Dienstag, 31. Mai 2022

JOE SATRIANI – THE ELEPHANTS OF MARS

 Credit Coverbild: © earMusic EDEL
Während der Mars-Rover „Perserverance“ nach verwertbaren Daten und Gesteinsproben auf der unwirtlichen Oberfläche des roten Planeten sucht, ist Gitarrenvirtuose Joe „Satch“ Satriani schon wesentlich weiter: Noch vor der NASA scheint er (wenngleich nur in songwriterischer Hinsicht) Leben auf dem Mars entdeckt zu haben: ominöse Marselefanten nämlich, die titelgebende Spezies seines neuen Longplayers, dem ersten auf seinem neuen Label earMusic.

„The Elephants Of Mars“ ist selbst für den sci fi-affinen Satriani (schon 1987 glitt er auf „Surfing with The Alien“, eine der besten und erfolgreichsten Instrumental-Platten aller Zeiten, durch die Galaxie) ein durchaus futuristisches Album. Die Space-Thematik zieht sich wie ein roter Faden durch dieses Werk, das über weite Strecken wie ein Soundtrack für eine neue SF-Serie klingt. Der Zuhörer kann sich jedenfalls nicht des Eindrucks erwehren, dass dies doch ein eher untypisches Album für den Virtuosen ist.

Dies mag auch am für Satriani ungewöhnlichen  Entstehungsprozess liegen, denn „Elephants…“ ist Satchs Pandemie-Album. Lockdown-bedingt zwangsbefreit von den Verpflichtungen des ewigen Album-Tour-Album-Tour-Zyklus ist dies ein vollständig im Homestudio kreiertes Werk auf dem Satriani zudem erstmals gänzlich auf physische Amps verzichtete und seine Gitarren direkt in Software-Plug-Ins spielte. 

Die das Album begleitende Werbung  verspricht vollmundig „It Moves, It Swings, It Rocks“ - und tatsächlich, hier gibt es eine überaus eklektische Mischung unterschiedlicher Stile die neben melodischem Rock auch Fusion-Anleihen  und sogar Dance-artige Exkursionen inkludiert. Die häufig auf reduzierten Melodie-Motiven basierenden Songs (siehe etwa die medidativ groovende Leadsingle "Sahara") scheinen beinahe so etwas wie der Kommentar des Veteranen Satriani zu den "20 Second Guitar Wonders" der Tik Tok- und YouTube-Generation zu sein, die den Social Media-User mit perfekt ausgearbeiteten Content-Snippets versorgen - die ähnlich wie manch rein akrobatisch ausgerichtete Saitenakrobaten der Eighties vor allem eines wollen: beeindrucken – und dabei relativ wenig aussagen. Im Kontrast dazu war Satriani immer einer jener Gitarristen, die selbst bei komplexen Nummern fehlerfrei und sauber spielen, bei denen jedoch die eigene Virtuosität - selbst am Höhepunkt der Shred-Welle der Achtziger - nie zum Selbstzweck wurde. 

Auch auf "Elephants" zeigt Satch vor allem seine bekannte Mühelosigkeit mit der er seiner Ibanez vokalartige Lines entlockt und fluid zwischen den Genres wechselt. Bei aller Experimentierfreude muss man jedoch auch konstatieren, dass die einzelnen Stücke nie den einprägsamen Hitcharakter erreichen, der die Songs von Alben wie dem Classic Rock-orientierten "The Extremist" oder "Flying In A Blue Dream" so zeitlos gemacht hat. 

Credit Bild:© Eduardo Peña Dolhun

Dienstag, 10. Mai 2022

DIKTATOREN IM KINO

 

Credit Coverbild: ©Zsolnay Verlag
Ebenso interessant wie eigentümlich war die Beziehung der gefürchteten Diktatoren und Propagandisten der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zum damals noch jungen Medium Film. Einige von ihnen waren selbst Fans der bewegten Bilder auf der Leinwand: Ähnlich wie bei der Opernfigur des letzten Tribunen Rienzi fand sich Adolf Hitler etwa im Pancho Villa im u.a . unter der Regie von Howard Hawks entstandenen „Viva Villa“ wieder. Josef Stalin entwickelte sich zwar erst mit fortgeschrittenem Alter zum Cineasten (und Zensor der Kunstform) hatte jedoch skurrilerweise eine Vorliebe für westliche Filme, darunter auch für das ur-amerikanische Genre des Western. In Italien wiederum schuf sich Benito Mussolini für die Produktion italienischer Filmwerke gleich eine eigene Stadt: Cinecittà.
Die Symbiose zwischen den Diktatoren und der Kunstform ging jedoch weit über die persönliche Begeisterung hinaus. Kino war immer auch eine wirksame Propaganda-Waffe, nicht nur zur überlebensgroßen Selbstinszenierung sondern auch zur perfiden Beeinflussung der Massen.
Lenin etwa hatte zwar nicht unbedingt viel für das Künstlerische im Film über, erkannte jedoch das edukative Potential für die Arbeiter in Russland. Der Chefpropagandist des „Dritten Reichs“ Joseph Goebbels schwärmte nicht nur aus weniger cineastischen Gründen für zahlreiche Starlets von Babelsberg sondern instrumentalisierte rücksichtslos Schauspieler wie Regisseure und lenkte die gesamte Filmproduktion in Deutschland. Vor diesem Hintergrund ist es eine interessante Fußnote der Geschichte, dass gerade in solch dunklen Zeiten technische wie inszenatorische Pionierleistungen fielen (Stichworte: Riefenstahl und Eisenstein).

All diese unterschiedlichen Aspekte - von den Genre-Vorlieben der Despoten über die Rolle bekannter Filmschaffender in totalitären Systemen zur Instrumentalisierung eines ganzen Massenmediums zur Beeinflussung des Volks  - stehen im Zentrum der Neuerscheinung „Diktatoren im Kino“ des renommierten Literaturwissenschaftlers Peter Demetz. Dieser beleuchtet ein ungemein faszinierendes Gebiet, das noch nicht so erschöpfend erforscht wurde, wie man vielleicht annehmen könnte. Der hier gegebene Überblick ist kompakt, ohne dabei oberflächlich zu wirken. Demetz findet interessante, wenig bekannte Details in den Biographien der Diktatoren - das macht dieses Buch einerseits für jene spannend, die sich erstmalig mit dieser  besonderen Thematik auseinandersetzen, es langweilt jedoch andererseits nicht die historisch versierten Leser. 

Zwar könnte man das Thema sicherlich noch ausführlicher behandeln als es hier auf gut 256 Seiten geschieht, doch es ist dem Autor sehr zugute zu halten, dass er nicht den Fehler so mancher seiner Kollegen begeht und sich in Nebensächlichkeiten verzettelt, die dann in einer wenig mitreißenden Aufzählung mehr oder minder bedeutsamer Zahlen mündet. Dieses  Buch liest sich stets flüssig, was auch an der immer wieder durchscheinenden Begeisterung des Cineasten Demetz liegt. Nur die  Aufmachung ist etwas nüchtern ausgefallen: Ein paar vereinzelte, kleine Schwarzweiß-Fotos illustrieren das Büchlein; die Thematik und die visuelle Natur des Mediums Film hätten durchaus eine größere Aufmachung mit ganzseitigen Fotos und Bilderstrecken für eine  tiefergehende Analyse von Propaganda-Machwerken nahegelegt.

Ungeachtet dessen ist „Diktatoren im Kino“ ein - im besten Sinne - „old school“-Geschichtsbuch, das mit einer Fülle an Infos nicht nur als Quelle für eigene wissenschaftliche Arbeiten fungieren kann sondern zu den interessantesten kommunikationshistorischen wie kinogeschichtlichen Releases der jüngeren Vergangenheit zählt.

Sonntag, 8. Mai 2022

CHUCK BERRY - HAIL! HAIL! ROCK N´ ROLL

Credit Coverbild: © Studio Hamburg  / Universal Music   

In den 80ern des vergangenen Jahrhunderts steuerte die Rock N´ Roll und Rockabilly-Revival-Welle kontinuierlich auf ihren Höhepunkt zu. Musiker wie Brian Setzer,  Shakin´ Stevens, Dave Edmunds oder die Blasters feierten mit purem Rock N' Roll große Erfolge. Ikonen der ersten Stunde wie Carl Perkins, Roy Orbison oder die Everly Brothers standen wieder verstärkt im Fokus der Mainstream-Öffentlichkeit. Und auch in Hollywood war die klassische Rock N' Roll-Ära geradezu omnipräsnet: von den Buddy Holly- und  Jerry Lee Lewis-Biopics bis hin zu Francis Ford Coppolas nostalgischem "Peggy Sue Got Married". Die 50s, sie schienen damals  sehr nah, sehr präsent - was sich auch im Fashion-Stil der damaligen  Zeit widerspiegelte.  

Teil dieses Revival-Phänomens war auch der Doku- und Konzertfilm „Hail!Hail! Rock N´Roll", entstanden unter der Regie von  Taylor Hackford. Dieser hatte u.a. mit dem Richard Gere Romance-Klassiker „Ein Offizier und Gentleman“ einen der ganz großen 80er-Hits gelandet. Nach einem Neo Noir-Thriller ("Against All Odds") und einem Tanzfilm ("White Nights" mit Mikhail Baryshnikov) widmete er sich ganz dem Rock N' Roll und drehte sowohl das solide Richie Valens-Biopic "La Bamba"  als auch das großartige Portrait einer der wichtigsten Ikonen des Rock, Charles „Chuck“ Edward Anderson Berry. Anlässlich von Berrys 60. Geburtstag wurden für "Hail! Hail! Rock N' Roll" sowohl eine ausführliche Doku als auch ein Anniversary Gig inklusive der Rehearsals gefilmt. Nun ist dieser Film erstmals auf Blu ray erschienen.

Der Titel stammt aus dem frenetisch-euphorischen Refrain des Songs "School Days" in dem Berry, einer der begnadetsten Librettisten des damals noch jungen Genres, nicht nur kongenial den monotonen Alltag eines Schuljungen beschreibt, sondern auch die Kraft der Musik besingt - das Heilmittel gegen Alltagssorgen, man findet es in der Jukebox.  Die Besetzung des Gigs zu Ehren Chucks war mehr als    "star studded" : Keith Richards, der auch der Musical Director fungierte, Mr. Slowhand Eric Clapton, Linda Ronstadt, Robert Cray, Etta James, Johnnie Johnson, Steve Jordan, Bobby Keys, Julian Lennon und Joey Spampinato von NRBQ.  Wenn Berry etwa John Lennons Sohn Julian auf der Bühne begrüßt oder Eric Clapton unnachahmlich den Blues bei "Wee Wee Hours" spielt, schließt sich ein Kreis.  Bemerkenswert ist dieser Dokumentarfilm jedoch noch aus einem anderen musikhistorischen Grund: hier kommt es zu einer der ersten Kollaborationen zwischen dem  Drummer Stanley Jordan und Rolling Stone Keith Richards. Zuvor hatte Jordan schon bei den Studioaufnahmen zum Album "Dirty Work" mit den Stones gearbeitet ,  in den darauffolgenden Jahren  spielte er immer wieder mit Richards bei dessen Soloprojekten . 2021 sprang Jordan bei der damals aktuellen Tour für den erkrankten Charlie Watts ein. Nach dem völlig überraschenden Tod Watts scheint Jordan, nun permanent Teil der dienstältesten Rockband der Welt geworden zu sein.  

Die Blu ray-Neuauflage von Hackfords Berry-Portrait liefert sehr gute Bildqualität sowie druckvollen, plastischen und klaren Sound. Das durchaus üppige Bonusmaterial zeigt ausführlich die gerade für Musiker hochinteressanten Proben. Nur leider kann man aus unerklärlichen Gründen  nicht alle im Spielfilm verteilten Musiksegmente separat ansteuern, da hilft dann nur spulen wie seinerzeit bei  VHS-Kassetten. Das hätte man wirklich besser lösen  können. So ist die Blu ray-Konvertierung aufgrund dieses kleinen, aber dennoch störenden Mankos  nicht hundertprozentig perfekt - doch Hackfords Film bleibt ein gelungenes und einfühlsames Portrait eines außergewöhnlichen Musikers, das auch schwierige Aspekte in der Persönlichkeit Berrys nicht verschweigt. 

Samstag, 7. Mai 2022

CHUCK BERRY - LIVE FROM BLUEBERRY HILL

Credit Coverbild: ©  Dualtone Music /MNRK-Bertus
Das Cover gemahnt auf den ersten Blick an die Seventies und Blueberry Hill assoziiert der geneigte Rock N´ Roll-Fan zunächst eher mit einem anderen großen Pionier dieser Musikrichtung - doch tatsächlich handelt es sich beim Album  "Live From Blueberry Hill" um eine Chuck Berry-Live-Platte, die nicht die britischen Seventies-Shows dieser Legende sondern sein Spätwerk  würdigt.

Aufgenommen wurde es zwischen Juli 2005 und Januar 2006 in einer ganz besonderen Venue, im  Restaurant Blueberry Hill in St. Louis. Dieses Lokal gehört zu den ganz großen Touristenattraktionen der Stadt und ist auch für die Einheimischen ein überaus beliebter und  generationenübergreifender Hangout-Ort, an dem einer der größten Söhne dieser Stadt über viele Jahre an jedem dritten Mittwoch im Monat auftrat. In siebzehn Jahren gab Berry dort sage und schreibe 209 Konzerte. 

Die Genesis dieser Shows  geht auf ein Gespräch Berrys mit seinem langjährigen Vertrauten und Besitzer des Blueberry Hill Restaurants Joe Edwards zurück. Berry meinte: „Weißt du, Joe, ich würde gerne in einem Lokal spielen, das so groß ist wie das, in dem ich gespielt habe, als ich angefangen habe.“  Für Berry schloss sich damit ein Kreis, back to the roots - nicht nur weil es für ihn ein Heimspiel in jener Stadt war, in der er geboren wurde sondern auch weil diese Venue an jene Orte erinnerte, in denen er in den Fünfzigern seine Verbindung von weißem Country und schwarzem Rhythm N´ Blues erstmals einem breiten Publikum vorstellte. Und der Rest ist History, wie es so schön heißt... 

Jene Bühne im Blueberry Hill,  auf der Berry in den letzten Jahrzehnten seines Lebens mehr als auf jeder anderen gespielt hat, wurde nach  Chucks charakteristische Bühnenbewegungen, dem "Duck Walk", passenderweise „The Duck Room“ getauft. Die "Live Residence" Berrys wurde zum Fixpunkt und auch andere große Musiker machten sich auf den Weg um diese Legende zu sehen, unter ihnen etwa  Robbie Robertson von The Band oder Lemmy Kilmister. 

Berrys  Band für diese Duck Room-Shows entwickelte sich im Laufe der Zeit, wurde aber schließlich als „Blueberry Hill Band“ bekannt und bestand sowohl  aus Familienmitgliedern, langjährigen Berry-Mitarbeitern als auch Stars der St. Louis-Szene, darunter Tochter Ingrid Berry an der Harp, Sohn Charles Berry, Jr. an der Gitarre, Bassist und Bandleader Jimmy Marsala, Pianist Robert Lohr und Schlagzeuger Keith Robinson. Anders als bspw. in den 70ern hatte Berry so nicht nur einen konstanten, wöchentlichen Fixplatz für seine Gigs sondern auch eine richtige Stammband - zuvor spielte Berry  bei seinen Auftritten oft mit immer wechselnden lokalen Gruppen,  die für die Legende als Backing Band fungierten - das funktionerte auch deshalb weil Berrys ikonische Songs zum absoluten Standardrepertoire gehörten und somit von den jeweiligen Bands auch ohne lange Proben beherrscht wurden. 

 "Live From Blueberry Hill" bietet einen veritablen Querschnitt durch Chucks frühe Diskographie, mit Klassikern wie "Roll Over Beethoven", "Nadine" und natürlich "Johnny B. Goode". Obwohl diese rauen  Aufnahmen von nicht das ultimative Live-Dokument Berrys sind,  bekommt der Zuhörer hier ein sehr gutes Gefühl dafür,  wie die Atmosphäre im Duck Room gewesen sein muss.    

Mittwoch, 4. Mai 2022

STAR WARS DAY MAY THE 4TH 2022: DAS STAR WARS ARCHIV: EPISODE I-III 1999-2005

Taschen Verlag    courtesy TASCHEN / © & TM 2020Lucasfilm. All Rights Reserved.  
Great Expectations – mit genau diesen zwei Worten könnte man das kollektive Gefühl von Millionen Kino-und Star Wars-Fans subsumieren, die in den späten Neunzigern der Veröffentlichung der Prequels zu George Lucas Sternen-Saga entgegenfieberten. Wie konnte es zum Aufstieg des Imperators und des galaktischen Imperiums kommen, wie wurde aus Anakin Skywalker der röchelnde Sith Lord Darth Vader und was genau passierte mit dem einst prosperierenden Orden der Jedi? Die neuen Filme versprachen Antworten auf all diese Fragen.

Lange vor Youtube und der großen Gleichzeitigkeit von Social Media schaffte es Lucas mit einem beispiellos gelungenen Marketing-Schachzug einen neuen Demand für filmische Einträge im Star Wars-Universum zu generieren: eine digital aufgemotzte Neuaufführung der Classic Trilogy, Action Figuren als Sneak Peeks der neuen Filme und ein geheimnisvoller Trailer, der als meist Gedownloadeter in die Geschichte eingehen sollte. Mit diesem vielleicht langanhaltendsten Tease der Kino-History  schürte der Regisseur und Franchise-Erfinder über Jahre hinweg eine ungeheure Erwartungshaltung für den Auftakt der Prequel-Trilogie. Eine Erwartungshaltung,  die letztlich ins Unermessliche anstieg und so selbst von Lucas, diesem kongenialen Erfinder eines modernen Mythos, nicht zur Gänze erfüllt werden konnte. Denn das Endergebnis -  drei mitunter kontrovers diskutierte Filme - spalten bis heute die Fan-Gruppen. 

Nun ist pünktlich zum heutigen Star Wars-Tag (May the 4th – May the Force…) im Taschen Verlag ein neuer XXL-Bildband erschienen, der die faszinierende Genesis dieses ehrgeizigen Großprojekts nacherzählt.

Episode III: Der Dreh des Triells von Anakin, Obi-Wan und Count Dooku
courtesy TASCHEN / © & TM 2020Lucasfilm. All Rights Reserved.
Episode III: Stunts vor dem Blue Screen
courtesy TASCHEN / © & TM 2020
Lucasfilm. All Rights Reserved.
George Lucas und der junge Anakin (Jake Llyod) am Tatooine-Set in Tunesien
courtesy TASCHEN / © & TM 2020
Lucasfilm. All Rights Reserved.
Wie man das vom Kölner Luxus-Verlag gewohnt ist, fällt auch dieser zweite Eintrag in der Star Wars-Retrospektiv-Reihe sehr aufwendig aus. Mit seinen wuchtigen Ausmaßen ist er definitiv wesentlich schwerer als ein Millenium Falcon-Modell mit voller Action Figuren-Besatzung und hebt sich auch vom Design her (roter Sternen Sparkle-Einband!) von den unzähligen Büchern zum Thema ab. Wie schon der erste Band zur Classic Trilogy ist auch der Neue  wiederum in enger Kooperation mit George Lucas und Lucasfilm entstanden. Dies garantierte einen äußerst umfangreichen Einblick ins Making von  „Episode I-III“ sowie zur Classic Trilogy-Neuauflage. Filmhistoriker Paul Duncan tauchte tief in das Archiv von Lucas´ Traumschmiede ein und förderte Unmengen an Fotos und Behind The Scenes-Material zu Tage: rare Dokumente, Drehbuchseiten, Produktionsunterlagen, Konzeptentwürfe, Storyboards , eine Fülle an Fotos aus den Filmen sowie ein extrem ausführliches Exklusivinterview mit dem Regisseur machen für den Leser den jahrelangen Entstehungsprozess nachvollziehbar.

Retrospektiv betrachtet und auch im Vergleich zur teils missglückten neuen „Sequel“-Trilogie fällt das Urteil über die Prequels wesentlich milder aus. Lucas zeigte sich hier erneut als Virtuose an der Klaviatur des Marketings sowie in der Erschaffung immersiver fiktiver Welten. Insbesondere „Episode I“ ist fraglos ein Schlüsselwerk des modernen Event-Kinos, wie man es heute etwa vom Marvel Cinematic Universe kennt. Der neue Bildband rehabilitiert die oft gescholtenen Filme nicht zur Gänze, verdeutlicht jedoch den enormen Aufwand der hinter diesen Werken steckte. Das macht dieses spannende Archiv-Buch nicht nur für die härtesten Star Wars-Fans interessant sondern auch für jene, die sich mit der Magie hinter den Kulissen der bewegten Bilder interessieren.

TASCHEN
The Star Wars Archives. 1999–2005  Paul Duncan
Hardcover, Halbleinen, 41,1 x 30 cm, 6,88 kg, 600 Seiten, 150 Euro
taschen.com

Montag, 18. April 2022

DIE LICHT- UND SCHATTENSEITEN DER STADT DER ENGEL: LOS(T) ANGELES

 Coverbild: ©    Michael Dressel  Hartmann Books, 2021
Stars, schönes Wetter, in Filmen verewigte Sehenswürdigkeiten, eine noch immer blühende Kulturszene, dekadenter Luxus, Glitzer & Glamour: Wohl kaum eine andere Stadt der Welt ist so sehr Manifestationspunkt für die Träume, Hoffnungen, Illusionen und Ambitionen von Millionen von Menschen wie Los Angeles - jene Stadt, in der sich einst die Schönen mit den Hübschen paarten und zukünftige Generationen zeugten, die wiederum besser aussahen als die davor, wie es die große Eve Babitz, eine der berühmtesten L.A.- Chronistinnen, einst so treffend formulierte. 

Doch hinter der schönen Fassade verbergen sich auch bodenlose Abgründe. Hollywood mag zwar die gesamte Stadt in ein gleißendes Scheinwerferlicht tauchen, doch dadurch werden die Schatten nur umso länger. Denn die „City Of Angels“ ist nicht nur Film-Hauptstadt und Symbol für den „Californian Way Of Life“ sondern offenbart ihren Bewohnern ebenso wie (touristischen) Besucher auch extreme Gegensätze.  Unsagbarer Reichtum und Luxus-Villen auf der einen und verwahrloste Straßenzüge sowie  immer stärker werdende soziale Probleme auf der anderen Seite. Von der horrenden, für Europäer fast nicht vorstellbaren (und gerade ganz aktuell wieder besonders heftigen) Kriminalitätswelle ganz zu schweigen. Darüber hinaus wird der Sunset Boulevard auch oft zum Boulevard Of Broken Dreams - Los Angeles kann das Sprungbrett zur Weltkarriere sein und ist gleichzeitig das Auffangbecken für gescheiterte Schauspieler, die sich in den Restaurants der Stadt über Wasser halten müssen. Sie alle eint, dass sie stets immer nur scheinbar einen  Schritt von der entscheidenden Begegnung oder der Rolle, die ihnen den Durchbruch verspricht, entfernt sind.  

Genau diese Kontraste und diese Spannungsfelder sind auch die Hauptthemen in den Bildern von Michael  Dressel, der in den Straßen von  L.A. mit seiner Kamera auf Streifzug ging um die "harten Realitäten" dieser Stadt einzufangen.  Der neue, wortspielerisch betitelte  Bildband "Los(t) Angeles" zeigt nun erstmals eine Auswahl seiner Arbeiten aus den Jahren 2014–2020. Die expressive Schwarzweiß-Ästhetik dieser Aufnahmen unterstreicht den schonungslosen Blick, den Dressel auf seine Wahlheimat wirft. Gerade der "Real Life"- und  Straßenfotografie wohnt stets in besonderem Maße ein gewisser anthropologischer Voyeurismus inne,  Dressel bleibt jedoch stets empathisch, Das Ergebnis seiner Foto-Safari im Großstadtdschungel ist mal grotesk, manchmal traurig, dann wieder komisch und auch durchaus stylish - wenn etwa ein makelloses Models, die  Straße einnimmt,  als wäre diese ihr persönlicher Catwalk.

In bester Street Photography-Tradition bleibt es dem Betrachter letztlich selbst überlassen, wie er die hier gezeigten Momentaufnahmen interpretiert. Dressels unverblümtes Portrait vom Alltag im La La Land offenbart dem Betrachter jedoch stets die Dualität des American Dreams - der für die einen in Erfüllung geht und für die anderen unerreichbar bleibt - und zeigt die glamourösen, banalen und dunklen Seite der "Californication".

Credit Bild: ©    Michael Dressel  Hartmann Books, 2021

Credit Bild: ©    Michael Dressel  Hartmann Books, 2021

Credit Bild: ©    Michael Dressel  Hartmann Books, 2021
Zur Person des Fotografen: Geboren 1958 in Ost Berlin, studierte Michael Dressel kurz Bühnenbild an der Kunsthochschule Weissensee und verbrachte, nach einem missglückten Fluchtversuch, zwei prägende Jahre in DDR-Gefängnissen. Nach seiner Ausbürgerung in den Westen lebte er 1985 für kurze Zeit in West-Berlin bevor es ihn nach Los Angeles verschlug wo er seitdem lebt und als Soundeditor an großen Hollywood-Produktionen arbeitet, was ihm unter anderem die Mitgliedschaft in der Oscar Academy einbrachte. Das Hinhören ist seine Profession, das Hinsehen seine Leidenschaft. Seit vielen Jahren ist er in den Straßen von Los Angeles mit seinen Kameras unterwegs, immer auf der Suche nach »bedeutungsvollen Momenten«. 

Michael Dressel-Los(t) Angeles  ca. ca. 176 Seiten, ca. 110 Abbildungen, 23 × 28 cm Text von Matthias Harder und ein Interview zwischen F. Scott Hess und Michael Dressel, Deutsch/Englisch, Hardcover mit Schriftprägung  ISBN 978-3-96070-071-5, Hartmann Books, co-published mit Gingko Press

Freitag, 11. März 2022

Antonioni´s BLOW-UP: Ein bibliophiler Blick hinter die Kulissen eines Sixties-Kultfilms

 

Credit Coverbild: © Steidl
Es gibt Kultfilme und es gibt Filme, die über begeisterte Bewunderung in reklusiven Zirkeln eingeschworener Filmbuffs weit hinausgehen und zu übergreifenden popkulturellen Phänomenen werden, die es vermögen einen Einfluss auszuüben, welcher auch Jahrzehnte später noch spürbar ist: „Blow Up“ von Michelangelo Antonioni aus dem Jahre 1966 ist fraglos ein solch seltener Fall.
Der ganze Streifen und die Suche der Hauptfigur (David Hemmings) nach der Wahrheit bzw.  einer Leiche, die er meint auf einem von ihm geschossenen Foto entdeckt zu haben, ist eine Metapher auf die Sechziger-Jahre selbst und gleichzeitig eine Zeitkapsel  für den Zuseher.
In ihr wird er in ein pulsierendes London am Ende der Mod-Ära und an der Schwelle zum Hippie-Phänomen transportiert. Der Streifen ist ein Schlüsselwerk des Sixties-Kinos und wird bis heute
immer wieder zitiert – ob in der Mode mit Hemmings´ zeitlos schickem Outfit aus Hemd, weißen Jeans und Chelsea Boots oder in einer von Martin Scorsese inszenierten Chanel Parfum Werbung.

Vergegenwärtigt man sich all dies, ist es umso erstaunlicher, wie wenig (sprich: so  gut wie keine) Bücher es über diesen besonderen Film gibt. Eine Ausnahme ist der im Steidl Verlag erschienene Band „Antonioni´s Blow Up“ der Autoren Philippe Garner und  David Alan Mellor.
Das über 130 Seiten starke Hardcover-Buch (komplett in Englisch) ist hauptsächlich ein geradezu verschwenderisch gestalteter Bildband, der anhand von Szenenbildern und „on-set stills“ Teile des Films nacherzählt. Unterbrochen wird diese Bildstrecke lediglich durch einzelne Originalzitate des Regisseurs und Dialogfragmente aus dem Film. Somit richtet sich Garners und Mellors Werk  eindeutig an Leute, die „Blow Up“ schon wirklich gut kennen.

Die ausladende Fotostecke zeigt aber auch erneut überdeutlich das, was Antonioni-Fans seit jeher wissen: Der Italiener war einer der visuellsten Regisseure, seine Einstellungen sind perfekte Standfotos einem durchkomponierten Gemälde gleich.
Und „Blow Up“ ist natürlich reich an ikonischen Bildern: allein die hingegossene Verushka, wie sie von Hemmings in dessen Atelier abgelichtet wird……
 Dem Thema Fashion und Models sowie Medien widmet sich auch eines der beiden Essays am Ende des Buchs (das zweite setzt sich mit zeitgenössischer Kunst auseinander).
Beide Texte sind extrem interessant und äußerst lesenswert, heben sie doch  elementare Aspekte aus dem kulturellen Kontext in dem Film entstanden hervor.
Wer vom Film fasziniert ist, wird viel Freude mit dem ansprechend gestalteten „Antonioni´s Blow Up“ haben: ein echter Liebhaber-Band. 

Donnerstag, 10. März 2022

ANDRÉ BUTZER

Credit Coverbild: © Taschen Verlag
Ein Phänomen der meisten zeitgenössischen Kunstwerke und Popkultur-Produkte ist fraglos, dass so gut wie alles schon mal dagewesen ist. Everything Is A Remix.  Ein Gefühl von "Familiarity" beschleicht einen auch beim Betrachten der Werke des deutschen Malers André Butzer. Dessen Bilder wirken zwar überraschend frisch und zeitgeistig -  gleichzeitig weisen sie für den kunstaffinen Betrachter aber auch ein hohes Maß an Interkontextualität auf.
Mal zitiert er recht offensichtlich Basquiat und verweist im nächsten Bild auf japanische Comics. Bei Butzer treffen alte und neue Welt sowie die unterschiedlichsten Kunst-Stile aufeinander - oder besser, sie kollidieren regelrecht in kunterbunten Bildern, hinter deren teils grellen Farbexplosionen sich jedoch eine Auseinandersetzung mit existenzialistischen Fragen verbirgt.  Expressionismus knallt hier auf US-Popkultur. Abstraktes, die wiederkehrenden großen Comic-Augen entdeckt man in Bildkompositionen, die an die Art Brut gemahnen.

Europa auf der einen und Amerika auf der anderen Seite - Butzer arbeitet in genau diesem Spannungsfeld der Traditionen und zählt so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Friedrich Hölderlin, Edvard Munch, Walt Disney oder Henry Ford zu seinen Vorbildern Eklektizismus zieht sich als roter Faden durchs Werk des Stuttgarter Malers, der tunlichst versucht sich einer eindeutigen Schubladisierung oder  Kategorisierung zu entziehen.  

Von dieser,  sich teilweise erst auf den zweiten Blick offenbarenden Vielschichtigkeit kann man sich nun in einer neuen, im Taschen Verlag erschienenen Monographie über diesen ungewöhnlichen Künstler überzeugen.
Diese Coffee Table-Werkschau beleuchtet nicht nur die interessante Entwicklung Butzers sondern ist in der "Famous First Edition" auch auf 4000 Exemplare limitiert - und allein schon deshalb ein echtes Sammlerstück für Freunde moderner Kunst.
Credit Bild: ©   2021 André Butzer    Taschen Verlag

Credit Bild: ©   2021 André Butzer    Taschen Verlag

Credit Bild: ©   2021 André Butzer    Taschen Verlag

Credit Bild: ©   2021 André Butzer    Taschen Verlag

Credit Bild: ©   2021 André Butzer    Taschen Verlag
André Butzer, Hardcover, 28 x 33,7 cm, 3,23 kg, 428 Seiten,taschen.com

Freitag, 18. Februar 2022

FALCO - THE SOUND OF MUSIK

 Credit Bild: © Sony Curt Themessl  
Am morgigen Tag wäre Johann „Hans“ Hözel alias Falco 65 geworden - und auch 24 Jahre nach seinem Tod bleibt er eine geradezu unerreichbare Figur der österreichischen Musikszene. 
Denn trotz einiger bemerkenswerter Achtungserfolge heimischer Künstler ist der Falke noch immer der größte Star von internationalem Format, den Österreich in der Neuzeit je hervorgebracht hat. 

Der Appeal dieses Künstlers bleibt auch abseits von Jubiläen ungebrochen. Warum ? Das hat viele Gründe. Einerseits ist da seine Personality, die eigentlich stets zu groß für die Landesgrenzen Austrias schien. „Er war so exaltiert, because er hatte Flair“  - die von ihm kreierte Kunstfigur, mit unverwechselbarem Modestil, eigenem Duktus und Gestik, ein  Alter Ego im Bowie-Stil, war ein ziemlicher Kontrast zum damals vorherrschenden Bild der meisten Künstler aus dem deutschsprachigen Raum.
Andererseits steht da fraglos seine beispiellose Erfolgsbilanz - die erste nicht rein englischsprachige Nummer 1 der US-Billboard Charts ist und bleibt ein unglaubliches Achievement. Vor Falco gelang dies nur einem anderen Österreicher, nämlich Anton Karas mit seinem „Harry Lime/Third Man Theme“ zu Carol Reeds „Der Dritte Mann“ - und das war bekanntlich ein Instrumental.

Und dann ist da natürlich vor allem die Musik - zwar repräsentieren viele seiner Songs den 80er-Zeitgeist (den Falco auch definitely mitprägte) und stehen häufig sinnbildlich für die Aufbruchsstimmung im damaligen Vienna, doch fallen sie zu keinem Zeitpunkt in die Nostalgie-Category. Legt man Falcos Platten heute auf bzw. wählt man seine Songs auf dem Streamingdienst seines Vertrauens aus, wirken sie nach wie vor vollkommen zeitlos.

Anlässlich des Geburtstages der österreichischen Ikone ist mit „Sound Of Musik“ nun ein Best Of erschienen, das sowohl als herkömmliche CD, als Vinyl und - extrem kultig - als retrotastic Musikkassette erscheint.  Die ganz großen Falco-Hits werden darauf in chronologischer Reihenfolge präsentiert - beginnend im Jahr  1981 und „Ganz Wien“ bis hin zum 1998 veröffentlichten „Out Of The Dark“. Der Fokus liegt hier klar auf den bekanntesten Liedern. Frühere Veröffentlichungen dieser Art gingen da weitaus tiefer und beleuchteten auch diverse großartige Album-Tracks neben den offensichtlichsten Songs wie „Rock Me Amadeus“ oder „Der Kommissar“. Dem vielschichtigen Schaffen dieses vielseitigen Künstlers, dessen immense Bandbreite vom seiner Zeit vorauseilenden Elektro-Experiment bis zur jazzigen Dylan-Interpretation reichte, wird das „Sound Of Musik“-Best Of so nur bedingt gerecht.

Doch immerhin: drei rare Stücke, die so nicht auf früheren Greatest Hits-Releases zu finden waren, gibt es hier dennoch zu entdecken. Und zwar:

ROCK ME AMADEUS (EXTENDED CANADIAN/AMERICAN 2022 RE-EDIT): 1986 wurden zahlreiche Mixes und Edits von Falcos größtem Hit für den internationalen Markt produziert. Rund ein Dutzend verschiedene Versionen gibt es insgesamt, allerdings vereint keiner dieser Mixe sämtliche für diese neuen Abmischungen zusätzlich produzierten Elemente. 

BODY NEXT TO BODY (RADIO VERSION): dieser Mix wurde anno 1987 nur auf einer deutschen 7" Promo verwendet. Das orgiastische Stöhnen von Eighties-Sexbombe Brigitte Nielsen vor den beiden Strophen und auch bei Falcos Rap am Ende wurden hier entfernt. Ob das den Song besser macht oder nicht, liegt beim Zuhörer - diese Version waren jedenfalls bis heute nicht digital bzw. auf CD erhältlich.

DATA DE GROOVE (FULL LENGTH VERSION): Nur wer die (äußerst seltene), deutsche CD-Erstauflage von 1990 sein Eigen nennt, kam bisher in den Genuss dieser Version, die um gut  20 Sekunden länger ist als die bekannte Albumversion.

Mit 18 Tracks ist diese Compilation durchaus eine sehr knappe Retrospektive - die als kompakte Introduction zum "Body Of Work" dieses Phänomens jedoch dennoch durchaus gelungen ist und aufgrund der Bonus Tracks auch ein paar kleine Schmankerln für Sammler bereit hält. 

Credit Bild: © Sony 


ROCK CLASSICS # 34: METALLICA - Das Sonderheft

Credit Coverbild: © Slam Media GmbH
30 Jahre Black Album, 40 Jahre Bandbestehen - die jüngsten Anniversaries im Hause der Heavy-Ikonen Metallica sind zahlreich und beeindruckend - und Anlass genug für den Slam Media Verlag seine ursprünglich 2010 erschienene Ausgabe der „Rock Classics“ über die Metal-Heroen aus San Francisco neu aufzulegen.

Die CD, die seinerzeit dieses Heft begleitete hat, fehlt diesmal – geblieben sind die fundiert gestaltete, karriereumspannende Retrospektive  sowie die äußerst lesenswerten und informativen Interviews – u.a. mit  Gitarrero Kirk Hammett und vielen Personen, die für die Karriere Metallicas entscheidend waren: unter ihnen Megaforce-Labelgründer Jon Zazula, Michael Wagener (der gebürtige Deutsche mit der Weltkarriere mixte „Master Of Puppets“) oder der Produzent der frühen Thrash Metal-Großtaten, Flemming Rasmussen.

Allein schon deshalb ist dieses Hochglanz-Heft auch für jene Leser empfehlenswert, die mit der Biographie der Bay Area-Legenden bereits bestens vertraut sind.

Montag, 31. Januar 2022

MARVEL COMICS LIBRARY: SPIDER-MAN VOL. 1 1962-1964

Credit Bild:© Taschen Verlag
An den heimischen und internationalen Kinokassen avancierte das jüngste filmische Abenteuer des beliebtesten und selbst von ausgewiesenen Arachnophobikern gemochten Spinnenmann zu einem der ersten richtigen pandemischen Blockbuster - das Marvel´sche Multiverse als Retter der gebeutelten Multiplexes. „Spider-Man: No Way Home“  mit Tom Holland und Zendaya in den Hauptrollen  ist somit der jüngste Eintrag in der beeindruckend konstanten Erfolgsgeschichte amerikanischer Superheldenfilme, der mit seiner an den Zeitgeist und die Sehgewohnheiten der Generation Z angepassten Interpretation der klassischen Comic-Stories die ursprüngliche Essenz des Superhelden mit dem „Spider Sense“ allerdings auch stark verwässert. 

In eine völlig andere Richtung geht es beim neu erschienenen ersten Eintrag in der „Marvel Comics Library“ des Taschen Verlags - der Leser geht auf eine Reise zurück in jene Zeit, in der Marvel "nur" ein Verlag war und der Kult um Spider-Man begründet wurde. Es ist dies auch eine Trip zu den Anfängen Peter Parkers, der immer so ganz anders war als seine Kollegen aus Metropolis oder Gotham City. Kal-El alias Superman vom Planeten Krypton ist ein Außerirdischer und ein Wesen mit entsprechend übermenschlichen, angeborenen Fähigkeiten und Kräften. Batman/Bruce Wayne wiederum zählt zu den oberen Zehntausend und ist ein Multimilliardär der seinen Reichtum nutzt, um mit zahlreichen Gadgets und Vehikeln auf Verbrecherjagd zu gehen. Der von Stan Lee und Steve Ditko erschaffene Peter Parker/Spider-Man ist nichts von alledem. Vielmehr handelt es sich bei Peter um einen „All-American Teenager“, der nur aufgrund eines Zufalls - dem folgenschweren Biss einer radioaktiven Spinne - zu jenen für ihn auch belastenden Superkräften gelangt. Parker - diese Identifikationsfigur für unzählige mit der eigenen Pubertät und Adoleszenz ringenden Leser  - kämpft mit den bedrohlichen Superschurken beinahe ebenso wie mit all den normalen Sorgen und Nöten, die Jugendliche in aller Welt  teilen - ein Aspekt, der zu den wesentlichen Erfolgsfaktoren dieser Figur zählt. 

Die ersten Ausgaben von Spider-Mans Abenteuern zählen neben den frühen Action Comics- und Detective Comics-Heften,  in denen respektive Superman und Batman ihr Debut gaben, zu den ganz großen Sammelstücken der Comic-Literatur, die zu gesuchten Artefakte jener großen Pionierzeit des Genres geworden sind. Unsummen werden für Ausgaben, die die Zeit in den US-Kinderzimmern der 60er unbeschadet überstanden haben, hingeblättert. Im neu erschienen Prachtband „MARVEL COMICS LIBRARY: SPIDER-MAN VOL. 1 SPIDER MAN 1962-1964“ kann man diese Geschichten nun in besonders ansprechender Form nachlesen. Vom Heftchen hin zum riesigen Kunstband, in dem einerseits in Essays die kulturelle Bedeutung und Entstehungsgeschichte dieses ikonischen Helden beleuchtet werden und anderseits die ersten 21 Spider-Man-Stories in ansprechender Form reproduziert wurden.

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Dieser gewichtige Archiv-Band reproduziert jedoch nicht nur die Vintage-Hefte sondern zeigt Spider-Man auch als Teil der großen amerikanischen Popkultur und zelebriert diese  Comic-Kunstwerke regelrecht  - vereinzelte darin gezeigte Close-Ups erinnern gar an Roy Lichtensteins Popart, stilisierte Makroaufnahmen gemahnen an heutige NFTs. 

Fans und Kenner des Superhero-Genres wird dieses Buch fraglos begeistern. Die Sixties-Comics weisen zwar noch nicht die vielschichtigen und düsteren Elemente der späteren Spider-Man-Interpretationen auf, wesentliche Elemente, die seine Abenteuer bis heute prägen, finden sich jedoch schon hier - ebenso wie die ersten Auftritte von Superschurken, die in Folge zu Stammgästen im Universum des Spinnenmanns werden sollten.

Marvel Comics Library. Spider-Man. Vol. 1. 1962–1964, David Mandel, Ralph Macchio Hardcover, 28 x 39,5 cm, 4,83 kg, 698 Seiten, Ausgabe: Englisch, ISBN 978-3-8365-8233-9, Taschen Verlag

Famous First Edition: Nummerierte Erstauflage von 5.000 Exemplaren

Donnerstag, 20. Januar 2022

TASCHEN SALE JANUAR 2022

©Taschen Verlag
Wer sich bei den diversen, geradezu obligatorischen Januar Sales weniger für die Styles der letzten Saison interessiert und sich nicht unbedingt (schon wieder) neu einrichten will, ist beim mittlerweile schon traditionellen Book Sale des Kölner Luxusverlags Taschen richtig. 

Coffee Table-Aficionados, die ob eisiger Temperaturen und der allgemeinen Omikron-Lage lieber in die Glamourwelt der Fashion Elite flüchten, hinter die Kulissen großer Filmklassiker blicken oder sich Inspiration für die nächste Reise holen wollen, können Ende Jänner bis zu - 75 % Rabatt auf Display- und Mängel- Exemplare dieser aufwendigen  Bildbände mit Sammelfaktor bekommen.

When & Where ? Der Sale findet sowohl in den beiden deutschen Flagshipstores in Berlin und Köln als auch im Web statt.
  
Hier die genauen Daten & Adressen: 

 Mittwoch 26.01. bis Samstag 29. 01. 2022
in den Flagship-Stores 
Taschen Store Berlin (Schlüterstraße 39)
Taschen Store Köln (Neumarkt 3)

Online Donnerstag 27.01. bis Sonntag 30.01.2022
www.taschen.com
Stylishes Interieur Design und Coffee Table-Bücher: ein Blick in den Flagship Store in Köln
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Freitag, 14. Januar 2022

Paul McCartney - Lyrics

Credit Bild: © C.H. Beck Verlag
Anders als ein Großteil seiner Kollegen, die so wie er in den Sechzigern Berühmtheit erlangten, hat Paul McCartney bislang tatsächlich nie Memoiren verfasst. Das Beleuchten dieses besonderen Lebens, welches ihn von Liverpool in die Ruhmeshalle der Pop- und Rockgeschichte führte, überließ er so stets anderen. Bis jetzt. Denn kurz vor seinem 80. Geburtstag legt Sir Paul mit „Lyrics“ doch noch so etwas wie eine Rückschau auf sein bisheriges Leben und seine Karriere vor. Anders als es der Titel zunächst vermuten lässt, ist dieser aufwendig gestaltete Doppelband im Schuber jedoch nicht nur eine Sammlung von Songtexten sondern eine detaillierte Autobiographie - wenngleich eine eher unkonventionelle, geht Sir Paul hier doch nicht chronologisch vor sondern entwirft eine Retrospektive anhand einer Auswahl seiner Werke. Und das ergibt Stück für Stück oder Lied für Lied ein sehr detailliertes Bild dieser Legende.

Den Schlüssel zum Verständnis dieses faszinierenden Buchs liefert der Musiker im Vorwort gleich selbst: „Unzählige Male wurde ich schon gebeten, eine Autobiografie zu schreiben, aber nie war die richtige Zeit dafür. Meist zog ich Kinder groß oder war auf Tournee – beides ist nicht ideal, wenn man sich über lange Strecken konzentrieren möchte. Das einzige, was immer ging, egal ob zu Hause oder unterwegs, war Songs zu schreiben. Wenn Leute erst mal ein gewisses Alter erreicht haben, greifen sie gerne auf Tagebücher oder Terminkalender zurück, erinnern sich Tag für Tag an vergangene Ereignisse, aber solche Aufzeichnungen habe ich nicht. Was ich habe, sind meine Songs – hunderte – und eigentlich erfüllen sie denselben Zweck. Sie umspannen mein gesamtes Leben.“  

Ein ganzes Leben in den Zeilen von Liedern, bei McCartney trifft dies in besonderem Maße zu. Über 400 Songs hat er geschrieben, 150 wurden für "Lyrics" ausgewählt und repräsentieren die unterschiedlichen Stationen und Entwicklungen eines Künstlers, der zwar schon früh seine ganz persönliche Handschrift gefunden hat und dennoch bis heute neugierig und experimentierfreudig geblieben ist. 24 Gesprächs-Sessions zwischen McCartney und dem Dichter und Pulitzer-Preisträger Paul Muldoon, die zwischen 2015 und 2020 stattfanden,  bilden die Basis dieser Bände. Der irische Poet fungierte dabei als Editor der  Erinnerungen des Songpoeten. Der informell-sympathische Stil der McCartney´schen O-Töne ist dem Fan aus unzähligen Interviews wohlbekannt. Hier geht er beinahe in „Amarcord“-Manier zurück zu seiner Kindheit im Nachkriegs-Liverpool und dem Ursprung seiner musikalischen Passion.  Schon früh zeigte sich bei dem Jungen aus der englischen Hafenstadt ein untrügliches Gespür für Ton- und Akkordfolgen. Als Vierzehnjähriger begann er Songs zu schreiben, er selbst spricht von einem instinktiven Akt. Zunächst studierte er seine Rock N´ Roll-Idole und lernte anhand deren Aufnahmen das Hit-Handwerk. Schnell erwies sich der junge Autodidakt als geborener Songwriter,  Anknüpfungspunkte bei den gleichaltrigen Kids der Nachbarschaft boten sich dem jungen Paul mit diesem Talent jedoch nicht, erst als er den von der gleichen Musik faszinierten John Lennon traf, fand er einen Gleichgesinnten. Immer wieder sind es auch die Konstanten und roten Fäden, die sich durch das Werk McCartneys ziehen, die hier noch deutlicher sichtbar werden. Etwa wenn es um den tragischen, frühen Tod der Mutter geht. Deren Verlust versuchte McCartney im frühesten hier vorgestellten Song  „I Lost My Little Girl“ zu verarbeiten, später nahm  "Mother Mary" dann eine zentrale Rolle in den Lyrics von  „Let It Be“ und auch in „Yesterday“ ein. 

In den Lyrics und  Erinnerungen erfährt man viel über den Menschen hinter der Legende und was ihn zu seinen Songs und empathischen Texten inspirierte. Dass Sir Paul einer der produktivsten Songwriter der neueren Musikgeschichte ist, war natürlich schon lange vor diesem Doppelband bekannt - die schiere Konzentration von 156 Stücken, von denen doch ein Gutteil entweder ein ikonischer Klassiker ist, Hit-Status genießt oder zumindest einen bemerkenswerter Album-Track darstellt, beeindruckt dennoch. Zudem zeigen diese Bücher erneut McCartneys immense Bandbreite, die von tiefgehender Introspektion ("Yesterday") über das allzu Weltliche („Why Don´t We Do It In The Road“ vom „weißen Album") bis hin zum Hymnisch-Spirituellen ("Hey Jude") reicht.

Paul McCartney – Lyrics von Paul McCartney, Paul Muldoon (Editor), Zwei Bände im Schuber (Leinen). 912 S. mit ca. 647 Abbildungen, erschienen in deutscher Übersetzung im C.H. Beck Verlag

Montag, 10. Januar 2022

BEATLES - ALLE SONGS: Die Geschichten hinter den Tracks

Credit Bild: © Delius Klasing
Zwar wurde Willie Dixons „You Can´t Judge A Book By The Cover” von den Stones und nicht von den Beatles gecovert - doch zutreffend ist dieser Titel auch bei diesem interessanten Nachschlagewerk. Aufgrund des knalligen Retro-Covers könnte es der geneigte Leser beim Streifzug durch die Buchhandlung auf den ersten oberflächlichen Blick durchaus für ein Marketing-Buch aus den Achtzigern halten. Doch darum handelt es sich hier mitnichten, vielmehr verbirgt sich dahinter ein profundes musikhistorisches Werk.  

Das Autoren-Duo dieses Buchs ist Musik-Aficionados wohlbekannt: Jean-Michel Guesdon und Philippe Margotin beleuchten seit einigen Jahren die Legenden der Musikgeschichte in Form von ausführlichen Monographien – von den Rolling Stones über Bob Dylan zu Jimi Hendrix und Led Zeppelin. Dieser Band über die Liverpooler ist einer der ersten in einer neuen, günstigeren Reihe, die anders als die bisherigen Titel im Softcover erscheinen, eine Paperback (Writer) Edition also.

Das Format und Layout wurden zwar geändert bzw. leicht abgespeckt, der Inhalt  jedoch keineswegs. In gewohnt gut recherchierter Manier werden Bio- und Diskographie sowie die Geschichten hinter den Songs beleuchtet:  von den ursprünglcihen Ideen hin zu den fertigen Kompositionen, von den wegweisenden Aufnahmeprozessen mit George Martin hin zu den Instrumente.  Die Facts und Trivia-Dichte ist hier ähnlich hoch wie der Anteil der Bilder (über 300 Fotos).

Wie immer bei den Tteln von Guesdon und Margotin sind es gerade die übersichtliche Kompaktheit sowie der hohe Detailgrad, die den Mehrwert dieses lexikalen Werks ausmachen. Ein Band, der nicht nur für jene gedacht ist, deren persönliche Magical Mystery Tour erst mit der neuen Peter Jackson Doku begonnen hat – wenngleich dieses Buch als Einstieg in die Welt der Liverpooler Ikonen fraglos prädestiniert ist.

BEATLES –ALLE SONGS: Die Geschichte hinter den Tracks, von  Jean-Michel Guesdon, Philippe Margotin erschienen bei Edition Delius Klasing

Donnerstag, 23. Dezember 2021

THE BEATLES - GET BACK

 Credit Bild: Copyright: ©Apple Corps
Als die Sixties langsam aber sicher ausklangen, endeten nicht nur viele Hippie-Utopien - auch eine der wegweisenden und prägenden Bands jener Dekade stand vor dem Aus: Im Zeitraum von weniger als 10 Jahren hatten die Beatles mehrere Metamorphosen durchgemacht und dabei stets den Zeitgeist entscheidend mitgeprägt. John, Paul, George und Ringo waren vom Merseybeat-Phänomen zu Studiotechnik/ Psychedelik-Pionieren und schließlich „Rock Royalty“ geworden, doch 1969 waren die Spannungen innerhalb der Band nicht mehr zu übersehen. Jene Zeit erwies sich jedoch als nicht weniger produktiv. Trotz der teils sehr aufgeladenen Stimmung entstanden in jener Endphase zwei Alben, die einige der besten Songs in der gesamten Karriere der Beatles enthielten - „Abbey Road“ und „Let It Be“.

Die „Long and Winding Road“ zum legendären Rooftop-Concert und den Recording Sessions zu “Let It Be” stehen anno 2021 durch die „Get Back“-Dokumentation von „Herr Der Ringe“-Regisseur Peter Jackson besonders im Fokus. Begleitend dazu ist ein gleichnamiger Großformatband  erschienen, der wie eine kondensierte Version der Jackson-Doku wirkt. Ein neues Buch über die ikonischen Fab Four ist per se nun nicht unbedingt eine Seltenheit. Dieses ist dann aber doch ein bisschen etwas Besonderes, ist es doch das erste offizielle Beatles-Buch seit 20 Jahren.

Natürlich funktioniert es auch als eigenständiges Werk ohne dass man Jacksons epischen 468 Minuten langen Disney+ Dreiteiler gesehen hat. Doch einiges an Wissen über die Biographie der Beatles sollte der geneigte Leser schon mitbringen. Denn eine musikhistorische Einordung wird hier – abgesehen von den prominenten  Vorworten, verfasst von Peter Jackson,  Autor Hanif Kureishi und John Harris (Guardian, Mojo Magazine) – nicht vorgenommen. Im Zentrum des Buchs stehen einerseits eindrucksvolle Bilder von Rock N´ Roll-Photographer Ethan A. Russel und Linda McCartney als auch ausführliche Transkriptionen ausgewählter Gespräche im Studio und auf dem Apple Building - quasi der Film zum (nach)lesen. In „Fly on the Wall“-Manier wird der Leser so Zeuge der historischen Sessions und des letzten Live-Auftritts der GruppeEs sind Situationen und Dialoge aus denen sich einerseits die Spannungen die zum Ende der Band führten deutlich ablesen lassen, die jedoch auch dokumentieren wie nach und nach einige der ganz großen Klassiker der Musikgeschichte aufgenommen wurden. Das erinnert immer wieder an das Drehbuch eines Films oder auch an ein Theaterstück – und zwar ein sehr naturalistisches und realiätsnahes. Hier gibt es keine dick aufgetragenen „Eureka“-Moment wie bei manchem Musiker-Biopic. Vielmehr wird man Zeuge wie sich allmählich aus dem Alltäglichen das Besondere herauskristallisiert. Dass dieses Buch in Akte eingeteilt ist und zu Beginn die „dramatis personae" – John, Paul, George und Ringo - vorgestellt werden, verstärkt den Eindruck, dass man hier das "Drama vom Ende der Beatles" im O-Ton nachliest, noch. Ein Drama, das jedoch ähnlich wie Peter Jacksons "Get Back" auch die positiven und teils magischen Momente einfängt.

The Beatles - Get Back, 2021, Peter Jackson, Hanif Kureishi, The Beatles (Autoren), John Harris (Hrsg.)  erschienen bei Droemer Knaur 

Credit Coverbild:© Droemer Knaur