Mittwoch, 29. August 2018

Rock N´ Roll in der Kunstgalerie: Hipgnosis Werkschau Vinyl. Album. Cover. Art


Credit  Coverbild: © Edel Books 
Kurz nach dem historischen, wenngleich eher symbolischen Treffen von US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Diktator Kim Jong-un tauchte ein originelles und sehr bezeichnendes Bild in den Social Media-Kanälen auf. Trump und Kim stehen inmitten einer von weißen Häusern gesäumten Straße, reichen sich die Hand und einer geht in Flammen auf. Classic Rock Fans assoziieren sofort: das ist doch eine Variante des legendären „Wish You Were Here“ Covers von Pink Floyd von 1974.
Für dieses und zahllose andere Albumcover zeichnete sich die irrsinnig produktive Künstlergruppe Hipgnosis verantwortlich, die zahllose Platten der Musikgeschichte mit einem bemerkenswertesten Kunstwerk versahen.
Nun ist bei bei Edel Books die vom  Hipgnosis-Mitbegründer Aubrey Powell herausgegebene Retrospektive (inkl. Vorwort von niemand Geringerem als Peter Gabriel) auf das außergewöhnliche Schaffen der Gruppe erschienen. 
Pink Floyd, Atom Heart Mother 1970
Photography: S. Thorgerson © Pink Floyd Music Ltd
Der Aufstieg von Hipgnosis zur Fixgrößen der Rockszene koinzidierte mit der in den späten Sechzigern vollzogenen Abkehr vom Single-Markt hin zu einem Fokus auf Alben. Die LP wurde nun als eigenständige Kunstform angesehen – und ein Gesamtkunstwerk brauchte natürlich auch ein imposantes Coverbild. Powell und sein Kollektiv waren da an vorderster Front und  begriffen das LP-Cover Leinwand auf die sie ihre traumartigen, teils rätselhaften Bilder projizieren konnten: Kunstwerke, die oft psychedelisch und eigenwillig retro-futuristisch sind, anspruchsvoll und rätselhaft – Zwischen Dalí und Sci-Fi. Wobei Hipgnosis nicht einen einzelnen klar definierbaren Stil verfolgten sondern vielmehr eine ziemliche Bandbreite aufwiesen– vom reduziert-ikonografischen wie Marc Bolan vorm Verstärkerturm beim Glam Rock-Epos „Electric Warrior“  zu den surrealistischen Entwürfen aus dem Prog Rock-Bereich.
T - Rex, Electric Warrior 1971
Photography: K. ‘Spud’ Murphy © 2017 Hipgnosis Ltd
Blättert man dieses aufschlussreiche Buch durch und sieht sich das Kaleidoskop an ungewöhnlichen Motiven an, fragt sich der Betrachter innerlich mehr als einmal fragt am sich Was? Das haben Hipgnosis auch gemacht?
Durch den natürlich themenbedingten Fokus auf reine Plattencover wirkt der Band zwar eine Spur nüchtern, doch für für Vinyl-Sammler und Classic Rock-Fans ist dieses Buch auf jeden Fall interessant. 
Led Zeppelin, Presence  1976Cover design: Hipgnosis/G. Hardie Photography: A. Powell © Mythgem Ltd
Wer Aubrey Powell persönlich treffen will, sollte sich den 29. September rot im Kalender anstreichen, Denn da eröffnet im Rahmen des europäischen Monats der Fotografie in Berlin eine  große Ausstellung über Hipgnosis namens  "Daring to Dream. 50 Years of Hipgnosis. Photo Design and Album Cover Art by Aubrey Powell and Storm Thorgerson";
Zu sehen in THE BROWSE GALLERY Berlin von 30.9. – 28.10.2018 in der Bergmannstraße 5, 10965  - und am Eröffnungstag wird Aubrey Powell anwesend sein und  sein Buch signieren.
  
Bibliografische Angaben:
Aubrey Powell. Vorwort von Peter Gabriel: Vinyl. Album. Cover. Art
Das Hipgnosis-Gesamtwerk
320 Seiten, Hardcover Mit zahlreichen Abbildungen 978-3-8419-0608-3 € 35 (D) / € 36 (A)
Edel Books – Ein Verlag der Edel Germany GmbH

Freitag, 10. August 2018

Träume aus Maranello: Ein Ferrari-Buch wie ein 488er

Credit Bild: © Taschen Verlag
Legende, Kult, Technikwunder, Statussymbol, Sehnsuchtsobjekt:
Der Faszination Ferrari kann man sich nur sehr schwer entziehen - allerspätestens dann nicht, wenn man erst einmal die ästhetischen Designs und den knurrigen Sound der Geschosse aus dem italienischen Maranello live erlebt hat. Ähnlich wie Rolex bei Uhren oder Harley Davidson bei Bikes schaffte es Ferrari zur universell anerkannten Ikone zu werden; das schwarze Pferd auf gelbem Grund kennen selbst überzeugte Motorsportverweigerer. Im 71. Jahr des Bestehens der Scuderia wird quasi ein neues Kapitel aufgeschlagen  bzw. ein weiterer Meilenstein gesetzt: Denn am 14. August – genau zum 30. Todestag von Firmengründer Enzo Ferrari – erscheint im Taschen Verlag  eine überbordende, bibliophile Huldigung auf die sagenumwobene Automarke, die an Exklusivität schwer zu überbieten ist. 
Credit Coverbild: © Taschen Verlag
Credit Bild: © Taschen Verlag
Wer über die Welt von Ferrari und den damit einhergehenden Lifestyle  zumindest en passant Bescheid weiß, kann sich ungefähr ausmalen, dass auch bei diesem Buch an keiner Ecke gespart wurde  und mehr ganz einfach mehr ist. Denn ähnlich luxuriös wie die italienischen Sportwagen selbst präsentiert sich auch dieser Prachtband,  der eine komplette Retrospektive auf die bisherigen 7 Jahrzehnte der Ikone entwirft.
Der Autor - Schriftsteller und Sportjournalist Pino Allievi – zeichnet mithilfe von exklusivem Archivmaterial eine beeindruckendes Portrait der beispiellosen Erfolgsgeschichte der Traditionsmarke. Gerade die zahlreichen, seltenen historischen Fotos gepaart mit den kunstvollen Zeichnungen aus dem Privatarchiv des Rennstalls verdeutlichen die ganze Tradition und Handwerkskunst dieser Firma.
Credit Bild: © Ferrari S.p.A. / Foto Strazza
Credit Bild: © Francesco Reggiani
Dieser Band ist in jeder Hinsicht ein Buch der Superlative – preislich wie gestalterisch.
Angelehnt an das Gründungsjahr Ferraris (1947) wird es genau 1,947 Exemplare der handgefertigten, ledergebundenen  und handvernähten Sammlerstücke geben:
250 Stück in der sog. Art Edition (in einer Preisklasse von 25.000 € ) und einer nicht weniger edlen Collectors Edition mit einer Auflage von 1.697 Exemplaren (schlägt mit 5.000 €  zu Buche). 
Beide Versionen kommen – wie man das von Taschen bereits gewohnt ist – in einer dekorativen Box; wobei diese diesmal vom australischen  Stardesigner Marc Newsome entworfen, aus Alu gefertigt und einem V 12 Motor nachempfunden wurde. Signiert wurden sie von Piero Ferrari, dem einzigen Sohn des Firmengründers.
Die Art Edition kommt überdies mit den Unterschriften von (dem unlängst leider verstorbenen) Sergio Marchionne und John Elkann sowie einem  skulpturalen, wieder von Newsom designten  Buchständer in Form eines Abgaskrümmers.
Credit Bild: © Taschen Verlag

Credit Bild: © Taschen Verlag

Credit Bild: ©Taschen Verlag

Credit Bild: © Taschen Verlag

Das alles ist natürlich Luxus pur und die Sphären eines normalen coffee table-Bandes wurden hier längst verlassen. Ich persönlich war beim Preview vor allem von dem beeindruckenden Design dieser Chronik fasziniert. Denn eigentlich ist das in erster Linie ein Kunstgegenstand und erst in zweiter Linie ein Buch - eine bibliophile Hommage und ein Prestige-Release, dass sich an die ganz beinharten Hardcore-Tifosi richtet, die - so sie schnell sind - ein Buch erstehen können, das nicht viel weniger edel als eine hochoktanige Kreation aus Maranello ist.

Montag, 6. August 2018

Die große Gossen-Symphonie: Die Neuauflage des GUNS N´ ROSES –Klassikers APPETITE FOR DESTRUCTION


Credit Bild: © Ross Halfin    Universal Music
Vor 31 Jahren wussten überwiegend die eingeweihten Insider der L.A. Hard Rock Szene Bescheid: In den Clubs des Sunset Strips gab es da eine kleine Band, die wilder, unberechenbarer und schlichtweg besser war als so gut wie alles was in Sachen R N´R seit den späten Siebzigern aus Kalifornien gekommen war. Guns N´ Roses, aus den Überresten der Lokalgrößen L.A. Guns und Hollywood Rose entstanden, hatten sich einen Ruf als großartiger Liveact in den verrufenen Teilen der Stadt erspielt und standen an der Schwelle zum Durchbruch. Der sollte ihnen dann mehr oder minder über Nacht auch gelingen und zwar gleich mit ihrem Major Label Debut, dem programmatisch betitelten „Appetite For Destruction“. Die Platte machte sie zu absoluten Superstars und gilt vielen bis heute als ihr Magnum Opus sowie als einer der besten Alben der 80er.

Der Gunners-Sound war so dreckig wie die Straßen vor den Strip Clubs von L.A.:
Ein Gemisch aus Bekanntem - Stones, Blues und klassischem Hard Rock sowie Punk- jedoch mit einer solchen Intensität und Originalität dargeboten, dass die Band eine eigene Klangidentität kreieren konnte: Axl Roses Oszillieren zwischen teils orgiastischem Kreischen und klassischem Rock-Balladeer; der ungemein räudige Gitarrensound von Hutmeister Slash und Izzy Stradlin, der erdige, songdienliche Bass Duff McKagans und die durchschlagenden Drum Fills von Steven Adler - ja, damals war keiner besser als G N´R.
Die handwerklich erstklassigen Songs über billigen Alkohol, Heroin, gescheiterte Existenzen und  ganz generell die Schattenseiten der glitzernden Stadt der Engel machten „Appetite“ zum Epos aus der Gosse, der rauen ungebügelten Antithese zum  ungleich glatteren Hair Metal-Mainstream. Dank dem Hitsingle-Triumvirat aus „Welcome To The Jungle“, „Sweet Child O´Mine“ und „Paradise City“ wurde die Platte zum Superseller und machte G N´R zur größten Hardrock-Band des Planeten; zumindest für kurze Zeit, denn der Höhenflug sollte nur wenige Jahre andauern. Nun - im Jahr nach dem eigentlichen großen Jubiläum dieser wegweisenden Platte und  während die an ehemals heillos zerstrittene Band wieder auf der „Not In This Lifetime“-Tour ist - wird der Klassiker reissued.

Auch Retrospektiv betrachtet verliert das Album nichts von seinem rauen Charme und die Reissue ist großartig gemacht und wird auch jenen langjährigen Fans gefallen, die bereits mehrere Versionen des Albums im Plattenschrank haben.  Die attraktive Deluxe Version erinnert an eine Vinyl im Miniaturformat; Zieht man das Slipcase aus dem Hochglanzschuber kommt das berüchtigte und einst zensierte „Robot Rape „-Cover zum Vorschein (das ebenfalls ikonisch gewordene Cover mit dem Kreuz und den Totenköpfen wurde seinerzeit nur genommen, da man das ursprünglich intendierte Gemälde als zu kontroversiell ansah). In diesem Slipcase mit Gatefold stecken zwei Disc und ein Booklet mit einigen Shots aus der Frühphase der Band
Disc 1 enthält das bereits bekannte Album in neu remasterter Version; bereits dieursprüngliche LP klang ja sehr gut, die neue Reissue ist aber klanglich ebenfalls ausgezeichnet, ganz ohne den Höreindruck verfälschende Änderungen (Stichwort: loudness wars). Disc 2 heißt „B-Sides, Eps & More" und enthält genau, was der Titel verspricht: gesammelte Raritäten: Live Tracks (wie etwa das Abrissbirnen-AC/DC-Cover "Whole Lotta Rosie", die 1986er "Sound City Sessions, frühe Akustik-Versionen bekannter Songs (wie etwa "Move To The City" sowie das bislang offiziell unveröffentlichte„Shadow Of Your Love“, der es damals nie auf ein reguläres Release der Band schaffte.
Credit Coverbild: © Universal Music 
Die nachfolgenden Alben "Use Your Illusion I + II" waren sicher die noch ambitionierteren und abwechslungsreicher Werke, doch die hatten  nicht die kompakten Hits wie man sie auf „Appetite“ findet. Ähnlich wie das erste Van Halen Album fast 10 Jahre zuvor, öffnete „Appette“ nicht nur den Weg zum Ruhm für die Band selbst sondern wurde zum Referenzwerk, das die Schleuse für unzählige Epigonen des Sunset Strips öffnete.
Es ist fraglos eines der besten Debutalben ever und bleibt auch 3 Jahrzehnte nach dem Release eines der komplettesten Werke der letzten Hochphase des Hard Rock.
Das oft bemühte Klischee „still sounds fresh today“ trifft hier vollends zu.

Montag, 30. Juli 2018

Die Crossroads einer Legende: Eric Clapton Doku LIFE IN 12 BARS


Credit Bild: © Getty Images              Universum Film GmbH
Mit seiner speziellen Spielweise legte er die Blaupause dafür vor, wie man bluesgetränkten Rock ab den 60ern spielt. Die Wahl seiner ikonischen Instrumente löste nicht nur Trends aus sondern sorgte auch für die Entdeckung bis dato ungekannter Klangkombinationen (Stichwort: die Freuden der zum Standard gewordenen Gibson und Marshall-Kombi). Die lebende Legende Mr. Slowhand Eric Clapton prägte ab den 60ern fraglos einen neuen Typus des Gitarrenhelden, „Clapton Is God“ sprühten die ganz fanatischen Zeugen seiner frühen Gigs seinerzeit in London an die Wände. Diesen unbestrittenen künstlerischen Triumphen standen jedoch immer wieder private Krisen und persönliche Tragödien gegenüber. Und genau diese Crossroads im Leben des EC stehen neben der zeitlosen Musik im Mittelpunkt der neuen high profile Showtime-Doku „Life in 12 Bars“ – die nun auch auf DVD und Blu ray released wurde.
Credit Bild: © Getty Images       Universum Film GmbH
Es ist ja generell gerade die  Zeit der hochkarätigen Musikdokus (siehe etwa Keith Richards, Frank Sinatra, James Brown oder Jeff Beck) und auch das Clapton-Portrait reiht sich hier nahtlos ein:Der Titel - ein Leben in 12 Takten, dem typischen Blues-Schema - ist dabei überaus passend gewählt, widmete Clapton doch seine ganze Karriere der Ausübung dieser uramerikanischen Musikrichtung.
Die Regisseurin Lili F. Zanuck, Witwe nach dem berühmten Hollywood-Producer Richard D. Zanuck, arbeitete mit EC bereits in der Vergangenheit zusammen (u.a. bei einer Crossroads-Festival-Produktion und bei ihrer ersten Regiearbeit, dem ´91er Drama „Rush“ für das Clapton den Soundtrack beisteuerte). In „Life in 12 Bars“ geht es ihr nicht ausschließlich um den Kult um die Gitarrenikone, sondern vor allem um die Person hinter dem Mythos. Dabei ist der Film jedoch keine allumfassende Karriereretrospektive im Zeitraffer geworden, sondern vielmehr ein Persönlichkeitsprofil des Ausnahmemusikers und dessen prägender Schlüsselmomente im Leben.  
Credit Bild: © Getty Images         Universum Film GmbH
Im Zentrum stehen vor allem die 60er und  70er und später die Nineties  - untrennbar mit einem der dunkelsten Kapitel im Leben Claptons, dem Unfalltod des Sohnes Connor, verbunden.An sich wurde ECs Karriere in der Vergangenheit, nicht zuletzt durch die „Day By Day“-Chroniken und die Autobiographie des Musikers schon sehr ausführlich behandelt. Zanuck gelingt jedoch das Kunststück in dieser ihrer ersten Doku einige weniger bekannte Facetten Claptons näher zu beleuchten. Dabei geht sie überaus nuanciert vor; die Doku wirkt im Gegensatz zu vielen anderen Filmen dieses Genres nie überhastet oder übertrieben komprimiert.
So zeigt „Life in 12 Bars“ die ganze Vielschichtigkeit eines sensiblen Künstlers und zeichnet ein sehr vollständiges Portrait einer singulären Figur der Musikgeschichte.
Auf der Bühne entfachte Clapton regelmäßig einen Orkan, im Film wird den leisen Tönen ebenso viel Platz eingeräumt - und dies ermöglicht Einblicke, die den  Film zu den interessantesten Releases im Doku-Genre der letzten Jahre machen.
Credit Coverbild: © Universum Film GmbH
Life in 12 Bars (2017)
Regie: Lili F. Zanuck
VÖ: 29. Juni 2018
Universum Film

Dienstag, 17. Juli 2018

Monte Hellman´s ASPHALTRENNEN – TWO-LANE BLACKTOP Mediabook

Credit Coverbild: © Koch Media
Scheinbar ziellos cruisen „The Driver“( James Taylor) und „The Mechanic“ (Beach Boy Dennis Wilson in seiner einzigen Filmrolle)  in ihrem titelgebenden Blacktop durch den Südwesten der USA. Die beiden haben sich nicht viel zu sagen und meistens beschränken sich ihre Dialoge, die oft eher in Monologe abgleiten, auf Details über ihr Auto oder die Gefährte anderer ebenso anonymer Personen. So tingeln die beiden in ihrem alten und abgewrackten Auto, das jedoch ordentlich PS unter der Haube hat, herum, immer auf der Suche nach einem schnellen Straßenrennen um so ein bisschen Geld fürs nächste Mittagessen in einem schäbigen Diner oder Roadhouse zusammenzubekommen. Begleitet werden sie dabei von dem „Girl“(Laurie Bird), ebenso eine Ausgestoßene die sich mit kleinen Gaunereien über Wasser hält. Als diese illustre Gruppe auf „GTO“ (Warren Oates) trifft, kommt es zu einem Wettrennen quer durch den Südwesten um die Fahrzeugpapiere des Verlierers.
Credit Bild: © Koch Media
„Freedom´s just another word for nothing left to lose“ wusste schon Kris Kristofferson in seiner Ballade von Booby McGhee. Und diese aussichtslose Form (vermeintlicher) Freiheit ist auch das beherrschende Thema in Monte Hellmans desillusioniertem Roadmovie von 1971. Die Straße auf der „The Driver“ und „The Mechanic“ unterwegs sind führt nicht ins gelobte Land sondern direkt ins Nirgendwo, wonach die beiden überhaupt suchen erfährt der Zuschauer ebensowenig wie ihre  „echten“ Namen, Identitäten scheinen austauschbar.
Während Peter Fondas und Dennis Hoppers  Biker in „Easy Rider“ aus der Gesellschaft aussteigen wollten, bleibt die Motivation der Hauptfiguren bei Hellman nebulös.
Überhaupt sind die Autos wichtiger als alles andere in diesem Film: sie sind wichtiger als Frauen und auch wichtiger als Worte und Taten. Dennoch geht es dem Regisseur zu keinem Zeitpunkt um „high octane car“-Action, der deutsche Titel „Asphaltrennen“ ist daher auch ein wenig irreführend.
Credit Bild: © Koch Media
Hellman  ist weniger im Grindhouse als im Independent Arthouse zuhause; furios gefilmte Stunts wie in „Vanishing Point“ aus dem selben Jahr gibt es hier somit nicht. Sämtliche Rennsequenzen sind unspektakulär gefilmt, der Soundtrack (trotz hoher Qualität der Interpreten wie z.B. Kris Kristofferson) bleibt stets im Hintergrund und wird durch die Dialoge überschattet. „Two Lane Blacktop“ ist die ganz große  Road Move-Elegie. Die obligatorischen Versatzstücke und Topoi des Genres weichen einer Camus-artigen existenzialistischen Beobachtung von trostlosen Existenzen und gescheiterten Personen( ähnlich wie in „Der Fremde“). Am Schluss fühlt sich der Zuseher genauso wie die Charaktere im Film, die halb gelangweilt halb antriebslos durch den Film schleichen bzw. tuckern.Und auch wenn der Film stellenweise an eine extreme Geduldsprobe grenzt - als unromantische Betrachtung der Post-68er und Versinnbildlichung der Ziellosigkeit einer ganzen Generation funktioniert diese frühe Errungenschaft des Independent-Kinos perfekt. 
Credit Bild: © Koch Media
Uneingeschränkt gelungen ist hingegen die neue Mediabook-Version dieses Kleinods. In der von Koch Media bereits bekannten Sammleraufmachung kommt Hellmans Film erstmals als Blu ray heraus; eine Bonus DVD mit Extras wie Trailer, Audiokommentar, Featurettes, Videopiece "Sure Did Talk to You", Screentests, Bildergalerie sowie eine weitere Disc dem Film in der DVD-Variante sind ebenso dabei wie ein nettes Booklet.
Die HD-Version präsentiert den Streifen in hervorragender Qualität und macht das Release zum Must für Kult-Enthusiasten, auch wenn sie schon frühere Versionen von Hellmans Straßen-Elegie zuhause haben.

Sidney Pollacks „Der elektrische Reiter“ als Blu ray Reissue

Credit Bild: © Koch Media
Seine große Zeit hat der ehemalige Rodeo-Weltmeister Sonny (Robert Redford) schon sehr lange hinter sich. Körperlich ist er durch berufsbedingte Verletzungen leicht abgewrackt und an der Flasche hängt er überdies: so ist er gezwungen seinen Lebensunterhalt als lebende Werbefigur für einen Lebensmittelkonzern zu fristen: In einer beinahe grotesk überzeichneten Version der klassischen Nashville-Nudie Suit ist er der glitzernde „electric horseman“, die Jahrmarkt-Version eines amerikanischen Helden.
Als er sich beinahe schon mit seinem Los abgefunden hat, kommt unverhofft die Chance sein altes Leben zurückzugewinnen: Als Akt des Widerstandes  stiehlt er den ungemein wertvollen Hengst „Rising Star“ aus den Fängen seiner Arbeitgeber und flieht mit ihm Richtung Utah. Dicht auf seinen Fersen ist bald nicht nur die Staatsgewalt sondern auch die junge Reporterin Hallie (Jane Fonda), die zunehmend die nötige Distanz in ihrer Berichterstattung über Bord wirft und mit ihren Beiträgen nicht nur am Mythos des rebellischen Cowboys arbeitet, sondern  sich  auch in den romantischen Sonny verliebt… 
Credit Bild: © Koch Media
Credit Bild: © Koch Media
Credit Bild: © Koch Media
Freiheit und der Widerstand des Einzelnen gegen den allumfassenden Kapitalismus;
Hommage an ein unamerikanisches Filmgenre, Medienkritk , Drama mit romantischen Unertönen: Oscar-Preisträger Sidney Pollack ("Jenseits von Afrika") verarbeitete in seiner durchaus kritischen Fabel vom „elektrischen Reiter“ eine ganze Reihe großer Themen und bewegt sich dabei mühelos zwischen den Genres.
Die hier behandelten Themen sind typisch für das Kino jener Zeit und wirken gerade jetzt wieder erstaunlich aktuell. Insbesondere Refords Charakter - der Teil eines Amerikas, das schon zum Release-Datum des Films Ende der Siebziger untergegangen war - sowie die Wandlung von Fondas Reporterin sind sehr vielschichtig.
Auch wenn der Film aus heutiger Sicht ein paar Längen aufweist und nicht zu den ganz großen Klassikern des Seventies-Kinos zählt – die Chemie zwischen Redford und Fonda (wie schon bei „Barfuß im Park“) ist bestechend – und die die HD-Variante aus dem Hause Koch zeigt den Streifen in Top-Qualität. Wiederentdecken lohnt sich.
Credit Coverbild: © Koch Media

Samstag, 14. Juli 2018

Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band - Das Album, die Beatles und die Welt 1967


Credit Coverbild : ©  Edition Olms
Zwischen „Summer Of Love, Vietnam-Demos, Sechstage-Krieg und gesellschaftlicher Bewusstseinserweiterung: Die Hintergrundgeschichte zu einer wegweisenden LP und einer Welt im Aufruhr.

Es gilt als eines der wichtigsten Werke der Rock-und Pophistorie und vereint in sich fast alle Attribute des Zeitgeists der zweiten Hälfte der Sixties: Nachdem sie bereits mit „Revolver“ in tiefste psychedelische Sphären getaucht waren, schufen die Fab Four mit „Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band“ eines der Schlüsselalben der Dekade.
Ein Album, das den Hörer einer Zeitkapsel gleich in ein Swinging London mitnimmt, in dem den Experimenten und dem Bewusstsein keine Grenzen gesetzt waren. Produzent George Martin und Lennon, McCartney, Harrison und Starr begriffen das Abbey Road Studio als eigenes Instrument und malten ein Klanggemälde an Effekten und Soundkreationen: ein Kaleidoskop nicht nur bei einem gewissen Mädchen mit ebensolchen Augen sondern auch was die Klangvielfalt anbelangt.
Die Entstehungsgeschichte dieser wegweisenden Aufnahmen ist auch der zentrale Aspekt in Brian Southalls äußerst lesenswertem Buch über die psychedelische Inkarnation der Liverpooler „Beat“-Band und das ereignisreiche Jahr ´67.

Southall schreibt nicht nur seit Jahrzehnten über Musik, (u.a. für den britischen Melody Maker) sondern blickt auch auf eine 30-jährige Karriere im Business bei EMI, A&M, Tamla Motown und Warner zurück. Passend zu seiner Beatles-Affinität war er in seiner Zeit bei EMI auch  für die Solo-Projekte der Liverpooler zuständig. Diesen Insider-Zugang merkt man seinem Buch beim Lesen auch an.
Originellerweise ist der Band nicht nur vom Cover her an eine alte Schallplatte angelehnt – auch der Inhalt selbst ist in eine A und B Seite eingeteilt. Auf Seite A widmet sich Southall dem Album und der Backstory, wie es zu einem der wichtigsten Longplayer im Pantheon der Rockmusik werden konnte. Auf Seite B wird schließlich eingehend das Jahr 1967 und die weltpolitischen Ereignissen zwischen Love & Peace-Bewegung, Krieg, kultureller Grenzüberschreitung und individuellem Freiheitsstreben beleuchtet.
 Southall  betrachtet das „Peppers“ Album somit nicht isoliert aus einem rein musikalischen Blickwinkel sondern bettet es in einen breiteren, gesamtgesellschaftlichen Kontext ein.
Dadurch wird dieser reich bebilderte Band nicht nur zu einem gelungenen Werk über die Beatles, sondern auch zu einem popkulturellen Geschichtsbuch.

Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band
Das Album, die Beatles und die Welt 1967
Übersetzung aus dem Englischen von Michael Auwers.
192 Seiten mit über 150 meist farbigen Fotos.
Fester Einband im Format 25 × 25 cm
ISBN-10: 3-283-01281-4
€ (D): 29,95
€ (A): 30,80

Donnerstag, 5. Juli 2018

Rock Classics Nr. 22 The Rolling Stones - Das Sonderheft


Credit Coverbild: © Universal Music  Slam Media GmbH
Stones fever all over again – während die Fans bei der aktuellen No Filter-Tour die Steine tatsächlich „ungefiltert“ bewundern können, ist die neueste Ausgabe der Rock Classics erschienen.
Die Nr. 22  steht ganz im Zeichen der Zunge und bietet in bewährter Slam Zine-Manier
einen Crash Kurs bzw. Kompaktüberblick in Sachen „dienstälteste Rockband des Planeten“.
Anhand Features zu allen Alben wird eine recht umfassende Chronik der mittlerweile im 56. Jahr ihres Bestehens angekommenen Kultgruppe entworfen. Zusätzlich erhält man einen Überblick über Film-Releases und Devotionalien – von denen es bei den Stones so einige gibt.
Zwar muss man im Gegensatz zu einigen früheren Rock Classics-Nummern diesmal  ohne Bonus Disc oder Poster-Goodies auskommen, doch das macht nicht viel , denn auf knapp 100 Seiten
wird all jenen neuen Fans, die die Band erst kürzlich kennengelernt haben, ein Fülle an Trivia geboten – und  alteingesessene Stonesologen bekommen mit diesem Hochglanzheft eine unterhaltsame (Strand-) Lektüre: Was nicht nur an den gut geschriebenen Features sondern auch an den sehr unterhaltsamen Interviews und der gewohnt guten Fotoauswahl liegt.  

Mittwoch, 13. Juni 2018

Tom Shone: TARANTINO – Der Kultregisseur und seine Filme

Credit Coverbild: © Knesebeck Verlag
Am Ende seiner Karriere will er als einer der größten Filmemacher, die je gelebt haben angesehen werden,sagt Regisseur Quentin Tarantino im Hinblick auf seine bemerkenswerte Karriere, die ihn von Knoxville, Tennessee in den Olymp der Filmindustrie katapultiert hat.
Eine Deadline hat er sich selbst ja bereits gesetzt; nur mehr 2 Filme will er drehen – nächstes Jahr soll sein vorletztes Werk „Once Upon a Time In Hollywood“, ein Episodenfilm vor dem Backdrop der Manson-Morde, in die Kinos kommen.
Sein eingangs erwähntes Ziel hat er in Wirklichkeit längst erreicht, dafür genügt ein Blick auf das in den 90ern gestartete Oeuvre des einstigen Underdogs aus der Videothek. Immerhin gibt es keinen anderen Filmemacher der letzten 3 Jahrzehnte, der einen ähnlich profunden Einfluss auf die universelle Bildsprache, Dialoge, Gestaltung und auch den Soundtrack des modernen Kinos hatte und dabei in der Lage war einen eigenen Stil – das "tarantineske" – zu kreieren und kultivieren.  
Tarantino definiert einen Bildausschnitt am Set von Death Proof -  Todsicher, 2006
 Credit Bild: © Alamy/Collection Christohpel/Knesebeck Verlag
Passend zum 25th Anniversary jenes Films der einst seinen Durchbruch einläutete, dem Heist-Thriller "Reservoir Dogs", erschien die erste  coffee table-Huldigung an das gesamte bisherige Schaffen des Kultregisseurs, die nun auch in deutscher Übersetzung vom Knesebeck Verlag released wurde.
Der Autor Tom Shone zählt zu den bekanntesten und renommiertesten US-Filmkritikern,
schreibt für Leitmedien wie den New Yorker oder die New York Times und ist in der Szene sowohl für seine Interviews mit den Größen der Filmbranche als auch für seine Bücher über Martin Scorsese oder Woody Allen bekannt. Der Tarantino-Retrospektive nähert er sich so auch weniger aus der Sicht des Editors eines Bildbandes, sondern vielmehr aus dem Blickwinkel des Journalisten und Rechercheurs. Dies führt dazu, dass der Text in diesem Buch mindestens so interessant ist wie das Bildmaterial. Zumal langjährige QT-Fans  fraglos viele der gezeigten Bilder bereits kennen werden; immer wieder gibt es jedoch auch ein paar wirklich rare Eindrücke vom Set mit einem Blick hinter die Kulissen.
Reservoir Dogs - Wilde Hunde, 1992  Harvey Keitel (Mr. White) war eine große Bereicherung für den Film, sowohl als erfahrener Schauspieler wie auch als Produzent.
 Credit Bild: © Alamy/Collection Christohpel/Knesebeck Verlag
 Kill Bill, 2003/2004 Tarantino und Thurman besprechen die Actionszenen im Nachtclub „Haus der blauen Blätter“. 
Credit Bild: © Alamy/Everett Collection /Knesebeck Verlag
Django Unchained, 2012 Nachdem Leonardo DiCaprio bei Inglourious Basterds
keine Rolle bekommen hatte, war es ihm umso wichtiger, endlich in einem Tarantino-Film
mitzuspielen. Er übernahm den Part des üblen Plantagenbesitzers Calvin Candie.
Credit Bild: © Alamy/Photo 12 /Knesebeck Verlag
Shone entwirft eine kompakte, gleichzeitig sehr komplette Biographie des Kultregisseurs und eine extensive Übersicht über seine zahlreichen Projekte : vom ganz frühen Schaffen  (siehe "My Best Friend´s Birthday"), seinen Hauptwerken ("Pulp Fiction", "Kill Bill") über die Kollaborationen ("From Dusk Till Dawn") bis zum jüngsten Streifen, dem Schneewestern „The Hateful Eight“.
Dabei legt er den Fokus vor allem auf die Entstehungsgeschichte und nicht auf eine film- wissenschaftliche Analyse der subtext-reichen Popkultur-Kaleidoskope Tarantinos.
Ein solches Unterfangen hätte den Umfang des 256 Seiten starken Bandes wohl verdoppelt, dennoch ist Shones Buch alles andere als oberflächlich, dafür sorgen auch die vielen O-Töne – zusammengetragen aus zig Interviews und Artikeln.
So ist diese neue Tarantino-Retrospektive ein gelungenes Portrait des oft kopierten Auteurs, der nicht nur in seiner Generation eine singuläre Figur im Einheitsbrei der Traumfabrik an der Westküste ist.
The Hateful 8, 2015 Major Warren (Samuel L. Jackson) bewacht seine Leichen
Credit Bild: © Alamy/AF Archive /Knesebeck Verlag

Tom Shone: TARANTINO - Der Kultregisseur und seine Filme
Knesebeck Verlag
256 Seiten mit 250 farbigen Abbildungen
24.8 x 29.2 cm, gebunden mit SU,
Übersetzt von: Claire Roth
ISBN 978-3-95728-189-0

STILL ON THE RUN - THE JEFF BECK STORY


Credit Coverbild: © Universal Music
Nicht nur über Mr. Slowhand Eric Clapton erscheint in diesen Tagen eine große Retrospektiv-Doku. Auch sein Gitarrenkollege aus Surrey Jeff Beck bekommt einen eigenen, high profile abendfüllenden Dokumentarfilm – und der zählt ähnlich wie "Life in 12 Bars" zu den sehenswertesten Musik-Dokus der letzten Zeit.
Und wieder analog zum EC-Film ist auch hier der Titel programmatisch: „Still On The Run“ –  Beck war stets ein Suchender, ein unruhiger Geist, der nur im permanenten Experiment seine Erfüllung fand und nie still stand. Inspiriert von den frühen Pionieren des Rock N´ Roll und ihrem revolutionären Erfindungsreichtum tüftelte er stets an neuen Klängen. Die psychedelisch-experimentellen Sixties waren für diesen passionierten Klangforscher der ideale Nährboden und Backdrop. Dass er immer auf der Suche – bzw. eben still on the run ist – sorgte dafür, dass es ihn nicht lange beim Blues- und Psychedelic-Rock hielt und er sich  in den Siebzigern dem rein instrumentalem Jazz Rock zuwandte und bis heute konstant die Grenzen avantgardistischer Musik auslotet.
Credit Bild: © Universal Music
Credit Bild: © Universal Music
Neben seiner Passion für die Sechssaitige ist Beck auch ein ausgewiesener "grease monkey",  ein Autoschrauber, der gern selbst seine teuren Vintage Vehikel zerlegt (siehe Bild oben). Die sich hier offenbarende Parallele zu seinem unorthodoxen Spiel mit musikalischen Normen oder sog. Regeln ist evident.
Wie einflussreich dieses Spiel ist, zeigt sich auch wieder einmal in den zahlreichen All Star-Interviews mit prominenten Freunden, Zeitgenossen und Bewunderern, die für "Still On The Run" geführt wurden.  
Sie verdeutlichen den Ausnahemstatus den Beck bei seinen Kollegen wie EC, Jimmy Page, Joe Perry, Billy Gibbons  oder Slash genießt. Nicht ohne Grund gilt Beck – ein Mann der stets etwas im Schatten des Mainstreams stand – als ein quintessentieller "guitarist's guitarist".
Credit Bild: © Universal Music
Credit Bild: © Universal Music
Credit Bild: © Universal Music
"Still On The Run" ist ein temporeicher, Film, der ein ziemlich  genaues, detailliertes Portrait der Legende zeichnet. Als Zuseher hat man das Gefühl Beck nun besser zu vestehen und ev. auch seine Karrierentscheidungen nachvollziehen zu können. Für mich als jahrelangen Beck-Fan war diese Dokumentation daher ungemein  faszinierend: Ein komplexes Portrait eines Individualisten, der sich nie anpassen konnte und wollte und ein wirklich empfehlenswerter Film.

Dienstag, 12. Juni 2018

Behind Blue (Eyed Soul) Eyes - Roger Daltreys neues Soloalbum „As Long As I Have You“

Credit Coverbild: © Universal Music
Ganze 16 Jahre sind ins Land gezogen seit dem letzten Soloalbum der Mikrofon-Lasso-schwingenden Who-Legende Roger Daltrey. Nun erscheint mit „As Long As I Have You“ sein neues Opus bei Universal/Polydor. Wobei Soloalbum je nach Betrachtungsweise ein wenig zu relativieren ist - immerhin hört man auf fast jedem der Tracks Pete Townshend an der Gitarre. Nach den Zeiten von „My Generation“ oder „Who Are You“ klingt die Platte dennoch über weite Strecken nicht. Lediglich eine Nummer( „How Far“) gemahnt explizit an diese Ära und wirkt wie ein solides,  wenn auch nicht sonderlich spektakuläres Outtake der Spätsiebziger-Phase der Band.
Für Daltrey heißt es nun - ähnlich wie bei manch anderen seiner britischen Legenden-Kollegen -  back to the roots. Und dieser Weg führt ihn in eine Zeit als Townshend noch nicht seine Gitarre in den Marshall Amp donnerte. Es geht zurück zu seinen ganz frühen Influences und die liegen u.a. im klassischen Soul. Es sind die unverwechselbaren und eigentümlichen, in Tremolo und Reverb gebadeten Sounds jener Zeit, die den aggressiveren  Mod-Rock  der jungen Engländer einst befeuerten.
Ohne gesteigerte Nostalgie sondern vielmehr mit beeindruckender Energie brilliert Daltrey auf  „As Long As I Have You“ in den unterschiedlichen Spielarten dieses Genres.
Sixties Southern Soul gibt es etwa bei der Joe Tex-Nummer „The Love You Save“, ein Song der auch heute sehr aktuell erscheint.Country-Soul hört man bspw. auf „Where Is A Man To Go“, bei dem Daltrey , nach einem Streit mit seiner Liebsten – zumindest in den Lyrics – in einer Bar trauige Lieder in der Jukebox anhört und sich fragt wieviele Tränen er für 10 Dollar wohl kaufen kann.
Credit Bild:© Steve Schofield  Universal Music
Der Dampframmen-Soul des Openers und Titeltracks gemahnt stark an Joe Cocker.
Der Drive, der hier aus dem Zusammenspiel aus Daltreys bemerkenswert energetischer Stimme, den Background Girls, der schmetternden Brass-Section und den Gitarren entfacht wird, ist enorm. Ähnlich schmissigen Soul hat man zuletzt bei Mick Hucknall vor ein paar Jahren gehört und da hatte der Gesamtklang weitaus mehr Popsensibiltät als bei der urwüchsigen Variante, die Daltrey bevorzugt.
Harten teils funkigen Soul gibt’s bei Stevie Wonders „You Haven´t Done Nothing“ oder bei der Daltrey-Eigenkomposition "Certified Rose". 
Als Kontrast zeigt sich Daltrey aber auch als Storyteller bei zwei aufs Allernötigste reduzierten Balladen - darunter Nick Caves "Into My Arms" - man vernimmt nur Daltreys Stimme und ein Piano; eindringlich, gerade weil dem Song durchaus ein eigener Spin gegeben wird, dennoch ist das Original besser, vielleicht auch weil Daltreys Stimme zu anderen Stücken besser passt.Das ändert aber nichts daran, dass "As Long As I Have You" ein hervorragendes und kraftvolles Blue Eyed Soul-Album ist.