bauernmädel“ kommen  augenzwinkernd von einer misslichen Situation in die nächste– die „Damsels In Distress“ auf der Heide. 

Freimütig im Freistaat heißt die Devise; ob das nun den konservativen Zirklen Bayerns  gefallen dürfte, bleibt fraglich - als Ode an das Landleben, die Lust auf  Urlaub dahoam macht, sind diese Bilder aber wesentlich effektiver als so manche Fremdenverkehrs-Werbekampagne der letzten Zeit. Warum auch in die Ferne schweifen wenn das Gute (und Verruchte)  so nah liegt?

Unwerths rurales Fanatsialand ist der etwas andere Jungbäuerinnen-Kalender, der bei allem subversiv-augenzwinkernden Spaß  auch eine durchaus ernsthafte Auseinandersetzung mit der eingangs erwähnten Heimat-Frage darstellt. 

Heimat von Ellen von Unwerth, Hardcover, erschiene im Taschen Verlag

Ein exklusiver Blick ins Buch:

Ellen von Unwerth Heimat Fashion Style Dirndl Taschen Verlag Buch
Credit Bild: © Ellen von Unwerth
                                                      
Ellen von Unwerth Heimat Fashion Style Dirndl Taschen Verlag Buch
Credit Bild: © Ellen von Unwerth

Ellen von Unwerth Heimat Fashion Style Dirndl Taschen Verlag Buch
Credit Bild: © Ellen von Unwerth

Ellen von Unwerth Heimat Fashion Style Dirndl Taschen Verlag Buch
Credit Bild: © Ellen von Unwerth

Credit Bild: © Ellen von Unwerth

Ellen von Unwerth Heimat Fashion Style Dirndl Taschen Verlag Buch
Credit Coverbild: © Taschen Verlag   Ellen von Unwerth

Freitag, 28. Juni 2024

QUEEN HAUTNAH

Credit Coverbild: © Peter Hince  Hannibal Verlag
Jahrhundert-Frontman Freddie Mercury, der die Bühne „owned“ und zum treibenden Drum N´ Bass-Rhythmus Roger Taylors und John Deacons die Treppe herunterstolziert um seinen Kollegen Brian May, optisch beinahe ein Wiedergänger Ludwig XIV., vor seiner Wand von Vox-Verstärkern  zu treffen. Dazu noch oft extravagante Outfits und als Klimax die britische Nationalhymne sowie Mercury mit Krone und standesgemäßem Hermelin-Mantel…Der Pomp und die Theatralik waren ein wesentlicher Bestandteil der Band Queen. Ihre damit einhergehende Fotogenität machte sie zum beliebten Motiv für Rock Photographers, die nicht lange darauf warten mussten, bis sich Diva Freddie wieder in eine Pose für die Ewigkeit warf.

Dementsprechend gut sind die knapp zwei Jahrzehnte, die zwischen dem selbstbetitelten Debütalbum und dem frühzeitigen Tode Mercurys liegen dokumentiert. Als geneigter Fan kann man also durchaus meinen, schon so gut wie alles von dieser Band gesehen zu haben. Doch weit gefehlt! Ein neu erschienener Hochglanz-Bildband belehrt einen eines Besseren. Darin öffnet der britische Fotograf Peter Hince sein extensives Bild-Archiv und zeigt seitenweise rare, bislang ungesehene Aufnahmen aus jener Zeit, in der er Queen so nah kam, wie es der Titel dieses Buchs andeutet.

Hince war eigentlich Werbefotograf, bevor er Queen  11 Jahre lang als Member der Roadcrew  begleitete und so auch dort Zutritt erhielt, wo es sonst „No Trespass“ hieß. Seinen ursprünglichen Brotberuf merkt man als Betrachter seiner oft durchkomponierten Bilder deutlich (das beginnt schon beim geradezu filmischen Buchcover, das einen ein Shot wie aus einem Scorsese-Film zeigt). Das Buch verspricht „Noch nie gezeigte Fotos, Raritäten und faszinierende Einblicke in das Leben der Rockband" und das ist nicht übertrieben. Ob es um das Equipment Mays abseits seiner Red Special Gitarre, spektakuläre Gigs oder Candid-Shots aus dem Studio geht -  selbst der langjährige Fan wird in diesem empfehlenswerten Bildband etwas Neues entdecken.

QUEEN HAUTNAH von Peter Hince, erschienen im Hannibal Verlag


Donnerstag, 27. Juni 2024

MUSIC AMERICA: Iconic Objects from America's Music History - Ausstellung in Austin, Texas

Flying V Gibson MUSIC AMERICA: Iconic Objects from America's Music History - Ausstellung in Austin, Texas
Credit Bild: © LBJ Library, Jay Godwin
Wie man die eigene popkulturelle Vergangenheit ausführlich dokumentiert und gebührend zelebriert, das wissen die Amerikaner. So bleiben selbst ikonische Instrumente und Memorabilia im Wert mehrerer Millionen oft nicht dauerhaft in Vaults verstaut, sondern können in regelmäßigen Abständen in größeren und kleineren Ausstellungen bewundert werden. Ganz nah dran an Stage Outfits oder Gear, auf der bedeutende Aufnahmen eingespielt wurde ? Das ist im Land des Spektakels durchaus möglich. Eine ganz besondere Gelegenheit dazu gibt es gerade jetzt in hochoffiziellem Rahmen in Austin, Texas.

Denn die Lyndon B. Johnson  Presidential Library feiert in ihren Hallen in Zusammenarbeit mit dem Bruce Springsteen Archives & Center for American Music at Monmouth University zeigt noch bis 11. August hunderte Objekte, die nicht legendärer sein könnten:

Stevie Ray Vaughans „First Wife“- Strat sowie die weiße Fender seines Bruders Jimmie, einen Brief von Janis Joplin, rote Boots des ewigen „Singing Cowboy“ Gene Autry, eine der vielen Exemplare von B.B. Kings „Lucille“, eine Statue von RCA Victor-Hund Nipper,  eine Trompete von Dizzy Gillespie und und und….Die schiere Menge an Raritäten sowie ihre historische und ideelle Bedeutung sind beeindruckend, viele dieser Exponate erwecken geradezu Ehrfrucht im Betrachter. 

Wer sich also diesen Sommer auf Südstaaten-Trip in den USA befindet, sollte dem Lone Star State unbedingt einen Besuch abstatten und sich diese Exhibition nicht entgehen lassen.

Mehr Infos unter: Music America: Iconic Objects from America's Music History (lbjlibrary.org)

Ein exklusiver Rundgang durch die Ausstellung:
MUSIC AMERICA: Iconic Objects from America's Music History - Ausstellung in Austin, Texas Jimmie Vughan Texas Blues Strat Fender Stratocaster White Weiß
Credit Bild: © LBJ Library, Jay Godwin


MUSIC AMERICA: Iconic Objects from America's Music History - Ausstellung in Austin, Texas BB KING Lucille Gibson
Credit Bild: © LBJ Library, Jay Godwin


MUSIC AMERICA: Iconic Objects from America's Music History - Ausstellung in Austin, Texas Synth
Credit Bild: © LBJ Library, Jay Godwin


MUSIC AMERICA: Iconic Objects from America's Music History - Ausstellung in Austin, Texas  Nipper RCA DOG
Credit Bild: © LBJ Library, Jay Godwin


MUSIC AMERICA: Iconic Objects from America's Music History - Ausstellung in Austin, Texas Nipper RCA DOG
Credit Bild: © LBJ Library, Jay Godwin


MUSIC AMERICA: Iconic Objects from America's Music History - Ausstellung in Austin, Texas  John Lee Hooker Guitar
Credit Bild: © LBJ Library, Jay Godwin


MUSIC AMERICA: Iconic Objects from America's Music History - Ausstellung in Austin, Texas  Dizzy Gillespie Jazz
Credit Bild: © LBJ Library, Jay Godwin



Montag, 24. Juni 2024

JEFF BECK 80

 


Jeff Beck Hollywood Live Guitar Cover
Credit Coverbild: © Universal Music  Eagle Rock Entertainment
Heuet wäre Jeff Beck 80 Jahre alt geworden. Anlässlich des Geburtstages dieser leider im Vorjahr verstorbenen Legende ein #Throwback zu zwei Features, die einerseits ein Retrospektiv-Konzert in Los Angeles als auch eine Dokumentation über das Leben und die Karriere Becks beleuchten.

JEFF BECK LIVE AT THE HOLLYWOOD BOWL: Ein Brite und die Entdeckung der Mikrotonalität: 

Er ist ein quintessentieller „guitarist´s guitarist“ - ein Virtuose, dessen beeindruckende Beherrschung der sechs Saiten in Musikerkreisen Ehrfurcht und Bewunderung erzeugt, dem jedoch der ganz große Erfolg im Mainstream immer verwehrt geblieben ist.
Vielleicht war es genau dieser Umstand, der den britischen Ausnahmegitarristen Jeff Beck rastlos und experimentierfreudig bleiben ließ. Becks idiosynkratrischer, gänzlich unorthodoxer Spielstil ist eine faszinierende Benchmark in Sachen Ton-Manipulation: Seine Fender Stratocaster lässt er im wahrsten Sinne des Wortes einmal singen, plötzlich wimmern und im nächsten Moment kreischen. Beck balanciert auf der feinen Linie zwischen kontrollierter Aggression und Melodik. Mit seiner Kombination aus Volume-Swells, Whammy-Techniken und präzisen, mikrotonalen Bends und Tonverschiebungen nähert er sich auf instrumentalem Wege dem Ideal des menschlichen Gesangs an.

Dass sich Beck im Laufe seiner Karriere nie lange in eine Genre-Schublade zwängen ließ,
und mit Blues Rock, Rockabilly, Fusion-Jazz oder zeitgeistigem Electronic Rock experimentierte machte seine ohnehin anspruchsvolle, häufig instrumentale Musik für viele nicht eben zugänglicher. Jene Vielfältigkeit spiegelt sich auch in der Setlist des anlässlich des 50-jährigen Karriere-Jubiläums Becks in L.A. abgehaltenen Gigs wieder, dessen Mitschnitt nun von Universal/Eagle Rock released wird.
Unterstützt von einer  verhältnismäßig jungen Band (u.a. mit der hippen Gitarristin Carmen Vandenberg) spielt sich Beck durch eine Retrospektive seiner 5 Jahrzehnte andauernden Karriere und spannt den Bogen von frühen Yardbirds-Psychedelia-Hits („Heart Full Of Soul“ oder „For Your Love“) über robusten Blues-Rock („Beck´s Bolero“) und unterkühltem Fusion Jazz bis zum – nun ja, gewöhnungsbedürftigen – jüngsten Noise-Album „Loud Hailer“.
Das Bühnenbild der Konzert-Venue - der berühmte Hollywood Bowl in der Stadt der Engel - ist äußerst reduziert, geradezu nüchtern. Auf Showeffekte wird gänzlich verzichtet;  Let the music do the talking. Da es sich um ein Anniversary-Konzert handelt, dürfen natürlich auch prominente Gäste nicht fehlen: Mit Steven Tyler spielt er „Train Kept A-Rollin´“ – das seit Jahrzehnten zu einem Fixpunkt bei Aerosmith-Gigs zählt und das Jeff in der von Rockabilly zum Bluesrock-Stampfer umgedeuteten Version seinerzeit mit den Yardbirds spielte - verewigt u.a. in Michelangelo Antonionis Sixties-Kultfilm „Blow Up“.

Zum Blues und den frühen Inspirationsquellen des Jeff B. schließt sich auch der Kreis, wenn Beck mit  Buddy Guy eine besonders ruppig-ungeschliffene Version von „Let Me Love You Baby“ raushaut. Mit Keyboarder Jan Hammer duelliert er sich wie in den 70s im Fusion Bereich und mit Billy F. Gibbons von ZZ TOP gibt’s zwar leider keinen Texas Shuffle, dafür eine gefühlvolle 80s Ballade („Rough Boy“). Sänger Jimmy Hall (man hörte ihn auf dem 1985er Beck-Album „Flash“) wurde ebenso eingeladen, genauso wie Soul-Röhre Beth Hart, die bei  „I´d Rather Go Blind“ und „Purple Rain“  - als Tribute an den zum Zeitpunkt des Konzerts erst unlängst verstorbenen Prince – alle Register der Honky-Tonk-Koloratur zieht.

Fazit: „Live At The Hollywood Bowl“ ist eine schöne Werkschau einer wechselvollen Karriere. Gerade die DVD bzw. Blu ray des Hollywood Bowl Konzertes erlaubt es Gitarristen  dem Meister ganz genau auf die Finger zu schauen um herauszufinden, wie die Grenzen dessen ausloten ließ, was auf einer Gitarre überhaupt machbar ist.

 STILL ON THE RUN - THE JEFF BECK STORY


Jeff Beck Garage Doku Documentary Still On The Run Cover Blu ray
Credit Coverbild: © Universal Music
Der Titel dieses Dokumentarfilms ist programmatisch: „Still On The Run“ –  Beck war stets ein Suchender, ein unruhiger Geist, der nur im permanenten Experiment seine Erfüllung fand und nie still stand. Inspiriert von den frühen Pionieren des Rock N´ Roll und ihrem revolutionären Erfindungsreichtum tüftelte er stets an neuen Klängen. Die psychedelisch-experimentellen Sixties waren für diesen passionierten Klangforscher der ideale Nährboden und Backdrop. Dass er immer auf der Suche – bzw. eben still on the run ist – sorgte dafür, dass es ihn nicht lange beim Blues- und Psychedelic-Rock hielt und er sich  in den Siebzigern dem rein instrumentalem Jazz Rock zuwandte und bis heute konstant die Grenzen avantgardistischer Musik auslotet.
Jeff Beck  Doku Documentary Still On The Run
Credit Bild: © Universal Music
Jeff Beck Garage Doku Documentary Still On The Run
Credit Bild: © Universal Music
Neben seiner Passion für die Sechssaitige ist Beck auch ein ausgewiesener "grease monkey",  ein Autoschrauber, der gern selbst seine teuren Vintage Vehikel zerlegt (siehe Bild oben). Die sich hier offenbarende Parallele zu seinem unorthodoxen Spiel mit musikalischen Normen oder sog. Regeln ist evident.
Wie einflussreich dieses Spiel ist, zeigt sich auch wieder einmal in den zahlreichen All Star-Interviews mit prominenten Freunden, Zeitgenossen und Bewunderern, die für "Still On The Run" geführt wurden.  
Sie verdeutlichen den Ausnahmestatus den Beck bei seinen Kollegen wie EC, Jimmy Page, Joe Perry, Billy Gibbons  oder Slash genießt. Nicht ohne Grund gilt Beck – ein Mann der stets etwas im Schatten des Mainstreams stand – als ein quintessentieller "guitarist's guitarist".
Credit Bild: © Universal Music
Jeff Beck Garage Doku Documentary Still On The Run
Credit Bild: © Universal Music
Jeff Beck Guitar Darrel Higham
Credit Bild: © Universal Music
"Still On The Run" ist ein temporeicher, Film, der ein ziemlich  genaues, detailliertes Portrait der Legende zeichnet. Als Zuseher hat man das Gefühl Beck nun besser zu vestehen und ev. auch seine Karrierentscheidungen nachvollziehen zu können. Für mich als jahrelangen Beck-Fan war diese Dokumentation daher ungemein  faszinierend: Ein komplexes Portrait eines Individualisten, der sich nie anpassen konnte und wollte und ein wirklich empfehlenswerter Film.

Samstag, 22. Juni 2024

ABBEY ROAD - Die Geschichte des berühmtesten Musikstudios der Welt

Abbey Road Buch Buchcover Studio Legendary Beatles John Paul Geoge Ringo David Hepworth Wall
Credit Coverbild: © HannibalVerlag
Was haben Pink Floyds „Dark Side Of The Moon“, Yehudi Menuhins frühe Aufnahmen mit Sir Edward Elgar, Krzysztof Komedas Wiegenlied aus Roman Polanskis „Rosemary´s Baby“, John Williams “Star Wars“-Score und Lady Gagas “Born This Way“ gemeinsam ? Nun, sie alle wurden am selben Ort aufgenommen und so für die Ewigkeit konserviert: in den heiligen Hallen von Abbey Road im Londoner Stadtteil Westminster. Es ist ein Studio, das neben seinen berühmten, von Fachleuten geschätzten akustischen Eigenschaften auch ideell gesehen nicht legendärer sein könnte und dessen Historie so vielschichtig und weitreichend ist, dass sein geradezu magischer „Pull“ bis in die Neuzeit reicht - und auch eine neue erschienene 376-seitige "Biographie eines Gebäudes" locker füllt.

Auch ohne Google Maps oder Ortskenntnis kann man Abbey Road schwer verfehlen, dafür sorgen schon unzählige Musikfans und Touristen, die alle auf den idealen Moment warten, um ungestört den wohl berühmtesten Zebrastreifen der Welt zu überqueren und so auf den Spuren von John, Paul, George und Ringo zu wandeln - die einst für das Cover ihres nach dem legendären Studio benannten Album ebenjenen Weg zu ihrer Arbeitsstätte passierten. Zusammen mit ihrem Produzenten George Martin definierten die Fab Four dereinst neu, was ein Studio überhaupt sein kann: Nicht bloß ein Ort, an dem qualitativ hochwertige Aufnahmen unter möglichst guten Bedingungen gemacht werden, sondern ein eigenes Musikinstrument, das man in kreativer Art und Weise spielen bzw. einsetzen kann. 

Es sind jedoch nicht "nur" die Beatles-Recording Sessions, welche dieses Studios während seines beinahe einhundertjährigen Bestehens zu dem gemacht haben was es ist , wenngleich man anmerken muss, dass wenn  s um den Titel des berühmtesten Studios geht,  auch Sun Records in Memphis, das Sunset Sound Studio in L.A. oder das RCA Studio B in Nashville ein Wörtchen mitzureden haben. Eingeleitet vom Vorwort Sir Paul McCartneys,dokumentiert Hepworth wirtschaftliche Querelen (auch an einem so sagenumwobenen Ort wie Abbey Road kam es mitunter zu Zerwürfnissen und nicht eben hilfreicher Erbsenzählerei) und genre-übergreifend bedeutsame Aufnahmen. Dabei fördert er auch  wenig bekannte Fakten zu Tage, wie etwa dass dort Widerstandlieder gegen Nazi-Deutschland aufgenommen wurden.

Hepworth ist derzeit einer der besten Autoren, die über Populärmusik schreiben. Jedes seiner Bücher ist eine kunstvoll geschriebene Zeitreise und auch sein "Abbey Road"-Buch bildet da keine Ausnahme, wenngleich sein virtuoser Einsatz von Sprache und sein trockener britischer Wortwitz in der deutschen Übersetzung ein wenig leiden. Dennoch ist seine Chronik dieses ikonischen Studios ein unterhaltsamer und informativer Streifzug durch einen magischen Ort der Musikgeschichte. 

ABBEY ROAD - Die Geschichte des berühmtesten Musikstudios der Welt, von David Hepworth erschienen im Hannibal Verlag

Mittwoch, 19. Juni 2024

INTO THE GROOVE - Vinyl-Kult: Die Geschichte der Schallplatte

Into The Groove Vinyl Kult Buch Book Cover Schallplatte Platte Prestel Verlag Records
Credit Coverbild: © Prestel Verlag
Extrem rückläufige CD-Verkäufe, der frühzeitig ausgerufene Tod des Albums, Verschiebung des Umsatzes in den digitalen Bereich der Streaming-Plattformen, Artists, die nur mehr durch Tourneen Umsatz machen und dann noch Fans, die Playlists und Flatrate-Abos einem physischen Tonträger-Kunstwerk vorziehen: die Anzeichen für die Krise der Musikbranche sind mannigfaltig und schwer zu übersehen.

In einem Bereich sieht es jedoch gänzlich anders aus, hier werden sogar Zuwächse verzeichnet. Ausgerechnet der lange Zeit vernachlässigte Vinyl-Sektor erweist sich in den letzten Jahren als gallisches Dorf. Zwar wurde die gute alte Schallplatte schon oft für obsolet erklärt und  aussortiert, doch Totgesagte leben bekanntlich länger. Getreu dem Motto „Back In Black“ ist das schwarze Gold gefragt wie seit den frühen Achtzigern nicht mehr und damit ein gutes Beispiel für die Gültigkeit des Riepl´schen Gesetzes, das besagt, dass kein Medium je vollständig von einem anderen verdrängt wird. Während die widerstandsfähigere Compact Disc, die ja einst die Schallplatte ablösen sollte, umsatztechnisch strauchelt, werden alte Werke für Schallplattenproduktion aufgerüstet um der großen Nachfrage Herr zu werden.  Dabei ist die Platte nicht nur für Nostalgiker oder audiophile Hardcore-Sammler, die ihren warmen Klang schätzen, interessant. Auch als hippes Lifestyle-Produkt für eine neue Generation, die in einer Zeit des Ephemeren das Authentische und Echte sucht, erfreut sie sich zunehmender Beliebtheit (dass ein Teil dieser Kunden ihre Platten mehr als Deko-Gegenstand (v)ersteht und sie gar nicht abspielt, steht wiederum auf einem anderen Blatt).

Anlässlich des 75. Jubiläums dieses Tonträgers (anno 1948 brachte Columbia Records die ersten Langspielplatten auf Vinyl auf den Markt ) nehmen im Buch „In the Groove“ fünf renommierte Musik-Journalisten die Geschichte des runden Kultobjekts unter die Lupe. Und diese Geschichte hat so einiges zu bieten: technische Errungenschaften, ikonische Plattencover (die natürlich im Großformat am besten zur Geltung kommen), legendäre Labels und eine ganze Subkultur von Aficionados. Der kompakte Bands ist ein veritables Nachschlagewerk voll von mitunter faszinierenden Trivias . Wer nach der Lektüre keine Lust bekommt entweder seine Vinyls abzuspielen oder aber eine Collection zu starten, dem ist nicht zu helfen. Denn das inhärent sinnliche im Ritual des Auflegens einer Platte (Bedächtigkeit, das ASMR-artige Knistern, das Zelebrieren des Audio-Genusses) unterstützt die ohnehin schon eine neuroplastische Erfahrung von Musik. "Into The Groove" ist eine gelungene Ode an einen Tonträger, der noch lange nicht zum alte Eisen gehört und eine regelrechte Celebration des Vinyl-Fetischismus.

Into the Groove. Vinyl-Kult: Die Geschichte der Schallplatte von Gillian G. Gaar, Martin Popoff, Richie Unterberger, Matt Anniss und Ken Micallef, erschienen im Prestel Verlag

Dienstag, 18. Juni 2024

ROY LICHTENSTEIN - MONOGRAPHIE ZUM 100.GEBURTSTAG

Roy Lichtenstein Albertina Buch Book Cober Blonde Man Kiss Popart Pop Art Kunst Modern Fifties Vinatge Retro
Credit Coverbild: © Prestel Verlag
Mickey Mouse, Onomatopoesie, knallige Farben, markante Ben-Day Dots, Don Draper-artige Business-Supermänner, archetypische Blondinen und Raketen als Zeichen des Space Age der Eisenhower-Ära. Die Kunst Roy Lichtensteins, einem der Hauptvertreter der Pop Art, die den Kunstmarkt ab den 50ern revolutionierte, ist nicht nur "as american as apple pie", sondern auch vollkommen unverwechselbar. Trotz seiner Omnipräsenz auf Postern und Merchandising und einer vermeintlich leichten Zugänglichkeit, die ihn selbst bei Kunstlaien populär gemacht hat, verbirgt sich eine ungewöhnliche Tiefe in seinen Werken, in denen er Kommerz und Wegwerfkultur ebenso mythisch überhöhte wie hinterfragte. 

Im letzten Oktober wäre Lichtenstein, dessen Karriere erst mit Ende Dreißig abhob, 100 Jahre geworden. Anlässlich dessen fokussiert ein neuer Bildband, der begleitend zu einer großen Ausstellung in der Wiener Albertina erschienen ist, auf sein ungemein vielschichtiges Schaffen und versucht neben einer klassischen „Greatest Paintings“-Werkschau auch weniger bekannte Facetten dieses einflussreichen Künstlers zu beleuchten - und so auch den Mann hinter den überlebensgroßen Kunstwerken zu zeigen.

Die Pop Art, einst als Gegenbewegung zum oft als intellektueller angesehenen abstrakten Expressionismus gegründet, wandte sich Themen zu, die eher im Trivialen angesiedelt waren. Damit spiegelte sie die neue Lebensrealität der Konsumgesellschaft im wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg wider und kreierte eine neue Bildsprache. Personen und Sujets aus der Populärkultur sowie Alltagsprodukte konnten nun zum Kunstwerk werden. Lichtenstein selbst sagte einmal, dass ein großer Teil der menschlichen Kommunikation auf die eine andere Weise von Werbung beeinflusst wird - dies ist zwar typisch für den Zeitgeist der  "Mad Men"-Epoche, mutet angesichts der heutigen Medien-Kultur allerdings auch prophetisch an. 

Zeitgenössische Kunstkritiker stieß all dies jedoch oft vor den Kopf. Berüchtigt ist etwa die Headline eines Times-Artikels, der fragte ob Lichtenstein „The Worst Artist in the U.S.?" sei. Heute wundert man sich ob solcher Fehlinterpretationen  gehört doch die von Künstlern wie Lichtenstein propagierte Verschmelzung von Low und High Art längst zum Standard in den Galerien. Allerdings muss man sich vergegenwärtigen wie radikal anders Lichtensteins Kunst damals war und wie sehr er in den 50ern mit Sehgewohnheiten brach. Comics hatten zu jener Zeit einen völlig anderen Stellenwert als heute. Weit davon entfernt als Kunst angesehen zu werden, wurden diese Heftchen von Älteren oft belächelt, ein Wegwerfprodukt für Kids (nicht viele hatten etwa die Voraussicht die erste DC Comics oder Action Comics Ausgabe mit den ersten Auftritten von  Batman oder Superman, die heute für Unsummen gehandelt werden, aufzuheben).                                                                                                      Lichtenstein nahm die kleinen Comic-Panele, blies sie auf und machte sie zum Monument. Durch den  geradezu filmischen Zoom auf Hyper-Details (etwa Münder oder tränende Augen) übersteigerte er die ohnehin plakative Bildsprache der Comics noch zusätzlich und arbeitet so neue Interpretationsmöglichkeiten heraus. Hinzu kommt sein modernes Spiel mit Intertextualität, wenn er etwa bewusst Werke von  Pablo Picasso oder Piet Mondrian zitiert und sie mit seinem eigenen Stil verschmilzt.

Diese Zeitlosigkeit und (Post-)Modernität ist es auch, die in dieser Jubiläums-Monographie besonders gut herausgearbeitet wird. In die Tiefe gehende Essays setzen sich etwa mit Lichtensteins Verbindung zur Popkultur, seinem Frauenbild oder seinen "Impersonal Paintings" auseinander. Zahlreiche qualitativ hochwertige Abbildungen zeigen die Entwicklung seines Stils von den persönlichen Sourcebooks über Frühwerke hin zu den allgemein bekannten Werken. Die Herausgeber achteten dabei sehr genau darauf auch darauf Arbeiten zu zeigen, die man mitunter selten sieht, wie etwa die "Nudes" oder Skulpturen. Der Bildband zum "Centennial" wird dadurch zu einer der bisher komplettesten Werkschauen eines Künstlers, der die ewige Frage von "Kunst oder Kommerz"  auf seine ganz eigene Weise beantwortete.

Roy Lichtenstein von Gunhild Bauer (Hrsg.) und Klaus Albrecht Schröder (Hrsg.), erschienen im Prestel Verlag

Sonntag, 16. Juni 2024

AC/DC - For Those About To Rock 50th Anniversary Edition

AC/DC  For Those About To Rock Jubiläum Buch Book Cover Blitz Paul Elliott Edition Olms Rock N´ Roll
Credit Coverbild: © Edition Olms

Es gibt da eine ganze Reihe von launigen Zitaten, in denen Angus Young, der Gibson SG-schwingende Lead Gitarrist der australischen Hardrock-Legenden AC/DC, den Vorwurf von Kritikern aufgreift, der Sound der Band aus Down Under wäre monoton, derivativ und zu simpel: „Meine Frau sagt, sie erkennt ein Riff der Rolling Stones sofort an den klassischen drei Akkorden. Sehr schön, sag’ ich dazu, aber viel zu aufwendig“.  Ein anderes historisches Zitat schlägt in dieselbe Kerbe: „Ich kann es nicht mehr hören, wenn die Leute sagen, wir hätten elf Alben gemacht, die alle gleich klingen. Es waren zwölf.“

Nun gut, die (mittlerweile) 17 Studio- und 4 Live-Alben von AC/DC weisen sicher nicht die Varianz der Diskographie eines  avid Bowie auf. Doch Young kokettiert hier selbstironisch damit, dass diese Band eben genau das hat, von dem viele Musiker träumen: einen auditiven Fingerabdruck. Einen Signature-Sound der in seiner unverwechselbaren Mischung aus präzisen Riffs, eruptiven Soli, treibenden Rhythmen und Reibeisen-Gesang zu den großen Trademarks im Rock-Genre zählt. Wenn man in Musikerkreisen  vom zigfach kopierten „australischen Sound“ spricht ist eben meist das uhrwerkartige Zusammenspiel der Gebrüder Young und weniger Dance-Pop von Kylie Minogue gemeint. Und dies ist ein wesentlicher Aspekt des Erfolgsrezepts dieser seit etwas mehr als 50 Jahren bestehenden Band, die  mit „Back In Black“ das weltweit zweitmeistverkaufte Album (nach Michael Jacksons „Thriller“) im Backkatalog hat.

All diese Superlative spielen natürlich auch in der neu erschienenen, äußerst umfangreichen  Jubiläums-Chronik „For Those About To Rock“ eine gewichtige Rolle. Sie allein würden diesen Band jedoch noch nicht unbedingt besonders machen, denn Biographien über AC/DC gibt es schon so einige. Es ist die Mischung aus Hochglanzbildern gepaart mit zahllosen, von Autor Paul Elliott im Superzoom herausgearbeiteten Details und plastischen Anekdoten (etwa über die mitunter autobiographische Färbung der berüchtigten dirty Lyrics der Band), die hier präsentiert werden, die selbst dem jahrzehntelangen Fan ein Lächeln ins Gesicht zaubern.  

Elliott ist Veteran des Musikjournalismus und ausgewiesener Genre-Experte, der seine Karriere 1985 als Autor fürs legendäre „ Sounds“-Magazin begann und nach Stationen bei „Kerrang!“, „Q“, oder dem „Metal Hammer“ nun für „Total Guitar“ und „Classic Rock“ schreibt, sowie als Verfasser einschlägiger Fachliteratur tätig ist. Dies merkt man auch deutlich, wenn man durch die 240 reich bebilderten Seiten dieses Buchs blättert: exzellent recherchiert und ebenso gut geschrieben liest man von Triumphen und Tragödien, Besetzungswechseln und Konstanten seit dem Debüt „High Voltage“, von Marksteinen und Exzessen und vom Kunststück als Gruppe über Jahrzehnte relevant und stadionfüllend populär zu bleiben.

„For Those About To Rock“ ist somit eine gelungene Retrospektive auf eine der einflussreichsten Bands des harten Rock.

AC/DC - For Those About To Rock von Paul Elliott, erschienen bei Edition Olms

AC/DC  For Those About To Rock Buch Bon Scott Blitz Paul Elliott Edition Olms
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AC/DC  For Those About To Rock Buch Book Chuck Berry  Blitz Paul Elliott Edition Olms
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Freitag, 31. Mai 2024

CLINT EASTWOOD - Der legendäre Filmemacher und sein Werk

Clint Eastwood Cover Buch Filmemacher
Credit Coverbild: © Edition Olms
Er verkörperte zwar den „Man With No Name“, der als schweigsamer Fremder mit Worten sparsamer als mit seinen Patronenkugeln umging und in den Sechzigern zum Synonym für den modernen Westernhelden wurde - doch der Name „Clint Eastwood“ selbst ist fraglos eine der wenigen Marken, die in Hollywood über Jahrzehnte Bestand haben - wie seine ungebrochene Popularität, eine ungemein extensive Filmographie oder Oscars für so unterschiedliche Werke wie "Erbarmungslos" und "Million Dollar Baby" verdeutlichen. Heute, am 31. Mai 2024,  wird The Man, The Myth, The Legend unglaubliche 94 Jahre alt. Anlässlich dessen ist im Olms Verlag eine kompakte Retrospektive auf das vielfältige Schaffen Eastwoods, das keine Genre-Grenzen kennt, erschienen.

Dabei wagt Autor Ian Nathan, der Chefredakteur und Herausgeber des renommierten  Empire Filmmagazins war und heute als gefragter Autor mit einer Buch-Reihe über bekannte Directors tätig ist, einen kleinen Kunstgriff. Wie schon der Titel andeutet geht es hier nicht vornehmlich um die ikonischsten Rollen Eastwoods sondern vor allem um seine Arbeit als Regisseur. Fraglos zieht es viele Actors auch hinter die Kamera auf den Stuhl des Regisseurs, doch so gut wie keinem  ist dies so gut gelungen wie Eastwood.

Die Frühzeit im TV („Rawhide“ war der Start seiner Karriere im Western-Genre ehe er nach Italien ging und mit den "Dollar"-Filmen seinen Durchbruch feierte)  und die Arbeiten mit Leone und Don Siegel kommen zwar vor, sind allerdings nicht der Hauptfokus dieses Bands. Natürlich muss man sich die Frage stellen inwiefern man dem Phänomen Eastwood wirklich gerecht wird, wenn man Parts die nicht bloß Rollen sondern Ikonen geworden sind mit nur wenigen Absätzen abhandelt. Dies ist auch das einzige Manko dieses gut geschriebenen  Buchs, denn gerade  diese Rollen waren es, die sich als so immens einflussreich erwiesen. 

Auch wenn man diesen Fokus (der letztlich eine gewisse Limitation in der Auseinandersetzung mit dem vielseitigen Künstler darstellt) durchaus etwas kritisch sehen kann, muss man anerkennen, dass dieses Buch exzellent recherchiert ist . Den journalistischen Background des Autors merkt man in jedem Kapitel, auch weil er sich durchaus (film-)kritisch mit dem Werk Eastwoods auseinandersetzt.  Zahleiche Bilder und teils weniger bekannte Trivia-Fakten (wie etwa dass Clint im Rock Hudson-Streifen "Nur Du Allein"  mitgespielt hat oder bei welchen Filmen er, ohne dass es im Anspann erwähnt wurde, die (Co-)Regie übernommen hat) runden den Eindruck ab.

Eastwoods fast sieben Jahrzehnte in der Filmindustrie lassen sich natürlich schwer auf den lediglich 176 Seiten dieses Bands zusammenfassen - zumal man es hier mit einem Multitalent zu tun hat, das auch noch Musiker, Komponist und Produzent, mit einem Händchen für gute Stoffe ist.  Doch Ian schafft es in diesem Buch dennoch einen sehr kompakten Karriereüberblick über die vielen Stationen dieser Legende zu geben und insgesamt ein gutes Portrait eines großen amerikanischen Storytellers zu entwerfen.

Happy Birthday, Mr. Eastwood !

Clint Eastwood - Der legendäre Filmemacher und sein Werk von Ian Nathan, erschienen bei Edition Olms 

Ein Blick ins Buch:
Clint Eastwood Inside Buch Filmemacher
Credit Bild: © Edition Olms

Clint Eastwood Inside Buch Filmemacher
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Clint Eastwood Inside Buch Filmemacher
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Clint Eastwood Inside Buch Filmemacher
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Clint Eastwood Inside Buch Filmemacher
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Clint Eastwood Inside Buch Filmemacher
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Clint Eastwood Inside Buch Filmemacher
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