Freitag, 10. November 2017

Eine Chronik des deutschen Boulevard: Das BILD-Buch

Credit Coverbild: © TASCHEN Verlag
Für die einen ist sie das erklärte Feindbild, das in sich all jenes vereint, was am populär-populistischen Boulevardjournalismus schlecht ist. Für die anderen ist sie die oft einzige tägliche Informationsquelle: Die BILD-Zeitung des Springer Verlags. Ein Blatt, das ebenso stark polarisiert wie es fraglos zu den reichweitenstärksten Leitmedien aus dem Boulevard-Bereich zählt.
Der vielfach äußerst schnellen, teils exklusiven Berichterstattung und der hohen Aktualität stehen eine oft allzu vereinfachende Berichterstattung, der  kommunikationswissenschaftlich und medienethische bedenkliche  Kampagnenjournalismus und   effektheischende Meinungsmache
gegenüber. Wie auch immer man selbst zum streitbaren Medium steht - wer sich mit der publizistischen Landschaft des deutschsprachigen Raums auseinandersetzt, kommt an der Bild nicht vorbei. Zum 65 Jahr-Jubiläum erscheint beim Taschen Verlag nun die Neuauflage der großen Retrospektive auf etwas mehr als 6 Jahrzehnte Boulevardjournalismus.
Axel Springer in der Druckerei mit der 1. Ausgabe von BILD, Nacht vom 23. zum 24. Juni 1952.
Credit Bild: © TASCHEN GmbH/Axel Springer AG
Herausgegeben von Julian Reichelt (aktueller Vorstand der Bild-Chefredaktion) und Kai Diekmann präsentiert der gewichtige Bild-Band (pun intended ;-) ) eine selektive Auswahl von Titelblättern der Zeitung beginnend anno 1952 und endend im Juli 2017 - die Auswahl dieser Titelseiten zeigt einerseits einem Zeitraffer gleich wichtige Ereignisse der Weltgschichte auf und verdeutlicht andererseits die Machart der Bild: Die effektheischenden Überschriften ("Wir sind Papst" , So tickt ...) die von den Boulevardmedien Österreichs oder der Schweiz übernommen wurden; Sex Sells (das Mädchen von Seite 1), lautmalerische Headlines an der Grenze zwischen Ulk und dadaistischem Experiment; das Aufdecken der Skandale; die Abstürze der C-Prominenz ; die scharfe, bisweilen anprangernde Art Polit-Ereignisse zu kommentieren...
Titelseite BILD, 26.07.1968 
Credit Bild: © Axel Springer
Bis auf die einleitenden Essays u.a. von Stefan Aust, Ferdinand von Schirach, Julian Reichelt, Vitali Klitschko oder Franz Josef Wagner wird im Buch auf eine publizistische und wissenschaftliche Einordnung des Blatts im Medienspektrum der Bundesrepublik verzichtet.Die Titelblätter sprechen hier für sich selbst - die Wertung bleibt letztlich dem Leser selbst überlassen.
Das Bild-Buch entwirft so zwar keine allumfassende Chronik dieser Tageszeitung,  erzählt jedoch mit den Mitteln eines bibliophilen Bildbandes nicht nur ein Stück Mediengeschichte sondern zeigt in konzentrierter Form vor allem die Mechanismen des Boulevard im Allgemeinen und des Springer-Mediums im Speziellen auf.
Titelseite BILD, 08.07.1985
Credit Bild: © Axel Springer AG

Das BILD-Buch
Julian Reichelt, Jean-Remy von Matt, Vitali Klitschko
Hardcover, 26 x 37 cm, 812 Seiten
ISBN 978-3-8365-7074-9
Ausgabe: Deutsch

Dienstag, 17. Oktober 2017

ZWISCHEN SURREALISMUS UND KITSCH : DAVID LACHAPELLE SIGNIERSTUNDE und GEWINNSPIEL


Credit Coverbild: © David LaChapelle Taschen Verlag
Auch wenn durch Instagram das Privatleben der internationalen Celebrities viel näher erscheint, als es tatsächlich ist – das La La Land, die unwirkliche Glitzerwelt in der die ganz großen Stars weilen, ist eine ganz eigene Sphäre, zu der nur sehr wenige Zutritt erhalten.
Der Chronist dieser Sphären ist der amerikanische Fotograf und Regisseur David LaChapelle der in seinen Werken nicht nur die Grenzen zwischen klassischer Fotografie und Malerei verschwimmen lässt sondern stets auch einen postmodernen Metadiskurs über das Phänomen „Celebrity“ führt.

Credit Bild: © Thomas Schweigert     Taschen Verlag
LaChapelles Werke und seine Bildkomposition gemahnen an klassische Barockmaler genauso wie an die Renaissance-Gemälde eines Michelangelo. Gleichzeitig sind sie jedoch mit ihrem retro-modernistischem Touch sehr in der Pop Art verhaftet. Durch die teils extreme Grellheit und Bonbon-Koloration seiner Bilder ist zudem der „Camp“-Faktor äußerst hoch – LaChapelle changiert zwischen klassischem Ideal und grenzenlosem Kitsch. Die stark religiösen Obertöne die sich durch sein Werk ziehen, korrespondieren wiederum mit dem Umstand, dass viele Stars von ihren Fans wie moderne Heilige verehrt werden. Dass all diese Elemnte und Einflüsse bei LaChapelle oft in einem einzelnen Bild aufeindertreffen, macht seine Werke zu surrealen Gebilden, die rein formal betrachtet mit ihrer grell-schrillen Bildkomposition die in Musikvideos und Social Media dominierenden Metapop-Ästhetik vorweggenommen und mitgeprägt haben.


Credit Coverbild: © David LaChapelle Taschen Verlag

Nun erscheinen bei Taschen zwei neue Bildbände LaChapelles: „Lost + Found, Part I“ und „Good News, Part II“, mit denen der aus Connecticut stammende Fotokünstler seine 1995 begonnene  Anthologie (LaChapelle Land, Hotel LaChapelle, Heaven To Hell) beschließt.
Zum Release dieser Bildbände wird David LaChapelle nächste Woche nach Deutschland kommen und seine neuen Bücher signieren.


Wann und Wo ?
Donnerstag, 21. September 2017
18 - 20 Uhr
TASCHEN Store 
Schlüterstraße 10629 Berlin


WIN - WIN WIN

Passend zum Besuch des Künstlers in Berlin könnt ihr wieder etwas gewinnen !
In freundlicher Zusammenarbeit mit dem Taschen Verlag verlose ich ein Exemplar von „David LaChapelle Lost + Found, Part I“ mit teils alle Sinne bombardierenden Fotos von Pamela Anderson, Julian Assange, Isabella Blow, David Bowie, Naomi Campbell,Hillary Clinton, Frances Bean Cobain, Miley Cyrus, Lana Del Rey, Lady Gaga, Sharon Gault, Daphne Guinness, Whitney Houston, Kris Jenner, Kendall Jenner, Bruce Jenner, Kylie Jenner, Dwayne Johnson, Khloe Kardashian, Kim Kardashian, Eartha Kitt, David LaChapelle, Amanda Lepore, Nicki Minaj, Katy Perry, Sergei Polunin, Keith Richards, Rihanna, Chris Rock, Amber Rose, Britney Spears, Uma Thurman, Andy Warhol, Kanye West, Pharrell Williams, Amy Winehouse...

Ihr wollt diesen Band euer Eigen nennen?

1) Dann schreibt eine E-Mail mit der Betreffzeile „David LaChapelle Gewinnspiel“ und mit dem Hinweis, dass ihr von mir bzw. 6strings24frames kommt und an dem Gewinnspiel teilnehmen möchtet.

2) Schickt die Mail an  c.waiblinger@taschen.com

Der Gewinner oder die Gewinnerin wird dann kontaktiert.

Folgt mir auf Twitter und Instagram (Links dazu auf der rechten Seite).

Viel Glück beim Gewinnspiel !

Einsendeschluss ist der 05. November 2017
Keine Barablöse möglich.
Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Samstag, 7. Oktober 2017

THEIR MORTAL REMAINS : Pink Floyd Retrospektive

Credit Coverbild: © Edel Books
Konzeptalben von epischen Ausmaßen, Songs jenseits der 10  Minuten Marke, Instrumentaljams irgendwo zwischen der dunklen Seite des Mondes und dem Uranusnebel sowie Konzerte die in ihrer Inszenierung weniger an einen Rock-Gig denn an Musiktheater gemahnen...und dann wären dann noch fliegende Schweine.
Nein, man kann nun wirklich nicht behaupten, dass Pink Floyd - insbesondere ab der 70s Phase - eine Band der kleinen Gesten waren (mit dem Tod von Keyboarder Rick Wright sind Floyd ja quasi Geschichte ...) Klar, dass eine Retrospektive über diese legendäre Gruppe einen ähnlichen Maßstab haben muss. Die Ausstellung zum Art- und Prog Rock-Phänomen im im Londoner Victoria & Albert Museum war dann auch ein überlebensgroßes, immersives Erlebnis - bei dem man als Fan in eine Flut von Memorabilia aus der langen Geschichte der Band eintauchen konnte - ein Prinzip, wie man es etwa schon von den Stones - und Bowie Schauen her kennt.
Und auch das offizielle Buch zu dieser Ausstellung -  Pink Floyd - Their Mortal Remains - in deutscher Version bei Edel Books erschienen -  ist ähnlich beeindruckend wie diese Exhibition.
Ein Band der in seinem klaren, reduzierten Design nicht nur an die ikonischen Plattencover der Band sondern auch an einen schönen Kunstband erinnert.
Das beginnt schon beim aufwändigen Hologramm, welches das Cover des 320-seitigen Bandes ziert.  Die Coverart von "The Dark Side Of The Moon" wird hier aufgegriffen; der Licht/Regenbogen fährt durch das monolithische Dreieck und bringt es in einer Explosion von tausenden Splittern zum bersten.Klingt aufwändig und ist es auch --- ein echt stylischer Blickfang am Coffee Table.
Flyer für das Pink-Floyd-Konzert in der Tokyo-Taiikukan-Halle, Tokyo, Japan, 6.–7.3.1972
Credit Bild: © Pink Floyd Archive
Der Azimuth Coordinator Controller für das Vier-Kanal-Quadrofoniesystem, 1969. Für Pink Floyd von Bernard Speight entwickelt. V&A: S.294–1980 -
Credit Bild: © Pink Floyd Music Ltd / Image © Victoria and Albert Museum, London
Kontaktbogen von Aufnahmen einer Probe Pink Floyds, Moulin Rouge Bar, Ainsdale, Southport, Mai 1971
Credit Bild: © Pink Floyd Archive
Im Inneren wird die History der Gruppe von den 60s bis zur Gegenwart sowohl textlich als auch anhand zahlreicher Archivbilder und Memorabilia-Fotos nachempfunden.
Die gut geschriebene Retrospektive bietet nicht nur einen kompakten Überblick über die Karriere von Waters, Gilmour, Barrett, Wright ind Mason sonseennordnet Floyd auch musikhistorisch ein.
Die abgebildeten Ausstellungsstücke reichenvon Skizzen für die gigantischen Bühnen, die monsterhafte "Teacher"-Figur aus "The Wall" über Konzertposter und Synthesizer bis zu legendär gewordenen Gitarren Gilmours wie die weiße Stratocaster mit der Seriennummee #0001, die Goldtop Les Paul mit P90s aus "The Wall" oder die "Black Strat", einem seiner Hauptinstrumente.Allein, von diesen Instrumenten man nicht nur als Guitar-Fan gerne mehr Bilder und Close Ups gesehen  - zumal der Schauwert hier natürlich etwas höher ist, als bei handgeschriebenen Songtext-Zetteln.
Nick Mason bei einer Aufnahme in den EMI Studios, Abbey Road, 1968

Credit Bild: © Pink Floyd Archive
Fazit:
"Their Mortal Remains" ist ein attraktiver Liebhaberband für Sammler.
Eine interessante Zeitreise die neben den musikhistorischen Exponaten auch durch die gelungene, bibliophile Aufmachung gefällt - die sich in ihrem Detailgrad  natürlich an die richtigen Hardcore-Floyd Fans richtet.

Poster für „The Massed Gadgets of Auximenies“ (später: Auximines) mit Pink Floyd, Royal Festival Hall, London, 14.4.1969. Entwurf: Storm Thorgerson/Aubrey Powell – Hipgnosis. V&A: S.295–1980 -
Credit Bild: © Pink Floyd Music Ltd / Image © Victoria and Albert Museum, London

Bibliographische Angaben zum Buch:

PINK FLOYD
Their Mortal Remains (Deutsche Ausgabe)
Herausgegeben von den Kuratorinnen des V&A Museum: Victoria Broackes und Anna Landreth Strong
320 Seiten, Hardcover mit 3D-Cover
ca. 300 Abbildungen
978-3841905666
€ 39,95 (D) / € 41,10 (A)
Erscheinungstermin: 6. Juli 2017

Freitag, 29. September 2017

The Rolling Stones - From The Vault: Sticky Fingers Live At The Fonda Theatre 2015

Credit Bild: © Kevin Mazur   Universal Music Eagle Rock Entertainment
Der jüngste Eintrag in der Stones-Konzert-Archivreihe "From The Vault" dokumentiert einen Gig, wie es ihn eigentlich gar nicht mehr gibt: kein Stadion bzw. Open Air-Spektakel, keine  Greatest Hits-Setlist, keine riesige Bühne und keine schier überwältigenden Menschenmassen -  sondern nur die Steine in einem geradezu intimen Rahmen mit einer ganz speziellen Songauswahl.
Was angesichts der Größenordnung der aktuellen #NoFilter-Tour beinahe unglaublich erscheint, hat sich jedoch tatsächlich - zumindest an einem Abend - am 20. Mai 2015 bei einem Überraschungsgig in L.A. zugetragen.
2015 im Rahmen der Zip Code Tour gastierten Jagger, Richards, Watts und Wood im Fonda Theatre  und spielten das 1971er Kultalbum " Sticky Fingers" in seiner Gesamtheit sowie ein paar rare Gustostückerl wie B.B. Kings " Rock Me Baby".

Promis wie Bruce Willis oder Jack Nicholson waren neben zahlreichen versammelten L.A.  Chicks im Publikum. Die Stadt der Engel als wohl hippster Ort für high profile Gigs.
Für die Stones selbst war dieser Abend im vollgepackten Fonda letztlich ein Gig unter absoluten Idealbedingungen - denn hier sind sie in Topform.
Das musikalische Feuerwerk, das on stage in der verhältnismäßig kleinen Venue am Hollywood Boulevard gezündet wird, topt selbst historisch weitaus signifikantere Ereignisse wie den  Havana Moon Gig.
Credit Bild: © Kevin Mazur   Universal Music Eagle Rock Entertainment
Die Band ist vollkommen entfesselt,  gedrosselte Tempi sind hier Fehlanzeige. Einfach on fire...wow.
Watts verfehlt eh nie einen Beat.D och gerade Käptn Keef überrascht den langjährigen Stones-Fan, der mitunter einiges gewohnt ist, mit ungewöhnlicher Präzision.
Auch Wood geht geradezu aus sich heraus und soliert treffsicher und extensiv.
Und Jagger...unglaublich...Beim 70s Konzertfilm "Ladies and Gentleman...The Rolling Stones" gab es die Werbeschlagzeile " Jagger Sings, Jagger Dances, Jagger Explodes".....und genau das macht er hier.Dass Sir Mick fitter als viele 20 Jährige ist, darf als bekannt vorausgesetzt weeden, beim Gig im Fonda Theatre setzt er noch einen drauf und tanzt wie elektrisiert."Moves like Jagger". Die ganze  Band spielt dermaßen tight und druckvoll, hier passt einfach alles
Selbst bei der Sekundärerfahrung via Blu ray ist die im Fonda freigesetzte  Energie merkbar.
Selbst oft gespieltes und gehörtes wie " Brown Sugar" kommt mit einer derartigen Frische rüber.
Es sind Konzerte wie dieses, die die Einzigartigkeit dieser Band belegen.
Wenn alles stimmt, werden sie zur größten Rockband des Planeten.
Der neueste "From The Vault" Beitrag zählt zweifelsohne zu den  besten Stones-Konzertaufnahmen  seit Jahren .
Credit Coverbild: ©  Universal Music Eagle Rock Entertainment
Einziger Wehrmutstropfen: Gitarrenlegende  Mick Taylor fehlte bei diesem Gig - wie auf der gesamten Zip Code Tour -  obwohl die Licks des ehemaligen Bluesbreaker auf den Originalaufnahmen legendär sind.
Dennoch - wer sich bei der aktuellen Tour über befremdliche Verspieler wunderte, der erlebt hier quasi eine ganz andere Band: Eine Blu ray, die man in Heavy Rotation spielen kann.

Der Teufel im Detail: 1967 Psychedelia auf Their Satanic Majesties Request

Credit Coverbild: © Universal Music

1967 - am Höhepunkt des Summer of Love veröffentlichten die Beatles ihr Meisterwerk "Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band".
Auf diesem Klangkaleidoskop vollzogen die ehemaligen Pilzköpfe die schon auf "Revolver" angedeutete Wandlung hin zum psychedelischen Experiment und trafen damit genau den Nerv des Zeitgeists.
Auch die damals zumindest medial in Konkurrenz zu den Liverpoolern stehende andere "Beat Band" - die Stones - entfernten sich im Studio von ihrem puristischen Chicago Blues und Rock und experimentierten mit neuen Sounds.  Das Ergebnis : "Their Satanic Majesties Request".
Doch während das Werk der Liverpooler zu einem der Schlüsselwerke der Sixties und in der Diskographie der Fab Four wurde, blieb " Their Satanic Majesties...." nur eine kuriose Fußnote in der Stones-Historie - ein Album,  das genau an der Schwelle zum sich auf dem Nachfolger "Beggars Banquet" etablierenden endgültigen Signature-Sound der Band steht.
Überschattet von den frühen Megahits und späteren Klassikern wie "Let It Bleed" oder "Sticky Fingers". Zum 50 Jahr-Jubiläum wird nun dieses oft geschmähte Werk der Stones in Sammleraufmachung (Vinyl + SACD-Set) reissued.

Credit Bild: © Universal Music

Die Steine waren zwar letztlich nie eine richtige Hippie-Band und gingen oft in Distanz zur damals vermeintlich omnipräsenten Flower Power  - dennoch ist dieser singulär gebliebene Versuch an Pop-Psychedelia weit besser als sein Ruf.  Was besonders den an Klassische Musik gemahnenden Melodien von "She's A Rainbow", der  trostlose Einsamkeit von "2000 Lightyears From Home "  oder dem später von Ace Frehley (KISS) gecoverten "2000 Ma n"liegt.
Auch wenn die Platte absolut nicht zu den großen Meilensteinen der Stones zählt, ein "revisited besuch" lohnt sich -nicht nur aus musikhistorischer Sicht - durchaus. 

Donnerstag, 28. September 2017

Back To The Roots: Paranormal von Alice Cooper

Credit Bild: © earMusic Edel
Alice Cooper legt mit seinem jüngsten Alben ganz locker eine der großen Überraschungen des bisherigen Musikjahres vor.Denn so frisch wie auf diesem, seinem 27. Studioalbum hat man  Schockrocker Vincent Furnier (wie Alice bürgerlich heißt) schon lange nicht mehr gehört - was zum einen an einer äußerst illustren Riege hochkarätiger Gaststars liegt und zum anderen an einer Rückbesinnung auf alte Stärken.

Back To The Roots: Zu diesem das Album durchziehende Leitmotiv passt auch, dass "Paranormal"vom legendären Bob Ezrin (zusammen mit Gitarrero Tommy Henriksen und Tommy Denander) produziert wurde. Der Kanadier Ezrin gilt unter Producern als ein Spezialist für Classic Rock Sounds und saß ja bei all den ganz großen Seventies- Werken Coopers hinterm Pult. Und so gemahntndie Platte auch über weite Strecken immer wieder an diese frühe Hochzeit.
Hier geht es nicht in die "High Gloss "- Metal Richtung von "Poison" ,
Cooper fröhnt dem räudig-dreckigen Sound , der ihn in den Siebzigern zum Bürgerschreck konservativer Zeitgenossen und zum vielzitierten ersten richtigen "Schockrocker" gemacht hat:  ein mitunter blues-getränkter Garagenrock aus einer Zeit als der Punk noch nicht existierte.
Wobei Coopers neuestes Opus keine reine Vintage Show ist, vielmehr halten sich die alten und neuen Elemente die Waage: eine Re-Imaginierung des Sounds von "Killers" oder "School's Out" mit teils modernen Elementen.

Das gelingt besonders gut auf Tracks wie dem stark nach 70s riechenden Dampframmen-Rock von "Fireball", dem  High Energy Shuffle von "Rats" und "Fallen In Love" mit ZZ Tops Billy F. Gibbons.
Ein Song der von einem texanisch beeinflussten Rock N' Roll-Riff dominiert wird und mit genialem Solo des Reverends sowie witzigem name dropping von Cooper-Songtiteln in den Lyrics überzeugt.
Apropos Stargäste: Neben Gibbons hört man auf "Paranormal" noch Roger Glover (Deep Purple) und Larry Mullen Jr. (U2) und der legendäere Session Mann Steve Hunter. Zudem gibt es auf 2 neuen Tracks wieder die alte Alice Cooper-Band Neal Smith, Michael Bruce, Dennis Dunaway (Glen Buxton verstarb schon 1997) zu hören - Eine schöne Reunion.

Insgesamt ist "Paranormal" das stärkste Cooper-Album seit vielen Jahren. Herrn Furnier gelingt das Kunststück seinem Backkatalog doch tatsächlich ein paar Songs hinzuzufügen, die sich nicht hinter den alten Klassikern verstecken brauchen. Die Doppel CD Variante des Albums erweitert "Paranormal" noch um einige Live Tracks einer 2015er Show aus Columbus mit Evergreens wie "No More Mr. Nice Guy" , "Under My Wheels" ,  "Only Women Bleed" oder Coopers ewiger Hymne über das Ende  der Schule :-)

30 Jahre "Hysteria": Der Leopard und das "Thriller" des Heavy Rock

Def Leppard Hysteria Albumcover 1987 ikonisches Album
Credit Coverbild: © Universal Music

Mit der Veröffentlichung von "Hysteria" im Schlüsseljahr 1987 legten die Briten Def Leppard ihr absolutes Meisterwerk vor. Ein Album auf dem man eine Band auf ihrem künstlerischen und kreativen Zenith hört. Persönliche Tragödien (der Autounfall der Drummer Rick Allen seinen Arm kostete) und 3 Jahre intensivster Arbeit im Studio gingen dem Release voran. Das Endergebnis war ein Album das nicht nur ein Millionenseller wurde (bis heute ist "Hysteria" die erfolgreichste Platte in der fast 40 jährigen Bandgeschichte) sondern auch eines der quintessentiellen Werke des 80s Heavy Rock.

Heavy Metal-Thriller

"Hysteria" sollte nichts weniger als das Heavy Metal-Thriller werden: wie bei Michael Jacksons Klassiker sollte jeder Song ein potentieller Hit sein - und dies gelang der Band und ihrem perfektionistischen Produzenten "Mutt" Lange auch in gewisser Weise.
Das Album ist exzessiv melodiös. So gut wie jeder Song ist catchy, verfügt über ungmein einprägsame Parts auch abseits der hymnischen, fürs Stadion konzipierten Refrains.
Alle Kanten die Leppard zu Zeiten der NWOBHM gehabt haben mögen, wurden so sorgfältig wie bei der Behandlung von Rohdiamanten abgeschliffen. Wenn anno '87 am einen Ende des Rock Spektrums der Gossensound von Guns N' Roses stand, so ist  Leppards Werk das genaue Gegenstück zum Sleaze aus L.A.High gloss- auf Hochglanz poliert - Ein Hard Rock Album das in seiner Testosteron geschwängerten Aura wie ein Pictorial des Penthouse Magazins wirkt. Hinzu kommt die schiere Dichte an Hard Rock Gassennhauern wie "Pour Some Sugar On Me" "Rocket", "Armageddon It" oder "Animal" neben obligatorischen Feuerzeugballaden wie "Love Bites". 

Samstag, 16. September 2017

Die Stradivari des Rock und Blues

Clapton, Page, Beck, Kossoff, Taylor, Gibbons, Moore, Slash und in jüngerer Vergangenheit Bonamassa ---- die Liste jener Heroen der elektrisch verstärkten Populärmusik, die mit einer Les Paul-Gitarre in Sunburst-Lackierung in Händen Geschichte schrieben ist lang und eindrucksvoll.
Der spezielle Sound des Instruments aus Mahagoni, Ahorn, Palisander und zwei Humbucker-Pickups ist in seiner dominanten Massivität und gleichzeitig filigraner Schönheit schlichtweg legendär.
Heute erzielen historische Exemplare der Les Paul aus der frühen Hochzeit des amerikanischen Gitarrenbaus unglaublich-unleistbare, ja astronomische Summen - 250.000 Dollar sind da keine Seltenheit, selbst wenn  der Zustand der Sechsaitigen zu Wünschen übrig lässt.
In jener Kategorie, der in der Welt der E-Musik die Stradivari angehört, findet man in der U-Musik die Les Paul.
Credit Coverbild: © Backbeat Books  Hal Leonard
Dabei war jenem Gitarrentypus -  eigentlich das  Signaturemodell für den amerikanischen Jazzer Lester "Paul" Polfus -  nach seiner Veröffentlichung zunächst gar kein so großer Erfolg beschieden. 1961 wurde die klassische "Lester" sogar aus dem Programm genommen. Es bedurfte der nächsten Generation von Musikern wie etwa Mr. Slowhand um während des britischen Bluesbooms die Les Paul wieder populär zu machen.
Man sieht, die Geschichte der Les Paul ist eine Geschichte voller Missverständnisse ;-) ....zumindest aber eine sehr wechselvolle.
Und zwei äußerst lesenswerte Bücher aus dem Hause Hal Leonard bzw. Backbeat und Centerstream widmen sich der Historie dieses Klassikers und nähern sich der mythenumrankten Signifikanz der Lester und insbesondere ihrer ursprünglich von 1958 -1960 gebauten Inkarnation in Sunburst - und das auf sehr unterschiedliche Weise.
Tony Bacons programmatisch "Sunburst" betiteltes Buch erzählt
"How The Gibson Les Paul Became A Legendary Guitar".
Auf gut 144 Seiten macht Bacon - seines Zeichen einer der bekanntesten Autoren von Instrumenten-zentrierten Fachbüchern - die Entstehungsgeschichte der Les Paul (kurz LP) nachvollziehbar. Der Leser erhält einen so fundierten wie detaillierten Kompaktüberblick über die unterschiedlichen Variationen der Sunburst Les Paul bis zur Gegenwart und zeitgenössischen Reissues. Zudem legt Bacon seinen Folkus auf die wichtigsten und prominentesten Sunburst-Player, die man in sehr sehenswerten historischen, teils ikonischen Fotos sieht.
Credit Coverbild: © Centerstream Backbeat Books Hal Leonard
Auch Vic DaPra ist eine absolute Koryphäe auf dem Gebiet der Les Paul...es gibt wenige Leute, die ein profunderes, geradezu wissenschaftliches Knowledge über die minutiösesten Details der altehrwürdigen Les Paul haben--selbst mit Hersteller Gibson arbeitet er zusammen.
Sein jüngstes Buch "Burst Believers III" ist eine bibliophile Huldigung an die als "Burst" bekannten Modelle aus den Jahren 1958-1960 - denen insbesondere aufgrund wegweisender Sixties und Seventies-Aufnahmen die mit ihnen eingespielt wurden - geradezu sagenumwobene Klangeigenschaften zugeschrieben werden.
Das Hauptthema Da Pras sind aber nicht nur die Bursts selbst, sondern auch die titelgebenden Believer- also die Jünger die Teil des
erlauchten und exklusiven Zirkels jener sind, die eine oder gar mehrere dieser Grals-Gitarren ihr Eigen nennen.
Der wertige Hardcover-Band ist purer "Guitar Porn". Die High Quality- Bilder reproduzieren die Details dieser geschichsträchtigen Instrumente perfekt.
Während sich Bacons Buch sowohl den Vintage-Schätzchen als auch den zeitgenössichen Interpretationen/Reinkarnationen der "Bursts" widmet regiert bei Da Pra "Old Wood".
Die in "BB III" abgebildeten Gitarren  gehören mitunter sehr prominenten Spielern wie Stevie D von Buckcherry oder auch Kirk Hammett (Metallica) und Brad Whitford (Aerosmith) - letztere verfassten auch je ein Vorwort, in denen sie ihrer Begeisterung Ausdruck verleihen.
Da Pras Buch richtet aich natürlich an die absoluten Hardcore-Freaks - dem nur oberflächlich interessierten Gitarrenfreund wird das alles wohl viel zu speziell sein---zumal hier auch nicht-prominente Privatsammler  gefeatured werden,während bei Bacon der Fokus allein auf den prominentesten Saitenvirtuosen liegt.
Wer jedoch ein richtiger Guitar-Geek ist, für den ist "BB III" ein Bildband, den man immer wieder durchblättern kann um sich an den an Gemälde des Impressionismus gemahnenden Farbverläufen der "faded burts" aus der Mitte des letzten Jahrhunderts zu erfreuen.
Für die heimische  Gitarren-Bibliothek sind jedenfalls beide Bücher lohnende Ergänzungen, da sie sich mitunter unterschiedlichen Teilaspekten dieses Kult-Instruments widmen und mit den hochwertigen Fotos und den liebevollen Details gute Chronien  eines Kult-Phänomens sind.

CHRISTO SIGNIERSTUNDE und GEWINNSPIEL zum Taschen Store-Opening in Köln


Nach den letzten Eröffnungen von Taschen Stores in London und Berlin ist nun die Heimat des Luxusverlags an der Reihe: Nächste Woche öffnet ein neuer Flasgshiptore in der Domstadt seine Pforten - ein Buch-Tempel par excellence, dessen Interieur von den italienischen Designern Stampanoni Bassi und Salvatore Licitra gestaltet wurde. 
Dieser mediterrane Style wird mit skandinavischer Moderne wie 50s Deckenleuchtern und Morgens Koch-Buchregalen kontrastiert - stylischer kann man nicht schmökern.

In der Woche des Openings hat sich als Stargast gleich einer der prominentesten Gegenwartskünstler angesagt:Christo - der einst den Reichstag verhüllte und zuletzt mit  den Floating Piers für Aufsehen sorgte - wird zwei seiner bei Bücher (Verhüllter Reichstag („Wrapped Reichstag“) und Floating Piers) signieren.
Christo und Benedikt Taschen
Credit Bild: © Taschen Verlag

Wann und Wo ?
Donnerstag, 21. September 2017
17-19 Uhr
TASCHEN Store Berlin
50667 Neumarkt 3
Berlin

Credit Bild: © Christo Photo: Wolfgang Volz Taschen Verlag

Credit Bild: © Christo Photo: Wolfgang Volz Taschen Verlag

WIN - WIN WIN

Credit Coverbild: © Christo Photo: Wolfgang Volz Taschen Verlag
Passend zum Store-Opening und der Signierstunde des legendären Verhüllungskünstlers könnt ihr die Chronik über das aufsehenerregende „Floating Piers“- Projekt gewinnen.
Denn in freundlicher Zusammenarbeit mit dem Taschen Verlag verlose ich ein Exemplar des „Floating Piers“-Bildbandes.
Das Buch zeigt detailliert die Entstehungsgeschichte des Mega-Projekts, das vom 18. Juni bis zum 13. Juli 2016 auf dem italienischen Iseosee bestand und einen Gang über den See ermöglichte. Anhand von Skizzen, Modellen, Dokumenten und Entwürfen wird der ausgeklügelte Aufbau des temporären Kunstwerks nachvollziehbar.

Ihr wollt diesen Band zeitgenössischer Kunst euer Eigen nennen?

1) Dann schreibt eine E-Mail mit der Betreffzeile „Christo Floating Piers Gewinnspiel“ und mit dem Hinweis, dass ihr von mir bzw. 6strings24frames kommt und an dem Gewinnspiel teilnehmen möchtet.

2) Schickt die Mail an  c.waiblinger@taschen.com

Der Gewinner oder die Gewinnerin wird dann kontaktiert.

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Viel Glück beim Gewinnspiel !

Einsendeschluss ist der 02. Oktober 2017
Keine Barablöse möglich.
Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Einige Fotoimpressionen vom Store und dem
Opening-Event 
Credit Bild: © Mark Seelen     Taschen Verlag
Benedikt und Marlene Taschen
Credit Bild: © Edgar Herbst     Taschen Verlag
Benedikt und Marlene Taschen
Credit Bild: © Thorsten Wulff     Taschen Verlag

Besucher warten vor TASCHEN´s Neumarkt Store auf Christo
Credit Bild: © Taschen Verlag
Credit Bild: © Mark Seelen     Taschen Verlag


Credit Bild: © Mark Seelen     Taschen Verlag
Credit Bild: © Mark Seelen     Taschen Verlag

Samstag, 26. August 2017

Der "King of Cool" als letzter Cowboy

Während die Steel Guitar ihr klagendes Lied spielt, geht es für die Männer beim Rodeo-Wettkampf  um alles.
Junior Bonner (Steve Mc Queen) ist einer von ihnen.
Der Haudegen hat seine besten Tage schon hinter sich. Er ist völlig pleite und driftet von einem Wettkampf zum anderen.
Er kommt ganz nach seinem Vater Ace,w ie dieser  hat Junior nie ein stetes Leben gekannt.
Obwohl die körperliche Anstrengung der er bei jedem Wettkampf ausgesetzt ist,  langsam aber unaufhaltsam ihren Tribut fordert, gibt es für ihn kein anderes Leben.

Sam Peckinpahs fast schon dokumentarisch anmutender 1972er Film begleitet Bonner auf seiner Reise  durch ein Amerika, das zwischen Tradition und Moderne geradezu zerrissen scheint.
Es ist ein unsagbar melancholischer Film, der eines von Peckinpahs liebsten Themen aufgreift:
den Abgesang auf den alten Westen und die Werte die mit ihm einhergehen.
Diese Thematik zieht sich wie ein roter Faden durch zahlreiche Werke des amerikanischen Filmemachers:
In  “Pat Garrett jagt Billy The Kid” wurde Kris Kristofferson, der sich nicht anpassen konnte, gnadenlos verfolgt und in “The Wild Bunch” geht der Haufen der alternden Revolverhelden lieber in den sicheren Tod als sich den neuen Zeiten unterzuordnen.
So erzählt auch „Junior Bonner“ als elegischer „Neo-Western“ ,vom dem Niedergang einer Ära.
Und Steve Mc Queens Figur des Junior steht ganz in der Tradition dieses „peckinpah´schen“ Helden.

Er ist noch einer vom „alten Schlage“, dem der eigene Stolz und Ideale wichtiger sind als das schnelle Geld.
In den Rodeo-Reitern sieht Peckinpah  die letzten Cowboys.
Doch auch von seinen Berufskollegen unterscheidet sich der einsame Held Junior.
Wo andere Bestechungsgeld zahlen, damit sie nicht auf dem gefürchteten Bullen Sunrise reiten müssen ist Bonner davon besessen das widerspenstigen Tier zu bezwingen und den Quasi-Rekord aufzustellen und 8 Sekunden lang nicht vom rasenden Stier abgeworfen zu werden.
Mit dieser Einstellung zähl er zu einer aussterbenden Spezies.
Sein von Joe Don Baker verkörperter Bruder Curly  hingegen  symbolisiert den Fortschritt. Der Geschäftsmann hat mit den Idealen für die sein Vater und Junior stehen nichts mehr am Cowboyhut.
Wo sein  Bruder die Rodeos als Übelebensgrundlage braucht, er an seiner ersten Million.
Er lässt das Grundstück seines eigenen Vaters, das er für einen Spottpreis erworben hat, einfach abreißen.
Die Zerstörung des alten Hauses wird in Zeitlupe zelebriert. Die Tradition wird brutal von Maschinen zerstört. Bonner kann dem nur fassungslos gegenüber stehen.
Immerhin findet er bei einem sexy Cowgirl ( Barabara Leigh)Zerstreuung.

Peckinpah nimmt sich wie so oft bei seinen Filmen, alle Zeit der Welt.
Ein Großteil der Handlung wurde bei echten Rodeos gefilmt. Nicht umsonst mutet der Film stellenweise wie eine Doku über den Sport an.
Das führt leider zu einigen Längen. Dafür ist der Film formal unglaublich stark.
Die Zeitlupeneinstellungen, für die Peckinpah so berühmt ist, werden hier wieder ausgiebig zelebriert.Der Sabber spritzt aus den Mäulern der Stiere. Der Dreck wird effektvoll aufgewirbelt.Und Teufelskerl McQueen machte viele der Stunts selber.

Diesen Streifen gibt es in einer deutschsprachigen DVD-Version von  Eurovideo.Allein schon für McQueen-Fan eine klare Empfehlung Denn er hat den typischen „cowboy swagger“ einfach 1A drauf.

Freitag, 25. August 2017

Antonioni´s BLOW-UP: Ein bibliophiler Blick hinter die Kulissen eines Sixties-Kultfilms

Credit Coverbild: © Steidl
Es gibt Kultfilme und es gibt Filme, die über begeisterte Bewunderung in reklusiven Zirkeln eingeschworener Filmbuffs weit hinausgehen und zu übergreifenden popkulturellen Phänomenen werden, die es vermögen einen Einfluss auszuüben, welcher auch Jahrzehnte später noch spürbar ist: „Blow Up“ von Michelangelo Antonioni aus dem Jahre 1966 ist fraglos ein solch seltener Fall.
Der ganze Streifen und die Suche der Hauptfigur (David Hemmings) nach der Wahrheit bzw.  einer Leiche, die er meint auf einem von ihm geschossenen Foto entdeckt zu haben, ist eine Metapher auf die Sechziger-Jahre selbst und gleichzeitig eine Zeitkapsel  für den Zuseher.
In ihr wird er in ein pulsierendes London am Ende der Mod-Ära und an der Schwelle zum Hippie-Phänomen transportiert. Der Streifen ist ein Schlüsselwerk des Sixties-Kinos und wird bis heute
immer wieder zitiert – ob in der Mode mit Hemmings´ zeitlos schickem Outfit aus Hemd, weißen Jeans und Chelsea Boots oder in einer von Martin Scorsese inszenierten Chanel Parfum Werbung.

Vergegenwärtigt man sich all dies, ist es umso erstaunlicher, wie wenig (sprich: so  gut wie keine) Bücher es über diesen besonderen Film gibt. Eine Ausnahme ist der im Steidl Verlag erschienene Band „Antonioni´s Blow Up“ der Autoren Philippe Garner und  David Alan Mellor.
Das über 130 Seiten starke Hardcover-Buch (komplett in Englisch) ist hauptsächlich ein geradezu verschwenderisch gestalteter Bildband, der anhand von Szenenbildern und „on-set stills“ Teile des Films nacherzählt. Unterbrochen wird diese Bildstrecke lediglich durch einzelne Originalzitate des Regisseurs und Dialogfragmente aus dem Film. Somit richtet sich Garners und Mellors Werk  eindeutig an Leute, die „Blow Up“ schon wirklich gut kennen.

Die ausladende Fotostecke zeigt aber auch erneut überdeutlich das, was Antonioni-Fans seit jeher wissen: Der Italiener war einer der visuellsten Regisseure, seine Einstellungen sind perfekte Standfotos einem durchkomponierten Gemälde gleich.
Und „Blow Up“ ist natürlich reich an ikonischen Bildern: allein die hingegossene Verushka, wie sie von Hemmings in dessen Atelier abgelichtet wird……
 Dem Thema Fashion und Models sowie Medien widmet sich auch eines der beiden Essays am Ende des Buchs (das zweite setzt sich mit zeitgenössischer Kunst auseinander).
Beide Texte sind extrem interessant und äußerst lesenswert, heben sie doch  elementare Aspekte aus dem kulturellen Kontext in dem Film entstanden hervor.
Wer vom Film fasziniert ist, wird viel Freude mit dem ansprechend gestalteten „Antonioni´s Blow Up“ haben: ein echter Liebhaber-Band. 

Donnerstag, 24. August 2017

Ein Reigen zerstörter Träume: Andrzej Zulawskis „Nachtblende“

Zeit ihres Lebens versuchte sich Romy Schneider von dem ihr so verhassten Klischeebild der Sissi, der Rolle die sie zum Weltstar machte, zu emanzipieren.
Mit keinem anderen Film als mit „Nachtblende“ gelang ihr das so eindrucksvoll.
Regisseur Andrzej Zulawski inszenierte nach der Flucht aus seinem Heimatland Polen in Frankreich einen trostlosen Reigen der gescheiterten Existenzen, mit der Creme de la Creme der damaligen europäischen Film-Prominenz: Klaus Kinski(„Tote pflastern seinen Weg“, „Fitzcarraldo“), Fabio Testi(„Der Garten der Finzi Contini“, “Revolver“), Romy Schneider(„Das Mädchen und der Kommissar“ „Die Spaziergängerin von Sans Souci“), Claude Dauphin(„Barbarella“, „Der Mieter“)…….

Romy Schneider ist Nadine Chevalier. Eine glücklose Schauspielerin, die trotz offensichtlicher Begabung ihrerseits keine seriösen Rollenangebote erhält.
Nur für billige Pornoproduktionen wird sie regelmäßig gebucht- Eine Arbeit die sie grenzenlos anwidert, der sie jedoch nicht entsagen kann – ist dies doch der einzige Job mit dem sie sich und ihrem skurril-verschrobenen Mann Jaques die Existenz sichern kann. Als sie beim Dreh eines der unzähligen Sexfilme zu ihrem Partner „Ich liebe dich“ sagen soll, bricht sie zusammen. Ihr Kollaps wird vom Fotografen Servais Mont (Fabio Testi) eingefangen. Dieser wird sofort von der verlebten Schönheit Nadines in den Bann gezogen und versucht die Schauspielerin nun besser kennen zu lernen. Da sie Servais´ Annäherungen jedoch nicht erwidert, versucht er sie auf andere Weise für sich zu gewinnen. Er leiht sich Geld und finanziert damit eine ambitionierte Inszenierung von „Richard III:“, in der Nadine eine Hauptrolle erhält.Als das Stück floppt werden die Spannungen zwischen Servais und seinem Geldgeber sowie seine Beziehung zu Nadine immer angespannter.
Alles steuert auf eine Katastrophe zu……

„Nachtblende“ ist ein deprimierender Film, der frei von Klischees oder dem üblichen Kitsch von Film-Dramen eine komplizierte Liebesgeschichte erzählt.
Der Originaltitel lautet übersetzt „Was zählt ist Liebe“. Und tatsächlich ist die Liebe bzw. die Hoffnung darauf , das Einzige woran sich die Hauptfiguren klammern (können).Denn keiner von ihnen hat das, was man ein erfülltes Leben nennt.
Servais ist abhängig vom schmierigen Mafioso Mazelli (Claude Dauphin),für den er bei Privat-Orgien und Pornodrehs den Fotografen spielen muss.
Sein Vater deliriert zwischen Alkohol und Drogen. Einziger Lichtblick in Servais´ heruntergekommener Welt (durchaus wörtlich zu nehmen, denn alle Sets von „Nachtblende“ wirken total abgefuckt) ist Nadine.
Halt kann auch sie ihm nicht geben, denn sie ist emotional so bankrott wie ihr depressiver Ehemann, der sie einst vor der Prostitution rettete und dem sie sich verpflichtet fühlt.

Ihre Kollegen am Theater sind ein Haufen von Exzentrikern: Allen voran der homosexuelle Regisseur Messala, der sich an jedem neuen Probentag verkleidet und gerne als Drag-Queen herumläuft und Schauspieler Hans Zimmer(Klaus Kinski).
Die Rolle des Hans ist eine der einprägsamsten des ganzen Films und hätte von niemandem besser verkörpert werden können als von Idealbesetzung Kinski.
Der exzentrische Star spielt einen maßlosen Schauspieler, der sich hemmungslos in Ausschweifungen ergeht. Dieser rücksichtslose Typ ist so etwas wie die krasse Antithese zu den anderen Charakteren des Films, die alle auf ihre ganz eigene Art verzweifelt nach echter Liebe suchen.

Man sieht also, leichte Kost ist der Film wahrlich nicht, wer also einen „netten“ Unterhaltungsfilm erwartet, sollte einen weiten Bogen um den Film machen.
Regisseur Zulawski verlangt seinen Darstellern alles ab und scheut nicht davor zurück die tiefsten seelischen Abgründe schonungslos auf Film zu bannen.
„Nachtblende“ ist ein typischer Schauspielerfilm, der den Zuseher dank der Performances des des exzellenten Casts und der lebensnahen, schmerzhaft emotionalen Dialoge

in seinen Bann zieht - und zu den intensivsten Erfahrungen im französischen Film der Siebziger zählt.
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