Montag, 25. November 2019

THE STAN LEE STORY


Credit Coverbild: © Taschen Verlag     Marvel Entertainment, LLC
Comic- Legende, Begründer moderner Mythen und eine Schlüsselfigur in einer der erfolgreichsten Hollywood-Erfolgsstories der Neuzeit: Stan Lee (1922-2018) war und ist fraglos eine der ganz großen Ikonen amerikanischer Populärkultur. Aus seiner überbordenden Imagination entstanden Comic-Heroen wie Spider-Man, Hulk, die Fantastic Four, Iron Man, Thor oder die X-Men – fiktive  Charaktere, die auch durch den Siegeszug des so kontrovers diskutierten wie erfolgreichen Marvel Cinematic Universe eine neue Generation von Fans begeistern.
Nun ist im Taschen Verlag eine bibliophile Rückschau auf das immense Lebenswerk Lees erschienen, die in sich so vielseitig ist, wie die Helden aus den bunten Bildern:
Die im üblichen XXL-Format gehaltene „The Stan Lee Story“ ist einerseits eine Biographie und eine Success-Story wie aus dem New Yorker Jungen Stanley Martin Lieber der „Vater“ von Peter Parker wurde.Andererseits ist dieser Großformat-Band auch ein Best Of der Marvel-Historie, in dem nachgezeichnet wird, wie sich die archetypischen Helden über die Jahrzehnte veränderten und sich dem Zeitgeist anpassten.
Und schließlich ist dieses Buch auch soziokulturell betrachtet eine Geschichte des Superhelden-Genres  und wie sich Comics vom oft kritisierten Nerd-Medium und belächelten „Pulp“, der einst sogar im Ruf stand die Jugend zu „verderben“ zu einer anerkannten Kunstform und einem Millionenseller mit Mainstream-Appeal wandelten.

Diese gesamte Entwicklung spiegelt sich in der Lebensgeschichte Lees wider, die vom Autor dieses Bands, dem renommierten Comictexter, -redakteur und -historiker Roy Thomas sehr anschaulich nacherzählt wird  -  Hunderte von Illustrationen und Fotos, viele davon aus Stan Lees privatem Archiv, eingelegte Reprints kompletter Comichefte und ein Vorwort von Stan Lee selbst, runden diesen Tribute an eine Legende ab – empfehlenswert nicht nur für Marvel-Jünger die so eisern wie die Rüstung Tony Starks sind, sondern ganz generell ein Tip für all jene die sich mit amerikanischer Popkultur auseinandersetzen.

Stationen einer Karriere – ein Blick ins Buch:
DER GANZ JUNGE STAN LEE
Credit Bild: Copyright Courtesy Stan Lee

IKONISCHES COVER: SPIDEY IN TYPISCHER POSE
Credit Bild: TM & © 2018 Marvel Entertainment, LLC

LEE BEI DER WÜRDIGUNG MIT EINEM STERN AM HOLLYWOOD WALK OF FAME
Credit Bidl: Copyright: Courtesy Stan Lee/POW! Entertainment

The Stan Lee Story
Stan Lee, Roy Thomas
Hardcover, 29,3 x 43,7 cm, 624 Seiten
ISBN 978-3-8365-7577-5
Ausgabe: Deutsch

FULL CREAM

Credit Coverbild: © Wymer Publishing
Nun liegt sie hier vor mir, die erste umfassende coffee table-Würdigung einer der einflussreichsten und musikhistorisch wichtigsten Bands aller Zeiten, Cream. Und doch kann das hier nicht "nur" ein herkömmliches Review sein. Denn nachdem schon Bassist und Sänger Jack Bruce 2016 verschieden ist, starb letzten Monat auch das Drum-Genie Ginger Baker. R. I. P. Ginger – einen Drummer wie ihn wird es nie wieder geben, mit seinem Jazz-Feeling schuf er ein völlig neues Vokabular, das sowohl  Rock- als auch Gene Krupa-Elemente beinhaltete. Cream zeichnete ja neben ihren progressiven Songs auch der Umstand  aus dass hier drei völlig eigenständige, virtuose Solisten am Werk waren...die alle ihre unterschiedlichen Einflüsse  - teils parallel und in einem Song -  in die damals völlig neuartige  psychedelische Deutung des Blues einfließen ließen. Dieses Phänomen, das gerade einmal knappe 3 Jahre existierte ist das Zentrum eines neuen Buchs vom britischen Verlagshaus Wymer Publishing.

Die Aufmachung dieses Sammlerstücks ist sehr hochwertig und erinnert an einen modernen Kunstband. Das eigentliche Hardcover-Buch befindet sich in einer stylischen schwarzen Schutzkassette, die nur mit einem reduzierten silbernen "Full Cream"-Schriftzug ornamentiert ist. Öffnet man diese, so offenbart sich das kunterbunte, an  "Disraeli Gears" angelehnte Cover (siehe oben) sowie 4 Art Prints. Das verspricht ein psychedelisches Layout, doch der Buchinhalt selbst ist  etwas nüchterner gestaltet: Eine Reihe von Archivfotos zeichnen die Zeit vor Cream (John Mayall, Graham Bond…), die drei Jahre des Bestehens, die Post-Cream-Phase  sowie die Reunion 2005 nach. Der Textteil wird vom Regisseur des „Cream Farewell"-Films Tony Palmer sowie von Nettie Baker, Gingers älteste Tochter,  bestritten.

Bei vielen der hier vertretenen Bilder stehen eher die kleinen Momente abseits der Bühne im Fokus. So entsteht zwar ein sehr gutes, bisweilen intimes Portrait dieser Supergroup, dennoch ist dieses Buch nicht unbedingt eine Collection der „most iconic shots“ – der Fan hat sowohl von Cream selbst als auch bei ähnlich gelagerten Retrospektiven anderer Sixties-Ikonen schon actionreichere  Aufnahmen gesehen als jene die hier über weite Strecken der 128 Seiten gezeigt werden. Dass die Macher jedoch teils wirklich seltenes Bildmaterial zusammengetragen haben,  sowie der Umstand, dass die Auflage von  „Full Cream“  limitiert ist, machen das Buch für den Cream-Sammler dennoch zum „Must Have“.

Hier ein exklusiver Blick ins Buch:
Credit Bild: © Wymer Publishing
 
Credit Bild: © Wymer Publishing
 
Credit Bild: © Wymer Publishing

Samstag, 23. November 2019

JEFF LYNNE´S ELO – FROM OUT OF NOWHERE


Credit Coverbild: ©  Sony Music
Klassische Rock N´ Roll- Riffs? Check. Schwebende Melodien aus der Beatles-Schule der Euphonik ? Check. Breitwand-Streicher-Arrangements ? Check.  Das Raumschiff des Jeff Lynne ist bereit zum Starten, denn die Ingredienzien seines vollkommen unverwechselbaren Stils  sind allesamt  an Bord - und finden sich in Reinkultur auf dem gerade neu erschienenen Nachfolger zum Comeback-Album „Alone In The Universe“ wieder, das damals  eine 14-jährige Veröffentlichungspause beendete. Und genau dort wo „Alone..“ aufhörte knüpft „From Out Of Nowhere“ an -  mit einer kultivierten Pflege seines eigenen Signature Sounds.

Während mancher Legenden-Kollege Lynnes seine Anhänger mit Spätkarriere-Experimenten befremdet, geht der Mann aus Birmingham mit dem Gespür für die ganz große Dramatik einen gänzlich anderen Weg – und liefert ohne jegliche Deviation seiner Erfolgsformel ein Album ab, das beinahe auch als Outtake-LP früherer ELO-Sessions durchgehen  könnte. Gibt es auch so etwas wie ein Zuviel an Fan-Service ? Eine Frage die sich während „From Out Of Nowhere“ im Player rotiert durchaus aufdrängt. Denn zweifelsohne hat man es hier nicht mit einer experimentellen oder innovativen Großtat wie in der Frühzeit des elektrischen Lichtorchesters zu tun. Auf der anderen Seite; jeder einzelne der neuen Tracks ist in sich stimmig und melodiös vollendet, wenige Songwriter haben ein solches Gespür für Hooks wie Lynne. Überdies spielt er auch auf dieser LP wieder fast jede Note selbst (!). Als Multi-Instrumentalist hört man den vielseitig Begabten somit bei allen Gitarren und Bass-Parts, am Klavier, Schlagzeug, den  Keyboards bis hin zum Vibraphon. Darüber hinaus singt er alle Lead- und mehrstimmigen Harmony-Vocals.
Der Albumtitel ist interessanterweise programmatisch, denn die Initialzündung kam  „‘Aus dem Nichts‘ - genau dort kommt es her ", sagt Lynne. „Es war der erste Song, den ich für dieses Album geschrieben habe, und genau so war es dann auch.“
„From Out Of Nowhere“ ist ein rundum gelungenes Album – dessen einziger „Kritikpunk“ ist, dass Lynne hier keinerlei Risiken eingeht und den Zuhörer somit auch zu keinem Zeitpunkt überrascht. Doch wen stört das wirklich, wenn all das dermaßen gut klingt ….
Ikone mit Les Paul: Jeff Lynne
Credit Bild: ©  
Sony Music

MARILLION – WITH FRIENDS FROM THE ORCHESTRA


Credit Coverbild: © earMusic Edel
Blickt man auf das Cover des neuen Marillion-Albums könnte man es beinahe für die späte Abrechnung klassik-geplagter Musikschüler halten, die das alte Motto ”Roll Over Beethoven” allzu ernst nehmen. Das ist es zwar mitnichten, doch verrät die brennende Violine nichtsdestoweniger die Marschrichtung und die lautet „Klassik meets Rock“.
Die  Neo-Progger begeben sich damit auf ein mitunter schwieriges Terrain - haben sich doch  schon zahlreiche Bands seit Deep Purples Concerto in den Sixties daran versucht die E- mit der U-Musik zu verbinden. Der Erfolg blieb bei diesem Unterfangen wechselhaft, nicht immer sorgte der „Full Blast“ eines Orchesters Auch für eine Steigerung der Intensität der Rock-Riffs. Auch „With Friends From The Orchestra“ bei dem neun Greatest Hits symphonisch ausgeschmückt werden, ist kein uneingeschränkter Triumphzug des Crossover.
Grundsätzlich verlieren die ohnehin nicht an zu wenig Pomp und Übertreibung leidenden Songs durch Streicher, Blechblasinstrumente & Co. nichts an Pathos. Eher ist das Gegenteil der Fall, manchem Zuhörer wird  das wohl zu dick aufgetragen sein. Aber gut, für diskrete Zurückhaltung waren Marillion nie bekannt und man  muss  konstatieren, dass die Arrangements immerhin so gut funktionieren, dass das Orchester nie wie ein Fremdkörper wirkt: So ist das Album ein Werk für die ganz eisernen Fans, die durchaus neue Nuancen in den bekannten Stücken finden werden – ohne dass die Ur-Versionen übertroffen werden.

Montag, 18. November 2019

FOREIGNER – DOUBLE VISION: THEN AND NOW


Credit Coverbild: © earMusic Edel
Es scheint gerade die Zeit zu sein, in der längst geschlossene Kapitel erneut aufgeschlagen werden und Unvereinbares wieder zusammen kommt - zumindest im Musikbusiness, stehen doch gefühlt allerorts die Zeichen auf Reunion, egal ob bei Guns N´ Roses oder den zerstrittenen Robinson-Brüdern (Black Crowes). Auch bei den Classic Rock Haudegen von Foreigner kam es zu einer Wiedervereinigung die mit einem neuen Konzertmitschnitt für die Ewigkeit festgehalten wurde.
Die „Double Vision“ findet sich hier nicht nur im Albumtitel – stehen doch gleich zwei Versionen bzw. Generationen der Band auf der Bühne: Das Classic Lineup mit Lou Gramm (nach langer Krankheit und der Verkündigung seines weitgehenden Rückzugs aus der Szene nun doch wieder mit dabei – und gut bei Stimme ) und die „neue“ Besetzung mit  Kelly Hansen am Mikro. Der stimmstarke Hansen war für Foreigner seinerzeit ja ein Glücksgriff, der es schaffte,  sich im Schatten seines Vorgängers zu behaupten. Dennoch ist das Highlight von „Then And Now“ fraglos der Umstand,  dass der eigentliche kreative Nukleus Lou Gramm und Mick Jones an Les Paul und den Schmalz-Synthies wieder auf einer Bühne steht. Jones zeigt sich ob dieses Umstands sichtlich ergriffen : „Diese Show werde ich nie vergessen! Die Bühne zu teilen mit den Jungs, die Foreigner am Anfang geformt haben, und den großartigen Musikern, die heute Foreigner weitertragen, war ein wahrhaft emotionaler Moment. “ 
Credit Bild: © Karsten Staiger
Die hochglanzpolierten Balladen und aufs Nötigste reduzierten Riff-Rocker waren in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern nicht von ungefähr Dauerbrenner im Radio (80 Millionen verkaufte Alben und 16 Top 30 Hits !). Auch heute noch funktionieren diese Klassiker des AOR-Genres und erweisen sich als zeitlos  -  gerade wenn sich in diesem Live-Dokument ein Kreis schließt und das Resümee einer langen Karriere gezogen wird.

Die mit Hits gespickte Best-Of Setlit im Detail:

1. Cold As Ice
2. Head Games
3. Waiting For A Girl Like You
4. Headknocker
5. Say You Will
6. Urgent
7. Starrider
8. Juke Box Hero
9. Feels Like The First Time
10. Double Vision
11. Blue Morning, Blue Day
12. Long, Long Way From Home
13. Dirty White Boy
14. I Want To Know What Love Is
15. Hot Blooded
        + Bonus:
16. The Flame Still Burns
17. Fool For You Anyway

Freitag, 15. November 2019

QUENTIN TARANTINO´S ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD ORIGINAL MOTION PICTURE SOUNDTRACK


Credit Coverbild: © Sony Music
Dieses weichzeichnende, gelbe kalifornische Licht bricht sich seinen Weg durch die Windschutzscheibe deines Cadillacs aus der glorreichen Zeit des amerikanischen Autobaus, der Fahrtwind weht durchs heruntergekurbelte Fenster und gibt deinem Robert Redford-Haarschnitt erst die nötige Lässigkeit. Neben dir sitzt die Definition der freien L.A.-Woman – eine  leicht bekleidete Beifahrerin, die ihre endlosen Gazellenbeine lasziv auf dem Armaturenbrett hochgelagert hat, während aus dem Radio Werbejingles – womöglich aus der Feder Don Draper s- und die „hits of the day“ quellen. Der zähe Verkehr auf den Autobahnen, die sich wie Schlangen durch die Stadt der Engel  ziehen, wen kümmert er ?
An der Westcoast ist ohnehin alles etwas lockerer…. Dies ist nicht nur eine Szene aus dem jüngsten Quentin Tarantino-Film „Once Upon A Time In Hollywood“(kurz OUATIH) sondern es ist auch das eigentümlicheFeeling das beim Anhören der begleitenden Soundtrack-CD evoziert wird. Hippie Girl allerdings nicht inklusive, was in diesem Fall und im Hinblick auf die späteren Geschehnissen in OUATIH auch ganz gut ist...

Vom Regisseur selbst produziert versammelt dieses Album nicht bloß Songs aus dem Film sondern es wird eine ganze Radioshow der damaligen Zeit nachgestellt – und das ähnlich wie bei der Ausstattung des Streifens bis ins kleinste Detail mit allen Werbeunterbrechungen und Anmoderationen im authentischen Vintage-Stil. Für den Zuseher wird somit ein Stück weit jenes Hörerlebnis nachgestellt, das Tarantino einst als Kind beim hören der lokalen Radio Stations hatte – was auch insofern sehr passend ist, als dass er mit diesem Film ja sein persönliches „Roma“ (oder „Amacord“) über das Jahr 1969 geschaffen hat. Da die Jingles und markigen Sprüche der Radio Host flvöllig nahtlos in die Songs fließen ist dieses Album – zumindest wenn man es sich in der „physcial copy“ als CD und nicht in einer Spotify-Playlist  anhört  - vielleicht nicht die ideale Beschallung für eine Party, doch wird hier das Medium Soundtrack-Album neu gedeutet. Der OST ist hier ein Gesamtkunstwerk, das dem Zuhörer eine Art von Experience nahebringt, wie sie eingangs beschrieben wurde. Im heimischen Player wie auf der Leinwand ist dieser Soundtrack eine naturgetreu nachgestellte Radioshow die den Klangteppich für die Figuren im Film wie für den Retro-affinen Cineasten-und Musikaficionado liefert.

Auf viele der offensichtlichsten Choices für einen Film der anno ´69 spielt – jener Zeit als die Psychedelic-Welle in vollem Gang war und nicht nur das Old Hollywood vom New Hollywood abgelöst wurde sondern sich auch die Musikszene ihrem experimentellen Höhepunkt näherte - verzichtete QT. Zwar gibt es durchaus viele bekannte Songs wie etwa Deep Purples mittlerweile als Evergreen zu klassifizierendes „Hush“, Simon And Garfunkels „Mrs. Robinson“, Bob Segers „Ramblin´ Gamblin´ Man“,  Neil Diamonds Gospelhymne „Brother Loves Travelling Salvation Show “ oder Vanilla Fudges „You Keep Me Hnaging On“ in einer speziellen Version, die es wohl nur hier zu hören gibt, stammt sie doch von einer selten Vinyl aus QTs persönlicher Collection -  doch abgesehen davon kuratierte Tarantino eine Revue teils vergessener, teils obskurer Songs, die zwar in Summe nicht in die erste Reihe der Rock-History eingingen, anno ´69 jedoch nicht aus dem Radio wegzudenken waren  - wer weiß,  vielleicht kommt es dadurch ja zu einer Wiederentdeckung Renaissance von Paul Revere And The Raiders.

Was ein wenig Schatten auf diese ebenso ungewöhnliche wie exzellente Auswahl wirft, ist jedoch der Umstand, dass einige Songs fehlen, die im Film in zentralen Schlüsselmomenten gespielt wurden. Keine Angst, hier kommt jetzt kein Spoiler…aber dass „Out Of Time“ von den Stones und das beklemmend eingesetzte „Young Girls Are Coming To The Canyon“ (The Mamas & The Papas)  fehlen, mutet beinahe so an als würde „Stuck In The Middle With You“ nicht auf der Reservoir Dogs-CD vertreten sein.
Abgehen davon ist jedoch auch dieser QT-Soundtrack ein ungemein gelungenes Werk.
Die OSTs zu seinen Filmen genossen ja aufgrund ihrer großartigen Song Selection seit den Neunzigern eine  Sonderstellung und auch OUATIH bildet da keine da keine Ausnahme.

Mittwoch, 6. November 2019

The Kinks - Arthur (Or the Decline and Fall of the British Empire)


Credit Bild: © BMG/Sanctuary  Warner
Der Untergang des britischen Empire? Solch einen unheilschwangeren Album-Titel könnte man beinahe für eine hochaktuelle Abrechnung mit dem jenseitigen Brexit-Chaos halten. Tatsächlich ist das jedoch der Name eines schon 1969 veröffentlichten Konzeptalbums der Kinks, das einst zwar auf positive Resonanz in der britischen Musikpresse traf, jedoch im übermächtigen Schatten anderer großer Meisterwerke (Abbey Road, Let It Bleed, Led Zeppelin II…) etwas unterging.

Im Jubiläumsjahr ´69, also genau 50 Jahre nach der Urveröffentlichung wird dieses ebenso ungewöhnlich wie interessante Werk der Kinks-Diskographie mit einer umfangreichen Deluxe Edition gewürdigt und re-released.
Ursprünglich war das Album als Soundtrack für ein Fernseh-Theaterstück über den Teppichhändler Arthur Morgan, der nach Australien auswandert, konzipiert.
Aus dem Projekt wurde letztlich nichts, das Album kam als eigenständige LP auf den Markt – in einer sehr schwierigen Zeit für die Band. Die British Invasion-Single Hits lagen hinter ihren, der Vorgänger „The Kinks Are the Village Green Preservation Society“ war kein kommerzieller Erfolg. Auch „Arthur“ war retrospektiv betrachtet wohl das falsche Album zur falschen Zeit – nicht nur weil im selben Jahr ein anderer Konzeptalbum erschien, mit dem das etwas unscheinbarere „Arthur“ nicht mithalten konnte: die Ur-Rock-Oper Tommy“.
Ray Davis gewohnt ironisch-sarkastische Lyrics über ein Empire, dem der Glanz abhanden gekommen war, nahmen zwar die Katerstimmung der bevorstehenden Seventies vorweg und hätten überdies zum zunehmend düsteren Zeitgeist der etwa auch auf „Let It Bleed“ der Stones dominierte, gepasst – doch letztlich fehlten hier die ganz großen Standout-Tracks und Single-Hits. Die 12 Nummern in denen sich die Story Arthurs entspinnt, sind jedoch keinesfalls schlecht, ganz im Gegenteil.
Credit Bild: © BMG/Sanctuary  Warner
Zwar findet man hier keine Gassenhauer der Marke „Early Kinks“ und auch noch kein „Lola“, der typische, sehr spezielle Sound der späteren Phase der Band ist hier jedoch in vollem Glanz zu genießen. Und auch die geistreichen Lyrics Ray Davis überzeugen hier so wie immer auf voller Länge - nicht umsonst zitierte der heurige Literatur-Nobelreisträger Peter Handke diesen großen britischen Songwriter bei einem Interview kurz nach Bekanntgabe dieser großen Auszeichnung.
Die 2019er Remastered Reissue dieses Albums präsentiert „Arthur“ im Mediabook-Format mit 2 CDs  als richtiges Sammlerstück, das den Kinks-Archivar  mit Bonus Tracks, B-Sides und Alternative Mixes erfreut. Es lohnt sich also durchaus dieses (beinahe) vergessene Album wiederzuentdecken. Nicht nur, weil das im Umbruch befindliche England ´69 und England anno 2019 mitunter Parallelen aufweisen.

Dienstag, 5. November 2019

BRUCE SPRINGSTEEN – WESTERN STARS SOUNDTRACK

Credit Bild: © Rob De Martin        Sony Music
Nachdem der Boss im Sommer dieses Jahres mit „Western Stars“  bereits introspektiven California-Country Sounds gefrönt hat, erscheint nun auch eine abendfüllende Musikdokumentation gleichen Namens, in der die Entstehung dieses Albums nachgezeichnet wird. Der Streifen ist zudem auch ein äußerst stimmungsvoller Konzertfilm, der Springsteen zeigt, wie er mit seiner kompletten Band und Orchester in der imposanten Kulisse einer über hundert Jahre alten Scheune die Lieder seiner jüngsten LP spielt.
Das dazugehörige Soundtrack-Album umfasst alle Songs der Studio-Platte – diesmal jedoch in Liveversionen  sowie einen Bonustrack: die Coverversion von Glen Campbells „Rhinestone Cowboy“. Im Grunde hat man es also mit dem bereits bekannten Album zu tun, doch wer den Boss schätzt,  weiß auch, dass er ein ebenso guter Album- wie  Live-Musiker ist. So haben die Einspielungen aus der Scheune ein ganz eigenes Flair, man könnte sagen die Arrangements mit dem Live-Orchester wirken hier noch expansiver, atmen noch mehr das Vintage-Flair der großen Aufnahmen aus den Sechzigern und Siebzigern. 
Credit Bild: ©  Rob De Martin Sony Music
Wir sind in Amerika, der letzten großen „Frontier“, politisches oder die Trump-Administration spielen hier dennoch keine Rolle. Im Mittelpunkt dieses musikalischen Neo-Western stehen keine aktuellen Zeitbezüge sondern ein Gefühl der literarischen Introspektion und der Verarbeitung universeller(der „American Dream“ im Heartland)  wie persönlicher (die Depression Springsteens).

Während die CD im Player rotiert und die kernige Stimme des Mannes aus New Jersey in den melancholischen  Streichern-Arrangements badet entstehen vor dem geistigen Auge des Zuhörers jedenfalls ganze Film-Szenen: ein gemächlich durch den Staub rollender Pickup-Truck, die schier endlos scheinende Straße ins Nirgendwo, das pulsierende Herz Amerikas, den Wilden Westen im Rückspiegel, die technisierte Zeit noch nicht ganz da, ein wilder Mustang, ….

Zwar ist „Western Stars“ auch gut 4 Monate nach dem ursprünglichen Release kein heimliches „Nebraska“ oder „Born To Run“- doch wer ruhige Americana-Exkurse schätzt, für den evoziert Springsteen ebenjene stimmungsvollen Bilder, die ebenso archaisch wie ikonisch anmuten.
Credit Coverbild: ©  Sony Music Rob De Martin 

DESERT SESSIONS VOL. 11 & 12


Credit Bild: © Matador/ Beggars Group/Indigo
Anno 1997 zog sich Josh Homme, damals erst ein Jahr nach der Gründung der Queens of the Stone Age mit einer Gruppe von Freunden und Kollaborateuren in die sagenumwobene Wüste von Joshua Tree zurück. Dort in der trockensten Gegend Kaliforniens wollte man Ablenkungen und Annehmlichkeiten des Alltags entfliehen. Was als lockere Schreib- und Aufnahmesession unter Freunden begann, ist inzwischen zu einem – zumindest in QUOTSA-Kreisen – kultigen Projekt geworden – dem  „ longest running mixtape in existence“. Nach der Initialzündung in den Neunzigern zog es Homme und wechselnde Mitmusiker immer wieder ins legendären Rancho De La Luna Studio um dort zwischen 1997 und 2003 10 Desert Sessions abzuhalten. Dabei schaffte es Homme eine ganze Reihe illustrer Musiker aus ihren jeweiligen Komfortzone herauszulocken (u.a. P.J. Harvey, Mark Lanegan, Dean Ween, Josh Freese oder Brant Bjork).

Fast sechzehn Jahren nach dem Erscheinen des letzten Teils, wurden nun mit den auf eine CD gepressten 
Volumes 11 & 12  azwei neue Kapitel der Desert Sessions aufgeschlagen. Diesmal mit dabie:  Billy Gibbons (ZZ Top), Les Claypool (Primus), Stella Mozgawa (Warpaint), Jake Shears (Scissor Sisters), Mike Kerr (Royal Blood), Carla Azar (Autolux), Jack White), Matt Sweeney (Chavez), David Catching (Mitbegründer des Studios Rancho De La Luna), Komiker Matt Berry (What We Do in the Shadows), Töôrnst Hülpft und Newcomerin Libby Grace auf – die Konstant dabei ist stets  Josh Homme selbst.
Homme war immer schon ein sehr eklektischer Künstler, dies merkt man auch auf diesem Release. Wie das bei Mixtapes so ist zündet nicht jeder Song, die Mischung ist zwar abwechslungsreich doch ein wenig mehr Homogenität hätte den Sessions durchaus gut getan. So wirkt mancher Songs teils eher wie ein Outtake, der es einst (zurecht) nicht auf eine QUOTSA-LP geschafft hat. Homme-Aficionados werden diesen charmanten Songsskeletten- oder skizzen jedoch dennoch einiges abgewinnen können - zumal man sich mehr als einmal an Motive aus bekannten Songs der Stoner Rock-Heroen erinnert fühlt.
Credit Bild: © Matador/ Beggars Group/Indigo

Freitag, 25. Oktober 2019

TON, STEINE, SÄGESPÄHNE: THE ROLLING STONES - ROCK AND ROLL CIRCUS


Credit Bild: ©  Michael Randolph   Universal Music
Dezember 1968: London swingte noch immer – nun jedoch stark psychedelisch induziert.
Die Rolling Stones befinden sich in einer Umbruchphase, um das neue-Album „Beggars Banquet“ - ein Werk, das als eines der quintessenzielen Bluesrock-Alben in die Annalen der Musikgeschichte eingehen sollte-  zu promoten konzipiert Mick Jagger ein BBC TV-Special das den Zusehern ein Konzert abseits konventioneller Gigs bieten soll. Zusammen mit Regisseur Michael Lindsay-Hogg, der für die Band schon zuvor an Promovideos gearbeitet hatte, wird das ebenso ungewöhnliche wie ambitionierte Konzept einer Verbindung von Zirkus und Rock N´ Roll entworfen. Es ist ein Unterfangen wie es typischer  nicht sein könnte für die experimentierfreudige Sturm & Drang-Phase der Spätsechziger: die Rock Show ist hier nicht nur ein Spektakel sondern ein  ambitioniertes Kunstprojekt.

Neben den Stones trat ein veritables „Who is Who“ von Rock Royalty aus ihrem Umfeld im Rahmen des "Cirque de Stones" auf: Eric Clapton, damals direkt nach dem Ende von Cream,  formierte für diesen Film zusammen mit John Lennon Keith Richards (am Bass!) und Mitch Mitchell von der Jimi Hendrix Experience die All Star-Band The Dirty Mac. Mick Jaggers Freundin Marianne Faithfull war ebenso dabei wie The Who, Taj Mahal, der Geiger Ivri Gitlis, Yoko Ono und die bis dahin noch recht unbekannten Jethro Tull, nicht nur mit dem manischen Flötisten Ian Anderson sondern auch mit einem gewissen Tony Iommi an der Gitarre, der nur ein Jahr später Black Sabbath gründen sollte. Zwischen den Auftritten gibt es revue-artige, teils skurrile Dialoge und Nummern die an einen Acid-Trip während einer Roncalli-Aufführung gemahnen.

„Rock And Roll Circus“ markierte den letzten öffentlichen Liveauftritt von Brian Jones mit den Stones, nur knapp ein halbes Jahr später war der geniale Musiker tot. Ende 1968 hatten er und seine Bandkollegen sich bereits zunehmend entfremdet, die Verschiebung im band-internen Machtgefüge war nicht mehr zu übersehen: so vollzog sich hier der Shift weg von Brian Jones , der auch bei den Performances im Circus  schon stark von seinen ehemaligen Bandfreuden distanziert wirkt.
Obwohl diese Show in die „Beggars Banquet“-Phase fällt atmet sie insgesamt  noch stark den Geist des „Sgt.Pepprs“-Rivalen „Their Satanic Majesties Request“. Die meisten Performances im Zirkuszelt wirken recht roh, versprühen jedoch einen ganz eigenen Charme – ziemlich „elegantly wasted“. Die Stones präsentieren sich hier nicht in jener Form wie man sie etwa von „Gimme Shelter“ oder "Ladies And Gentlemen“  her kennt.
Credit Bild: ©  Michael Randolph   Universal Music
Mit dem Endergebnis war Mick Jagger seinerzeit angeblich nicht sehr zufrieden, weshalb der Film nie zur normalen Ausstrahlung kam und jahrzehntelang in der Versenkung verschwand, Stones-Fans werden sich an den „Cocksucker Blues“-Film erinnert fühlen. Erst 1996 wurde „Rock And Roll Circus“ schließlich doch noch veröffentlicht wurde – zum Glück, ist er doch eine regelrechte Zeitkapsel. Denn was man hier sieht ist nicht nur aufgrund der bunten Farben „as sixties as it gets“, psychedelisch, wild, anarchisch. Dass Yoko Ono auch einen eigenen Auftritt bekommt – es passt perfekt zum Treiben in den Sägespähnen.
Phasenweise wähnt sich der Zuschauer in der Theateraufführung jener Kommune die Wyatt und Billy im ´69er Kultfilm „Easy Rider“ besuchen. Wäre diese ungezügelte Show damals im britischen Fernsehen gelaufen, sie hätte wohl nur die reaktionären Ressentiments der konservativeren Bevölkerungsschicht gegenüber den Hippies und Rockern bestätigt.
Bei „Sympathy…“ etwa erinnert die Performance an modernes Theater, Jagger singt sich in einen regelrechten Wirbel, am Schluss reißt er sich das Shirt vom Leib und gibt mit entblößtem Oberkörper alles – „What´s my nameeeeeeeeeeeee?"
Credit Bild: ©  Universal Music
Die nun neu erschienene Limited Deluxe Edition dieses Kleinods aus der Stones-Diskographie erweitert das ursprünglich 1996er-Release beträchtlich und zählt allein schon aufgrund ihrer äußerst liebevollen Aufmachung zu den schönsten Reissues der letzten Zeit:
 „Rock And Roll Circus“ kommt als Mediabook mit dickem Essay-Booklet und gleich 4 Discs in reich bebilderten Ausklappfoldern -  das dürfte  jeden Fan und Sammler begeistern.
Disc 1 und 2 bieten die gesamte Show inklusiver bislang ungehörter und unveröffentlichter Outtakes: Disc 3 und 4 bieten dann das audiovisuelle Konzertdokument in SD- als auch HD-Form, also sowohl als DVD als auch als Blu ray.
Das neue HD-Master holt sicher das Maximum aus den Vintage-Aufnahmen heraus - klar, man merkt aus welchem Jahr der Film ist, nicht nur wegen der eigenen Art der Kameraeinstellungen – aber die Qualität ist tadellos. Die ans Psychoaktive grenzenden Farben knallen nur so und auch der Klang ist sehr klar und detailreich.
Kleines Detail für alle Gitarren-Freaks: Auf „Rock And Roll Circus“ hört und sieht man sowohl Keith Richards ikonische „Sympathy For The Devil“-Les Paul Custom als auch Eric Claptons legendäre „Royal Albert Hall“- ES-335.

Die 2019-Neuauflage ist fraglos die ultimative Art den eigentümlichen Charme in der Manege des „Rock And Roll Circus“ aufzusaugen: auch wenn diese Revue seinerzeit nicht alle Ambitionen erfüllen konnte, ist sie dennoch ein echtes Zeitdokument mit teils faszinierenden historischen Aufnahmen.

ROCK CLASSICS Nr. 27: THE DOORS

© Rock Classics/ Slam Media GmbH 
Die neue, mittlerweile schon 27. Ausgabe der Rock Classics verlässt  Großbritannien (siehe frühere Ausgaben zu den Stones, den Beatles oder Led Zeppelin) in  Richtung weitaus wärmerer Gefilde und landet im Land des immerwährenden Sommers, im sonnigen Kalifornien - das Thema: Mr. Mojo Risin´ himself bzw. die Doors .

Das Hochglanzheft bietet wie man das von dieser Reihe gewohnt ist einen ebenso kompakten wie detaillierten Crash Kurs in Sachen Lizard King und der Entstehungsgeschichte aller Alben dieser Kultband. 
Der alte Fan wird hierbei naturgemäß keine Türen zu neuen Erkenntnissen aufstossen  und auch der Bildanteil war in früheren Ausgaben schon mal gefühlt höher  -  die inotmativen Texte sorgen  jedoch wieder dafür, dass dieses Sonderheft ein sehr lesenwertes geworden ist.

Montag, 14. Oktober 2019

GUITAR KING – MICHAEL BLOOMFIELD´S LIFE IN THE BLUES von DAVID DANN


Credit Coverbild: © University of Texas Press
Mitte der Sechziger des vorigen Jahrhunderts: Während in der alten Welt Eric Clapton, Jeff Beck,  Jimmy Page und Jimi Hendrix marshallverstärkt und psychedelisch die Grenzen der traditionellen amerikanischen Musikform Blues ausloten, nimmt in der neuen Welt die Karriere eines weiteren großen amerikanischen Gitarrenhelden Form an: Michael Bloomfield.
Wie seine Kollegen zeigt er schon in jungen Jahren eine beeindruckende spielerische Reife, demonstriert eine voll ausgebildete Spieltechnik und fasziniert mit der lyrischen Schönheit seines Vibratos. Für Bob Dylan wird er in dessen Transformation vom Folk Hero zum Rockstar eine wesentliche Rolle einnehmen, mit der Paul Butterfield Blues Band spielt er einige der wichtigsten Blues Rock-Alben ein und mit seinen Band Projekten (Black Flag, Blood, Sweat & Tears) findet er sich im Epizentrum der Counterculture-Bewegung wieder - und bleibt dennoch immer etwas im Schatten anderer großer Gitarrenikonen. Die neu erschiene Biographie „Guitar King“ (University Of Texas Press) beleuchtet nun das Leben und kreative Schaffen des 1981 verstorbenen Musikers, der zwar nie den Superstar-Status seiner Zeitgenossen erreichte jedoch fraglos einer der ersten großen amerikanischen Gitarrenhelden  einer neuen Generation war.

Es ist dies nicht die erste Biographie über Bloomfield, die neue erschienene Würdigung Bloomfield aus der Feder David Danns ist jedoch klar die längste und vor allem ausführlichste: Ganze 776 Seiten umfasst der Hardcover-Band und zeichnet in plastischen Details den Werdegang dieses „troubled genius“ nach. Von der frühen Faszination für schwarze Musik, der Zeit als Dylan-Sideman hin zu den späten Jahren und dem tragischen, viel zu frühen Tod.
Interessant ist neben dem flüssigen, alles andere als trockenen Schreibstil und dem geradezu wissenschaftlichen Detailgrad (dass dieses Buch in einem der renommiertesten Uni -Verlage erscheint ist kein Zufall) mit der er die ereignisreiche Zeit in der Bloomfields Karriere stattfand, rekonstruiert wird und vor allem auch der explizit gitarristische Zugang. David Dann geht mit Leidenschaft und Fachwissen auf Bloomfields Spielweise ein - dies wird etwa bei der durchaus mitreißenden Schilderung legendärer (Super-)Sessions deutlich, wenn der etwa Autor minutiös die einzelnen Noten und „Runs“ beschreibt, die Bloomfield auf seiner Les Paul spielte. Diesen dezidiert musikalischen Approach finde ich sehr erfrischend, „Guitar King“ hebt sich auch dadurch wohltuend von der riesigen Menge an Künstlerbiographien ab, zumal ein solcher Fokus  ja auch äußerst passend ist für das Portrait  eines Mannes der zeitlebens für die Gitarre brannte.

Die Rosen die prominente Testimonials wie Conan O´Brien-Bandleader und Bloomfield-Adept Jimmy Vivino oder Blues-Harp Legende Charlie Musslewhite dem Buch am Klappentext streuen sind tatsächlich gerechtfertigt. Danns Buch könnte zwar angesichts des schieren Umfangs durchaus reicher mit seltenen Aufnahmen bebildert sein, zählt jedoch fraglos zu einer der lesenswertesten Musikerbiographien der letzten Zeit -  und das nicht nur für bereits zum Bloomfield-Kult konvertierte Leser.

Samstag, 12. Oktober 2019

PETER GRANT – EIN LEBEN FÜR LED ZEPPELIN

Credit Coverbild: © Hannibal Verlag
Sie sind zwar die Lenker der Geschicke auftsrebender Bands , doch stehen sie selten im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit: die Manager, denen eine essentielle Rolle im großen Schauspiel des Rock N' Roll  zukommt. Einige dieser Svengalis hinter den Weltkarrieren erreichten sogar einen Bekanntheitsgrad weit über den Zirkel von Business-Insidern hinaus.
Elvis hatte den mit weitreichenden Vollmachten ausgestatteten Col. Tom Parker, die Stones hatten am Anfang ihrer Karrier den umtriebigen Andrew Loog Oldham, die Fab Four aus Liverpool wurden von Brian Epstein repräsentiert. Und der bleierne Zeppelin, der Ende des britischen Blues Rock Booms der Sechziger abhob und an Flughöhe gewann hatte Peter Grant.

Dieser transzendierte den Beruf des nromalen Managers. Wie der Unteritel der neu erschienenen Biographie über diesen streitbaren Mann schon andeutet: er lebte und atmete Led Zeppelin. Zwischen ihn und seine Schützlinge ließ er nichts kommen. Diese Aufopferung machte Grant selbst über die Grenzen der Zep-Aficionados  bekannt – und auch gefürchtet. Denn um seine Jungs an die Spitze zu bringen schien ihm jedes Mittel recht. Bevor er zum Manager-Mogul aufstieg, kämpfte er als Wrestler, war als Schauspieler in verschiedenen Filmen tätig – darunter als Stunt Double von Anthony Quinn in "The Guns Of Navarrone"  oder in einem Mini-Part in Stanley Kubricks Nabokov-Verfilmung  "Lolita" . Daneben verdingte sich der hünenhafte Mann auch noch als Bühnenarbeiter. Sein Big Break kam erst als  er dem späteren Black-Sabbath-Manager Don Arden begegnete. Von diesem lernte er all die legalen, halblegalen und bisweilen haarstreubenden Tricks des Musikgeschäfts der Sechziger. Kurz darauf betreute er schon die Yardbirds bei denen ein gewisser Jimmy Page  spielte. Als sich dann Led Zeppelin firmierten gab es für den so rücksichtslosen wie gewieften Grant kein Halten mehr: er boxte astronomische  Gagen durch, die zuvor niemand für möglich gehalten hätte, entwickelte clevere Geschäftsstrategien und begriff die immense Bedeutung von Skandal-Publicity. Nebenbei gründete der kompromisslose Geschäftsmann ein Plattenlabel und managte andere einflussreiche Acts wie etwa Bad Company und die Jeff Beck Group. 
Dies machte ihn – rein finanziell und was das „pushen“ seiner Schützlinge in einer hyper-kompetitiven Industrie anbelangt – zu einem der erfolgreichsten Proponenten seiner Zunft. Die Art wie all dies jedoch vonstatten ging sorgte dafür, dass Grant zu einer der berüchtigsten Figuren der Rock N´Roll-Geschichte wurde. Nicht von ungefähr widmet  Autor Mark Blake dieses Buch seinem Sohn, der es jedoch erst lesen darf, wenn er 18 ist.

Die Sonderstellung die Grant duch seine Personality und seine Geschäftsgebarungen in der Geschichte Zeppelins als auch in der Saga des Rocks der Spätsechziger und Seibziger einnimmt, sorgte dafür dass er eine Hauptfigur in so gut wie allen Biographien über Zeppelin wurde – und von denen gibt es bekanntlich nicht gerade wenige.Insofern hat diese neue Grant-Bio  auch keinen Pionierstatus mit einer erstmaligen Beleuchtung des Lebens dieses legendärdn Managers, der Zeppelin-Fan wrd auch viele der“lurid tales“ längst kennen. Sie ist aber dennoch eine so informative wie gut geschriebene Chronik die ein plastisches Bild eines Berserkers aus jener Zeit, die wir heute  als Classic Rock-Ära kennen, zeichnet.

MANDOKI SOULMATES - LIVING IN THE GAP + HUNGARIAN PICTURES

Credit Bild: © Red Rock Production
Früher, ja da war frei nach Loriot nicht nur mehr Lametta beim Weihnachstfest sondern auch mehr Protest in der Luft: Eine Diagnose, die Kulturpessimisten durchaus auch trotz Fridays For Future & Co. zumindest  im Hinblick auf die aktuelle Popmusik stellen können: Denn während in der 60s Folkszene der gepflegte Protestsong zum guten Ton dazugehörte und der Rock N´ Roll immer schon den Soundtrack zum Straßenkampf der "disenfranchised youth" bot, geben sich die meisten Musiker heute eher apolitsich. Eine tiefere Message? Fehlanzeige. Anders sieht die Sache beim hyper-produktiven Veteranen Leslie Mandoki aus, der nach seinem erst vor wenigen Monaten erschienenen Livedokument nun auch noch ein Doppelalbum veröffentlicht, auf dem die aktuelle weltpolitische Lage der rote Faden ist.
Credit Bild: © Sony Music

Credit Bild: © Sony Music
Das neue Konzept-Doppelalbum atmet sowohl den Geist der prog-beseelten 70er und bezieht sich gleichzeitig auf den aktuellen Zeitgeist: Die "Living In The Gap" Disc umfasst 10 Neukompositionen und ist etwas zeitgenössicher ausgefallen - siehe etwa die erste, nicht eben klischeefreie Singleauskopplung  in der Mandoki fragt, ob die heutigen Aktivisten und Demonstranten  “young rebels with a new dream”, oder “new rebels with an old dream” sind. "Hungarian Pictures” wiederum ist eine klassich inspirierte Progressive Rock-Suite, die auf Motiven von niemand geringerem als Mandokis Landsmann Béla Bartók basiert. 

Neulingen im Land des ehemaligen Dschingis Khan wird all das mitunter phasenweise zu dick aufgetragen sein. Doch langjährigen Mandoki-Anhängern bietet dieses überaus ambitionierte Doppelalbum genau jenen Bombast-Sound für den der ungarisch-stämmige Weltbürger bekannt ist - also Production Value hoch 100, eine Melange aus Fusion Rock mit Pop-Sensibilität und dazu wieder Gäste, Gäste, Gäste: darunter Al di Meola, , Nick van Eede, Bobby Kimball und Jesse Siebenberg, Richard Bona , Cory Henry ,  Mike Stern oder John Helliwell.

Freitag, 11. Oktober 2019

SALGADO "GOLD": DIE SUCHE NACH EINEM EL DORADO AUF DER FRANKFURTER BUCHMESSE 2019

Credit Bild: © Sebastião Salgado
Nicht nur den Verhüllungskünstler Christo kann man demnächst "in person" treffen, sondern auch den "Welt-Chronisten" unter den Fotografen, Sebastião Salgado, den heurigen Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels. 

Dieser stellt auf der Frankfurter Buchmesse seinen neuen Bildband über den großen brasilianischen Goldrausch vor. Und dieser ist "Salgado Pur"  - mit archaischen, monochromen Aufnahmen die an eine Tradition anknüpfen, die im  20. Jahrhundert von Meistern wie Edward Weston, Brassaï, Robert Capa oder Henri Cartier-Bresson begründet worden war.

Die Hintergrundstory zu diesem Projekt liest sich dabei wie ein Abenteuerroman. Wir befinden uns in Brasilien in den späten Siebzigern:
Nachdem man in einem der Flüsse der Gegend um die Serra Pelada Gold gefunden hat, bricht eine regelrechte Hysterie aus: Utopische Sehnsüchte nach dem legendären Goldland El Dorado werden wach. Die totale Ausbeutung ds Bodens und der Arbeitskräfte ist die Folge.  Ein Jahrzehnt lang war Serra Pelada  die weltgrößte Freiluftgoldmine, in der rund 50.000 Goldgräber unter extremen, unmenschlichen Bedingungen arbeiteten. Heute ist Brasiliens Goldrausch
Geschichte – ein Kapitel der Landeshistorie, das jedoch in den wuchtigen Bildern  Salgados weiterlebt.
Der fragte sich geradezu philosophisch:  „Was hat dieses leblose gelbe Metall nur an sich, dass es die Menschen dazu bringt, ihre Heimat zu verlassen, all ihre Habe zu verkaufen und einen ganzen Kontinent zu durchqueren, um ihr Leben, ihre Knochen und ihre Gesundheit für einen Traum aufs Spiel zu setzen?" 
Seine Bilder können darauf zwar keine Antwort geben, sie dokumentieren jedoch was Gold bzw. die Gier nach ihm mit Menschen machen kann

 WANN ?
Samstag, 19. Oktober, von 11 bis 12 Uhr 
WO ?
Taschen Verlag-Stand auf der Frankfurter Buchmesse (Halle 3.0, D 85) 

Hier ein exklusiver Blick ins Buch: 
Credit Bild: © Sebastião Salgado
Credit Bild: © Sebastião Salgado
Credit Bild: © Sebastião Salgado
Credit Bild: © Sebastião Salgado