Montag, 12. Juni 2023

THE BIRTH OF ROCK N´ROLL: 70 YEARS OF SUN RECORDS

Credit Coverbild: © Edition Olms
Obwohl es eine ganze Reihe bekannter und legendärer Plattenlabels gibt, die größer, kommerziell erfolgreicher und mitunter länger aktiv waren oder sind,
nimmt Sam Philips Sun Record Company fraglos eine außergewöhnliche Sonderstellung ein.

Was sich dort in den kleinen Räumlichkeiten mit dem charakteristischen Klang an der 706 Avenue in Memphis, Tennessee  zugetragen hat, war nichts weniger als eine Revolution - wurden hier doch nicht nur große Aufnahmen eingespielt, sondern gleich der ganze Lauf der Musikgeschichte nachhaltig geändert. Die Sonne im Label repräsentierte einen neuen Tag, eine neue Chance - und letztlich den Sonnenaufgang eines neuen bisher nie dagewesenen Sounds; die Verbindung weißer und schwarzer Musiktraditionen im damals noch segregierten Süden. Bei Sun machte der "Man who would be King", Elvis Presley, seine ersten Recordings. Wenig später folgten Jerry Lee Lewis, Carl Perkins, Johnny Cash, Roy Orbison. Auch Blues-Artists wie Howlin´ Wolf und B.B. King war Sun Records zeitweise eine Heimat.

Anlässlich des 70th Anniversary von Sun erzählen Autor Peter Guralnick (der zu den wichtigsten und prominentesten Chronisten amerikanischer Musik gehört und mit seiner zweibändigen Elvis-Biographie ein Standardwerk vorgelegt hat) und Journalist Colin Escott die faszinierende Stories dieses Labels, seines visionären Gründers, seiner Mitarbeiter und der bedeutenden Künstler, die dort den Grundstein einer neuen Musikform gelegt haben. 

"The Birth Of Rock N' Roll" ist ein wunderschöner Coffee Table-Bildband und gleichzeitig ein detaillierteres Geschichtsbuch - das den Leser mit in den Kreißsaal nimmt. Nur dass jener Saal in diesem Fall ein ikonisches Studio ist und man hier nachvollziehen kann, wie ein neuer Sound das Licht der Welt erblickte. Eine tolle Ergänzung für die eigene Musikbibliothek -  noch dazu mit einem Vorwort des im Oktober des Vorjahres leider verstorbenen "Killers" Jerry Lee Lewis. 

The Birth Of Rock N´Roll: 70 Years of Sun Records von Peter Guralnick und Colin Escott, erschienen bei Edition Olms

Donnerstag, 8. Juni 2023

SHOT! BY ROCK

Credit Coverbild: © Edition Olms
Der Fotograf als Beobachter und das Objekt in seinem Kameraobjektiv - durch diese Konstellation  entsteht meist automatisch eine gewisse Distanz. Zumal ein großer Teil selbst gut vernetzter Fotokünstler nur peripher selbst Teil der von Ihnen dokumentierten Szenen und Subkulturen ist. Ganz anders war dies bei Mick Rock, der jenes Genre, das Ihn berühmt machen sollte bereits im Namen trug. Seine Karriere ist die Geschichte eines Mannes, der auszog um ein Abenteuer zu suchen - und es auch fand. 

Die Initialzündung kam für Rock in Studentenzeiten bei einem ersten Ausflug in den die kommenden Dekaden bestimmenden Hedonismus: auf einem LSD-Trip an der Uni Cambridge in den Sixties entdeckte er die Kamera eines Freundes und begann damit zu experimentieren. Unterstützt durch die chemischen Errungenschaften Albert Hofmanns entdeckte er das Kreativ-Kaleidoskop, das dem Fotoapparat innewohnte für sich - und damit gleich die eigene Bestimmung.

Inpiriert vob Surrealsimus und Symbolismus und Bonvivant-Dichtern wie Rimbaud oder Lord Byron entwickelte Rock seinen eigenen Stil und Bildsprache, die Pop (Art) und Kunst verschmolz. Rock hatte nicht nur einen ähnlichen Look wie viele der Bühnen-Heroes, er war auch Fixgröße in der Szene und schoss Bilder die genauso aussahen, wie die Musik klang: laut, bunt, lasziv, erotisch, dangerous. Mit seinem expressiven Stil wurde er einer der einflussreichsten Musikfotografen und zum Chronisten  und gleichzeitigem Partizipant des Rock N´ Roll-Lifestyles.

Bowie, Queen (in Marlene Dietrich-Pose fürs Cover des zweiten Albums), Iggy Pop, Tina Turner, Debbie Harry, Mötley Crüe oder später Miley Cyrus - Rock war über Jahrzehnte der Mann fürs Ikonische, fürs Wilde, fürs Sinnliche. Das Buch „Shot! By Rock“ ist sein Vermächtnis (der Künstler starb 2021). Die hier zu sehenden Fotos wurden noch von ihm persönlich ausgewählt und mit eigenen, extrem aufschlussreichen und unterhaltsamen Kommentaren versehen.

Dieser Großformat-Bildband ist ein mitreißender Streifzug durch „Dekaden der Dekadenz“, der auch weniger bekannte Facetten des "Man Who Shot The Seventies" beleuchtet, wie etwa jene der erotischen Fotografie, seine Kokain-Stillleben oder seine Arbeiten für Hochglanzmagazine.

Blättert man durch dieses karriereumspannende Buch wird nicht nur deutlich, dass "SHOT!" zu den besten Monographien dieser Art zählt, sondern auch wieviele zeitgenössische Fotografen sich von Rock inspirieren haben lassen.

SHOT! By Rock, erschienen bei Edition Olms

RONNIE SPECTOR-MEIN LEBEN

Credit Coverbild: © Hannibal Verlag
Ich erinnere mich noch gut an jenen Moment, in dem ich zum ersten Mal die Ronettes hörte. Es war jene Anfangsszene in Martin Scorseses "Mean Streets" als Harvey Keitel, zuvor schockartig aufgewacht, nun in Zeitlupe zurück auf sein Kissen sinkt und das legendäre Drum Intro von "Be My Baby" eine zerrbildartige Variation einer "Happy Days"-Sequenz einleitete. Diese  Melodie! Auch Jahrzehnte nachdem dieser Song erstmals ein Hit gewesen ist, einfach zu "catchy" um sie zu vergessen. Und dann diese Stimme von Ronnie Spector - bis heute bleibt es mehr als fraglich, ob es je einen Zuhörer gegeben hat, der nicht ihr "Baby" sein wollte, wenn diese zarte und gleichzeitige kraftvolle Voice die Verheißung von immerwährendem Glück aus den Boxen hauchte. 

Doch gehen wir noch weiter zurück zum Anfang des Phänomens Ronnie Spector:
Rock N´ Roll war die erste eigene Musik für die junge Generation. Nicht nur im Klang, sondern auch in den Thematiken, die in den Lyrics behandelt wurden sowie dem Alter der meisten ausübendwn Musiker. Die musikgewordene Elektrizität für eine neue Hörerschaft nach dem zweiten Weltkrieg. 
Einige Jahre nach der ersten Welle des Rock N´ Roll und den Pionieraufnahmen des Genres arbeitete Komponist und Produzent Phil Spector - zunächst nur berühmt, später auch berüchtigt  - an seiner legendären Wall Of Sound: einem dichten Klang für seine „kleinen Opern für Teenager“, Wagner aus der Jukebox, über-orchestrierte Erzählungen über Trennungen und den Rausch junger Liebe. Zu seinen kongenialen Partnerinnen bei der Realisierung dieses Klangideals zählten die Ronettes - mit ihrer Leadstimme Veronica Yvette Bennett, später Ronnie Spector, die im Vorjahr leider verstorben ist.

Ronnie war eine unverwechselbare Ikone- sowohl gesanglich als auch in ihrem Signature-Style mit den Kajal-Cat Eyes und der Turmfrisur, die später u.a. Amy Winehouse inspirieren sollte.  

Die Autobiographie „Mein Leben“ zählt fürs Rolling Stone-Magazin zu den besten Büchern des Genres und wartet mit einem Vorwort von Rolling Stone Keith Richards auf, auch er einer der vielen prominenten Bewunderer dieser aussergewöhnlichen Sängerin. Diese Biographie ist eine ebenso dramatische wie  packende (Emanzipations-)Geschichte über eine so kometen- wie wechselhafte Karriere und eine der großen Frauen der Musikgeschichte.

Mein Leben von Ronnie Spector mit Vince Waldron, erschienen im Hannibal Verlag

ROCK CLASSICS Nr.38: KISS - Das Sonderheft

Credit Coverbild: ©  Universal  Rock Classics/ Slam Media GmbH 
War bei den letzten Ausgaben der Rock Classics-Reihe der Anlass für eine Retrospektive meist ein großes Rock-Jubiläum, ist der Grund für die aktuelle Rückschau ein weniger schöner: denn die legendären Kiss befinden sich derzeit auf ihrer "End Of The Road"-Tour. Aufgrund Corona-bedingter Konzertabsagen läuft diese länger als ursprünglich geplant, findet im Sommer 2023 jedoch nun offenbar wirklich ihren Abschluss – passenderweise zum 50-jährigen Gründungsjubiläum der selbsternannten heißesten Band der Welt.

Die Slam Media-Redaktion legt ob dieses Anniversaries und des bevorstehenden Schlussstrichs unter eine der  erfolgreichsten Geschichten im Rock-Biz ihr vergriffenes Sonderheft (die Erstausgabe erschien bereits 2019) in upgedateter Version neu auf - und wirft auch hier einen genauen Blick hinter die Schminke. Für den Leser gibt es quasi alles was sie schon immer über Starchild, The Demon,  den Spaceman oder The Cat wissen wollten, eine Retrospektive auf die großen und weniger großen Alben, Backstories sowie die wechselvollen Besetzungen und natürlich Streifzüge durch die schier endlosen Weiten des Merchandising - eine Disziplin die  KISS seit ihrem Durchbruch in den Seventies perfektionieren. Dass der Fokus dabei nicht nur auf den bekanntesten Klassikern von "Destroyer" bis "Alive" liegt, sondern auch weniger beachtete Werke eingehend beleuchtet werden und sich zudem einige rare Fotos sowie interessante Interviews auf den Hochglanzseiten finden, macht das Heft auch für langjährige Kiss-Fans lesenswert.

Sonntag, 4. Juni 2023

STREAMS FÜR DICH - 1000 TV-SERIEN FÜR JEDE STIMMUNG

Credit Coverbild: © Edition Olms
Bei einem Blick auf viele der aktuellen Serien-Neuerscheinungen könnte man den Eindruck gewinnen, dass wir den Höhepunkt des "Peak TV" (also jener hochqualitativen TV-Produktionen, die Big Budget-Filmen in nichts nachstehen) bereits hinter uns haben. Nach einigen Jahren auf sehr hohem Niveau scheinen viele Stories einfach schon (aus-)erzählt, die spannendsten Topics längst abgehandelt.

Dennoch war die Auswahl an parallel verfügbaren alten und neuen, hochwertigen Serien noch nie so groß wie jetzt: Von Pionierwerken („Twin Peaks“) über moderne Klassiker („Mad Men“ oder "Sopranos“) hin zu neuen Kleinoden („Blackbird“).

Den Überblick über zig Streamingdienste und Serien zu behalten ist selbst für Vielseher und "Binge Watch"-Junkies so zu einer echten Herausforderung geworden. Das Buch "1000 TV-Serien für jede Stimmung“ versucht nun auf 512 Seiten ein Guide durch diesen Streaming- (und DVD/Blu ray-)Dschungel zu sein. Eingeteilt wird hier weniger nach strikten Genres sondern nach den titelgebenden "Moods" - also Kriterien wie "Wenn du lachen willst" oder "Wenn du schreien willst" etc. 

Das mag zwar doch allzu breitgefasst sein, die Kurz-Artikel mit einer knappen Synopsis weisen dem geneigten Leser und potentiellen Zuschauer dennoch zweckmäßig den Weg. Der Mangel an tiefgehenden Infos ersetzt zwar nicht die eigene Recherche,  macht diesen "Serien-Kanon" jedoch zu einem schnellen Emergency-Ratgeber,.wenn man vor der notorisch unübersichtlichen Netflix-Startseite sitzt.

 STREAMS FÜR DICH - 1000 SERIEN FÜR JEDE STIMMUNG, erschienen bei Edition Olms

Freitag, 26. Mai 2023

QUENTIN TARANTINO - CINEMA SPECULATION

Credit Coverbild: © Reproduced by permission of Harper/an imprint of Harper Collins  
Ein entscheidendes Wesensmerkmal des Kinos im Allgemeinen und Hollywood im Speziellen war immer, dass eine der wenigen Konstanten der Wandel war. Stete Weiterentwicklung, niemals stillstehen, „the revolution will be projected onto the big screen“. Gerade jetzt befinden wir uns wieder in einer derartigen Umbruchphase: das klassische Kinoerlebnis steckt in der Krise, zunehmend austauschbarer werdende Franchise-Movies und „Lowest Common Denominator“-Machwerke, so blutleer wie von einer A.I. ersonnen, sind zunehmend die Norm geworden - eine Revolution die keine ist. Manche sprechen davon, dass die Schlacht bereits geschlagen ist und der Angriff der Intellectual Property-Klonkrieger (auf Kosten originärer Auteur-Werke) schon „erfolgreich“ war. Egal wie man zu der aktuellen Lage stehen mag, die Filmindustrie befindet sich jedenfalls zweifelsohne an einem Scheideweg - wie schon so oft in ihrer Geschichte. 

Des Gefühls dass hier gerade eine richtiggehende Wachablöse stattfindet kann man sich nicht erwehren. Auch weil Quentin Tarantino, jener Regisseur, der das moderne Kino und dessen (Bild-)sprache in den letzten 30+ Jahren wie kein zweiter geprägt und verändert hat, nun mit seinem schon länger angekündigten Rückzug aus Hollywood ernst macht. Nach 10 Filmen soll Schluss sein, das lässt nun nur noch einen finalen Film übrig, der sich gerade in der Vorbereitungsphase befindet. Oft hat QT in Interviews davon gesprochen, dass Regisseure nicht besser werden und es einen gewissen „Tipping Point“ gibt, an dem die Qualität ihrer Filme merklich nachlässt - die Anschauungsbeispiele hierfür liefert die lange Geschichte des Kinos, die Tarantino so gut kennt wie wenig andere. Obwohl man beim Kultregisseur bei weitem nicht von schwindender Kreativität sprechen kann, hat er letztlich schon alles erreicht und auch  das Hollywood 2.0 hat nicht mehr viel mit jenem Ort gemein, dem er in den Neunzigern eine bitter nötige Adrenalinspritze verabreichte.

Dieses wohl wirklich letzte Kinoprojekt (potentielle Serienproduktionen dürften nicht nur Gerüchte, sondern eine realistische Zukunftsoption sein) wird 1977 spielen und eine historische Persönlichkeit , die aber nichts zu den bekannten Protagonisten der damaligen Zeit zählt, als eine der Hauptfiguren haben und - hier schließt sich der Kreis zur bislang jüngsten Release aus der Casa Tarantino - den Titel  „The Movie Critic“ tragen. Denn als ebensolcher betätigt sich auch der Regisseur in seinem neuesten Buch „Cinema Speculation“, das ein Bindeglied zu seinem letzten Film sein dürfte.  

Das Follow Up zur Novelization von „Once Upon A Time In Hollywood“ ist das erste Full Length Non-Fiction-Werk des Autors, im Zentrum stehen Essays über die Filme aus der Ära einer echten cineastischen Revolution, als das „New Hollywood“ das im Studiosystem erstarrte „Old Hollywood“ ablöste. Es ist die Zeit als die Bilder schmutzig und die Hauptfiguren meist entweder gebrochen, Antihelden oder beides waren. Neue Erzählstrukturen, das Aufgreifen der Counterculture-Zeitströmungen veränderte die Art wie Movies gemacht und Stories erzählt wurden – sowohl in den großen Studioproduktionen als auch in den B-Movies. Es ist dies nicht nur die Zeit der Movie Brats wie Martin Scorsese, Steven Spielberg oder Brian De Palma sondern auch die Zeit des cineastischen Sozialisation Tarantinos. Beleuchtet werden Werke, die ihn nie losgelassen haben, wie etwa John Boormans „Deliverance“ oder John Flynns „Rolling Thunder“, Don Siegels „Dirty Harry“, Sam Peckinpahs „Getaway“ oder Martin Scorseses „Taxi Driver“. In einem Gedankenexperiment nicht unähnlich zu den Alternate History-Elementen in „Inglourious Basterds“ oder „Once Upon A Time In Hollywood“ spekuliert Tarantino wie „Taxi Driver“ wohl ausgesehen hätte, wenn Brian De Palma ihn directed hätte. 

 Als  Filmkritiker trat Tarantino schon in Beiträgen für die Website seines „New Beverly Cinema“ sowie für den „Video Archives“-Podcast mit seinem Freund Roger Avary in Erscheinung. Es ist eine weitere Rolle für den Mann der Schauspieler, Auteur, Autor und nun auch Analyst und Historiker ist. Das später bekannte Filmregisseure zunächst als Filmkritiker gerabeitet haben ist in der Geschichte des Kinos gar nicht so selten: Die Gründungsväter der Nouvelle Vague François Truffaut, Claude Chabrol, Éric Rohmer, Jacques Rivette und Jean-Luc Godard waren vor ihrem Durchbruch für die „Cahiers Du Cinema“ tätig. Auch Peter Bogdanovich oder Dario Argento schrieben zunächst Film-Reviews. Der umgekehrte Weg, also dass sich Regisseure nach ihrem Durchbruch öffentlich in filmkritischer Manier mit den Werken ihrer Zeitgenossen auseinandersetzen ist weitaus seltener. Truffaut tat dies in „Mr. Hitchcock wie haben sie das gemacht“ und „Die Filme meines Lebens“. Zu letzterem Werk werden auch bei der Lektüre von Tarantinos Buch Assoziationen wach. Bloß dass Truffaut eher nicht die Atmosphäre eines nur von Schwarzen besuchten Kinos bei einer frenetisch gefeierten Vorführung eines „Blaxploitation“-Films aufgesogen hat oder die Klimax von „Taxi Driver“ mit einem kollektiven Orgasmus für das Publikum verglichen hätte. 

And that´s the thing, man: Tarantino hat hier - wie könnte es anders sein - einen erfrischend unorthodoxen Filmkritik-Band veröffentlicht. Das für derartige Bücher ungewöhnliche, dynamische Tempo (Rückblenden und wilde Tangenten) sind für derartige Werke ungewöhnlich, für den Autor jedoch typisch. Was QT mit Truffaut gemeinsam hat, ist die Verknüpfung lebensgeschichtlicher Elemente und Kunstkonsum.  Denn „Cinema Speculation ist nicht nur ein mit Trivias und Querverweisen gespicktes Werk, sondern auch ein autobiographisches - beinahe ein biographischer Entwicklungsroman. War „Once Upon A Time In Hollywood“ schon QTs „Memory Piece“ so geht er hier nun noch einen Schritt weiter. Der erwachsene Tarantino - nun selbst zweifacher Familienvater - erinnert sich an seine Kindheit, die schon früh maßgeblich von Filmen geprägt wurde.

Ein allzu oft übersehener Aspekt in den Filmen Tarantinos ist ihr hohes Maß an Emotionalität und Sensitivität, ein Element dass gerade in den bittersüßen Elementen von „Cinema Speculation“ zutage tritt, bei der Suche nach Vaterfiguren oder den Enttäuschungen die der kleine Quentin erlebte, etwa durch Floyd einem Ordell-Robbie-artigen Vagabunden, der zwar seine Film-Faszination teilte, sich jedoch nicht als verlässlicher Kumpel für den Kinobesuch erwies.

In „Cinema Speculation“ geht es Tarantino oft ums Close-Up nicht um die Totale, Details stehen im Vordergrund, seien sie nun persönlicher Natur oder im Bezug auf „Filme seines Lebens“.  Hier mischt sich Biographische mit Anekdotischem, Fakten über Klassiker und Kleinode mit alltäglichen Situationen, wie Diskussion über das eben gesehene auf dem „ride home“. In diesen Momenten wendet sich die Kamera von der Leinwand ab, fährt wie in einer Plansequenz heraus aus dem Kinosaal, und fokussiert auf die Kulissen oder hält darauf auf „little q watching big movies“ und fängt dabei jene Momente ein, in der der spätere Kultregisseur geboren wurde. Beim Lesen hat man so immer wieder „Deja Vu“-Momente die einene zu QTs eigener Fiilmographie bringen sowie ein Gefühl, das man nur als „Foreshadowing“ bezeichnen kann und das prägend für zahlreiche Künstlerbiographien ist  (siehe etwa auch Steven Spielbergs „The Fabelmans“): etwa wenn Tarantino einen Dialog mit seiner Mutter Connie, über das Ende von „Butch Cassidy And The Sundance Kid“, ein prototypisches Finale für die damalige Zeit, sowohl formal als auch ins einer Vermeidung eiens „Happy Ends– das legendäre „freeze frame“, das den Moment vor dem Tod der Hauptfiguren festhält – und der Meinung ist, anstatt das blutige Schicksal der von Robert Redford und Paul Newman verkörperten Figuren nicht  zu zeigen - „they shoulda shown it“

„Cinema Speculation“ ist ein Fest für Filmfans - allerdings eines, bei dem sich nur jene amüsieren werden, die zu den Cracks und Auskennern gehören und so über einen reichen Wissensschatz in Sachen Movie History verfügen um den intertextuellen Analysen Tarantinos auch folgen können. Dieser hat ein Werk geschrieben, dass so meta und leidenschaftlich ist, wie seine Filme; das Buch eines Mannes, den die Passion für die bewegten Bilder nie losgelassen hat und dessen Leben und Werdegang letztlich selbst wie der Stoff einer märchenhaften „Es war einmal in Hollywood“-Erzählung anmutet.

Cinema Speculation von Quentin Tarantino, erschienen bei Harper

Mittwoch, 10. Mai 2023

DEPECHE MODE - MEMENTO MORI

Credit Bild: © Anton Corbijn  Sony Muisc
Im Musikvideo zu „Ghosts Again“, der ersten Singleauskopplung des mittlerweile 15.Albums der Elektro-Pioniere Depeche Mode sitzen sich Dave Gahan und Martin Gore schachspielend gegenüber- wie einst Max Von Sydow als Ritter Antonius Block und Bengt Ekerodt als "Der Tod" in Ingmar Bergmans "Das siebente Siegel". Es ist das Spiel der Könige um mehr Lebenszeit, Zug um Zug, das Schachmatt am Ende ist letztlich gewiss. Diese Unausweichlichkeit spiegelt sich nicht nur in der selbst für Depeche Mode-Verhältnisse gedämpften Stimmung dieser Platte sondern auch im Albumtitel wider: Memento Mori - der ewig niederschmetternde Satz der Gewissheit vom Ende, der vom Kalenderspruch bis zum Tattoo-Motiv allzu präsent ist, und dennoch unweigerlich eine ganz neue Bedeutung gewinnt, sobald Individuen mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert werden. So muss es auch  Gahan und Gore gegangen sein als 2022  Keyboarder und Gründungsmitglied Andy Fletcher vollkommen unerwartet verstarb.

Die Songs von "Memento Mori" entstanden zwar vor dem Tod Fletchers, dennoch klingen die neuen Stücke über weite Strecken wie in einer nach dem tragischen Verlust  tattgefundenen, therapeutischen Songwriting-Session ersonnen. Wehmut und permanentes Dunkelgrau sind zwar Trademarks des DM-Stils, Happy Sound war nie die Devise der Band - doch an die Stelle der weltvergessenen Euphorie vieler früherer Werke tritt nun Dysphorie. Gahan/Gore das dynamische Duo,  einst die jungen Wilden der Szene nun die Grand Signeurs des EDM. Das wird auch bei den neuen Songs deutlich  die ohne das komplette Selbstzitat zu wagen, doch sehr an die Vergangenheit gemahnen und insbesondere Anklänge an die "early days" durchschimmern lassen.

Zu dieser Rückbesinnung auf die Anfangsjahre scheint auch eine zumindest temporäre Abkehr von einem der wesentlichsten Genres, welches die Basis vieler  großer Depeche-Hits bildete: Blues-orientiert ist "Memento Mori" nicht. Dafür klingen DM hier noch cineastischer als sonst, viele Song-Parts muten wie der Soundtrack zu einem Film an, den es noch nicht gibt. Die großen Hymnen bleiben dabei jedoch aus. Dieses zurückgenommene Album changiert zwischen dem Erwartbaren und überraschen großen und tragisch-emotionalen Elementen und schließt mit seinen offensichtlichen 80s-Bezügen auch den Kreis zu den Anfangsjahren der Band - zu einem Zeitpunkt als ein prägendes Mitglied, "Fletch" mit seinen atmosphärischen Klangteppichen, fehlt. Vielleicht ist dieser Fokus auf Soundscapes, anstatt auf Riffs von Gores Gretsch-Gitarre ein bewusster Tribute an den verstorbenen Fletcher. An das "Bedenken" dass alle Menschen sterblich sind, tritt auf diesem ruhigen Album ein "Gedenken" an einen verlorenen Freund und ein Verfolgen des roten Fadens der die Synth Pop-Band der beginnenden Achtziger-Jahre mit den Elektro-Legenden von heute verbindet.

Credit Bild: © Sony Music



Dienstag, 9. Mai 2023

BLACKMORE´S NIGHT - SHADOW OF THE MOON 25th ANNIVERSARY EDITION

Credit Bild: © earMusic Edel 
Als Saitenmagier Ritchie Blackmore 1997 mit „Shadow Of The Moon“ das Debütalbum seines Mittelalter-Projekts mit Gattin Candice Night veröffentlichte, war das eine Platte auf die streng genommen wohl die Wenigsten so richtig gewartet hatten. Denn der damals bereits legendäre Virtuose  musizierte hier nicht nur im titelgebenden Schatten des Mondes. sondern auch in jenem seiner übergroßen vormaligen Bands.
Während eine nicht unerhebliche Anzahl an Fans eine Reunion mit Deep Purple (die Mitte der Neunziger auch nicht eben am Höhepunkt ihres Schaffens standen) oder zumindest mit Rainbow herbeisehnten, ging der immer schon eigensinnige Blackmore justament (s)einen eigenen Weg. Das Ergebnis war ein anachronistisch anmutendes Selbstverwirklichungsvorhaben, das als bewusster Stilbruch zu seinen früheren Bands fungierte. Gleichzeitige setzte dieses in sich komplett stimmige Werk einen neuen Maßstab in Sachen authentischer Renaissance-und Medieval-Musik.

Nun wird dieses Album zum 25th Anniversary neu aufgelegt. Das märchenhafte Artwork kommt in der LP Version besonders schön zur Geltung, die Ausstattung und das Bonusmaterial ist "Deluxe": Zwei bisher unveröffentlichte Akustik-Songs sind Teil dieser Neuauflage : „Spirit Of The Sea“ und „Shadow Of The Moon“, beide aufgenommen in einer Home Recording Session von Candice und Ritchie in diesem Jahr. Alle physischen Erstauflagen werden außerdem eine exklusive "Shadow Of The Moon"-Dokumentation auf DVD enthalten. Im Zuge des Jubiläums werden zudem zwei limitierte Black LP-Editionen mit jeweils einem „Golden Ticket“ ausgestattet: zwei glückliche Fans können eine Fender Ritchie Blackmore Signature Stratocaster-Gitarre gewinnen.

Auf "Shadow Of The Moon" wird Medieval und Renaissance-Musik -  der Vorläufer einer wesentlichen Folk-Spielart aus der Frühphase des Sixties-Rock -  in Perfektion zelebriert.  Ritchie Blackmore liefert als Multi-Instrumentalist mit seiner Band (und auf einem Track auch mit In Anderson von Jethro Tull) den Backdrop für die ätherische Stimme seiner Frau Candice Knight. Dabei wird in gekonnter Weise eine längst vergangene Zeit evoziert was gerade auf diesem Erstlingswerk, das fraglos zu den besten Werken von Blackmore´s Night zählt, eine besonders mediative Kraft entfaltet - und dieses in der Vergangenheit verhaftete Album letztlich zeitlos werden lässt.

THE DAMNED - DARKADELIC

Credit Bild: © earMusic Edel / Martin Gooch
Blickt man auf die „First Wave“ der britischen Punkbands ergibt sich ein eher tragisches bis betrübliches Bild: Anders als viele der von ihnen seinerzeit verachteten und heute unter Classic Rock firmierenden Gruppen erwiesen die meisten geringe „Staying Power“. Verblichen, implodiert, aufgelöst, zerstritten -  lauten die Diagnosen zu den protagonisten der einstigen Revolution. Oder beinahe beim Song Contest gelandet - wie im Falle von John Lydon aka Johnny Rotten, der damit nicht gerade an seiner Street Credibility arbeitete, aber gut, er war ja auch schon in der UK-Version des Dschungelcamp.

Nur jene die einst die Ersten waren, machen nun scheinbar als Letzte das Licht aus: The Damned aus London, die 1976 mit „New Rose“ die erste offizielle Punk-Single veröffentlichten. Mit dieser brünftig-anarchistischen Hymne hat das nun veröffentlichte neue Studioalbum wenig gemein. Ein Umstand der langjährige Fans nicht überrascht, drifteten die Mannen um Sänger Dave Vanian doch schon vor langer Zeit in Gothic und Wave-Gefilde ab. 
„Darkadelic“ ist dann auch eine eklektische Mischung diverser Stilrichtungen die den Punk-Ur-Sound beeinflussten oder sich als Subszene aus ihm heraus entwickelten.
Dies macht die Platte zwar sehr abwechslungsreich, sorgt allerdings auch dafür, dass die Ergebnisse eher wechselhaft ausfallen - von atmosphärischen Rockabilly-Anklängen über Punk-Reminiszenzen hin zu etwas bemüht und hüftsteif wirkenden Pop-und Rock Versatzstücken.  Dies alle macht aus „Darkadelic“ kein verdammt gutes Album - solide ist es für Fans aber immerhin.
Credit Bild: © earMusic  Edel

Donnerstag, 4. Mai 2023

STAR WARS DAY May the 4th: Das Archiv der Kult-Trilogie

 

Credit Bild: © Taschen Lucasfilm

"Es war einmal in den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts in einer gar nicht weit entfernten Galaxis..."

So oder so ähnlich könnte eine Rekapitulation der märchenhaften Erfolgsgeschichte von Regisseur George Lucas beginnen, der mit seiner Sternen-Saga vom immerwährenden Kampf "Gut gegen Böse" - also von den Jedi-Rittern gegen die Sith und das galaktische Imperium - einen gleichermaßen modern-futuristischen wie zeitlosen Mythos schuf. Ein Mythos der alters- und generationsübergreifend eine ungebrochene Faszination  ausübt -  außer Lucas gelang dies nur Tolkien und seinem Ringzyklus.
In jüngerer Vergangenheit hat dieses makellose Milliarden-Franchise um Luke Skywalker, Yoda, Obi-Wan Kenobi, Lord Vader & Co. zwar  durch eine wohlintendierte, jedoch missglückte Prequel-Trilogie, die neuen, noch schlimmeren Fortsetzungen sowie Substandard-Spinoffs wie „Rogue One“ oder die 2018er Han Solo-Story (der erste richtige Flop in der Geschichte von "Krieg der Sterne") ein paar Dellen abbekommen - doch all dies spielt beim gerade neu auf deutsch erschienenen „Star Wars Archiv“ aus der Filmreihe des Taschen Verlags überhaupt keine Rolle. die ausladende, schwelgerische Bildband-Retrospektive im Umfang eines Bantams, dreht sich nämlich nur um die kultige Classic Trilogy - also die Episoden IV -VI mit den SF-Klassikern  "A New Hope" , "The Empire Strikes Back" und "Return of the Jedi". Ewoks und Javas statt Jar Jar Binks lautet hier also die interstellare Devise.
Damit richtet sie sich zwar nicht ausschließlich, aber doch in besonderem Maße an alle alten Fans, die  so wie ich das Planetensystem des George Lucas in Kindheitstagen entdeckt haben.
Credit Bild: © Taschen Lucasfilm
Credit Bild: © Taschen Lucasfilm
Credit Bild: © Taschen Lucasfilm
 Waren schon die ähnlich gelagerten Releases über Pedro Almodóvar oder James Bond aus dieser Buchreihe sehr aufwendig, so ist dieser Band sogar noch eine Spur luxuriöser (und schwerer). Öffnet man die Schutzbox aus Karton, so offenbart sich einem ein wohlbekannter Anblick: der Galaxy-Shot mit dem seit 1977 jede Episode beginnt-  inklusive Sternenglitzer all over im Einband!
Das Star Wars-Archiv ist jedoch nicht nur ein Schmuckstück, das als stylischer Einrichtungsgegenstand durchgeht sondern auch ein extrem gehaltvolles und informatives Buch für Cineasten. Denn das Herzstück dieses in enger Kooperation mit George Lucas und Lucasfilm entstandenen Bandes ist ein extrem langes und äußerst ausführliches Interview mit dem visionären Regisseur und Schöpfer der Filmreihe.
Einen tieferen Einblick in die Entstehungsgeschichte der Originaltrilogie hat man auch dank der zahllosen selten gezeigten Dokumente, Drehbuchseiten, Produktionsunterlagen, Konzeptentwürfe, Storyboards und unzähligen Fotos aus den Filmen und den Dreharbeiten selten bekommen. Der Herausgeber und Filmexperte Paul Duncan entwarf hier ein Kompendium mit der sich die gesamte Entwicklung dieses Kults nachvollziehen lässt - von den Inspirationen Lucas' zu den Skizzen hin zur schlussendlichen Realisation im Film.

Zwar ist dieses neue Star Wars-Archiv bei weitem nicht das erste bibliophile Werk über die Kult-Trilogie – doch durch seinen schieren Umfang wird man wohl die gesamte Galaxis vom Wüstenplaneten Tatooine bis zur Eiswelt Hoth durchsuchen können und kein besseres Buch über das Phänomen finden.
  
Das Star Wars Archiv: 1977–1983 von Paul Duncan, Hardcover, Halbleinen, 41,1 x 30 cm, 604 Seiten
ISBN 978-3-8365-6340-6, Ausgabe: Englisch, erschienen im Taschen Verlag

Sonntag, 23. April 2023

HELMUT NEWTON - A GUN FOR HIRE

Credit Coverbild: © Helmut Newton Foundation, Berlin  Taschen Verlag
"Die fotografische Arbeit mancher Menschen ist Kunst. Meine nicht. Wenn meine Fotos zufällig in einer Galerie oder einem Museum ausgestellt werden, soll es mir recht sein. Aber das ist nicht der Grund, warum ich sie mache. Ich bin ein "Auftragskiller"" sagte Helmut Newton 2004 zu Newsweek. Das mag Koketterie gewesen sein - immerhin zählt der gebürtige Berliner zu den Schlüsselfiguren moderner Art Photography -  thematisiert jedoch auch den ewigen Widerstreit zwischen hehrer Kunst und (vermeintlich?) niederem Kommerz. Für Newton war ebenjener Konflikt zumindest kein allzugroßes Dilemma und viele seiner ikonischsten Aufnahmen entstanden als er als er sich als Auftragskiller, also als „Gun For Hire“,  in den Dienst des Höchstbietenden - in diesem Fall Hochglanzmagazine und Luxus Brands - stellte. 

Als "Waffe" hatte er jedoch keine Pistole von Smith & Wesson im Anschlag sondern eine Kamera von Rolleiflex, welche die gazellengleichen Fashion Victims ins Visier nahm. Gerade wenn es um die Frühphase im Newton´schen Schaffens geht, zählen diese Arbeiten zu seinen Bedeutendsten, begründete er mit Arbeiten für die französische Vogue, doch seinen internationalen Ruhm.

Kate Moss für Yves Saint Laurent Spring/Summer 1993
Credit Bild: © Helmut Newton Foundation, Berlin
Im von seiner Ehefrau June kuratierten und nun in überarbeiteter Version neu aufgelegten Bildband "A Gun For Gire“ kann man nun eine Auswahl der von den frühen 1960er-Jahre bis 2003 entstandenen Auftrags- und Modefotografien Newtons bestaunen. Es sind Arbeiten  u.a. für BiBA (erster Modekatalog 1962), Chanel, Yves Saint Laurent, Versace, Thierry Mugler, Blumarine, Villeroy & Boch oder Absolut Vodka sowie seine letzten Bilder für die amerikanische und italienische Vogue - sie alle eint die typische Bildsprache Newtons, die so stark war wie seine Amazonen in der "World Without Men".

Auffallend auch schon bei den frühen Werken: das Signature-Element des Cineastischen. Abseits von Heels, Nylons und Lingerie (oder dem bahnbrechenden Le Smoking von YSL) steht die Mode nicht unbedingt im Vordergrund. Das Close Up  mit dem Fokus auf feinen Zwirn trat in den Hintergrund , die Fashion war an diesen Bildern oft das am wenigsten Interessante. Als „professioneller Voyeur“ zelebrierte Newton neben dem Filmzitat genüsslich den gepflegten Tabubruch. Das sorgte schon damals für Kontroversen,  der „Male Gaze“ war jedoch ein maßgeblicher Teil des einflussreichen Stils dieses Fotografen und seiner immensen Popularität. Moderhäuser und Brands waren selbst daran interessiert herauszustechen und wollten  08/15-Kampagnen und Sujets tunlichst vermeiden  - wenn man das Ungewöhnliche, das Provokante wollte, dann rief man Helmut den Profi.                                    Angesichts der abnehmenden Experimentier-Freudigkeit aktueller High Gloss-Magazine wären manche dieser Sujets heute beinahe undenkbar. Gerade dies macht die in "A Gun For Hire" im Großformat reproduzierten Werke noch faszinierender, gewähren sie doch einen Einblick in eine Ära der Modeszene in der es weniger künstlerische Schranken gab. 

BibA Katalog, 1968
Credit Bild: © Helmut Newton Foundation, Berlin

Monica Belluci für Blumarine, 1993
Credit Bild: © Helmut Newton Foundation, Berlin

Villeroy & Boch 1985
Credit Bild: © Helmut Newton Foundation, Berlin

Bikini Kalender des Sportmagazins, 2002
Credit Bild: © Helmut Newton Foundation, Berlin

A GUN FOR HIRE, Helmut Newton, June Newton, Matthias Harder, Hardcover, 23 x 30,5 cm, 1,85 kg, 240 Seiten, mit einer Einleitung von Matthias Harder und Statements von June Newton, Pierre Bergé, Tom Ford, Josephine Hart und Anna Wintour. Erschienen im Taschen Verlag, 

Ausstellungshinweis: Passend dazu läuft noch bis zum 14. Mai 2023 Ausstellung "Helmut Newton Brands"  in der Helmut Newton Foundation Berlin, in der die Kooperationen der Künstlers mit internationalen Marken beleuchtet wird.

Montag, 27. März 2023

QT 60: Ein Kultregisseur und seine Filme

 

Credit Coverbild: © Knesebeck Verlag
Am Ende seiner Karriere will er als einer der größten Filmemacher, die je gelebt haben angesehen werden, sagt Regisseur Quentin Tarantino im Hinblick auf seine bemerkenswerte Karriere, die ihn von Knoxville, Tennessee in den Olymp der Filmindustrie katapultiert hat.
Eine Deadline hat er sich selbst ja bereits gesetzt, nur noch einen Film will er drehen – dieses Jahr sollen - wenn man den üblicherweise sehr gut informierten Branchenblättern der Westcoast Glauben schenkt  - die Dreharbeiten zu einem Projekt namens "The Movie Critic" starten.
Sein eingangs erwähntes Ziel hat er in Wirklichkeit längst erreicht, dafür genügt ein Blick auf das in den 90ern gestartete Oeuvre des einstigen Videothekmitarbeiters. Immerhin gibt es keinen anderen Filmemacher der letzten 3 Jahrzehnte, der einen ähnlich profunden Einfluss auf die universelle Bildsprache, Dialoge, Gestaltung und auch den Soundtrack des modernen Kinos hatte und dabei in der Lage war einen eigenen Stil – das "tarantineske" – zu kreieren und kultivieren.  

Am heutigen Tgae wird dieser kongeniale  Auteur 60 Jahre alt - Happy Birthday, Mr. Tarantino.
Tarantino definiert einen Bildausschnitt am Set von Death Proof -  Todsicher, 2006
 Credit Bild: © Alamy/Collection Christohpel/Knesebeck Verlag
Solche Anniversaries sind natürlich immer ein besonderer Anlass für Retrospektiven - in diesem Sinne  lohnt sich der Rückblick auf eine Coffee Table-Huldigung des Oeuvres des Kultregisseurs, die in deutscher Übersetzung vom Knesebeck Verlag released wurde.

Autor Tom Shone zählt zu den bekanntesten und renommiertesten US-Filmkritikern,
schreibt für Leitmedien wie den New Yorker oder die New York Times und ist in der Szene sowohl für seine Interviews mit den Größen der Filmbranche als auch für seine Bücher über Martin Scorsese oder Woody Allen bekannt. Der Tarantino-Retrospektive nähert er sich so auch weniger aus der Sicht des Editors eines Bildbandes, sondern vielmehr aus dem Blickwinkel des Journalisten und Rechercheurs. Dies führt dazu, dass der Text in diesem Buch mindestens so interessant ist wie das Bildmaterial. Zumal langjährige QT-Fans  fraglos viele der gezeigten Bilder bereits kennen werden; immer wieder gibt es jedoch auch ein paar wirklich rare Eindrücke vom Set mit einem Blick hinter die Kulissen.
Reservoir Dogs - Wilde Hunde, 1992  Harvey Keitel (Mr. White) war eine große Bereicherung für den Film, sowohl als erfahrener Schauspieler wie auch als Produzent.
 Credit Bild: © Alamy/Collection Christohpel/Knesebeck Verlag
 Kill Bill, 2003/2004 Tarantino und Thurman besprechen die Actionszenen im Nachtclub „Haus der blauen Blätter“. 
Credit Bild: © Alamy/Everett Collection /Knesebeck Verlag
Django Unchained, 2012 Nachdem Leonardo DiCaprio bei Inglourious Basterds
keine Rolle bekommen hatte, war es ihm umso wichtiger, endlich in einem Tarantino-Film
mitzuspielen. Er übernahm den Part des üblen Plantagenbesitzers Calvin Candie.
Credit Bild: © Alamy/Photo 12 /Knesebeck Verlag
Shone entwirft eine kompakte, gleichzeitig sehr komplette Biographie des Kultregisseurs und eine extensive Übersicht über seine zahlreichen Projekte : vom ganz frühen Schaffen  (siehe "My Best Friend´s Birthday"), seinen Hauptwerken ("Pulp Fiction", "Kill Bill") über die Kollaborationen ("From Dusk Till Dawn") bis zum jüngsten Streifen, dem Schneewestern „The Hateful Eight“.
Dabei legt er den Fokus vor allem auf die Entstehungsgeschichte und nicht auf eine film- wissenschaftliche Analyse der subtext-reichen Popkultur-Kaleidoskope Tarantinos.
Ein solches Unterfangen hätte den Umfang des 256 Seiten starken Bandes wohl verdoppelt, dennoch ist Shones Buch alles andere als oberflächlich, dafür sorgen auch die vielen O-Töne – zusammengetragen aus zig Interviews und Artikeln.
So ist diese Tarantino-Retrospektive ein gelungenes Portrait des oft kopierten Auteurs, der nicht nur in seiner Generation eine singuläre Figur im Einheitsbrei der Traumfabrik an der Westküste ist.
The Hateful 8, 2015 Major Warren (Samuel L. Jackson) bewacht seine Leichen
Credit Bild: © Alamy/AF Archive /Knesebeck Verlag

Tom Shone: TARANTINO - Der Kultregisseur und seine Filme, erschienen im Knesebeck Verlag

KARL LAGERFELD UNSEEN - Die Chanel Jahre

 

Credit Bild: © Prestel Verlag
Echte Fashion-Aficionados wissen: es muss nicht immer nur das Defilee sein. Im internationalen Modezirkus ist die eigentliche Runway Show oder die prominent besetzte Frontrow nicht immer das einzig Interessante an der als Event inszenierten jeweiligen Kollektion. Oft sind es gerade die kleinen Momente abseits des Laufstegs und der Blick Backstage die ganz besonders fesseln. Es sind jene separierten Orte, zu denen nur Wenigen  Zutritt gewährt wird, wo der eigentliche sartoriale  Zauber allerdings erst möglich gemacht wird und sich junge Mädels  in überirdische "fierce fashion goddessess" transformieren. All das hat etwas von einem Magier, dem man beim Vorbereiten seiner Tricks zusieht und ist gerade deshalb so faszinierend.

Der Fotograf Robert Fairer ist einer derjenigen, die hinter die Kulissen blicken konnten. Für die US-Vogue war er jahrzehntelang mittendrin statt nur dabei und hielt mit seiner Kamera das Treiben am Laufsteg und vor allem auch „Behind the Scenes“ fest. Neben ausgewählten Runway Shots zählt vor allem die Disziplin "Backstage-Fotografie" zum Kern des neuen Coffee Table-Buchs „Karl Lagerfeld Unseen- Die Chanel Jahre“ in dem Fairer nun eine Auswahl dieser spannenden Aufnahmen zeigt und der äußerst umfangreichen Chanel-Bibliothek einen weiteren Prachtband hinzufügt.

Der Titel suggeriert natürlich zunächst einmal, dass der Leser hier bislang ungesehene Werke Lagerfelds sieht oder gar Entwürfe, die es letztlich nie in die Boutiquen schafften. Beides ist jedoch nicht der Fall, das "Unseen" bezieht sich sowohl auf die angesprochenen verborgenen Bereiche als auch auf den Umstand, dass die hier im Großformat reproduzierten Bilder bislang unveröffentlicht geblieben sind. Der ganz große Seltenheitswert mag dem einen oder anderen Betrachter also  fehlen, aber immerhin: Gisele Bündchen mit Champagnerglas und Zigarette im edlen Zwirn von Chanel sieht man auch nicht alle Tage.

Im Fokus stehen die Jahre 1994-2007, gerade in diese Ära fielen bedeutende Umbrüche: Lagerfeld modernisierte die Kreationen aus dem Haus an der Rue Gambon ohne dabei die klassischen Elemente Coco Chanels aus den Augen zu verlieren. Für sich selbst entdeckte er die schlankere Silhouette - legendär seine Begründung für den Wandel:  er wollte in die notorisch hautengen Jeans von Hedi Slimane passen. Slimane- damals einer der jungen Wilden der mit der Männerlinie bei Dior etwas ähnliches vollbrachte wie Kaiser Karl für Chanel. Die persönliche Stiländerung spiegelte sich dann auch in seinen Entwürfen wider, holten das klassische Chanel-Girl aus dem Salon der besseren Gesellschaft und verliehen ihr "Street (Fashion) Credibility".

Die in diesem Buch gezeigten Kreationen werden teilweise noch heute in den Post-Lagefeld Shows für Chanel zitiert, der Einfluss des Meisters, er wirkt lange nach. Generation Z-Schlabberlook gibt es hier nicht, selbst gut 10-20 Jahre alte Entwürfe wären heute noch problemlos tragbar. Die ikonischen Jacken, sexy Overknees und dieser Mix aus „Belle de Jour“ und Märchenprinzessin wirken einfach zeitlos.  

Auch was das Modelcasting anbelangt blickt man hier auf eine völlig andere Ära. Es ist die  Stilepoche vor dem Strange Look und den Instagram-Models. Von „Cloooodia“ Schiffer über Karolina Kurkova bis zu  Anja Rubik und Natasha Poly gibt es hier ein Wiedersehen mit den letzten Super- und Topmodels der Pre-Social Media-Generation.

In Sachen Fotografie war es auch noch die Vor-Digitalzeit, Fairer musste zu Chanel gleich mehrere Rollen Film mitbringen, um die dort gezeigte Vielfalt festzuhalten. Für den modeaffinen Betrachter ist es leicht sich so wie der Fotograf in den raffinierten Kreationen und der geballten Schönheit zu verlieren. Fairers Bilder mögen Schnappschüsde im geschäftigen Treiben Backstage sein, doch wirken sie in ihrer Komposition und Detailgenauigkeit wie ein aufwendiges Shooting mit einem Fotografem der sowohl  in die  sartorialen Extravaganzen als auch  elfengleichen Model verliebt ist.

Das Buch ist stilecht ganz im Stil des Hauses gehalten - überaus wertig und stylisch in der Aufmachung, grafisch reduziert mit dem gewissen Etwas an Luxus (Überformat,  Lotus Leineneinband und der Folienprägung): ein echter Hingucker am Coffee Table. Dies ist ein  Band für echte Mode-Aficionados, der auch erneut verduetlicht wie sehr Lagerfeld nicht nur als Persönlichkeit sondern auch als Createur eleganter Mode in der Fashion-Branche fehlt. Insofern ist dieses Buch nicht nur eine spannende Chronik einiger der besten Jahre des Hauses sondern beinahe auch eine wehmütige Retrospektive.

Karl Lagerfeld Unseen – Die Chanel Jahre, erschienen im Prestel Verlag

Freitag, 24. März 2023

NEWTON, RIVIERA


Credit Bild: © Prestel Verlag
Fürsten, Filme, Frivolität und diese unerträgliche Leichtigkeit des Seins: Unter den Sehnsuchtsorten dieses Planeten nimmt die französische Riviera fraglos einen speziellen Platz ein: Meer, Sonnenschein und Strand als Backdrop für Stars beim glamourösesten Filmfestival der Welt und dann noch „joie de vivre“ auf einer Luxusyacht oder in einem abgelegen Luxusdomizil. All dies hat zwar zugegebenermaßen etwas vom Jahresbericht des örtlichen Tourismusbüros, ist in dieser Traumwelt der  It Places an der Cote D´Azur allerdings eben nicht „nur“ reines Klischee - und damit eigentlich fast zu schön um wahr zu sein. Natürlich tun sich da bei näherer Betrachtung auch Brüche auf - wie jeder bestätigen kann, der sich mit der Geschichte der Grimaldis auseinandergesetzt oder mit Alain Delon und Romy Schneider  - zumindest auf der Leinwand - am Swimming Pool in der Sonne gebadet hat.

Hinter dem Glitzer & Glamour steckt also vermutlich doch noch etwas ganz Anderes. Womöglich der monochrome Film Noir am nicht enden wollenden Sommertag? Eventuell das Dunkelgrau im Sonnengelb ? Oder gar die eiskalte Femme Fatale in der unbedarft wirkenden Strandschönheit ? Diesen Eindruck kann man jedenfalls gewinnen wenn man die Riviera durch die Kamera Helmut Newtons betrachtet. Nach zwanzig Jahren in Paris verschlug es den Starfotografen 1981 an die Côte d’Azur. Der Grund: weil es in der Hauptstadt angeblich keine Sonne mehr gab. Das Wetter war an der Küste fraglos besser - eigentlich ein Rezept für gepflegten Müßiggang. Doch obwohl seine neue Heimat schon damals als beliebter Ruhestandsort für Gutbetuchte galt, dachte Newton gar nicht ans Aufhören.

Der neue Bildband „Newton Riviera“ ist - eingeleitet von einem Vorwort von Caroline Von Monaco – nun die umfassende Chronik dieser ungemein produktiven Periode, in der einige seiner eindrucksvollsten Werke entstanden. Seine Bilder vom Reich der Reichen und Schönen haben weniger etwas vom makellosen Glamour eines Slim Aarons sondern zeigen mitunter das Abseitige im Schönen, das Niedere im Elitären sowie das Verdorbene im scheinbar Makellosen - also typisch Newton, insofern waren er und die azurblaue Küste ein „perfect match“. Der Starfotograf war hier sowohl distanzierter Beobachter als auch Protagonist der High Society und des Jetset. Vor seiner Linse fand sich ein Who Is Who  Prominenter wieder: die Fürstenfamilie,  Hollywoodlegende Robert Evans, Schauspielerin  Isabelle Huppert,  Pop-Chamäleon David Bowie, Designer Karl Lagerfeld mit seinem Lebensgefährten Jacques De Basher oder Regisseur Michael Cimino - originellerweise vor einem Portrait Napoleons abgelichtet, das eine verblüffende Ähnlichkeit offenbart. Dem Zauber der malerischen Umgebung konnte sich Newton, der ja sonst eher an Körperlandschaften interessiert war, ebenfalls nicht entziehen. So entstanden in jener Zeit auch Landscape-Aufnahmen von reduzierter Schönheit. Und dann sind da natürlich die Frauen, stark und gleichzeitig devot, unnahbar, kühl, stets mit diesen BDSM-Touch, ganz gleich ob in den fetischistischen Kreationen der Luxusmoderhäuser am Strand oder im Hotelzimmer in der von Tatortfotos inspirierten Serie „ Yellow Press“.   

„Newton, Riviera“ ist fraglos einer der spannendsten neuen Bildbände über die Fotografie-Ikone. Nicht nur weil hier eine ganz spezielle Schaffensphase des Meisters monothematisch beleuchtet wird sondern auch weil der hier gezeigte Blick auf das Riviera Paradise ein so  faszinierender ist.

Newton, Riviera   - Matthias Harder, Guillaume De Sardes, erschienen im Prestel Verlag

Freitag, 17. März 2023

ROBERT ZIMMERMAN ODER DAS ORAKEL VON NASHVILLE: Bob Dylan - Die Philosophie des modernen Songs

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Interpretiert man den Begriff des „modernen Songs“ als zeitgenössisches Liedgut so landet man schnell bei Adorno. Hatte die Frankfurter Schule am Ende womöglich doch recht? Nun, nicht ganz. Der Einfluss und die Kreativität jener seinerzeit kritisch beäugten Populärkultur erwies sich als fraglos einflussreicher als die Asche anbetende konservative Auslegung des Kunstbegriffs. Mit jenen Kulturerzeugnissen, die seit jeher auf meinem persönlichen Plattenteller rotieren hätte die Philosophenlegende überdies wenig Freude gehabt. Ein Blick auf die Spotify-Charts der letzten Jahre zeugt auch davon, dass was einst der Popkultur der Nachkrieges-Jahrzehnte vorgeworfen wurde, sich erst heute im zunehmend austauschbaren Mainstream-Pop realisiert hat: Nicht von ungefähr zeichnen selbst wissenschaftliche Analysen neuer Hitsongs das Bild einer voranschreitenden Reduktion kompositorischer Komplexität und grassierender repetitiver Millennial-Monotonie, die „Peaks and Valleys“,  Intros und die Dynamik gleichermaßen verschwinden lässt -  da kann schon mal ein gesundes Maß an Kulturpessimismus aufkommen.

Doch dann gibt es noch eine ganz andere Deutung des modernen Songs, eine die ihn loslöst vom Ephemer-Zeitgeistigen und im Sinne des Zeitlosen interpretiert. Und um genau diese geht es auch Musiklegende Bob Dylan in seinem neuen Buch, einem Werk das so eigenwillig ist wie der Künstler selbst. Für die Entwicklung der titelgebenden Art von Liedern - insbesondere in lyrischer Hinsicht -war Dylan selbst ja nun nicht ganz unmaßgeblich. Es wäre also durchaus ein naheliegendes Unterfangen gewesen, wenn „His Bobness“ in seinem neuen Buch (sein erstes seit Chronicles: Volume One von 2004, eine Volume Two folgte –typisch für ihn- bislang nicht) eine Art Biographie in Songs oder eine Retrospektive auf sein Schaffen entworfen hätte: doch um seine eigenen Werke geht es in diesem Buch gar nicht - anders als es das ein wenig unkreative Cover der deutschen Ausgabe suggeriert. Auf dem Titelbild der US-Version sieht man  Eddie Cochran, Little Richard und die weitgehend unbekannte weibliche Rock N´ Roll Musikerin Alis Lesley, was dem Kern der Buch-Thematik einer popkulturellen Pastiche gleicht, weitaus näher kommt. 

In einer Reihe von (Kurz-)Essays beleuchte der Autor 66 von ihm ausgewählte Aufnahmen. Ähnlich breit gefächert wie Dylans letzte Alben, in denen er sowohl den Crooner als auch den Chicago Blues-Shouter gab, beleuchtet Dylan Songs von Künstlern wie Elvis Presley, Little Richard, Bobby Dare, Little Walter, Frank Sinatra oder Elvis Costello. Dies gleicht  einem Querschnitt vornehmlich amerikanischer Musik mit apokryphen wie bekannten Songs, viele davon emblematisch  für eine musikalische Zeitenwende, als Songs nicht mehr nurbloße Unterhaltung waren. Naturgemäß ist diese Liste äußerst subjektiv,  , über Geschmack lässt sich auch bei Dylan nicht streiten,  vieles was gemeinhin als revolutionär angesehen wird, kommt bei ihm gar nicht vor - Beatles-Fan ist er beispielsweise nicht.

Am besten ist Dylans Werk immer dann wenn er als Musikologe Tangenten schlägt und wie ein analoges Wikipedia Querverbindungen herstellt. Politische Korrektheit oder gar Rücksicht auf eine bestimmte Art des Feuilletons ist seine Sache dabei nicht. Er schnoddert und knarzt-so wie in seinen Spätwerken, Es ist leicht sich beim Lesen seine unverwechselbare  Stimme vorzustellen, wie er in dem ihm eigenen Sprachrhythmus quer durch die Musikgeschichte von London über New York bis Nashville  rezitiert, zitiert und orakelt– die deutsche Übersetzung stößt hier an ihre Grenzen.Dylans Schreibweise gemahnt dabei stellenweise an die harte, knappe geradezu existenzialistische Prosa der großen amerikanischen Erzähler, in ihren teils freien Assoziationen lediglich zwei Schritte von der Cut Up-Technik William S. Burroughs entfernt.

In einigen Kapiteln entwickelt dieses Buch einen eigenen Sog, am schwächsten ist es wenn Dylan auch vor totalen Allgemeinplätzen nicht zurückschreckt, die sich wie Liner Notes oder eine Radiomoderation lesen. Manche seiner Analysen sind zudem wohl ironisch gemeint und mischen Fakten mit Fiktion als wäre dieses Buch ein Companion-Band zu Martin Scorseses „Rolling Thunder Revue“-„Doku“. Der Leser erfährt so recht wenig bis gar nichts über die Mechanismen des Songwriting oder gar die Philosophie und Architektur der Songs. Insofern ist  dieses Buch eher ein Philosophieren über moderne Songs.

Einen weiteren Literaturpreis wird Dylan für dieses Werk wohl nicht erhalten, dafür hat man bei Greil Marcus oder David Hepworth fraglos schon niedergehende Analysen gelesen. Dennoch ist dies ein kurzweiliger Streifzug durch prägende Jahrzehnte der Musikhistorie und  die Einflüsse, die Dylan selbst inspiriert und begeistert haben -  als er noch Robert Zimmermann hieß und in Duluth, Minnesota lebte.  In seinen besten Momenten ist dies eine leidenschaftliche Lobeshymne auf die Kraft jener Songs die lange vor der er großen Gleichförmigkeit der Jetzt-Zeit entstanden.

 Bob Dylan - Die Philosophie des modernen Song, erschienen bei C.H. Beck

DIE SPOTIFY PLAYLIST ZUM BUCH: