Sonntag, 23. April 2023

HELMUT NEWTON - A GUN FOR HIRE

Credit Coverbild: © Helmut Newton Foundation, Berlin  Taschen Verlag
"Die fotografische Arbeit mancher Menschen ist Kunst. Meine nicht. Wenn meine Fotos zufällig in einer Galerie oder einem Museum ausgestellt werden, soll es mir recht sein. Aber das ist nicht der Grund, warum ich sie mache. Ich bin ein "Auftragskiller"" sagte Helmut Newton 2004 zu Newsweek. Das mag Koketterie gewesen sein - immerhin zählt der gebürtige Berliner zu den Schlüsselfiguren moderner Art Photography -  thematisiert jedoch auch den ewigen Widerstreit zwischen hehrer Kunst und (vermeintlich?) niederem Kommerz. Für Newton war ebenjener Konflikt zumindest kein allzugroßes Dilemma und viele seiner ikonischsten Aufnahmen entstanden als er als er sich als Auftragskiller, also als „Gun For Hire“,  in den Dienst des Höchstbietenden - in diesem Fall Hochglanzmagazine und Luxus Brands - stellte. 

Als "Waffe" hatte er jedoch keine Pistole von Smith & Wesson im Anschlag sondern eine Kamera von Rolleiflex, welche die gazellengleichen Fashion Victims ins Visier nahm. Gerade wenn es um die Frühphase im Newton´schen Schaffens geht, zählen diese Arbeiten zu seinen Bedeutendsten, begründete er mit Arbeiten für die französische Vogue, doch seinen internationalen Ruhm.

Kate Moss für Yves Saint Laurent Spring/Summer 1993
Credit Bild: © Helmut Newton Foundation, Berlin
Im von seiner Ehefrau June kuratierten und nun in überarbeiteter Version neu aufgelegten Bildband "A Gun For Gire“ kann man nun eine Auswahl der von den frühen 1960er-Jahre bis 2003 entstandenen Auftrags- und Modefotografien Newtons bestaunen. Es sind Arbeiten  u.a. für BiBA (erster Modekatalog 1962), Chanel, Yves Saint Laurent, Versace, Thierry Mugler, Blumarine, Villeroy & Boch oder Absolut Vodka sowie seine letzten Bilder für die amerikanische und italienische Vogue - sie alle eint die typische Bildsprache Newtons, die so stark war wie seine Amazonen in der "World Without Men".

Auffallend auch schon bei den frühen Werken: das Signature-Element des Cineastischen. Abseits von Heels, Nylons und Lingerie (oder dem bahnbrechenden Le Smoking von YSL) steht die Mode nicht unbedingt im Vordergrund. Das Close Up  mit dem Fokus auf feinen Zwirn trat in den Hintergrund , die Fashion war an diesen Bildern oft das am wenigsten Interessante. Als „professioneller Voyeur“ zelebrierte Newton neben dem Filmzitat genüsslich den gepflegten Tabubruch. Das sorgte schon damals für Kontroversen,  der „Male Gaze“ war jedoch ein maßgeblicher Teil des einflussreichen Stils dieses Fotografen und seiner immensen Popularität. Moderhäuser und Brands waren selbst daran interessiert herauszustechen und wollten  08/15-Kampagnen und Sujets tunlichst vermeiden  - wenn man das Ungewöhnliche, das Provokante wollte, dann rief man Helmut den Profi.                                    Angesichts der abnehmenden Experimentier-Freudigkeit aktueller High Gloss-Magazine wären manche dieser Sujets heute beinahe undenkbar. Gerade dies macht die in "A Gun For Hire" im Großformat reproduzierten Werke noch faszinierender, gewähren sie doch einen Einblick in eine Ära der Modeszene in der es weniger künstlerische Schranken gab. 

BibA Katalog, 1968
Credit Bild: © Helmut Newton Foundation, Berlin

Monica Belluci für Blumarine, 1993
Credit Bild: © Helmut Newton Foundation, Berlin

Villeroy & Boch 1985
Credit Bild: © Helmut Newton Foundation, Berlin

Bikini Kalender des Sportmagazins, 2002
Credit Bild: © Helmut Newton Foundation, Berlin

A GUN FOR HIRE, Helmut Newton, June Newton, Matthias Harder, Hardcover, 23 x 30,5 cm, 1,85 kg, 240 Seiten, mit einer Einleitung von Matthias Harder und Statements von June Newton, Pierre Bergé, Tom Ford, Josephine Hart und Anna Wintour. Erschienen im Taschen Verlag, 

Ausstellungshinweis: Passend dazu läuft noch bis zum 14. Mai 2023 Ausstellung "Helmut Newton Brands"  in der Helmut Newton Foundation Berlin, in der die Kooperationen der Künstlers mit internationalen Marken beleuchtet wird.

Montag, 27. März 2023

QT 60: Ein Kultregisseur und seine Filme

 

Credit Coverbild: © Knesebeck Verlag
Am Ende seiner Karriere will er als einer der größten Filmemacher, die je gelebt haben angesehen werden, sagt Regisseur Quentin Tarantino im Hinblick auf seine bemerkenswerte Karriere, die ihn von Knoxville, Tennessee in den Olymp der Filmindustrie katapultiert hat.
Eine Deadline hat er sich selbst ja bereits gesetzt, nur noch einen Film will er drehen – dieses Jahr sollen - wenn man den üblicherweise sehr gut informierten Branchenblättern der Westcoast Glauben schenkt  - die Dreharbeiten zu einem Projekt namens "The Movie Critic" starten.
Sein eingangs erwähntes Ziel hat er in Wirklichkeit längst erreicht, dafür genügt ein Blick auf das in den 90ern gestartete Oeuvre des einstigen Videothekmitarbeiters. Immerhin gibt es keinen anderen Filmemacher der letzten 3 Jahrzehnte, der einen ähnlich profunden Einfluss auf die universelle Bildsprache, Dialoge, Gestaltung und auch den Soundtrack des modernen Kinos hatte und dabei in der Lage war einen eigenen Stil – das "tarantineske" – zu kreieren und kultivieren.  

Am heutigen Tgae wird dieser kongeniale  Auteur 60 Jahre alt - Happy Birthday, Mr. Tarantino.
Tarantino definiert einen Bildausschnitt am Set von Death Proof -  Todsicher, 2006
 Credit Bild: © Alamy/Collection Christohpel/Knesebeck Verlag
Solche Anniversaries sind natürlich immer ein besonderer Anlass für Retrospektiven - in diesem Sinne  lohnt sich der Rückblick auf eine Coffee Table-Huldigung des Oeuvres des Kultregisseurs, die in deutscher Übersetzung vom Knesebeck Verlag released wurde.

Autor Tom Shone zählt zu den bekanntesten und renommiertesten US-Filmkritikern,
schreibt für Leitmedien wie den New Yorker oder die New York Times und ist in der Szene sowohl für seine Interviews mit den Größen der Filmbranche als auch für seine Bücher über Martin Scorsese oder Woody Allen bekannt. Der Tarantino-Retrospektive nähert er sich so auch weniger aus der Sicht des Editors eines Bildbandes, sondern vielmehr aus dem Blickwinkel des Journalisten und Rechercheurs. Dies führt dazu, dass der Text in diesem Buch mindestens so interessant ist wie das Bildmaterial. Zumal langjährige QT-Fans  fraglos viele der gezeigten Bilder bereits kennen werden; immer wieder gibt es jedoch auch ein paar wirklich rare Eindrücke vom Set mit einem Blick hinter die Kulissen.
Reservoir Dogs - Wilde Hunde, 1992  Harvey Keitel (Mr. White) war eine große Bereicherung für den Film, sowohl als erfahrener Schauspieler wie auch als Produzent.
 Credit Bild: © Alamy/Collection Christohpel/Knesebeck Verlag
 Kill Bill, 2003/2004 Tarantino und Thurman besprechen die Actionszenen im Nachtclub „Haus der blauen Blätter“. 
Credit Bild: © Alamy/Everett Collection /Knesebeck Verlag
Django Unchained, 2012 Nachdem Leonardo DiCaprio bei Inglourious Basterds
keine Rolle bekommen hatte, war es ihm umso wichtiger, endlich in einem Tarantino-Film
mitzuspielen. Er übernahm den Part des üblen Plantagenbesitzers Calvin Candie.
Credit Bild: © Alamy/Photo 12 /Knesebeck Verlag
Shone entwirft eine kompakte, gleichzeitig sehr komplette Biographie des Kultregisseurs und eine extensive Übersicht über seine zahlreichen Projekte : vom ganz frühen Schaffen  (siehe "My Best Friend´s Birthday"), seinen Hauptwerken ("Pulp Fiction", "Kill Bill") über die Kollaborationen ("From Dusk Till Dawn") bis zum jüngsten Streifen, dem Schneewestern „The Hateful Eight“.
Dabei legt er den Fokus vor allem auf die Entstehungsgeschichte und nicht auf eine film- wissenschaftliche Analyse der subtext-reichen Popkultur-Kaleidoskope Tarantinos.
Ein solches Unterfangen hätte den Umfang des 256 Seiten starken Bandes wohl verdoppelt, dennoch ist Shones Buch alles andere als oberflächlich, dafür sorgen auch die vielen O-Töne – zusammengetragen aus zig Interviews und Artikeln.
So ist diese Tarantino-Retrospektive ein gelungenes Portrait des oft kopierten Auteurs, der nicht nur in seiner Generation eine singuläre Figur im Einheitsbrei der Traumfabrik an der Westküste ist.
The Hateful 8, 2015 Major Warren (Samuel L. Jackson) bewacht seine Leichen
Credit Bild: © Alamy/AF Archive /Knesebeck Verlag

Tom Shone: TARANTINO - Der Kultregisseur und seine Filme, erschienen im Knesebeck Verlag

KARL LAGERFELD UNSEEN - Die Chanel Jahre

 

Credit Bild: © Prestel Verlag
Echte Fashion-Aficionados wissen: es muss nicht immer nur das Defilee sein. Im internationalen Modezirkus ist die eigentliche Runway Show oder die prominent besetzte Frontrow nicht immer das einzig Interessante an der als Event inszenierten jeweiligen Kollektion. Oft sind es gerade die kleinen Momente abseits des Laufstegs und der Blick Backstage die ganz besonders fesseln. Es sind jene separierten Orte, zu denen nur Wenigen  Zutritt gewährt wird, wo der eigentliche sartoriale  Zauber allerdings erst möglich gemacht wird und sich junge Mädels  in überirdische "fierce fashion goddessess" transformieren. All das hat etwas von einem Magier, dem man beim Vorbereiten seiner Tricks zusieht und ist gerade deshalb so faszinierend.

Der Fotograf Robert Fairer ist einer derjenigen, die hinter die Kulissen blicken konnten. Für die US-Vogue war er jahrzehntelang mittendrin statt nur dabei und hielt mit seiner Kamera das Treiben am Laufsteg und vor allem auch „Behind the Scenes“ fest. Neben ausgewählten Runway Shots zählt vor allem die Disziplin "Backstage-Fotografie" zum Kern des neuen Coffee Table-Buchs „Karl Lagerfeld Unseen- Die Chanel Jahre“ in dem Fairer nun eine Auswahl dieser spannenden Aufnahmen zeigt und der äußerst umfangreichen Chanel-Bibliothek einen weiteren Prachtband hinzufügt.

Der Titel suggeriert natürlich zunächst einmal, dass der Leser hier bislang ungesehene Werke Lagerfelds sieht oder gar Entwürfe, die es letztlich nie in die Boutiquen schafften. Beides ist jedoch nicht der Fall, das "Unseen" bezieht sich sowohl auf die angesprochenen verborgenen Bereiche als auch auf den Umstand, dass die hier im Großformat reproduzierten Bilder bislang unveröffentlicht geblieben sind. Der ganz große Seltenheitswert mag dem einen oder anderen Betrachter also  fehlen, aber immerhin: Gisele Bündchen mit Champagnerglas und Zigarette im edlen Zwirn von Chanel sieht man auch nicht alle Tage.

Im Fokus stehen die Jahre 1994-2007, gerade in diese Ära fielen bedeutende Umbrüche: Lagerfeld modernisierte die Kreationen aus dem Haus an der Rue Gambon ohne dabei die klassischen Elemente Coco Chanels aus den Augen zu verlieren. Für sich selbst entdeckte er die schlankere Silhouette - legendär seine Begründung für den Wandel:  er wollte in die notorisch hautengen Jeans von Hedi Slimane passen. Slimane- damals einer der jungen Wilden der mit der Männerlinie bei Dior etwas ähnliches vollbrachte wie Kaiser Karl für Chanel. Die persönliche Stiländerung spiegelte sich dann auch in seinen Entwürfen wider, holten das klassische Chanel-Girl aus dem Salon der besseren Gesellschaft und verliehen ihr "Street (Fashion) Credibility".

Die in diesem Buch gezeigten Kreationen werden teilweise noch heute in den Post-Lagefeld Shows für Chanel zitiert, der Einfluss des Meisters, er wirkt lange nach. Generation Z-Schlabberlook gibt es hier nicht, selbst gut 10-20 Jahre alte Entwürfe wären heute noch problemlos tragbar. Die ikonischen Jacken, sexy Overknees und dieser Mix aus „Belle de Jour“ und Märchenprinzessin wirken einfach zeitlos.  

Auch was das Modelcasting anbelangt blickt man hier auf eine völlig andere Ära. Es ist die  Stilepoche vor dem Strange Look und den Instagram-Models. Von „Cloooodia“ Schiffer über Karolina Kurkova bis zu  Anja Rubik und Natasha Poly gibt es hier ein Wiedersehen mit den letzten Super- und Topmodels der Pre-Social Media-Generation.

In Sachen Fotografie war es auch noch die Vor-Digitalzeit, Fairer musste zu Chanel gleich mehrere Rollen Film mitbringen, um die dort gezeigte Vielfalt festzuhalten. Für den modeaffinen Betrachter ist es leicht sich so wie der Fotograf in den raffinierten Kreationen und der geballten Schönheit zu verlieren. Fairers Bilder mögen Schnappschüsde im geschäftigen Treiben Backstage sein, doch wirken sie in ihrer Komposition und Detailgenauigkeit wie ein aufwendiges Shooting mit einem Fotografem der sowohl  in die  sartorialen Extravaganzen als auch  elfengleichen Model verliebt ist.

Das Buch ist stilecht ganz im Stil des Hauses gehalten - überaus wertig und stylisch in der Aufmachung, grafisch reduziert mit dem gewissen Etwas an Luxus (Überformat,  Lotus Leineneinband und der Folienprägung): ein echter Hingucker am Coffee Table. Dies ist ein  Band für echte Mode-Aficionados, der auch erneut verduetlicht wie sehr Lagerfeld nicht nur als Persönlichkeit sondern auch als Createur eleganter Mode in der Fashion-Branche fehlt. Insofern ist dieses Buch nicht nur eine spannende Chronik einiger der besten Jahre des Hauses sondern beinahe auch eine wehmütige Retrospektive.

Karl Lagerfeld Unseen – Die Chanel Jahre, erschienen im Prestel Verlag

Freitag, 24. März 2023

NEWTON, RIVIERA


Credit Bild: © Prestel Verlag
Fürsten, Filme, Frivolität und diese unerträgliche Leichtigkeit des Seins: Unter den Sehnsuchtsorten dieses Planeten nimmt die französische Riviera fraglos einen speziellen Platz ein: Meer, Sonnenschein und Strand als Backdrop für Stars beim glamourösesten Filmfestival der Welt und dann noch „joie de vivre“ auf einer Luxusyacht oder in einem abgelegen Luxusdomizil. All dies hat zwar zugegebenermaßen etwas vom Jahresbericht des örtlichen Tourismusbüros, ist in dieser Traumwelt der  It Places an der Cote D´Azur allerdings eben nicht „nur“ reines Klischee - und damit eigentlich fast zu schön um wahr zu sein. Natürlich tun sich da bei näherer Betrachtung auch Brüche auf - wie jeder bestätigen kann, der sich mit der Geschichte der Grimaldis auseinandergesetzt oder mit Alain Delon und Romy Schneider  - zumindest auf der Leinwand - am Swimming Pool in der Sonne gebadet hat.

Hinter dem Glitzer & Glamour steckt also vermutlich doch noch etwas ganz Anderes. Womöglich der monochrome Film Noir am nicht enden wollenden Sommertag? Eventuell das Dunkelgrau im Sonnengelb ? Oder gar die eiskalte Femme Fatale in der unbedarft wirkenden Strandschönheit ? Diesen Eindruck kann man jedenfalls gewinnen wenn man die Riviera durch die Kamera Helmut Newtons betrachtet. Nach zwanzig Jahren in Paris verschlug es den Starfotografen 1981 an die Côte d’Azur. Der Grund: weil es in der Hauptstadt angeblich keine Sonne mehr gab. Das Wetter war an der Küste fraglos besser - eigentlich ein Rezept für gepflegten Müßiggang. Doch obwohl seine neue Heimat schon damals als beliebter Ruhestandsort für Gutbetuchte galt, dachte Newton gar nicht ans Aufhören.

Der neue Bildband „Newton Riviera“ ist - eingeleitet von einem Vorwort von Caroline Von Monaco – nun die umfassende Chronik dieser ungemein produktiven Periode, in der einige seiner eindrucksvollsten Werke entstanden. Seine Bilder vom Reich der Reichen und Schönen haben weniger etwas vom makellosen Glamour eines Slim Aarons sondern zeigen mitunter das Abseitige im Schönen, das Niedere im Elitären sowie das Verdorbene im scheinbar Makellosen - also typisch Newton, insofern waren er und die azurblaue Küste ein „perfect match“. Der Starfotograf war hier sowohl distanzierter Beobachter als auch Protagonist der High Society und des Jetset. Vor seiner Linse fand sich ein Who Is Who  Prominenter wieder: die Fürstenfamilie,  Hollywoodlegende Robert Evans, Schauspielerin  Isabelle Huppert,  Pop-Chamäleon David Bowie, Designer Karl Lagerfeld mit seinem Lebensgefährten Jacques De Basher oder Regisseur Michael Cimino - originellerweise vor einem Portrait Napoleons abgelichtet, das eine verblüffende Ähnlichkeit offenbart. Dem Zauber der malerischen Umgebung konnte sich Newton, der ja sonst eher an Körperlandschaften interessiert war, ebenfalls nicht entziehen. So entstanden in jener Zeit auch Landscape-Aufnahmen von reduzierter Schönheit. Und dann sind da natürlich die Frauen, stark und gleichzeitig devot, unnahbar, kühl, stets mit diesen BDSM-Touch, ganz gleich ob in den fetischistischen Kreationen der Luxusmoderhäuser am Strand oder im Hotelzimmer in der von Tatortfotos inspirierten Serie „ Yellow Press“.   

„Newton, Riviera“ ist fraglos einer der spannendsten neuen Bildbände über die Fotografie-Ikone. Nicht nur weil hier eine ganz spezielle Schaffensphase des Meisters monothematisch beleuchtet wird sondern auch weil der hier gezeigte Blick auf das Riviera Paradise ein so  faszinierender ist.

Newton, Riviera   - Matthias Harder, Guillaume De Sardes, erschienen im Prestel Verlag

Freitag, 17. März 2023

ROBERT ZIMMERMAN ODER DAS ORAKEL VON NASHVILLE: Bob Dylan - Die Philosophie des modernen Songs

Credit Bild: © C.H. Beck
Interpretiert man den Begriff des „modernen Songs“ als zeitgenössisches Liedgut so landet man schnell bei Adorno. Hatte die Frankfurter Schule am Ende womöglich doch recht? Nun, nicht ganz. Der Einfluss und die Kreativität jener seinerzeit kritisch beäugten Populärkultur erwies sich als fraglos einflussreicher als die Asche anbetende konservative Auslegung des Kunstbegriffs. Mit jenen Kulturerzeugnissen, die seit jeher auf meinem persönlichen Plattenteller rotieren hätte die Philosophenlegende überdies wenig Freude gehabt. Ein Blick auf die Spotify-Charts der letzten Jahre zeugt auch davon, dass was einst der Popkultur der Nachkrieges-Jahrzehnte vorgeworfen wurde, sich erst heute im zunehmend austauschbaren Mainstream-Pop realisiert hat: Nicht von ungefähr zeichnen selbst wissenschaftliche Analysen neuer Hitsongs das Bild einer voranschreitenden Reduktion kompositorischer Komplexität und grassierender repetitiver Millennial-Monotonie, die „Peaks and Valleys“,  Intros und die Dynamik gleichermaßen verschwinden lässt -  da kann schon mal ein gesundes Maß an Kulturpessimismus aufkommen.

Doch dann gibt es noch eine ganz andere Deutung des modernen Songs, eine die ihn loslöst vom Ephemer-Zeitgeistigen und im Sinne des Zeitlosen interpretiert. Und um genau diese geht es auch Musiklegende Bob Dylan in seinem neuen Buch, einem Werk das so eigenwillig ist wie der Künstler selbst. Für die Entwicklung der titelgebenden Art von Liedern - insbesondere in lyrischer Hinsicht -war Dylan selbst ja nun nicht ganz unmaßgeblich. Es wäre also durchaus ein naheliegendes Unterfangen gewesen, wenn „His Bobness“ in seinem neuen Buch (sein erstes seit Chronicles: Volume One von 2004, eine Volume Two folgte –typisch für ihn- bislang nicht) eine Art Biographie in Songs oder eine Retrospektive auf sein Schaffen entworfen hätte: doch um seine eigenen Werke geht es in diesem Buch gar nicht - anders als es das ein wenig unkreative Cover der deutschen Ausgabe suggeriert. Auf dem Titelbild der US-Version sieht man  Eddie Cochran, Little Richard und die weitgehend unbekannte weibliche Rock N´ Roll Musikerin Alis Lesley, was dem Kern der Buch-Thematik einer popkulturellen Pastiche gleicht, weitaus näher kommt. 

In einer Reihe von (Kurz-)Essays beleuchte der Autor 66 von ihm ausgewählte Aufnahmen. Ähnlich breit gefächert wie Dylans letzte Alben, in denen er sowohl den Crooner als auch den Chicago Blues-Shouter gab, beleuchtet Dylan Songs von Künstlern wie Elvis Presley, Little Richard, Bobby Dare, Little Walter, Frank Sinatra oder Elvis Costello. Dies gleicht  einem Querschnitt vornehmlich amerikanischer Musik mit apokryphen wie bekannten Songs, viele davon emblematisch  für eine musikalische Zeitenwende, als Songs nicht mehr nurbloße Unterhaltung waren. Naturgemäß ist diese Liste äußerst subjektiv,  , über Geschmack lässt sich auch bei Dylan nicht streiten,  vieles was gemeinhin als revolutionär angesehen wird, kommt bei ihm gar nicht vor - Beatles-Fan ist er beispielsweise nicht.

Am besten ist Dylans Werk immer dann wenn er als Musikologe Tangenten schlägt und wie ein analoges Wikipedia Querverbindungen herstellt. Politische Korrektheit oder gar Rücksicht auf eine bestimmte Art des Feuilletons ist seine Sache dabei nicht. Er schnoddert und knarzt-so wie in seinen Spätwerken, Es ist leicht sich beim Lesen seine unverwechselbare  Stimme vorzustellen, wie er in dem ihm eigenen Sprachrhythmus quer durch die Musikgeschichte von London über New York bis Nashville  rezitiert, zitiert und orakelt– die deutsche Übersetzung stößt hier an ihre Grenzen.Dylans Schreibweise gemahnt dabei stellenweise an die harte, knappe geradezu existenzialistische Prosa der großen amerikanischen Erzähler, in ihren teils freien Assoziationen lediglich zwei Schritte von der Cut Up-Technik William S. Burroughs entfernt.

In einigen Kapiteln entwickelt dieses Buch einen eigenen Sog, am schwächsten ist es wenn Dylan auch vor totalen Allgemeinplätzen nicht zurückschreckt, die sich wie Liner Notes oder eine Radiomoderation lesen. Manche seiner Analysen sind zudem wohl ironisch gemeint und mischen Fakten mit Fiktion als wäre dieses Buch ein Companion-Band zu Martin Scorseses „Rolling Thunder Revue“-„Doku“. Der Leser erfährt so recht wenig bis gar nichts über die Mechanismen des Songwriting oder gar die Philosophie und Architektur der Songs. Insofern ist  dieses Buch eher ein Philosophieren über moderne Songs.

Einen weiteren Literaturpreis wird Dylan für dieses Werk wohl nicht erhalten, dafür hat man bei Greil Marcus oder David Hepworth fraglos schon niedergehende Analysen gelesen. Dennoch ist dies ein kurzweiliger Streifzug durch prägende Jahrzehnte der Musikhistorie und  die Einflüsse, die Dylan selbst inspiriert und begeistert haben -  als er noch Robert Zimmermann hieß und in Duluth, Minnesota lebte.  In seinen besten Momenten ist dies eine leidenschaftliche Lobeshymne auf die Kraft jener Songs die lange vor der er großen Gleichförmigkeit der Jetzt-Zeit entstanden.

 Bob Dylan - Die Philosophie des modernen Song, erschienen bei C.H. Beck

DIE SPOTIFY PLAYLIST ZUM BUCH: 

Donnerstag, 2. März 2023

FALCO - EINZELHAFT Deluxe Version

 

Credit Coverbild:© Sony Music
Wien in den 80ern: äußerst zeitversetzt bricht die Moderne über die Landeshauptstadt herein.  Diejenigen, die damals mit dabei waren sprechen - nein, schwärmen  -  noch heute von einer ganz eigenen Stimmung des Aufschwungs, die man allerorts zu spüren vermochte. Kunst, Society und die abseits von den „Weltberühmt in Österreich“- Austropop-Hits ein wenig verschlafene Musikszene florierten plötzlich. Wien war wieder hip - und beinahe hoch / sprich high wie nie.

„Den Schnee auf dem wir talwärts fahren, kennt heute jedes Kind…“ sang da etwa ein gewisser Hans Hölzl der sich Falco nannte und damals zwar noch nicht Superstar wohl aber schon exaltiert war und über das Flair bzw. die Aura des zu Höherem Berufenen verfügte.

Zuvor hatte er bei lokalen Größen wie der einflussreichen Hallucination Company den Bass gespielt, als befände er sich nicht in einem beengten österreichischen Club sondern im Madison Square Garden in New York, wie es Wickerl Adam einst so treffend formulierte. Nun mag Wien zwar auch in dieser Hochphase des Aufbruchs nicht wirklich NYC gewesen sein, doch auch Vienna City hatte nach langem Dornröschenschlaf wieder diesen ganz eigenen Charme, der aus der Dichotomie von Glamour und einsetzendem urbanen Verwesungszustand entsteht. Ganz Wien, das war so herrlich hin hin hin.

Und der fraglos größte Chronist dieser ganz speziellen Scene war fraglos Falco, der heuer 66 Jahre alt geworden wäre. Gleichzeitig ist 2023 auch das Jahr des 25.Todetages dieser Ikone und anlässlich dessen geht es mit der neuesten Reissue aus dem Falco-Backkatalog  zurück zum Anfang dieser erstaunlichen und gerade für heimische Verhältnisse völlig außergewöhnlichen Karriere - nämlich zum Debüt-Album "Einzelhaft", das ursprünglich im Jahr 1982 auf dem kleinen Wiener Plattenlabel GiG Records erstveröffentlich wurde und  nun eine sehr gelungene Neuauflage erfährt.

Die „Einzelhaft“ quasi als „Alleinstellungsmerkmal“, Falco als Solitär in der Austrian Musiklandschaft, einerseits tief in der Heimat verwurzelt und „as wienerisch as it gets, you know“ und andererseits sehr international - das Echo des eingangs erwähnten Wickerl Adam-Zitats schwirrt im Raum, "Der Kommissar“, Falcos erster Hit, der so richtig um die Welt ging, als erster Hinweis auf spätere Erfolge. Für den Künstler selbst war diese Platte, die in enger Zusammenarbeit mit Produzent Robert Ponger entstand, seine Beste.

Hört man sie sich heute an so  gewinnt man den Eindruck einer sehr zeitgeistigen Platte der gleichzeitig das Kunststück gelingt in ihren größten Momenten zeitlos zu sein. Wenngleich spätere Alben  fraglos noch progressiver und im Songwriting noch ausgefeilter  waren und den hier zu hörenden Wiener Rap und Funk stilistisch erweiterten.

„Einzelhaft“ steht schon mit einem Bein im Salon der „Brillantine Brutal“-Society und mit dem anderen noch auf der Stroßn des Eighties Wien, das hier beinahe Protagonist der Songs wird – mit all den wohlbekannten special places an denen es die chemische Zerstreuungen zu finden galt, die auch eines der beherrschenden Hauptthemen des Albums sind über eine Stadt, die einem Babylon gleicht, das kurz davor steht von den Fluten der Donau verschluckt zu werden während im Szeneclub U4 die Goldfisch´ geigen.

Die neue Deluxe Edition dieser bemerkenswerten Platte erscheint in mehreren Formaten: Die Doppel CD-Version fügt dem ursprünglichen Album noch Remixes und Alternative Versionen sowie einen Mitschnitt des 1982er Live Pop Krone-Konzert  aus der Wiener Stadthalle hinzu, das von der Klangqualität natürlich nicht mit modernen Soundboard-Recordings mithalten kann.  Auf dieses Konzert sowie auf einige der anderen Bonus Tracks muss man bei der fraglos kultigsten Variante der Reissues aus Platzgründen zwar verzichten, dafür ist die retro-tastische Musikkassette wie schon beim Best Of aus dem Vorjahr ein besonders cooles Sammlerstück.


Freitag, 24. Februar 2023

DIE VERTONUNG DES "ALLTAGS" DES UKRAINE-KRIEGS: RENAN BLOOM - I SEE THE STARS

 

Credit Coverbild:© Renan Bloom
Heute jährt sich zum ersten Mal der russische Einmarsch in die Ukraine. Anlässlich dieses betrüblichen Tages ziehen nicht nur Politbeobachter und internationale Lenker des Weltgeschehens Bilanz sondern auch viele Künstler, die versuchen, die Geschehnisse in ihren Werken zu verarbeiten. Einer von ihnen ist der ukrainische Newcomer Renan Bloom, der das Schicksal Millionen seiner Landsleute teilt und sich von einem Tag auf den anderen aus seinem Alltag gerissen und inmitten der Kriegswirren wiederfand. Bloom heißt bürgerlich Yurchik Osachuk, lebt in Kiew und ist Sänger, Poet und Student, sein Vater ist an der Front bei Bakhmut stationiert. 

Die Gefühle ob der beklemmenden Situation seiner eigenen Famile und der seines Heimatlandes lässt er in seinem  Song "I See The Stars" einfließen und erzählt vom Beginn der Gefechte, den angsterfüllten Tagen vom Leben mit Bombenhagel und der Hoffnung auf Frieden. Dieser reduzierte Elektro-Pop-Song mit deutlichen Anleihen beim Breitwand-EDM-Sound der frühen Neunziger passt auf den ersten Blick weniger in die Schublade eines typischen Protestlieds sondern vielmehr zum Song Contest oder in die Contemporary-Sektion von Spotify. 
Bloom verzichtet vollends auf Effekthascherei, sein Vortrag hat etwas von der typischen Lethargie des Generation Y-Pop. Sein Song mag zwar gesanglich eher basic sein und auch die Lyrics mögen nicht eben subtil rüberkommen - doch mit seiner atmosphärischen Instrumentierung und Melodiefolge bietet dieses Lied einen Einblickk in die Lebenswelt und den "Allttag" einer potentiellen Lost Generation.

Credit Bild:© Renan Bloom


LAURA COX – HEAD ABOVE WATER

Credit Coverbild:© earMusic
Die französische Gitarristin Laura Cox fiel mir erstmals vor vielen Jahren auf YouTube auf. In reduzierten Videos nach dem Prinzip „A Girl and a Guitar“, überzeugte sie mit lässigen Riffs und Covers berühmter Soli direkt aus ihrem Zimmer. Damals - vor gut 14 Jahren  - war sie damit im noch nicht vollends ergründeten Social Media-Land eine der wenigen Frauen in diesem Metier. Heute hat sie über eine halbe Million Abonnenten auf der Videoplattform und sich überdies auch abseits der virtuellen Welt mit ihrer eigenen Band einen Namen gemacht. Das neu erschienene  „Head Above Water“ ist ihr mittlerweile drittes Full Length-Album und zeigt eine Künstlerin die unebirrt ihren von den Roots amerikanischee Musik gesäumten Weg folgt und  klassiche Tugenden mit modernen Elementen zu verknüpfen weiß.
Blues Rock-Fans werden sich bei den 11 Songs dieser Platte jedenfalls äußerst heimisch fühlen, allerings auch nicht gerade Bahnbrechendes oder Exzeptionelles entdecken  - zumindest wenn man von den äußerst gelungenen Gitarrensounds und einigen kernigen Riffs absieht. Denn es sind gerade die "Tones" in allen Schattierungen zwischen atmosphärischen Americana-Clean-Klängen und knarrziger Distortion, die auf diesem durchwegs soliden wenngleich wenig spektakulären Album herausstechen.

 

Donnerstag, 9. Februar 2023

FRAZETTA DAY 2023: THE FANTASTIC WORLDS OF FRANK FRAZETTA


Credit Bild: © Frank Frazetta Taschen Verlag
"Ich möchte etwas tun, was noch niemand vor mir getan hat. Und ich möchte es so tun, dass mich niemand vergessen wird.“ - Frank Frazetta
Blickt man auf das ebenso kunstvolle wie vielfältige Schaffen und das Vermächtnis Frazettas, dieses modernen Meisters der Malerei, der absoluten Kultstatus genießt, so kann man nur konstatieren, dass ihm dies mehr als gelungen ist. Mit seinem unverwechselbaren, ungemein detailreichen Stil erhob er oft als allzu  "low brow" verunglimpfte Themen wie Fantasy und Sci-Fi zur hohen Kunst - und wies in seinem Einsatz von Farben und Licht, einer ungemein dynamischen Perspektivenwahl sowie seiner sorgfältigen Bildkomposition eine verblüffende Nähe zu den alten Meistern auf. 
Frazetta, das ist fraglos der Rembrandt oder Caspar David Friedrich des Pulp - nur dass diese doch eher selten muskelbepackte Conan-Hünen, zu deren Füßen sich leicht bekleidete "Voluptous Vixens"  räkelten, Wikinger im Angriffsmodus oder eine kampfbereite Sirene, die die gesamte poseidon´sche Kraft der Weltmeere beschwört, malten.

Nachfolgende Fantasy-Artists versuchten oft erst  gar nicht aus Frazettas übergroßem Schatten zu treten, sondern führten seine Tradition fort. Der geballten Erotik und Testosteron-Ästhetik Frazettas war nichts mehr hinzuzufügen. Neben diesem immensen Einfluss auf die zeitgenössische (Comic-)Kunst transzendierten seine Gemälde zudem die beengende Nische reiner Genre-Kunst, die oft genug auf die Gestaltung von Buch-Covern limitiert bleibt. Denn seine actionreichen Motive, in denen Frazetta gekonnt "Movement" einfing, wurden oft als Plattencover  ausgewählt - von Molly Hatchet über Wolfmother bis High On Fire oder - was weniger bekannt ist - Herman's Hermits. Die Verbindung zur Musik war naheliegend, denn letztendlich entwarf Frazetta Bilder, die genauso aussahen wie die Musik klang. In seinen Werken spiegelte sich der Vibe ganzer Alben wider.

Eine neu im Taschen Verlag erschienene Retrospektive  "The Fantastic Worlds Of Frank Frazetta" zeigt nun all dies - und noch viel mehr.  Denn diese Monographie ist wohl die bislang umfassendste Würdigung dieses Künstlers. Entstanden ist sie in Zusammenarbeit mit der Frazetta-Familie sowie den führenden Sammlern seiner Werke. Blättert man durch die Hochglanzseiten dieses gewichtigen Coffee Table-Bands wird dieser Umstand auch überdeutlich - denn  hier sieht man eine Vielzahl an raren Bildern:  von ganz frühen Zeichnungen hin zu seinen Arbeiten für Filme wie  Robert Rodriguez und Quentin Tarantinos Kult-Kollaboration "From Dusk Till Dawn" oder  Clint Eatswoods "The Gauntlet". 
Film-,Musik-, Fantasy- oder Comic- Fans werden mit dieser Werkschau jedenfalls  fasziniert  in die fantastischen Welten Frazettas eintauchen.

The Fantastic Worlds of Frank Frazetta, erschienen im Taschen  Verlag, Famous First Edition von 6.000 Exemplaren,  Hardcover, Leineneinband mit Schutzumschlag, 29 x 39.5 cm, 4.87 kg, 468 Seiten, taschen.com

Ein exklusiver Blick ins Buch:

Credit Bild: © Frank Frazetta Taschen Verlag

Credit Bild: © Frank Frazetta Taschen Verlag

Credit Bild: © Frank Frazetta Taschen Verlag

Credit Bild: © Frank Frazetta Taschen Verlag

Credit Bild: © Frank Frazetta Taschen Verlag

Credit Bild: © Frank Frazetta Taschen Verlag


Sonntag, 29. Januar 2023

TASCHEN WINTER SALE 2023

©Taschen Verlag
Backstage bei den Stones in den Seventies, am Set von Coppolas "The Godfather" oder hautnah bei den Shootings von Helmut Newton? Das ist zwar leider nur auf dem Papier eines Bildbands bzw. in der eigenen Imagination möglich -  doch bibliophiler Eskapismus kommt ja nie aus der Mode und gerade in Zeiten wie diesen mehr als gelegen. Wer als  Coffee Table-Aficionado  beim Ticketpreis für derlei Reisen zu legendären Ereignissen und Orten sparen will, hat Glück: denn auch heuer findet der traditionelle Book Sale des Kölner Luxusverlags Taschen statt. 

Sowohl in den beiden deutschen Flagshipstores in Berlin und Köln als auch im Web gibt es bis zu - 75 % Rabatt auf Display- und Mängel- Exemplare dieser aufwendigen  Bildbände mit Sammelfaktor.
  
Hier die genauen Daten & Adressen: 

 Mittwoch 01.02. bis Samstag 04. 02. 2022
in den Flagship-Stores 
Taschen Store Berlin (Schlüterstraße 39)
Taschen Store Köln (Neumarkt 3)

Online Donnerstag 02.02. bis Sonntag 05.02.2022
www.taschen.com
Stylishes Interieur Design und Coffee Table-Bücher: ein Blick in den Flagship Store in Köln
©Taschen Verlag

Donnerstag, 12. Januar 2023

R.I.P.: JEFF BECK 1944-2023


Credit Coverbild: © Universal Music  Eagle Rock Entertainment
Vollkommen überraschend ist eine der größten Gitarren-Legenden aller Zeiten von uns gegangen: Jeff Beck starb an einer bakteriellen Hirnhautentzündung. Becks Musik begleitete mich seit meinen frühen Anfangstagen als Gitarrist -  das nun einer der ganz großen Innovatoren, der nie stillstand sondern stets die Grenzen des Instruments auslotete, nicht mehr unter uns ist, macht schlichtweg fassungslos.  
R.I.P. Jeff - thank you for the inspiration.

Aus dem aktuellen traurigen Anlass - ein Rückblick auf ein Retrospektiv-Konzert in Los Angeles und eine Dokumentation über das Leben und die Karriere Becks.

JEFF BECK LIVE AT THE HOLLYWOOD BOWL: Ein Brite und die Entdeckung der Mikrotonalität: 

Er ist ein quintessentieller „guitarist´s guitarist“ - ein Virtuose, dessen beeindruckende Beherrschung der sechs Saiten in Musikerkreisen Ehrfurcht und Bewunderung erzeugt, dem jedoch der ganz große Erfolg im Mainstream immer verwehrt geblieben ist.
Vielleicht war es genau dieser Umstand, der den britischen Ausnahmegitarristen Jeff Beck rastlos und experimentierfreudig bleiben ließ.
Becks idiosynkratrischer, gänzlich unorthodoxer Spielstil ist eine faszinierende Benchmark in Sachen Ton-Manipulation: Seine Fender Stratocaster lässt er im wahrsten Sinne des Wortes einmal singen, plötzlich wimmern und im nächsten Moment kreischen. Beck balanciert auf der feinen Linie zwischen kontrollierter Aggression und Melodik. Mit seiner Kombination aus Volume-Swells, Whammy-Techniken und präzisen, mikrotonalen Bends und Tonverschiebungen nähert er sich auf instrumentalem Wege dem Ideal des menschlichen Gesangs an.

Dass sich Beck im Laufe seiner Karriere nie lange in eine Genre-Schublade zwängen ließ,
und mit Blues Rock, Rockabilly, Fusion-Jazz oder zeitgeistigem Electronic Rock experimentierte machte seine ohnehin anspruchsvolle, häufig instrumentale Musik für viele nicht eben zugänglicher. Jene Vielfältigkeit spiegelt sich auch in der Setlist des anlässlich des 50-jährigen Karriere-Jubiläums Becks in L.A. abgehaltenen Gigs wieder, dessen Mitschnitt nun von Universal/Eagle Rock released wird.
Unterstützt von einer  verhältnismäßig jungen Band (u.a. mit der hippen Gitarristin Carmen Vandenberg) spielt sich Beck durch eine Retrospektive seiner 5 Jahrzehnte andauernden Karriere und spannt den Bogen von frühen Yardbirds-Psychedelia-Hits („Heart Full Of Soul“ oder „For Your Love“) über robusten Blues-Rock („Beck´s Bolero“) und unterkühltem Fusion Jazz bis zum – nun ja, gewöhnungsbedürftigen – jüngsten Noise-Album „Loud Hailer“.
Das Bühnenbild der Konzert-Venue - der berühmte Hollywood Bowl in der Stadt der Engel - ist äußerst reduziert, geradezu nüchtern. Auf Showeffekte wird gänzlich verzichtet;  Let the music do the talking. Da es sich um ein Anniversary-Konzert handelt, dürfen natürlich auch prominente Gäste nicht fehlen: Mit Steven Tyler spielt er „Train Kept A-Rollin´“ – das seit Jahrzehnten zu einem Fixpunkt bei Aerosmith-Gigs zählt und das Jeff in der von Rockabilly zum Bluesrock-Stampfer umgedeuteten Version seinerzeit mit den Yardbirds spielte – verewigt u.a. in Michelangelo Antonionis Sixties-Kultfilm „Blow Up“.

Zum Blues und den frühen Inspirationsquellen des Jeff B. schließt sich auch der Kreis, wenn Beck mit  Buddy Guy eine besonders ruppig-ungeschliffene Version von „Let Me Love You Baby“ raushaut. Mit Keyboarder Jan Hammer duelliert er sich wie in den 70s im Fusion Bereich und mit Billy F. Gibbons von ZZ TOP gibt’s zwar leider keinen Texas Shuffle, dafür eine gefühlvolle 80s Ballade („Rough Boy“). Sänger Jimmy Hall (man hörte ihn auf dem 1985er Beck-Album „Flash“) wurde ebenso eingeladen, genauso wie Soul-Röhre Beth Hart, die bei  „I´d Rather Go Blind“ und „Purple Rain“  - als Tribute an den zum Zeitpunkt des Konzerts erst unlängst verstorbenen Prince – alle Register der Honky-Tonk-Koloratur zieht.

Fazit: „Live At The Hollywood Bowl“ ist eine schöne Werkschau einer wechselvollen Karriere. Gerade die DVD bzw. Blu ray des Hollywood Bowl Konzertes erlaubt es Gitarristen  dem Meister ganz genau auf die Finger zu schauen um herauszufinden, wie die Grenzen dessen ausloten ließ, was auf einer Gitarre überhaupt machbar ist.

 STILL ON THE RUN - THE JEFF BECK STORY


Credit Coverbild: © Universal Music
Der Titel dieses Dokumentarfilms ist programmatisch: „Still On The Run“ –  Beck war stets ein Suchender, ein unruhiger Geist, der nur im permanenten Experiment seine Erfüllung fand und nie still stand. Inspiriert von den frühen Pionieren des Rock N´ Roll und ihrem revolutionären Erfindungsreichtum tüftelte er stets an neuen Klängen. Die psychedelisch-experimentellen Sixties waren für diesen passionierten Klangforscher der ideale Nährboden und Backdrop. Dass er immer auf der Suche – bzw. eben still on the run ist – sorgte dafür, dass es ihn nicht lange beim Blues- und Psychedelic-Rock hielt und er sich  in den Siebzigern dem rein instrumentalem Jazz Rock zuwandte und bis heute konstant die Grenzen avantgardistischer Musik auslotet.
Credit Bild: © Universal Music
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Neben seiner Passion für die Sechssaitige ist Beck auch ein ausgewiesener "grease monkey",  ein Autoschrauber, der gern selbst seine teuren Vintage Vehikel zerlegt (siehe Bild oben). Die sich hier offenbarende Parallele zu seinem unorthodoxen Spiel mit musikalischen Normen oder sog. Regeln ist evident.
Wie einflussreich dieses Spiel ist, zeigt sich auch wieder einmal in den zahlreichen All Star-Interviews mit prominenten Freunden, Zeitgenossen und Bewunderern, die für "Still On The Run" geführt wurden.  
Sie verdeutlichen den Ausnahmestatus den Beck bei seinen Kollegen wie EC, Jimmy Page, Joe Perry, Billy Gibbons  oder Slash genießt. Nicht ohne Grund gilt Beck – ein Mann der stets etwas im Schatten des Mainstreams stand – als ein quintessentieller "guitarist's guitarist".
Credit Bild: © Universal Music
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"Still On The Run" ist ein temporeicher, Film, der ein ziemlich  genaues, detailliertes Portrait der Legende zeichnet. Als Zuseher hat man das Gefühl Beck nun besser zu vestehen und ev. auch seine Karrierentscheidungen nachvollziehen zu können. Für mich als jahrelangen Beck-Fan war diese Dokumentation daher ungemein  faszinierend: Ein komplexes Portrait eines Individualisten, der sich nie anpassen konnte und wollte und ein wirklich empfehlenswerter Film.

Sonntag, 8. Januar 2023

MOTORLEGENDEN: ELVIS PRESLEY

Credit Coverbild: © Motorbuch Verlag
Es gibt nur wenige Lebensgeschichten, die so detailliert beleuchtet wurden, wie jene des Elvis Aron Presley, der am heutigen Tage 88 Jahre alt geworden wäre.

Elvis war in vielem der Erste: zunächst einmal natürlich als Pionier einer völlig neuen Musikrichtung. Bis heute sagenumwoben dieses Epiphanie-Erlebnis für die Nachkriegszuhörerschaft, als sie die Musik des Memphis Flash vernahmen, die in ihrer bahnbrechenden Verbindung von weißer und schwarzer Traditionen so  vollkommen neuartig war (ein Erlebnis, das sich wiederum bis in die Gegenwart wiederholt - und zwar für alle, die erstmals diese unglaubliche annähernd drei Oktaven umfassende Stimme und diesen Sound zum ersten Mal hören).

Doch Elvis war auch der erste globale Superstar, der in bis dato ungekanntem Ausmaße für eine regelrechte Massenhysterie sorgte. Nie zuvor erfuhr eine einzelne Person eine dermaßen konzentrierte Aufmerksamkeit des "public eye". Auch war der Mann aus Tupelo, Mississippi das erste Totalphänomen – Musiker, Schauspieler, Sexsymbol, geradezu Repräsentant des amerikanischen Traums und der die Nachkriegszeit dominierenden US-Leitkultur. 

Zahlreiche Biographien, Essays und Artikel haben sich mit den zahlreichen Teilaspekten dieses außergewöhnliche Lebens  auseinandergesetzt: von seiner Freizeitgestaltung und Alltagsgewohnheiten über die Einrichtung seines Anwesens Graceland hin zu seinem Style und minutiösen Aufzeichnungen seiner Recording Sessions- nichts blieb undokumentiert.

Der neuste Band in der Motorlegenden-Reihe des Motorbuch Verlags widmet sich nun einem weiteren Teilaspekt: seiner Leidenschaft für Autos, Motorräder und andere Fortbewegungittel, die sowohl in seinem Pivatleben als auch in vielen seiner Filme eine große Rolle spielten. Zuallererst sind da natürlich idie Cadlliacs, die auch exemplarisch für Presleys berühmte, geradezu legendäre Freigiebigkeit stehen: diese klassischen US-Straßenkreuzer waren oft Geschenke für ihm nahestehende Pesonen.  

Autor Siefried Tesche entwirft in diesem Buch nun eine unfangreiche Chronik von Elvis beeindruckendem Fuhrpark (der über die Jahre u.a. auch Wagen von  Rolls Roycs, BMW oder Mercedes enthielt). Das ist ungmein genau recherchiert und für Liebhaber edler Karossen eine regelrechte Fundgrube. Doch so wie bei den vorangegangenen Bänden dieser Reihe liegt der Fokus nicht allein auf den Gefährten. Diese nehmen zwar einen wesentlichen Teil dieses reich beilderten Buchs ein, doch geht es  Tesche um wesentlich mehr:  denn er entwirft auch eine kompakte, an Trivias überaus reiche Retrospektive auf Elvis Leben und Karriere.

Motorlegenden:Elvis Presley von Siegfried Tesche, erschienen im Motorbuch Verlag